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Wolfram Hogrebe: Was ist der Mensch? Wer ist der Mensch?

von Carsten Könneker, 15. November 2007, 09:09

Mein erster Gast in der Guten Stube ist Wolfram Hogrebe. Er ist Ordinarius für Theoretische Philosophie an der Uni Bonn und einer der profiliertesten deutschen Philosophen. Kennen gelernt haben wir uns auf der letzten Frankfurter Buchmesse als Teilnehmer eines Podiums über Natur- und Geisteswissenschaften. Dort nahm Professor Hogrebe den eliminatorischen Reduktionismus aufs Korn – also den Versuch der Rückführung auch aller geistigen Prozesse auf reines Naturgeschehen –, der derzeit von einer Reihe prominenter Naturwissenschaftler gepredigt wird – eine Art "Wissenschaftssekte", wie Hogrebe sich in Frankfurt ausdrückte. In der Guten Stube erläutert er, warum es notwendigerweise "Verstehensgrenzen" für die naturwissenschaftliche Methodik gibt. Ein Rest, ein real unknown, bleibe bei der Erforschung des Menschen immer bestehen. Warum auch die Life Sciences nie die Geisteswissenschaften ersetzen könnten. Herzlich willkommen, Herr Hogrebe!


Wolfram HogrebeWas ist der Mensch? Wer ist der Mensch?

Im biologischen Selbstbild versteht sich der Mensch als Mitglied einer Spezies, der ausschließlich durch biologische Eigenschaften definiert ist. Kulturelle Eigenschaften können aus diesem Blickwinkel dem Menschen nicht zugeschrieben werden. Als Mitglied einer biologischen Spezies hat der Mensch daher keine semantisch qualifizierten Eigenschaften, hat er weder Interessen, noch Selbstbewusstsein, Personalität, noch hat er Rechte. Alle diese Eigenschaften sind nur in einem Kulturbegriff des Menschen spezifizierbar. Im Kulturbegriff des Menschen allein versteht er sich selbst, versteht er sich über seine Kultureinbettung hinaus, versteht er sich aber auch in seinen naturwissenschaftlichen Selbstbildern. Denn jedes Selbstbild des Menschen wird gefunden und existiert nur im Kulturbegriff des Menschen.

Dem Begriff nach ist der Kulturbegriff des Menschen also immer das Erste, alle seine Naturbegriffe ein Zweites. Ein Ergebnis seiner kulturbegrifflichen Selbstbildforschung ist dann dies: Der Naturbegriff des Menschen ist der Sache nach das Erste, sein Kulturbegriff ein Zweites. Diese aristotelische Verschränkung muss man klar vor Augen haben, wenn man wissen will, wo man steht, wenn man über den Menschen redet. Das gilt auch dann, wenn man die Verschränkungsmatrize ‚dem Begriff nach’ und ‚der Sache nach’ selber thematisiert, um diese Relate in ein Beziehungsspiel zu bringen.

Daran hat sich die Philosophie seit jeher abgearbeitet. So gibt es nicht erst heutzutage eine deutliche Tendenz, eines dieser Relate, nämlich ‚dem Begriff nach’, streichen zu wollen. Hier tummeln sich auch heute die Spielarten naturalistischer Optionen, Spielarten manchmal geradezu militanter (‚eliminativer’) Reduktionismen. Wo man zwar zugibt, dass es ganz ohne semantische Profile im Selbstverständnis nicht gut angeht, aber gleichwohl zeitgeistkonform ein guter Naturalist bleiben will, verdunkelt sich das Szenario intellektuell in einen Zirkus der Emergenzen. Bisweilen zaubert man in einem Varieté der Wissenschaften aus einem leeren Zylinder Relais-Entitäten wie die sogenannten Meme (Richard Dawkins) hervor. Diese fungieren als missing link zwischen Gen und Geist. Der gesamte Kulturraum bis zur Kunst der Fuge von Bach kann dann im Modell einer evolutionären Kulturtheorie via Memetik mit der neuronalen Ebene kurzgeschlossen werden (Daniel Dennett). Kultur wird so zu einer memetisch aufgeschäumten Genetik.

Im Stile einer Renaissance des 19. Jahrhunderts propagiert man heute, nur um dem Geist ausweichen zu können, Life Sciences, Lebenswissenschaften. Sie sollen die Geisteswissenschaften unnötig machen. Was braucht man Geist, wo man die Gene hat, mit denen Geld zu machen ist?

Nun ist das Leben, von dem die Lebenswissenschaften handeln, aber leider wieder nicht das Leben in seiner kulturbegrifflichen facon d´être, ist nicht das geschichtsfähige Leben in den Kulissen seiner umkämpften Selbstauslegung. Das Menschenbild, in dem Menschen sich in ihrem Programm des Menschenmöglichen wiederfinden, besteht nicht nur in Aussagen über seinen genetischen und zellulären Aufbau, sondern beginnt mit seiner freilich faktizitätsabhängigen Idealität. Ohne diese gibt es überhaupt kein Verstehen, kein Selbstverständnis des Menschen und so kann die sekundäre Idealität des Menschen auch begrifflich nicht unterlaufen werden. Die Differenz von Sinn und Sein kann nicht erklärt werden, weil jede Erklärung von ihr schon Gebrauch machen muss.

Die Frage ‚was ist der Mensch?’ muss daher durch die andere Frage, ‚wer ist der Mensch?’ ergänzt werden. Menschen, wenn sie in ihrem Programmsinn thematisiert werden, sind nicht Entitäten, die in metrisierbaren Relationen zu anderen Entitäten stehen, sie sind vielmehr in Bezüge eingelassen, die Gelingens- und Widerfahrnischarakter haben. Aus solchen Bezügen, aus solchen ‚Spielräumen’ entscheidet sich für den einzelnen wie für die Menschen insgesamt ‚wer’ sie sind. Wenn wir jemanden fragen ‚wer bist du?’, dann fragen wir nicht nach seinen Genen, sondern nach seiner geschichtlichen Identität, über die er zugleich immer auch hinaus ist.

Gerade solche historisch geronnenen Identitäten dokumentieren Möglichkeiten des Menschseins in Alltag, Wissenschaft, Wirtschaft, Religion und Kunst. In dieser Dimension entfalten die Geisteswissenschaften ihre Fragestellungen, sie stehen im Dienste der Antwortarbeit auf die Frage ‚wer’ der Mensch ist. Diese Frage wird von den Life Sciences nicht gestellt und kann von ihnen auch nicht gestellt werden. Personalpronomen sind im Vokabular der Life Sciences amtlich nicht vorhanden.

Der Umstand, dass die Differenz von Sinn und Sein nicht erklärt werden kann, indiziert: Es gibt Verstehensgrenzen. Und das besagt: Der Mensch ist im Programm des Menschenmöglichen in eine Dimension hineingestellt, die kognitiv nicht ganz durchdringbar ist. Ein real unknown muss anerkannt werden. Dieses Wissen um ein reales Nichtwissen als Voraussetzung des Wissens ist der sokratische Adel des Menschen, wie ihn die Philosophie begreift.

 


Institutshomepage von Prof. Dr. Wolfram Hogrebe




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Kommentare

  1. Dieter Past Die vergessene Dimension - Zeit
    20.12.2007 | 09:21

    Kausalität ist immer abhängig vom vorher und nachher. Der Denkfehler vieler liegt meiner Meinung nach darin, dass bei der Betrachtung des Menschen, die Abhängigkeiten festgelegt werden. Die Biologie des Menschen wird durch Kultur verändert und ebenso verändert sich Kultur durch die Biologie. Nur eine ganzheitliche vierdimensionale Betrachtungsweise lässt Klarheit entstehen. Lösen Sie sich doch von Schubladendenken und Standesblickwinkeln. Nur wer den Menschen in seiner Gesamtheit betrachtet kann wie es schon die Logik zeigt deduktiv schließen. Und bekanntlich ist dies der einzig wirklich gültige Schluss.
    Wer meine Worte in einfacher, verständlicher Weise hören will, den lade ich ein meine Arbeitsblätter zu besuchen: http://www.dpast.de/arbeitsblaetter.htm
    Dieter Past

  2. Christian Weilguny Geist oder Materie?
    27.12.2007 | 22:17

    Es ist verblüffend, mit welcher Eintracht Geistes- und Naturwissenschaften einander gegenseitig zu ignorieren bereit sind, sobald die Gefahr einer Verbindung, bzw. einer Kontinuität vom einen (Natur-) zum anderen (Geist-) ruchbar wird.
    Natürlich ist der Status Quo mit der strengen Trennung der Disziplinen, sowohl vom Standpunkt der personellen Versorgung, als auch von der Komplexität des eignen Faches her durchaus von Vorteil.
    Andererseits wird seitens der Naturwissenschaften der Druck zur Zusammenführung, der etwa durch Disziplinen wie die Quantenmechanik auf die Vertreter der einzelnen Disziplinen ausgeübt wird immer größer.
    Es gibt sogar schon Fernsehsendungen, in denen Natur- und Geisteswissenschafter gemeinsam Themen gestalten, ein Vorgang, der noch vor 50 Jahren völlig illusionär gewesen wäre.
    Es stellt sich für mich die Frage ob es ausser den genannten (sehr menschlichen) Gründen auch übergeordnete Motivationen für diese argwöhnisch behütete Trennung gibt. Möglicherweise ist in folgendem Gedanken so etwas wie Erklärungspotential enthalten:
    1) Der Mensch kann prinzipiell alle Errungenschaften der Geisteswissenschaften ignorieren, ohne sich damit direkt in Gefahr zu begeben (gesellschaftlich und damit indirekt natürlich schon), aber die Naturgesetze kann man ohne direkte Gefahr für Leib und Leben nicht ignorieren.
    Ganz einfach ausgedrückt, ein Rassist zu sein ist prinzipiell nicht lebensgefährlich, aus dem 10. Stock zu springen jedoch schon.
    Das würde an sich für die Gültigkeit der Naturwissenschaften sprechen, andererseits haben die Geisteswissenschaften einen wesentlichen Vorteil: sie sind wesentlich unauffälliger politisch anwendbar. Zwar sprechen böse Zungen auch von einer zunehmenden Politisierung der Naturwissenschaften, aber hier sind natürliche Grenzen gesetzt.
    Die Geisteswissenschaften hingegen sind nahezu traditionell dafür geeignet, Macht und Machtansprüche zu begründen und durchzusetzen.
    Die erste Anwendung steht in der Bibel:
    Geht hin und macht euch die Erde und alles Getier und alle Pflanzen untertan
    (Die Erde ist gerade dabei, uns ihren Unwillen über diese Willkür kundzutun).
    Ja, um dem Einwurf zuvorzukommen, auch die Religion, gerade die Religion ist ein Teil der Geisteswissenschaften, wenn nicht sogar der Ursprung derselben.
    Nun ist es natürlich keineswegs richtig, die Geisteswissenschaften zu verdammen, da wir auf dieser Ebene genauso eine wissenschaftliche Identität brauchen, wie auf der Ebene der Naturwissenschaften.
    Man sollte nur endgültig damit aufhören, das eine neben das andere zu stellen und so zu tun als könne eines ohne das andere existieren.

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