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Kontroversenlust und Kontroversenscheu in der digitalen Wissenschaftskommunikation

von Gerd Fritz, 04. November 2009, 12:18

Marcelo Dascal, ein hochkarätiger Wissenschaftstheoretiker, schrieb kürzlich: „Der kooperative Charakter der kollektiven Wissenskonstruktion wird oft betont. Aber am wichtigsten, besonders für die Kooperation selbst, ist die kritische Auseinandersetzung über Aussichten, Projekte, Vorgehen, Ziele und Theorien zwischen Wissenschaftlern und Wissenschaftlergruppen. […] Kritik und Auseinandersetzung [sind] der Motor des Fortschritts […].“ Man kann hinzufügen, dass für die Novizen einer Wissenschaft die Beobachtung von Kontroversen zu den lehrreichsten Erfahrungen überhaupt gehört. Wenig später beschrieb der Literaturwissenschaftler Carlos Spoerhase als ein Beispiel für „Nicht-Kontroversen“ den gegenwärtigen Stand der Literaturtheorie aus seiner Sicht: „Ist die sogenannte Methodenvielfalt als eine Relation der Konkurrenz, der Komplementarität oder des ungeordneten Nebeneinanders zu rekonstruieren? Der Dissens, wie Literaturwissenschaft jeweils zu betreiben sei, führt häufig nicht zu einer Konfrontation; vielmehr wird der Konflikt zwischen divergierenden literaturtheoretischen Konzeptionen in eine grundlagentheoretische Gleichgültigkeit überführt.“ Wenn Dascals Einschätzung der Kritik und der Kontroverse als Motor des wissenschaftlichen Fortschritts zutreffend ist und wenn Spoerhases Diagnose von Gleichgültigkeit statt Kritik ebenfalls zutrifft, dann muss man in dem genannten Arbeitsbereich eine gewisse theoretische Motorlosigkeit befürchten. Auch für andere Arbeitsbereiche scheint diese Diagnose zu gelten. So schrieb Hans-Jürgen Bachorski (Universität Potsdam) schon vor gut 10 Jahren in der mediävistischen Mailinglist der Universität Bayreuth, dass er im Bereich der Mediävistik „die lust an der kontroverse, die bereitschaft zu streiten“ vermisse. „Gibt es in der mediaevistik kein thema […] von interesse, über das […] grundlegende kontroversen ausbrechen könnten? Oder handelt es sich nur um eine allgemeine scheu vor kontroversen? Aber wenn schon die alte, etablierte generation zu lasch ist, sich ernsthaft zu streiten, warum tun es dann nicht wenigstens diejenigen, die doch einen ruf erst zu erwerben haben (was durch frommes nachbeten der worte der väter gewiss nicht gelingen wird)? Merkwürdig, merkwürdig.“

     In den digitalen Wissenschaftsmedien stellt sich die Frage, wie man es mit den Kontroversen hält, neu und verschärft. Hier gibt es ja nun die Möglichkeit, besonders schnell, relativ informell und mit weiter Verbreitung zu theoretischen Auffassungen und wissenschaftlichen Arbeitsergebnissen Stellung zu nehmen und Diskussionen zu führen. Für Kontroversen ist das Potenzial der neuen Kommunikationsformate (Mailinglists, Blogs, Online-Rezensionsorgane, Open Access Peer Review) beachtlich. Aber wie wird dieses Potenzial tatsächlich für die wissenschaftliche Auseinandersetzung genutzt? Ein erster Rundblick lässt erkennen, dass es international insbesondere die Online-Rezensionen sind, die in verschiedenen Formaten zu schönen, lehrreichen Kontroversen führen. Das gilt für so verschiedenartige Formate wie die Linguist List, die B-Greek Discussion List (zum Bibelgriechischen), den „History Matters“-Blog-Roundtable oder das Rezensionsforum „Literaturkritik.de“. Auch in Open-Access-Peer-Review-Zeitschriften wie in „Atmospheric Chemistry and Physics“ gibt es bemerkenswerte Kontroversen (vgl. dort die „most commented papers“). Wenn wir den weiteren Bereich des Rezensionswesens verlassen, scheint sich die Kontroversenfreude besonders auf solche thematischen Schwerpunkte zu konzentrieren, die mit allgemeineren politischen und gesellschaftlichen Diskussionen zusammenhängen, wie etwa das Thema der Klimaentwicklung auf Blogs von Physikern und Meteorologen oder die Frage des „Intelligent Design“ bei den Biologen.

Was die Sprach-, Text- und Kulturwissenschaften in Deutschland angeht, so scheint eine digitale Kontroversenkultur noch nicht so recht entwickelt zu sein, was sicherlich nicht daran liegt, dass es keine divergierenden Auffassungen gibt. Aber man scheint die Divergenzen lieber in den Fußnoten von Büchern zu bearbeiten als auf dem offenen Marktplatz. Ansätze zu einer Kontroversenpraxis gibt es etwa in der Luhmann-Liste oder auch bei den Historikern, z.B. im Diskussionsforum  von „H-Soz-u-Kult“ oder auch in der Möglichkeit zu Repliken in „Sehepunkte“. Aber insgesamt sieht es eher traurig aus.

     WENN dieser Befund stimmt, dann könnte man natürlich nach den Gründen fragen, warum die neuen digitalen Medien in der gegenwärtigen Gelehrtenrepublik (noch) nicht dieselbe Wirkung entfaltet haben wie die neu erfundenen wissenschaftlichen Zeitschriften im 17. und frühen 18. Jahrhundert, die geradezu eine Flut wissenschaftlicher Auseinandersetzungen auslösten. Könnte Folgendes der Fall sein und, falls das zutrifft, sind diese Sachverhalte Gründe für Kontroversen-Abstinenz in unserer digitalen Wissenschaftskommunikation?

  1. Es gibt in den einzelnen Fächern noch keine oder zu wenige geeignete Exemplare der passenden Formate (Mailinglists, Blogs) für die Entwicklung einer lebhaften digitalen Diskussionspraxis. (Das könnte man ändern.)
  2. In der gegenwärtigen Situation der genannten Wissenschaften wird das geduldige Sammeln und Auswerten von Daten (Korpora etc.) als hochrangiger eingeschätzt als die Klärung von Theorie- und Methodenkonflikten. (Man vergleiche im Bereich der Sprachwissenschaft die Auffassungen mancher Junggrammatiker vor ca. 120 Jahren.)
  3. Die Verletzungsgefahr ist bei Kontroversen zu groß, so dass das Risiko von Nebenwirkungen (z.B. des Reputationsverlusts und der Gegnerschaft von „wichtigen“ Leuten) größer ist als der Nutzen einer theoretischen Klärung und das Erzielen von Aufmerksamkeit in der Community.
  4. Kollaborative Leistungen, zu denen die Teilnahme an einer Kontroverse ja gehört, werden im Belohnungssystem dieser Wissenschaftszweige im Vergleich zur Einzelleistung schlecht honoriert.
  5. Das Zeitbudget von Wissenschaftlern ist so ausgereizt, dass für „Extras“ wie Kontroversen keine Zeit bleibt. (Nach Dascals Auffassung sind Kontroversen aber keine „Extras“.)

Oder gibt es andere Gründe für die mangelnde Kontroversenlust – und sollte man an dieser Situation etwas ändern? Die Formate für eine lebendige digitale Kontroversenpraxis sind jedenfalls im Prinzip verfügbar.

Dieser Beitrag ist auch in unserem TP4-Blog erschienen.



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