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Forscher beraten Politiker

von Stefan Rahmstorf, 05. Dezember 2008, 15:30

Diese Woche hat die Bundesregierung ihre wissenschaftlichen Berater in Sachen globale Umweltveränderungen für die nächsten vier Jahre benannt. Per Kabinettsbeschluss wurde der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU) neu berufen - die Liste der neun Forscher ist unten angehängt. Da ich selbst die letzten vier Jahre in diesem Gremium gedient habe (und auch erneut berufen wurde), will ich aus diesem Anlass einmal erzählen, wie das so vor sich geht: wissenschaftliche Politikberatung.

Norwegen 2005: Der WBGU besichtigt die Sleipner-Plattform in der Nordsee, wo CO2 unter dem Meeresgrund eingespeichert wird. (Foto: Rahmstorf)

Als erstes musste ich feststellen, dass der WBGU ein echtes Arbeitspferd und keine lockere Talkrunde ist. Die neun Beiräte treffen sich jeden Monat zu zwei Tagen Sitzung. Dazu gibt es alle zwei Jahre noch einwöchige Klausurtagungen. Dabei geht es darum, zu bestimmten Themen (die der WBGU sich selbst wählt) umfangreiche Gutachten auf Basis der wissenschaftlichen Fachliteratur zu erarbeiten, und auf diese Weise den wissenschaftlichen Sachstand so verständlich darzustellen, dass auch Laien damit etwas anfangen können. In den vergangenen vier Jahren haben wir die Gutachten Die Zukunft der Meere - zu warm, zu hoch zu sauer, Sicherheitsrisiko Klimawandel und Zukunftsfähige Bioenergie und nachhaltige Landnutzung veröffentlicht. Dazu kommen noch knappe Politikpapiere, in denen der Beirat zu aktuellen Ereignissen oder Politikprozessen gezielt Stellung bezieht.

Jeder Rat, den wir der Bundesregierung geben ist übrigens transparent und öffentlich, nichts passiert in Hinterzimmern - jeder kann unsere Gutachten und Politikpapiere von der WBGU-Webseite herunterladen. Alle Gutachten erscheinen auf Deutsch und Englisch - und erstaunlicherweise scheint der WBGU im Ausland teilweise bekannter zu sein als hierzulande. Zumindest treffe ich im Ausland immer wieder auf "Fans" von WBGU-Gutachten, die mich auf unsere Arbeit ansprechen und Deutschland darum beneiden, ein solches Gremium zu haben.

Die WBGU-Arbeit ähnelt dem IPCC, der ja auch den wissenschaftlichen Sachstand darstellt. Es gibt aber zwei große Unterschiede. Erstens geht der Auftrag des WBGU einen Schritt weiter als der des IPCC. Der IPCC soll nur eine Darstellung des Sachstandes leisten und darf keine Handlungsempfehlungen geben - keinesfalls "policy prescriptive" zu sein, also keine konkrete Politik zu empfehlen, ist das Mantra eines jeden IPCC-Autors. Dagegen erwartet die Bundesregierung vom WBGU konkrete Handlungsempfehlungen. Ob diese auf fruchtbaren Boden fallen, ist natürlich eine andere Frage. Im Jahr 1995 hat der WBGU empfohlen, die globale Erwärmung nicht über zwei Grad (über das vorindustrielle Temperaturniveau) hinausgehen zu lassen. Dies ist inzwischen offizielle Politik der Bundesregierung, der EU und vieler anderer Staaten. Andererseits ist der aktuelle Vorschlag, die Beimischungsquote von Biotreibstoffen abzuschaffen, beim Umweltminister nicht auf Begeisterung gestoßen. Doch der WBGU ist ein unabhängiger Beirat, der seine Empfehlungen auf Basis der Wissenschaft ohne Rücksicht auf die Vorlieben seines Auftraggebers (der Bundesregierung) abgibt - und manchmal dauert es einfach auch eine Zeit, bis guter Rat sich durchsetzt.

Der zweite Unterschied zum IPCC ist, dass hier neun Forscher sehr unterschiedlicher Disziplinen zusammen arbeiten. Beim IPCC werden die vielen beteiligten Experten dagegen je nach ihrer Fachrichtung bestimmten Themen zugeteilt - beim letzten IPCC-Bericht war ich Koautor des Kapitels über Paläoklima und alle Autoren dieses Kapitels waren Paläoklimatologen. Beides ist interessant - aber die Diskussionen im WBGU sind für mich deshalb noch viel spannender und lehrreicher, weil eben z.B. ein Ökonom, ein Politologe und ein Ingenieur mit am Tisch sitzen. Wann hat man schon mal Gelegenheit, mit solchen Experten in der Tiefe über die Probleme des globalen Wandels zu diskutieren?

Diese interdisziplinäre Verknüpfung von Wissen ist es, was wir als größten "Mehrwert" des WBGU in der öffentlichen Debatte sehen. So konnten wir im aktuellen Bioenergie-Gutachten nicht nur die weltweiten Potenziale abschätzen, was den Anbau von Energiepflanzen angeht. Wir konnten gleichzeitig die ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen in den betreffenden Ländern diskutieren, die darüber bestimmen, ob diese Potenziale überhaupt genutzt werden können und wie sich das auf die Lebensbedingungen der Menschen vor Ort auswirkt. Und wir konnten die technologischen Pfade untersuchen, über die diese Bioenergie am besten genutzt werden sollte, um die größte (oder überhaupt eine) Klimaschutzwirkung zu entfalten.

Die sehr zeitaufwändige Arbeit an den Gutachten erfordert neben ausgiebigen Diskussionen auch viel Recherche der Fachliteratur und zahlreiche Hintergrundpapiere und Textentwürfe. Das kann nur bewältigt werden, weil der WBGU eine sehr kompetente Geschäftsstelle mit sechs wissenschaftlichen Mitarbeitern in Berlin hat. Zudem wird den Beiräten jeweils ein Referent (halbtags) zur Seite gestellt.

 

Indien 2008: Kleines Holzkraftwerk zur dörflichen Stromversorgung mit Bioenergie (Foto: Rahmstorf)

Damit das Wissen nicht nur aus der Fachliteratur stammt und Bezug zur Praxis hat, macht der WBGU gelegentlich auch Studienreisen. In der vergangenen Periode gingen diese nach Norwegen und Indien. Dabei gibt es immer volles Programm und ein Termin jagt den nächsten, Projekte werden besichtigt, mit Politikern und Wissenschaftlern gesprochen usw. Eigentlich nichts für Langschläfer wie mich - aber für die Strapazen entschädigen die einmaligen Erfahrungen, die man in dieser Dichte wohl bei keiner anderen Art Reise machen kann. So macht diese Arbeit insgesamt sehr viel Spaß, und ich freue mich auf die nächsten vier Jahre.

Die Beiräte für die kommenden vier Jahre:

Prof. Dr. Claus Leggewie, Direktor des Kulturwissenschaftlichen
Instituts Essen, Forschungskolleg der Universitätsallianz Metropole
Ruhr

Prof. Dr. Reinhold Leinfelder, Generaldirektor des Museum für
Naturkunde an der Humboldt-Universität, Berlin

Prof. Dr. Dirk Messner, Direktor des Deutschen Instituts für
Entwicklungspolitik gGmbH, Bonn und Professor für
Politikwissenschaften, Universität Duisburg-Essen

Prof. Dr. Nebojsa Nakicenovic, Professor für Energiewirtschaft,
Universität Wien und International Institute for Applied Systems
Analysis, Laxenburg

Prof. Dr. Stefan Rahmstorf, Professor für Physik der Ozeane,
Universität Potsdam, und Leiter der Abteilung Erdsystemanalyse,
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

Prof. Dr. Hans Joachim Schellnhuber CBE, Direktor des
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Gastprofessor an der
Universität Oxford

Prof. Dr. Sabine Schlacke, Professorin für Öffentliches Recht mit
dem Schwerpunkt deutsches, europäisches und internationales
Umweltrecht, Verwaltungsrecht, Universität Bremen

Prof. Dr. Jürgen Schmid, Vorstand und wissenschaftlicher Leiter des
Institut für Solare Energieversorgungstechnik e.V. und Professor an
der Gesamthochschule Kassel

Prof. Dr. Renate Schubert, Professorin für Nationalökonomie und
Direktorin des Instituts für Umweltentscheidungen, Eidgenössische
Technische Hochschule, Zürich



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Kommentare

  1. Krishna Gans Waldnutzung
    05.12.2008 | 16:31

    @Herr Rahmstorf
    #So konnten wir im aktuellen Bioenergie-Gutachten nicht nur die weltweiten Potenziale abschätzen, was den Anbau von Energiepflanzen angeht#

    Dann sollten Sie und Ihre Kollegen bitte darauf achten, das hier kein Unfug im Kleinen wie im Großen stattfindet.

    Wir brauchen unseren Wald nicht nur zur Energiegewinnung !

    #Ein Dilemma drohe: "Wollen wir wirklich, dass der Waldschutz für den Klimaschutz geopfert wird?" #
    http://www.spiegel.de/...l/0,1518,593502-2,00.html

    #Raubbau fürs Klima#
    http://www.spiegel.de/...gel/0,1518,593502,00.html

    Was ich in dem Gremium vermisse, ist ein/e Ökolog(e/in).
    Der wenigstens ein paar Zusammenhänge in der Natur erkennt und ggfs. auch mal auf die Bremse treten kann.
    Was ein überqualifizierter "Solarbetarter" da zu suchen hat erschließt sich mir nicht so ganz.

  2. Michael Krüger Wie wird man eigentlich berufen?
    05.12.2008 | 17:48

    Warum werden gleich zwei Mitarbeiter des PIK erneut berufen?

    [Antwort: Gute Arbeit? Stefan Rahmstorf]

  3. Michael Blume Klasse Bericht!
    05.12.2008 | 18:10

    Der wieder einmal beweist, warum es gut ist, wenn gerade auch etablierte Wissenschaftler (auch) bloggen und damit die oft mystifizierten Diskussionen und Tätigkeiten auch an der Schnittstelle zur Politik (die uns ja alle betrifft) transparenter machen. So muss das sein! :-)

  4. V. Brunkhorst @Gans
    05.12.2008 | 19:52

    Ich habe mich hier noch nie zu Wort gemeldet, nun muss ich es aber einmal. Lieber Herr Gans, immer sind Sie bei den ersten, die hier kommentieren. Immer scheinen Sie nur nach etwas zum Meckern zu suchen. Und fast immer ist es einfach Blödsinn, was Sie sagen. Warum nicht erst das Gehirn einschalten und dann einen Kommentar abfeuern?
    Werfen Sie doch einmal einen Blick auf das Bioenergiegutachten - offenbar haben Sie keine Ahnung, was da drin steht. Da war auch die bekannte Ökologin Prof. Nina Buchmann von der ETH Zürich eine der Autoren. Und im neuen Beirat sehe ich in der Liste Prof. Leinfelder als Ökologen, aber keinen Solarberater.
    Was also sollen solche dummen Kommentare?

  5. Katrin Dulitz Dies und das
    05.12.2008 | 19:59

    So erfahren also die Potsdamer Studenten, wo sich ihr Professor während der letzten beiden Vorlesungen rumgetrieben hat. ;-) Vielleicht ist das ja mit ein paar Fotos wieder gut zu machen...

    Vor den Berichten des WGBU kann ich nur meinen Hut ziehen. Im Gegensatz zum IPCC-Bericht kann ich mit gutem Gewissen behaupten, dass ich den Bericht zur Lage der Meere wirklich gelesen habe. Vielleicht liegt es auch an der (deutschen) Sprache, aber ich finde den WGBU-Bericht logischer, verständlicher und spannender (jawohl, spannend!) geschrieben.

    Etwas liegt mir noch am Herzen: Ich finde es schade, dass dieses Forum so sehr politisch ist. Ich würde mir mehr Diskussion über die wissenschaftlichen Hintergründe wünschen.

  6. Michael Krüger @Prof. Rahmstorf
    05.12.2008 | 23:42

    *[Antwort: Gute Arbeit? Stefan Rahmstorf]*

    *Per Kabinettsbeschluss wurde der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU) neu berufen.*

    Wer schlägt wen vor? Wie läuft das ab?

    [Antwort: Da habe ich keinen Einblick, das ist Sache der Ministerien. Stefan Rahmstorf]

  7. Eddy Holzkraftwerk und Asche
    06.12.2008 | 00:07

    Hallo,

    Seit abertausenden Jahren heizt der Mensch, absolut ineffizient, mit Holz, bis dieser Energiegewinnung plötzlich politisch korrekt und völlig zu Unrecht, der Umweltengel verpasst wird.

    Dazu gibt es auch wissenschaftliche Erkenntnisse:

    http://www.3sat.de/nano/astuecke/88617/index.html

    "Aufgrund der Untersuchungen vermuten die PSI-Forscher, dass der Beitrag der Holzfeuerungen - insbesondere von Kleinfeuerungen und Cheminées - zu den hohen Feinstaubemissionen in der Schweiz und Europa teilweise klar unterschätzt wird."

    http://www.wdr.de/...load/ARD-RatgeberBW081123.pdf

    "Der Grenzwert für das besonders gefährliche Schwermetall Cadmium wurde also nur von Holzasche aus Köln-Rath und vom Brennholz von Heizprofi, gekauft bei Praktiker, eingehalten. Asche aus Hürtgenwald war zweimal und Rindenasche aus Altenahr sogar fast hundertmal so hoch belastet, wie der Grenzwert der Düngemittelverordnung erlaubt."

    Das ist das, was mich an dem grünen Fanatismus so sehr stört. Erst einmal blind in die Landschaft schiessen, um später zu schauen welche Treffer man gelandet hat. Hauptsache laut, schrill und ein schlechtes Gewissen produzierend.

    Ich sage es jetzt auch schon zum xten Mal, vor allem für die Herren Rahmstorf und Neu. Das geht imho früher oder später ganz furchtbar nach hinten los.

    Gerade das übermässige Hervorheben des Klimawandels als Hauptproblem der Menschheit, ist m.E. kontraproduktiv.

    Regelrecht kriminell ist m.E. aber die extreme Verschwendung von Ideen und Ressourcen für Technologien die geradewegs in eine Sackgasse führen.

    Lomborg lässt grüssen: "making clear that he was a pro-environmentalist and a Greenpeace supporter"

    Liebe Grüsse

    Eddy

  8. Krishna Gans Ökologe ?
    06.12.2008 | 11:24

    @V. Brunkhorst
    Prof. Leinfelder ist Geologe und Paläontologe.
    http://www.hu-berlin.de/...=-1&R=-1&A=2453
    Nicht das ich das gering schätze, im Gegenteil.
    Etwas flapsig, zugegeben bezeichne ich als übrerqualifizierten Solarberater Prof. Dr. Jürgen Schmidt.
    Von einem Ökologen kann ich ,wie es oben im Artikel genannt ist und wie es die Regierung bearten will, nichts erkennen.

    Ich rede offensichtlich nicht von einem Gutachten, sondern von dem benannten Gremium.
    Auf ihre weiteren ad hominem Äußerungen gehe ich nicht weiter ein, die sprechen selbst über den Verfasser.

  9. V. Brunkhorst @Gans
    06.12.2008 | 12:37

    Lieber Herr Gans, Herr Leinfelder hat eine Reihe von Fachpublikationen zur Ökologie, wo das Wort ecology schon im Titel steht. Ich gehe also davon aus, dass er ökologischen Sachverstand hat.
    Und dass Sie einen international bekannten Spitzenmann der Energieforschung einen "überqualifizierten Solarberater" nennen ist einfach dumm und peinlich. Wer nichts Sachdienliches zu sagen hat, sollte lieber schweigen, statt penetrant die Kommentarspalten von Weblogs mit seinen Ergüssen zuzutexten.

  10. Krishna Gans Ökologe ? / Gutachten
    06.12.2008 | 16:58

    @v. Brunkhorst
    Was das Gutachten betrifft habe ich (m)einer Hoffnung Ausdruck verliehen, denn was da in den beiden Spiegel Artikeln steht, ist wirklich erschreckend und widerum typisch für diesen ganzen Ökoaktionismus ohne Sinn und Verstand.
    Daher mein Hoffnung und Bitte, diesen Mißbrauch zu unterbinden.
    Ich denke nicht, daß das verkehrt ist.
    Und das bei dem Gutachten eine Ökologin dabei war ist auch das mindeste wa man erwarten kann.
    Also bitte vorm Lospoltern, bitte, darüber nachdenken, was könnte gemeint sein.
    Danke.

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