Ein Vorläufer der Präsentation: der wissenschaftliche Vortrag
von Henning Lobin, 17. September 2009, 11:58
Bis vor wenigen Jahren dominierte der Vortrag die offizielle wissenschaftliche Kommunikation. Historisch geht der Vortrag auf die Vorlesung zurück, die in der mittelalterlichen Universität zunächst tatsächlich zur Übermittlung eines Lehrbuchtextes vom Professor an die Studenten diente. Dieses Vorlesen der Werke anerkannter Kapazitäten eines Faches wurde nach und nach ergänzt um Anmerkungen und Kommentare, die sich der Professor als Glossen in seinem Lehrbuch vermerkte. Um 1800 bezeichnete das Wort »Vortrag« die Art und Weise des Vortragens des Lehrbuchtextes und der Kommentare, also das, was in der traditionellen Rhetorik actio genannt wurde und heute Performanz. Die in dieser Zeit einsetzende Änderung der Verfahren wissenschaftlicher Erkenntnisproduktion wirkt sich auch auf das Verständnis der Erkenntnisvermittlung aus. Der Vortragende soll nicht Ergebnisse präsentieren, sondern die Art und Weise darstellen, wie er zu diesen gelangt ist, also »in jedem Fall das Ganze der Wissenschaft gleichsam erst vor den Augen des Lehrlings entstehen [lassen]« (Schelling). Peters, die auch dieses Zitat gefunden hat, vertritt in ihren Untersuchungen (Peters 2005a und 2005b) die interessante These, dass die Konjunktur des wissenschaftlichen Vortragswesens ab dieser Zeit damit zusammenhängt, dass die »wissenschaftliche Figuration von Evidenz«, d.h. die methodisch anerkannte Begründung wissenschaftlicher Erkenntnisse, nahtlos übergeht »in andere, nicht-wissenschaftliche Evidenztechniken«, zu denen das Zeigen oder Demonstrieren in den Naturwissenschaften ebenso gehört wie die rhetorische Überzeugungskraft des Redners, die sich in Vorträgen unabhängig von der Fachdisziplin entfalten kann.
Der wissenschaftliche Vortrag kann somit als eine performativ geprägte Textsorte verstanden werden, die neben den fachwissenschaftlichen Inhalten auch von grundlegenden Konzepten der Rhetorik geprägt wird. Durch die Transitorik dieser Kommunikationsform stellt sich damit zugleich das Problem, wie der Vortrag schriftlich fixiert, also archivierbar gemacht werden kann. Geschah dieses zunächst, im 19. Jahrhundert, vorwiegend durch die Zuhörer mittels einer möglichst genauen Transkription, verlagerte sich die Verantwortung im Zuge der Veränderungen im wissenschaftlichen Publikationswesens im 20. Jahrhunderts in die Zuständigkeit des Vortragenden. Wird ein Vortrag regelmäßig mit der Publikation eines damit zusammenhängenden Aufsatzes verbunden, wirkt sich dieses auf den Vortrag selbst aus. Ein ökonomisches Verfahren besteht darin, Aufsatz und Vortrag gleichzusetzen und den ausformulierten Vortrag mit allerhöchstens geringen performativen Abweichungen als Vortragsmanuskript zu verwenden. Diese Praxis setzte sich im 20. Jahrhundert in praktisch allen Disziplinen durch und wird in einigen, etwa der Philosophie oder der Rechtswissenschaft, noch heute praktiziert. Vor dem Aufkommen der wissenschaftlichen Präsentation war somit eine Situation zu verzeichnen, dass die Kommunikationsform des Vortrags, der eigentlich seinem Ursprung nach performativ angelegt ist und als solches eine eigenständige Funktion neben den schriftbasierten wissenschaftlichen Kommunikationsformen aufweist, zu einer Hülse für schriftliche Publikationsprozesse geworden war und somit eher eine rituelle als eine konkrete kommunikative Funktion aufwies. Die systematische Austreibung des Performativen aus dem Vortrag bot Raum für neue performative Kommunikationsformen in der Wissenschaft, und in dieser Lücke konnte sich die wissenschaftliche Präsentation als neue Form wissenschaftlicher Performativität schnell etablieren.
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Dieser Artikel ist für sich ein prägnantes Beispiel wissenschaftlicher Kommunikation, enthält er doch mehrere sich selbst bewahrheitende Sätze, etwa den folgenden:
(H. Lobin) „Vor dem Aufkommen der wissenschaftlichen Präsentation war somit eine Situation zu verzeichnen, dass die Kommunikationsform des Vortrags, der eigentlich seinem Ursprung nach performativ angelegt ist und als solches eine eigenständige Funktion neben den schriftbasierten wissenschaftlichen Kommunikationsformen aufweist, zu einer Hülse für schriftliche Publikationsprozesse geworden war und somit eher eine rituelle als eine konkrete kommunikative Funktion aufwies.“
Der Altmeister der „Stilkunst“, Ludwig Reiners, hätte dieses Ungetüm von einem Satz wohl mit Vergnügen in sein gleichnamiges Buch* aufgenommen, um es in dem Kapitel „Stilkrankheiten“ so oder so ähnlich zu übersetzen:
(W. Große) „Ursprünglich hatte der wissenschaftliche Vortrag eine performative Form und er war eigenständig gegenüber der schriftlichen Kommunikation. Doch verkam er mit der Zeit zur Hülse der schriftlichen Publikation und verlor damit weitgehend seine Funktion. Was blieb, war der kommunikative Ritus des Vortrags. An seine Stelle tritt nun die wissenschaftliche Präsentation.“
In der Originalversion von Herrn Lobin bewahrheitet sich der zitierte Satz insofern von selbst, als er ein treffliches Beispiel für eine Worthülse ist. Wissenschaft ist der ewige Versuch, Sachverhalte zusammenfassend und klar auszudrücken. Entsprechend war die wissenschaftliche Kommunikation einst ausgerichtet. Mit dem wachsenden Prestige der Wissenschaft schlichen sich jedoch Stilkrankheiten ein, die Wissenschaftlichkeit vorgaukeln sollen. Unabhängig vom Inhalt (den ich bei Herrn Lobin sehr wohl sehe) legt sich dieser Schleier des Papierstils über die Ausdrucksform der Gelehrten und Pseudogelehrten. Häufig setzt sich dieser auf Papier geübte Stil nahtlos in der heutigen wissenschaftlichen Präsentation fort.
Es ist schwierig, eine Botschaft wieder in eine klare Form zu bringen, wenn sie erst einmal derart verschleiert ist. Wer es versuchen möchte, kann sich z. B. den letzten Satz des oben stehenden Artikel vornehmen:
(H. Lobin) „Die systematische Austreibung des Performativen aus dem Vortrag bot Raum für neue performative Kommunikationsformen in der Wissenschaft, und in dieser Lücke konnte sich die wissenschaftliche Präsentation als neue Form wissenschaftlicher Performativität schnell etablieren.“
Wie gesagt: Ich habe wenig Hoffnung, dass die neueren wissenschaftlichen Präsentationen für jene Stilkrankheiten weniger anfällig sind.
________
*siehe Ludwig Reiners: Stilkunst, ein Lehrbuch deutscher Prosa; insbesondere Dritter Teil: Stilkrankheiten.
Lieber Herr Große, ich bedanke mich ganz aufrichtig für diese strenge, aber gerechte Zurechtweisung. Darf ich so verwegen sein, trotzdem darauf hinzuweisen, dass ich mir beim Verfassen dieses Postings erlaubt habe, mir bei einzelnen Wörtern tatsächlich etwas zu denken? So etwa in der ersten inkriminierten Passage beim Wort "Situation", das Sie wegrationalisiert haben, das ich genauso da stehen haben wollte, oder beim Verweis darauf, dass der Vortrag "seinem Ursprung nach" (von mir aus auch gern "ursprünglich") "performativ angelegt ist" und nicht etwa "eine performative Form hat", was leider falsch ist? Außerdem war er nie "eigenständig gegenüber der schriftlichen Kommunikation", sondern tatsächlich nur gegenüber "schriftbasierten wissenschaftlichen Kommunikationsformen". Bitte verzeihen Sie mir meine zweifellos völlig unstatthafte Aufsässigkeit, aber ich gehöre nun einmal zu den Leuten, die nicht nur Freude an präzisen Formulierungen haben, sondern sie zuweilen sogar als notwendig ansehen. Leider erreiche ich nicht das sprachliche Reflexionniveau des gelernten Journalisten, das wir alle ja insbesondere im Bereich der allgemeinverständlichen Wissenschaftsdarstellungen so überaus bewundern, aber wenn Sie mir fleißig links und rechts eins mit dieser verstaubten Schwarte des NSDAP-Mitglieds und Plagiators Reiners um die Ohren hauen, werde ich das vielleicht bis zu meiner Emeritierung noch hinbekommen. Viele Grüße, Ihr ergebener Henning Lobin
Ich würde den Austausch von Boshaftigkeiten gerne kurz unterbrechen, um nach den Ursachen für die im Beitrag geschilderte Entwicklung zu fragen.
Wenn ich das richtig verstehe, leitet sich der ursprüngliche Stellenwert des Vortrags u.a. von der Bedeutung der Rhetorik im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Bildungskanon ab. Mit der Aufklärung ist die Rhetorik ja zunehmend kritisiert worden. War das der entscheidende Grund für den Siegeszug der Verschriftlichung? Oder ließen sich geschriebene/gedruckte Werke einfach schnell er weiter verbreiten?
Abstrakter gefragt: Welche Bedeutung haben rein ideelle Motive verglichen mit praktischen Zwängen, wenn sich Kommunikationsformen verändern?
Sie schreiben: "Wird ein Vortrag regelmäßig mit der Publikation eines damit zusammenhängenden Aufsatzes verbunden, wirkt sich dieses auf den Vortrag selbst aus. Ein ökonomisches Verfahren besteht darin, Aufsatz und Vortrag gleichzusetzen und den ausformulierten Vortrag mit allerhöchstens geringen performativen Abweichungen als Vortragsmanuskript zu verwenden. Diese Praxis setzte sich im 20. Jahrhundert in praktisch allen Disziplinen durch und wird in einigen, etwa der Philosophie oder der Rechtswissenschaft, noch heute praktiziert." Ich denke, daß das in den Naturwissenschaften (auf jeden Fall in der Mathematik, wo ich mich auskenne) so nicht zutrifft. Die in Konferenz-Proceedings veröffentlichten Beiträge unterscheiden/unterschieden sich in der Regel stark vom gehaltenen Vortrag (andererseits unterscheiden sich die Beiträge in Konferenz-Proceedings auch sehr von den bei Fachzeitschriften eingereichten Originalarbeiten). Von einem guten Konferenzvortrag erwartet man, daß die Ergebnisse didaktisch "besser" präsentiert werden als in der Originalarbeit. Das ist z.T. natürlich ein mathematik-spezifisches Problem: die Arbeiten sind meist sehr technisch, die ursprünglichen Ideen sind in den ausgearbeiteten Veröffentlichungen kaum noch wiederzuerkennen. Von Konferenz-Vorträgen wird dann erwartet, daß eben nicht die Arbeit noch einmal vorgelesen wird, sondern informell die Ideen dahinter vermittelt werden. Im Prinzip ist das auch die Aufgabe der Konferenz-Proceedings, aber in der Regel läßt sich der informelle Stil eines Vortrags meist schriftlich nicht so wiedergeben. Bei anderen Naturwissenschaften kenne ich mich zwar nicht so aus, vermute aber, daß es dort ähnlich aussieht. Insofern denke ich, daß Ihre These, der wissenschaftliche Vortrag sei zur "Hülse für schriftliche Publikationsprozesse" geworden, sicherlich nicht für alle Fächer zutrifft.
PS: Stilistisch hatte ich mit Ihrem Beitrag übrigens kein Problem. Jedenfalls finde ich es erfreulich, daß man bei den scilogs auch dann noch schreiben darf, wenn man den Schreibtipps vom Chef keine Folge leistet.
"Jedenfalls finde ich es erfreulich, daß man bei den scilogs auch dann noch schreiben darf, wenn man den Schreibtipps vom Chef keine Folge leistet."
Machen wir von den SciLogs nach außen hin den Eindruck, daß wir von "oben herab" die Themen sowie Art und Weise den Bloggern diktieren? Falls dem so ist möchte ich etwas Aufklärung betreiben. Die Blogger bei uns haben einen sehr großen Raum der Entfaltungsmöglichkeit. Bei den Bloggewittern schränken wir das Thema ein und rufen zur freiwilligen Beteiligung auf. Ansonsten sind die Inhalte Sache der Blogger - selbstverständlich solange sie sich im gesetzlichen Rahmen der Meinungsfreiheit bewegen. Und die Serie von Carsten Könneker sind - wie sich der Bezeichnungen entnehmen läßt - Schreibtipps und keine Schreibanleitung für die Blogger.
Ich glaube Thilo ist nur habituell boshaft. ^^
@Thilo:
Ich habe es so verstanden, dass Laubin hier zwischen Vortrag und Präsentation differenziert, und dass die Präsentation jetzt die performative Rolle eingenommen hat, die du beschreibst.
Ich weiß nicht, ob das jetzt ein Mißverständnis ist - beim Stichwort "Präsentation" denke ich an Powerpoint-Präsentationen o.ä. Während die (nicht schriftlich ausformulierten) Vorträge auf naturwissenschaftlichen oder mathematischen Konferenzen doch landläufig als "Vortrag" und nicht als "Präsentation" bezeichnet werden.
@ Martin Huhn: Mein PS bezog sich auf den ersten Kommentar oben.
>Jedenfalls finde ich es erfreulich, daß
>man bei den scilogs auch dann noch
>schreiben darf, wenn man den
>Schreibtipps vom Chef keine Folge
>leistet.
Die Tipps von Carsten Könneker fand ich nachvollziehbar und vernünftig. Man kann (und man darf allemal) natürlich auch das Gegenteil tun.
Aber ist es sinnvoll und hilfreich, einen Sachverhalt durch schlechtes Strukturieren des Textes, Schachtelsätze und unnötigen Jargon zu überfrachten?
Will man den Leser informieren oder will man ihn beeindrucken? Natürlich erschließt sich der Sinngehalt selbst des obigen Blog-Artikels nach mehrfachem Durchlesen. Aber warum bedarf es denn mehrfachen Durchlesens?
Zweifelsohne: Erscheint ein Artikel unverständlich, dann kann das entweder an der Art liegen, in der der Artikel geschrieben ist, und damit am Autor. Oder es kann an mangelnder Aufmerksamkeit oder mangelnder Intelligenz des Lesers liegen.
Ich kann nicht ausschließen, dass bei mir die zweite und nicht die erste Erklärung zutrifft. Möglicherweise bin ich einfach nicht intelligent genug, um Artikel eines gewissen Tiefgangs auf Anhieb zu verstehen ... oder sollte ich sagen: um die Profundität des Diskurses adäquat zu rezipieren.
Vielleicht kann man aber auch nicht ganz ausschließen - ictelle zumindest die These in den Raum - dass das, was Carsten Könneker in einem Kommentar anmerkte, auch hier zutrifft:
http://www.wissenslogs.de/...ikation#comment-11691
Ich habe mir zumindest vorgenommen, in Zukunft darauf zu achten, dass die erste Reaktion meiner Leser oder Zuhörer nicht ist: "Was will der eigentlich?!"
Lieber Herr Lobin,
unangezweifelt ist, dass Sie sich bei der Formulierung Ihres Textes etwas gedacht haben. Unangezweifelt ist auch Ihre Souveränität hinsichtlich Ihres Inhalts. Mein Textvorschlag zielt auch nicht auf den Inhalt, sondern auf – ich wage es kaum in diesem Zusammenhang zu betonen – die Performanz. Mag sein, dass mein Text den von Ihnen gemeinten Inhalt nicht richtig wiedergibt (das können nur Sie alleine beurteilen).
Damit bleibt aber das Problem, dass Sie einen bestimmten Inhalt an u. a. mich, den Leser ihres Blogbeitrags, übermitteln wollten. Deshalb werden Sie es ertragen müssen, dass ich als Teil Ihrer Zielgruppe mich darüber äußere, ob Sie das für mich gut gemacht haben. Sie werden es auch ertragen müssen, dass Ihre Sätze vom Leser in die jeweils für ihn verständliche Form gebracht werden. Diese Übersetzung geschieht in der Regel nicht öffentlich. Hier habe ich probehalber einmal versucht, Öffentlichkeit herzustellen. Ich meine, dass SciLogs eine geeignete Plattform für solche Versuche sein sollte. In welcher Form wir dann öffentlich diskutieren, bleibt uns überlassen und muss notfalls von Verlagsseite im Rahmen gehalten werden.
Eine Bemerkung zu Reiners. Unabhängig von seinen politischen oder charakterlichen Eigenschaften (die ich in seinem Fall so wenig leiden kann wie Sie) ist seine „Schwarte“ sachlich nicht so verstaubt (differenziert nach zahlreichen Ausgaben von „original“ 1943 bis „völlig überarbeitet“ in 2004). Ich hätte in meinem Argument gut auf Reiners verzichten und andere zitieren können, sehe aber nicht ein, es wegen dieser Aspekte tun zu müssen.
Nun ja, der Autor wollte eben einen Gegensatz zwischen ausformuliertem Vortrag und "performativer" Präsentation aufbauen.
(Wie gesagt, fallen die meisten Konferenz-Vorträge, die ich bisher gehört habe, in keine der beiden Kategorien. Aber das ist ein anderes Thema.)
Und um den Gegensatz deutlich zu machen, mußte er den Beitrag konsequent nicht-performativ aufbauen.
(Eine performativere Darstellung wäre z.B. gewesen, im letzten Absatz von Powerpoint-Präsentationen statt von performativen Kommunikationsformen zu sprechen. Dann wüßte jeder sofort, was gemeint ist. Andererseits wäre es inhaltlich nicht ganz das Selbe.)
Jedenfalls mußte er seinen Beitrag so schreiben, wie er ihn geschrieben hat, sonst hätte er ja seiner eigenen These widersprochen.