Stefan Rahmstorf | 10. August 2010, 13:46
Ein kurzer Signalton in meinem implantierten Mikrohörgerät kündigt einen Anruf an - es ist mein Neffe aus Berlin, schon wird sein Bild in meine Brillengläser eingeblendet. Er hat erst mal einen Hustenanfall, entschuldigt sich dann - ich wisse ja sicher, dass Berlin schon seit Tagen wieder unter der Smogwolke der im Umland wütenden Waldbrände liege. Ich hatte in der Tat eine kleine Zeitungsnotiz darüber gelesen - Schlagzeilen macht so etwas allerdings nur noch, wenn mal wieder die Villen in Grunewald vom Feuer bedroht sind.
Das Zitat ist aus einem fiktiven Blick ins Jahr 2050 - geschrieben habe ich das 2002, in dem Essay Bahnfahrt nach Dresden. Hätte ich damals ein fiktives Szenario für den Sommer 2010 aufgemacht, in dem um Moskau bei Rekordhitze die Brände außer Kontrolle wüten und Atomanlagen gefährden, die russische Regierung Weizenexporte verbietet und damit weltweit die Getreidepreise nach oben treibt... da hätte man mich mit Sicherheit eines unverantwortlichen Alarmismus geziehen.
Der damalige Artikel hat übrigens eine etwas kuriose Geschichte. Ein Feuilleton-Redakteur der Süddeutschen Zeitung hatte bei mir nach der Elbeflut angerufen und mich gebeten, mal einen etwas anderen, nicht wissenschaftlichen sondern "feuilletonistischen", visionären, persönlichen Beitrag zu schreiben. Als der Text eine Woche später fertig war, war dieser Redakteur in den Urlaub entschwunden, und seinem Vertreter gefiel mein Artikel nicht. Ich solle lieber bei meinen Leisten bleiben und wissenschaftlich schreiben, sagte er mir. Als sein Kollege wieder aus dem Urlaub zurück war, gefiel dem zwar mein Artikel, aber da war er nicht mehr aktuell. So kam es, dass die SZ diesen Artikel zwar bestellt (und bezahlt), aber nie gedruckt hat. Erst drei Jahre später erschien er in dem Buch Im Klimawandel angekommen. Was nun?, für das ich um einen Beitrag gebeten worden war. Hoffentlich werden die anderen dort von mir geschilderten fiktiven Szenarien (die alle eine wissenschaftliche Basis haben) nicht so bald von der Realität eingeholt.
Noch ein Link zum aktuellen Hochwasser in Sachsen: zum Zusammenhang solcher Hochwasser mit der globalen Erwärmung ist mein Beitrag im Brockhaus Jahrbuch 2002 nach wie vor aktuell (bis auf die abschließende Diskussion zu den nötigen Emissionsreduktionen, die sich heute leider aus mehreren Gründen deutlich pessimistischer darstellt).
Quellen
Rahmstorf, S., 2003: Flutkatastrophe - befinden wir uns im Klimawandel? In: Brockhaus Jahrbuch 2002, Brockhaus Verlag, pp. 140-143.
Rahmstorf, S. Bahnfahrt nach Dresden, in: Im Klimawandel angekommen. Was nun? (ed. D. Lehmann), pp. 15-18 (Projekte-Verlag, Halle, 2005).
p.s. Die urlaubsbedingt etwas eingeschränkte Moderation der Leserkommentare bitten wir zu entschuldigen.
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