Survival of the newest? Sind wissenschaftliche Mailinglists vom Aussterben bedroht?
Seit Montag ist sie online – „Sciencefeed”, eine neue Microblogging-Plattform, die speziell für Wissenschaftler gedacht ist und neue Wege der digitalen Wissenschaftskommunikation ermöglichen soll. „Share and discuss your opinions about research, scientific conferences, and scienceheadlines” heißt es auf der Sciencefeed-Website – das klingt im ersten Moment nicht sonderlich neu. Im Gegenteil – ganz ähnliche Formulierungen finden wir beispielsweise auch in den Beschreibungen wissenschaftlicher Mailinglists, die teilweise schon seit Anfang der 90er Jahre aktiv sind. Zugegeben – die Rahmenbedingungen sind etwas anders, aber beim Nutzungsprofil scheint es Überschneidungen zugeben. Eine gute Gelegenheit, um zu fragen: Was geschieht denn eigentlich wenn zwei oder mehrere Formate Ähnliches zu leisten versuchen? Welche Auswirkungen haben solche Konkurrenzfälle auf die „älteren” Formaten, die bisher für diese Zwecke genutzt wurden? Werden sie einfach von den neueren und innovativeren Formate abgelöst und sterben aus?
Für die Formate, die wie z.B.wissenschaftliche Mailinglists noch aus der „Prä-Web2.0-Zeit” stammen, scheint die Antwort leicht zu sein. Schon seit langem werden sie von Einigen zur aussterbenden Spezies gezählt. Bereits im September 2007 hat beispielsweise der Geschichts-Professor Mills Kelly in einem Blog-Beitrag mit dem Titel „The end of H-Net?” das baldige Aussterben von Mailinglists proklamiert. Nach einem Blick auf die Zahlen der Mails, die über H-Net (einem Netzwerk zur Fachkommunikation in den Geistes- und Sozialwissenschaften) verschickt wurden, schreibt er:
„But the objective measure of traffic – at least in this small snapshot – seems to indicate that H-Net has ridden the email horse a little too long. Given the rapid growth in history blogs as a way for those in our discipline to communicate with one another, I suspect that more an more scholars and teachers are turning away from email and to the newer forms of scholarly communication.“
Kelly geht davon aus, dass die Nutzung von Mailinglists stark zurückgeht, da die Wissenschaftler zur internen Kommunikation zunehmend auf neuere Web2.0-Formate umsteigen. Diese Annahme scheint auf der Hypothese zu beruhen, dass wenn zwei oder mehrere Formate miteinander konkurrieren, sich das neuere bzw. innovativere Format durchsetzt. In gewisser Weise liegt er mit seiner Einschätzung sicherlich richtig. Beispiele, bei denen wir einen Nutzungsrückgang beobachten können, der möglicherweise auf das Hinzutreten eines neuen Formats zurückzuführen ist, gibt es zweifellos. Trotzdem – ganz so einfach wie in Kellys Hypothese scheint es bei genauerer Betrachtung doch nicht zu sein. Denn es gibt durchaus auch Beispiele, in denen die Malinglists alles andere als auszusterben scheinen. Stattdessen können wir dort andere interessante Entwicklungen beobachten. Ein schönes Beispiel dafür ist die Entwicklung der Linguist List-Nutzung:
Die Linguist List – die wohl bekannteste und erfolgreichste linguistische Mailinglist – ist im Dezember 1990 gegründet worden. Auch wenn der Untertitel, den die Liste seit der Gründung trägt – „The LINGUIST discussion list” –, lediglich auf einen Teilbereich des Nutzungsspektrums hinweist, hatten die Listengründer doch schon von Anfang an eine Doppelnutzung im Visier. So schreibt einer der Listen-Gründer als Reaktion auf die Anfrage einiger frühen Listenmitglieder, wofür die Liste denn eigentlich gut sein solle, am 20. Dezember 1990 in einem Posting: „This list is the appropriate place for job and conference announcements as well as for ongoing discussions about the discipline.” Gerade in den Anfangsjahren war diese Doppelfunktion der Liste auch tatsächlich stark ausgeprägt und das Verhältnis von Diskussions- und Servicebeiträgen einigermaßen ausgewogen. Im Jahr 1991 sind beispielsweise neben 1861 Diskussionsbeiträge auch 1170 Servicebeiträge über die Linguist List verschickt worden. Ein paar Jahre später sieht das Bild allerdings schon ganz anders aus: Die Anzahl der Diskussionsbeiträge ist von Jahr zu Jahr gesunken – 2008 sind es sogar nur noch 21! (Würde man die Entwicklung der Diskussionsbeiträge isoliert betrachten, wäre man zweifellos dazu geneigt, Kellys Hypothese zu bestätigen!) Die Gesamtzahl der Beiträge ist aber dagegen konstant gestiegen.
Anstelle von Diskussionsbeiträgen werden jetzt fast nur Beiträge mit Service-Charakter über die Liste verschickt, also Stellenausschreibungen, Tagungsankündigungen, Call for Papers, Rezensionen und Ähnliches. Es hat sich also in diesem Fall ein Funktionswandel vollzogen: Die Liste hat sich von einer Diskussions- und Serviceliste zur fast reinen Serviceliste entwickelt. (Im Gegensatz dazu gibt es aber auch durchaus noch Listen, in denen sehr lebhafte Diskussionen geführt werden und über die dagegen nur ganz selten Service-Beiträge verschickt werden, wie z.B. die Luhmann-Liste, Shakesper oder die Argthry-List.)
Neben Nutzungsrückgang und dem gerade beschriebenen Funktionswandel sind aber derzeit auch noch andere Entwicklungstendenzen im Bereich der digitalen Wissenschaftskommunikation zu beobachten, von denen ich hier ein paar kurz nennen möchte:
- Man kann u.a. Veränderungen im Grad der Interaktivität beobachten, die zum Teil durch das Hinzufügen neuer Funktionen bedingt sind (wie etwa in Blogs, in denen die Kommentarfunktion erweitert wird).
- Teilweise übernehmen die Nutzer eines Formates auch kommunikative Strategien und Nutzungseigenschaften aus anderen Formaten. Die Richtung ist dabei nicht immer dieselbe - es werden sowohl Nutzungseigenschaften aus älteren Formaten in neuere integriert als auch umgekehrt. (In Blogs bzw. den Kommentar-Threads entwickeln sich beispielsweise manchmal Diskussionsverläufe, die denen der Mailinglists sehr ähneln. Auch in Mailinglists stößt man zum Teil auf Beiträge, die gut in einen Blog "passen" würden.)
- Wenn in einer Fachgemeinschaft mehrere Formate gleichzeitig genutzt werden, kann man teilweise beobachten, dass dies zu einer funktional differenzierten Nutzung der verschiedenen Formate führt. (Eine Fachgemeinschaft führt ihre Diskussionen beispielsweise im Blog und nutzt die Mailinglist daher ausschließlich zur schnellen Information über neue Publikationen etc.)
- Eine weitere Entwicklungslinie ist die gezielte Verknüpfung von Formaten, bei denen sich die einzelnen Formate gegenseitig funktional ergänzen. (Dabei wird dann beispielsweise ein Format zur Diskussion und Hervorbringung neuer Diskussionsthemen verwendet, das andere dagegen zum Zweck der Archivierung und Ergebnisdokumentation, wie ich es bereits in einem früheren Blog-Beitrag beschrieben habe).
- In diesem Zusammenhang ist natürlich auch die Entwicklung ganz neuer Formate zu nennen, die dann die Nutzungspotenziale der verschiedenen Ausgangsformate in sich vereinigen.
(In Kürze erscheint ein Aufsatz zu diesem Thema, den ich gemeinsam mit Gerd Fritz verfasst habe. Darin erfolgt eine ausführlichere Darstellung dieser verschiedenen Entwicklungslinien und entsprechender Beispiele.)
Ob es sich bei wissenschaftlichen Mailinglists tatsächlich um eine aussterbende Spezies handelt und sich stattdessen neue, innovativere Formate wie Sciencefeed in der Wissenschaftskommunikation etablieren können, bleibt abzuwarten. Sicher ist jedoch, dass die Gründe, die zum Aussterben führen oder das Überleben sichern, wesentlich komplexer sind als sie im Fall der „survival of the newest”-Hypothese zu sein scheinen...
Anmerkung:
Der Blog-Beitrag basiert im Wesentlichen auf einem Vortrag mit dem Titel „Zur Entwicklung von Formaten und Kommunikationsformen in der digitalen Wissenschaftskommunikation – eine evolutionäre Betrachtungsweise”, den ich im September 2009 gemeinsam mit Gerd Fritz bei der ersten Meilensteintagung des Projektverbundes „Interactive Science” zum Thema „Kommunikationsformate und ihre Dynamik in der digitalen Wissenschaftskommunikation” gehalten habe. Sobald es eine publizierte Version des Vortrags gibt, werden wir selbstverständlich hier im Blog darauf hinweisen.
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Wenn in Mailinglists Blog-artige Postings erscheinen und Blogs interaktiv sind wie Mailingslisten, dann werden natürlich die Grenzen zwischen „alten“ Web-1.0-Medien und „neuen“ Social Media in den Wissenschaften fließend. Entscheidend ist, dass die Formate den Bedürfnissen der Wissenschaftler entgegenkommen. Und man möchte natürlich beides: Calls for Papers schicken und lesen und Diskussionsbeiträge schreiben und lesen - und noch andere Dinge. Im Grunde gibt es zwei grundlegende Entwicklungsmöglichkeiten für die Zukunft (und wie immer: Mischformen): Verbünde von Formaten für bestimmte Fachcommunities oder die Superformate bzw. Portale, in denen man alles findet, vom Serviceformat bis zum Microblogging. A propos finden: Für viele Themenbereiche gibt es noch gar keine Foren. Ich kenne keinen Blog für historische Semantik und auch keine Textlinguistik-Diskussionsliste. Muss man alles selber machen? (Immerhin gibt es jetzt einen Blog, wo über „gelehrte Polemik“ diskutiert werden kann: http://philologyandirony.wordpress.com/...k-heute/)
Übrigens: Dass alte und neue Formate lange nebeneinander her existieren, ist in der Mediengeschichte fast der Normalfall. Als im frühen 17. Jahrhundert die neuen gedruckten Zeitungen aufkamen, gab es noch lange weiter geschriebene Zeitungen und sogenannte Messrelationen.
Liebe Anita,
ein prima Beitrag und eine super Zusammenfassung dieses Teil eures Vortrages. Wie du weißt, stimme ich mit deinen Erkenntnissen vollkommen überein - was soll ich auch sonst machen als "deine" studentische Hilfskraft ;-)
Bin aber gespannt, wie sich das Bild vielleicht nochmal geringfügig verschiebt, wenn wir mehr quantitative Ergebnisse haben - arbeite auf jeden Fall mit Hochdruck daran!
LG,
Sarah