wissenslogs Interactive Science

"Googeln" für die Wissenschaft?

von René König, 09. März 2010, 16:12

Die Suche im Netz hat einen Namen: Google. Der Konzern dominiert nicht nur den Suchmaschinenmarkt bei allgemeinen Webrecherchen – „Googeln“ ist auch längst Teil der wissenschaftlichen Alltagspraxis geworden. Welchen Einfluss hat dies auf Forschung und Lehre?

Mythos der „Black Box“
Google umweht ein mythenhafter Wind: In Sekundenbruchteilen gibt die Suchmaschine Antworten auf unsere meist in Form von wenigen Stichwörtern formulierten Fragen – und führt uns dabei häufig mit erstaunlicher Präzision zu den gewünschten Informationen. Doch genauso alltäglich wie diese Praxis geworden ist, so rätselhaft sind die hintergründigen Vorgänge geblieben, die zu diesen Resultaten führen. Durchschnittliche NutzerInnen wissen über die Funktionsweise der Suchmaschine meist nahezu nichts und selbst in der Fachliteratur wird Google häufig mit der Metapher der „Black Box“ mystifiziert.

„Deep Web“ – blinde Flecken der vermeintlichen Alleswisser
Entgegen dem Mythos der allwissenden Antwortmaschine hat Google (genauso wie andere Suchmaschinen) jedoch durchaus ihre blinden Flecke – und die sind nicht unwesentlich: Im sogenannten „Deep Web“ verbergen sich riesige Datenmengen, die für Suchmaschinen aus unterschiedlichsten Gründen nicht zugänglich sind. Dazu gehören auch viele wissenschaftliche Publikationen, die z. B. oftmals nicht erkannt werden können, da sie passwortgeschützt sind. 

Ranking ist Macht
Zudem greift Google durch sein Ranking von Ergebnissen massiv in den Suchvorgang ein. Untersuchungen zum Nutzungsverhalten zeigen, dass in der Regel nur die ersten Resultate Beachtung finden. Zusammen mit der Marktmacht des Konzerns führt dies dazu, dass Content-Anbieter ihre Webseiten strategisch an Google anpassen müssen. In der Privatwirtschaft wird dies im Bereich der Suchmaschinenoptimierung (auch SEO – Search Engine Optimation) bereits intensiv praktiziert. In der Wissenschaft geschieht dies noch nicht in dem Maße, doch auch hier wurde unlängst ein Konzept für akademische Suchmaschinenoptimierung vorgestellt. Das zeigt, dass die Problematik der durch Google bedingten Relevanzherstellung auch in der Wissenschaft bereits erkannt wird.

Google-Relevanz vs. akademische Relevanz
Freilich sind die Relevanzkriterien für den akademischen Sektor andere als die für den alltäglichen Universalgebrauch einer Suchmaschine. Gemeinsam ist beiden Bereichen, dass sie die Relevanz von Inhalten vor allem anhand von Referenzen bestimmen: In der Wissenschaft in Form von Zitaten, bei Google in Form von Hyperlinks, die eine Webseite erhalten hat. Der eklatante Unterschied liegt auf der Hand: erstere stützen sich allein auf die Referenzen von FachkollegInnen, während Hyperlinks im Netz prinzipiell von jedem gesetzt werden können. 

Intensive Nutzung trotz Schwächen
Hinzu kommt, dass Google ohnehin viele akademische Inhalte gar nicht findet und anzeigt, so dass die hier erzeugte Relevanz keinesfalls der wissenschaftlichen Bedeutung entsprechen muss. Vor allem für den Nachwuchs ist es daher schwer, in diesem Kontext Wichtiges von Unwichtigem oder gar Falschem zu trennen. Dennoch zeigen Untersuchungen und die Erfahrung von Lehrenden immer wieder, dass Google eine beliebte Alternative zu traditionellen Angeboten zur Suche nach wissenschaftlichen Informationen darstellt. Anlässlich des von Google angedrohten Rückzugs aus China wurden kürzlich in einer Nature-Studie WissenschafterInnen zu ihrer Nutzungsweise der Suchmaschine befragt. Von den 764 Teilnehmenden gaben über 80 % an, Google für die Literaturrecherche zu nutzen – trotz der oben aufgeführten Schwächen.

Neue Lösungen und Probleme durch Spezialsuchmaschinen 
Einigen Problemen wird teilweise durch die Schaffung von Spezialsuchmaschinen begegnet. So macht Google Scholar durch Kooperationen mit Verlagen und Bibliotheken viele akademische Publikationen zugänglich, die ansonsten in den Tiefen des Webs verborgen blieben, und Google Books macht durch die Digitalisierung ganzer Bibliotheken riesige Textsammlungen zu einem Teil der Online-Welt. Dabei eröffnen sich auch zusätzliche Möglichkeiten, wie etwa die schnelle Volltextsuche oder das Zurückverfolgen und Analysieren von Zitaten. Gleichzeitig entstehen jedoch auch neue Probleme. So wird etwa die häufig mangelhafte Qualität von Metadaten kritisiert, die u. a. dazu führen kann, dass Dokumente falsch bewertet und somit im Ranking unangemessen hoch oder niedrig positioniert werden können. Auch wendeten sich viele AutorInnen und Verlage gegen die Digitalisierung und (wenn auch nur auszugsweise) Bereitstellung ihrer urheberrechtlich geschützten Werke. Vielfach begegnet man zudem der teilweise monopolartigen Marktmacht des Konzerns und seiner exzessiven Speicherung von Nutzungsdaten mit Skepsis und Ablehnung. 

Wissenschaft und Google bleiben voneinander abhängig
Doch ein Ende des Erfolgs der Angebote – allen voran der Universalsuchmaschine Google – ist weder im Allgemeinen, noch im Wissenschaftssystem, in Sicht. So muss sich die Wissenschaft auch weiter mit Google auseinandersetzen und auch der Konzern ist auf die Kooperation mit akademischen Partnern angewiesen, wenn er seinem Ziel, so die Selbstbeschreibung auf der Google-Webseite, „(…) die auf der Welt vorhandenen Informationen zu organisieren und allgemein zugänglich und nutzbar zu machen“, erfüllen will. 


Ein Mini-Assessment zu Google, Google Scholar und Google Books im Rahmen des Projekts Interactive Science wird demnächst hier veröffentlicht.  

Eine Version dieses Textes erscheint auch im Newsletter des ITA.


 



 

 





Ähnliche Artikel:

antworten

Artikel kommentieren
 authimage

Kommentare

  1. Martin Huhn kein Betreff
    10.03.2010 | 14:13

    In der Wissenschaft in Form von Zitaten, bei Google in Form von Hyperlinks, die eine Webseite erhalten hat. Der eklatante Unterschied liegt auf der Hand: erstere stützen sich allein auf die Referenzen von FachkollegInnen, während Hyperlinks im Netz prinzipiell von jedem gesetzt werden können.

    Das ist so nicht ganz richtig. Google bewertet auch auf welcher Seite ein Link gesetzt werden. Wenn Maria Mustermann auf ihrer HP ein Link zu Interactive Science setzt, hat es nicht den gleichen Wert, wie wenn es beispielsweise die Universität Bielefeld täte.

  2. Rene König PageRank...
    10.03.2010 | 15:09

    Lieber Herr Huhn,
    natürlich haben Sie recht: Googles PageRank bewertet Links von Seiten, die selbst einen hohen PageRank haben, höher als Seiten mit niedrigem PageRank. Nur ist eben der PageRank kein Indikator für wissenschaftliche Reputation. Um bei Ihrem Beispiel zu bleiben: Es ist sehr wohl denkbar, dass Maria Mustermanns Seite über ein sehr gutes Linknetzwerk verfügt, das ihr einen höheren PageRank beschert als die Seite der Universität Bielefeld. Das ist auch gar nicht so abwegig wie man meinen könnte. Dazu zwei Beispiele:
    Ich teile meinen Namen mit einem sehr renommierten (inzwischen verstorbenen) Soziologen. „Googelt“ man nach „René König“, erscheint auch ein Wikipedia-Artikel zu ihm an erster Stelle. An zweiter Stelle folgt jedoch bereits ein Link zu meiner persönlichen Homepage und nicht etwa zur René-König-Gesellschaft, oder anderen wichtigen Seiten zu René König Senior. Natürlich freue ich mich über diese gute Google-Positionierung meiner Seite, sehe jedoch auch das hintergründige Problem: Die meisten Anfragen dürften ¬– so realistisch muss ich wohl sein – meinem verstorbenen Namensvetter gelten und nicht mir.
    Wirklich problematisch wird das Ganze jedoch, wenn man beobachtet, dass z.B. eine Suche nach dem Begriff „Klimaforschung“ als ersten Veweis die „Klimaskeptiker“-Seite www.klimaforschung.net aufführt – die natürlich keinesfalls den wissenschaftlichen Stand der Klimaforschung repräsentiert…

  3. Martin Huhn kein Betreff
    10.03.2010 | 15:58

    Nur ist eben der PageRank kein Indikator für wissenschaftliche Reputation.

    Das stimmt. Aber das hat google auch nicht behauptet. Ich weiß auch nicht, ob google überhaupt eine ernstzunehmende Suchmaschine für die wissenschaftliche Inhalte sein möchte. Ich denke nicht.

    So gesehen, wäre eine woowle (eine Wissenschaftssuchmaschine) nicht schlecht. Aber wer soll die betreiben?

  4. Joachim Schulz Pagerank
    10.03.2010 | 16:03

    Glücklicher Weise ist ja der Pagerank gar nicht das entscheidende Kriterium. Google zeigt bei einer Suche nicht automatisch die Seite mit dem höchsten Pagerank zu oberst an, sondern eine Seite, die dem Suchbegriff am ehesten zu entsprechen scheint. Der Pagerank spielt dabei sicher eine Rolle, aber eine um so geringere, je spezifischer die Suche ist.

    Tatsächlich scheint auch mir Google, so wie es ist, nicht für den akademischen Bereich geeignet zu sein. Dass 80% der Wissenschaftler Google tatsächlich auch zur Literaturrecherche verwenden, überrascht mich. Ich fand diese Suchmaschine in der Vergangenheit nicht so hilfreich.

  5. Rene König kein Betreff
    10.03.2010 | 16:41

    Google ist natürlich in erster Linie als UNIVERSALsuchmaschine konzipiert, d.h. sie richtet sich eben an ein allgemeines Publikum, nicht an die speziellen Bedürfnisse von WissenschaftlerInnen (dafür wurde Google Scholar gegründet). Daraus kann man Google sicher auch keinen Vorwurf machen. Faktisch wird Google aber durchaus für die Suche nach wissenschaftlichen Informationen eingesetzt – die oben zitierte Nature-Studie ist nur eine von mehreren, die das zeigen.

    Joachim Schulz hat natürlich recht, dass neben dem PageRank auch abfrageabhängige Faktoren eine entscheidende Rolle bei der Google-Nutzung spielen. Genauso wie es auf die jeweiligen NutzerInnen ankommt, wie mit den Ergebnissen konkret umgegangen wird. Bisherige Studien zum Nutzungsverhalten deuten jedoch eher auf einen recht naiven Umgang mit der Suchmaschine hin.

    Selbst wenn WissenschaftlerInnen gar nicht, oder nur sehr reflektiert und mit durchdachten Suchwörtern „googeln“ würden, bliebe auch immer noch der Faktor Öffentlichkeit, der letztlich auch auf die Wissenschaft einwirkt. Da davon auszugehen ist, dass für viele eben nicht der Griff zur Spektrum und anderen populärwissenschaftlichen Medien der erste Schritt bei der Suche nach laiengerechten Informationen ist, sondern Google, kann es der Wissenschaft kaum egal sein, wie sie hier positioniert ist. Die Konjunktur pseudowissenschaftlicher Inhalte im Netz scheint mir darauf hinzudeuten, dass es hier Nachholbedarf gibt.
    (Dazu auch ein früherer Blog-Beitrag von mir: http://www.wissenslogs.de/...es-11.-september-2001)

  6. Alf Köhn aller Anfang ist google
    14.03.2010 | 09:41

    Wenn ich mich in ein neues wissenschafliches Thema einarbeiten muss, dann bemühe ich zunächst google. Dort erhalte ich dann einige Treffer, die mir ein paar Publikationen aufzeigen, über deren Referenzen ich dann den Einstieg in die wirkliche Literaturrechereche mache.
    Dabei stellt sich oft heraus, dass das paper mit dem ich die Recherche begonnen habe, was also von google empfohlen wurde, im Endeffekt nicht sehr brauchbar ist, wie Sie das ja auch angemahnt haben.

    Ich weiß aber von einigen Kollegen von mir, die genauso verfahren, wie ich, also mit google die Suche beginnen. Damit gehören wir zu den 80%. Allerdings wissen wir alle über die Schwächen von google und würden uns nie nur auf Treffer von google verlassen. Was ich damit sagen will:
    (1) Die Zahl 80% ist mit großer Vorsicht zu genießen.
    (2) google möchten wir alle nicht missen, da es einem dem Einstieg doch sehr erleichtert.

  7. Christian kein Betreff
    20.03.2010 | 17:00

    Ich weiß gar nicht was sie haben, Universitätsseiten haben z.B. meist einen Bonus bei Google, dementsprechend auch die darauf veröffentlichten Inhalten. In Amerika haben Bildungseinrichtungen mit der Topleveldomain .edu eine Kennung, durch die sie zumindestens in der Vergangenheit automatisch höher bewertet wurden. Allgemein sind solche Seiten sogenannten Trusted-Sites, sprich vertrauenswürdige Websites. Natürlich spielen noch andere Faktoren eine Rolle, die bewirken, dass Universitätsseiten/Forschungsseiten von Haus aus eigentlich die optimalen Voraussetzungen mit sich bringen, um gut gelistet zu werden. So sind diese meist stark verlinkt, zählen sie sich doch zu den wenigen Websites von Anbeginn des Internets.

    Ich stimme ihnen allerdings zu, dass die Wissenschaft sich intensiver mit der Aufbereitung der Daten auseinander setzen muss. Wer seine Texte mehr oder weniger versteckt, der darf sich auch nicht darüber beschweren, dass sie nicht gefunden werden.

Artikel kommentieren
szmtag