Petition für freie, bessere Wissenschaftskommunikation
Heute ist auf den Seiten des Deutschen Bundestags eine Petition von WissensLogger Lars Fischer publiziert worden. Darin fordert Lars den Deutschen Bundestag auf zu „beschließen, dass wissenschaftliche Publikationen, die aus öffentlich geförderter Forschung hervorgehen, allen Bürgern kostenfrei zugänglich sein müssen.“ Das Argument ist denkbar einfach und hinlänglich bekannt: Die Allgemeinheit fördert die Forschung mit sehr viel Geld – derzeit rund 12 Milliarden Euro jährlich hierzulande. Da könne man von den Steuerzahlern nicht verlangen, hinterher auch noch dafür zu zahlen, die Ergebnisse dieser Forschung einzusehen. Das bestehende Publikationssystem sei geneigt, den „Bürger von der Wissenschaft auszusperren“, so Lars – und das sei „schändlich“.
Bei aller Freundschaft mit Lars – ich finde seine Petition undifferenziert, missverständlich
Zunächst einmal: Von was für einer Wissenschaftskommunikation ist hier die Rede? Welche kostenpflichtigen Zeitschriften, die man Lars zufolge freischalten solle, sind gemeint? Lancet, Nature und Science? Psychological Science und Sleep? Der Urologe? Die Proceedings der National Academy of Sciences? Oder sind auch Geo, Gehirn&Geist und Science Illustrated gemeint?
Dem Bürger, von dem Lars schreibt, ist sicher nicht damit gedient, dass die hoch spezialisierten peer-reviewed Journals der einzelnen Fach- und Forschungsbereiche im Internet frei zugänglich gemacht werden. Denn die Allgemeinheit würde die Inhalte eh nicht verstehen und sich schulterzuckend mit dem bestätigten Vorurteil abwenden, die Forscher machten ja doch, was sie wollen und ohnehin geheime Sache – und alle anderen müssten die Dinge dann ausbaden.
Selbstverständlich: Man kann dafür kämpfen, dass jeder die Publikationen für Fachleute, in denen die Wissenschaftler untereinander und füreinander kommunizieren, kostenfrei einsehen darf, Stichwort „Open Access“. Nützen wird es aber nur – anderen Fachleuten und nicht dem Steuerzahler.
Eine Forderung, dass alle „kostenpflichtigen Zeitschriften“, die über Wissenschaft berichten, grundsätzlich umsonst für jedermann zu sein haben, ist hingegen unsinnig. Denn wer „Spektrum der Wissenschaft“, die „Zeit“ (Ressort „Wissen“) oder „Bild der Wissenschaft“ liest, bezahlt auch für die wichtige Dienstleistung von Redaktionen, wissenschaftliche Erkenntnisse so aufzubereiten, dass nicht nur hunderte, sondern hunderttausende Menschen sie verstehen können. Und für eine in der Sache unabhängige Darstellung der Arbeit von Wissenschaftlern. Für diese Dienstleistung bezahlt die Allgemeinheit, anders als für weite Teile der Forschung, jedoch nicht. Daher könnte man auch nicht ernsthaft fordern, diese Art von Publikationen frei ins Netz zu stellen. Dem Wissenschaftsjournalismus wäre damit die geschäftliche Grundlage entzogen.
Ich vermute, dass Lars Fischer seine Petition auf Fachmagazine beschränkt, leider ohne dies explizit zu schreiben. Von daher ist meine Kritik in Bezug auf „populärwissenschaftliche“ Zeitschriften womöglich obsolet.
Der eigentliche Kritikpunkt kommt aber erst noch: Liegt es nicht auch an den Wissenschaftlern selbst (und nicht nur an den herkömmlichen Kommunikationswegen im Wissenschaftsbetrieb), dass ihre – weitgehend aus öffentlicher Hand geförderte – Forschung nicht an die Öffentlichkeit „zurückgegeben“ wird? Müsste nicht auch ein Aufruf an die Wissenschaftler ergehen, sich mehr zu bemühen, ihre Forschung transparent zu machen? Und zwar nicht für die lieben Kollegen im Nachbarlabor, sondern für verschiedenste allgemeine Zielgruppen: Laien, Patienten, Eltern, Lehrer, Jugendliche, Menschen vor Ort ... wen auch immer? Wenn man der Allgemeinheit zu ihrem Recht verhelfen will, Anteil zu haben an dem, was sie finanziert – müsste man dann nicht vielmehr die Forscher zum Bloggen, zur aktiven Mitarbeit an wikipedia, zum Erstellen besserer Institutswebseiten usw. aufrufen, anstatt die Wege, wie Wissenschaftler untereinander kommunizieren, auf eine neue Grundlage zu stellen?
Dann freilich müsste man die Wissenschaftler auch in der Ausbildung systematisch darauf vorbereiten – Stichwort „Medienpraxis“, „Wissenschaftskommunikation“.
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"Nützen wird es aber nur – anderen Fachleuten und nicht dem Steuerzahler."
Kostenlose oder zumindest billigere Fachzeitschriften nützen auch dem Steuerzahler. Denn der Zugang von Fachleuten zu den Produkten von Elsevier & Co. wird ja nicht von den Fachleuten selbst, sondern aus den steuerfinanzierten Haushalten ihrer Institute bezahlt.
Das heißt: von Steuergeldern bezahlte Wissenschaftler schreiben Arbeiten, für deren Nutzung dann andere Wissenschaftler ebenfalls Steuergeld an Verlage zahlen - das Jahresabonnement einer Fachzeitschrift kostet oft mehrere Tausend Euro, obwohl die Verlage in der Regel überhaupt keine nennenswerte Leistung erbracht haben. (Herausgeber und Referenten der Zeitschriften sind andere steuerfinanzierte Wissenschaftler. In früheren Zeiten bestand die Leistung des Verlages im Setzen des Artikels - das fällt heute aber weg, weil die Autoren ihre Artikel bereits fertig als pdf einreichen.)
Es gibt, zumindest in meinem Fach, Bestrebungen, Zeitschriften weg von teuren Verlagen hin zu Universitäten oder Fachorganisationen zu "verschieben", siehe http://www.scienceblogs.de/...he-zeitschriften.php.
Zum Beispiel ist das "Journal of Topology" vor 3 Jahren vom Elsevier-Verlag zur London Mathematical Society gewechselt, siehe Jumping Ship: Topology Board Resigns.
PS: Soweit ich weiß, geht es bei "Open Access" um Fachzeitschriften und nicht um das Wissensmagazin der ZEIT. Letzteres wird ja auch nicht aus Steuermitteln finanziert. Auch bei Lars Fischer ist ausdrücklich von wissenschaftlichen Publikationen die Rede.
Lieber Thilo,
zunächst einmal: Dein Argument sticht. Aber: Lars verwässert es in seiner Petition, zB mit diesem Satz: "Den meisten Bürgern ist der Zugang zu der von ihnen finanzierten Wissenschaft dadurch nicht nur erschwert, sondern de facto ganz verschlossen." Es geht also in der Petition explizit auch um die Möglichkeit, Anteil zu nehmen - und nicht nur um die finanzielle Belastung der Allgemeinheit.
Und genau das ist mein Punkt: Der Bürger hat nichts davon, wenn er die Beiträge aus "Current Biology" oder "Algebra Universalis" frei im Netz einsehen kann! Open Access nützt doch dem Laien nicht, der wissen will, welche Erkenntnisse mit seinen Steuern erzielt werden. Ihm würde viel mehr nutzen, wenn sich die Wissenschaftler auf seinem Niveau äußerten und ggf. sogar mit sich diskutieren ließen.
Damit hier kein Missverständnis aufkommt: Ich habe nichts gegen die Open Access Bewegung, ich finde die Petition allerdings undifferenziert. Freilich ist da von "wissenschaftlichen Publikationen" die Rede - und Eingeweihte werden verstehen, was er meint, wenn er von "wissenschaftlichen" und "kostenpflichtigen Zeitschriften" schreibt. Wer mit dem Publikatonssystem in der Wissenschaft aber nicht ganz so vertraut ist (und sind mit Sicherheit zB die meisten Bundestagsabgeordneten, also die eigentliche Zielgruppe der Petition), der könnte auch an andere, populäre Titel denken. Aber nichts für ungut. Diesen Einwand habe ich ja bereits in meinem Post (s.o.) relativiert.
Dennoch bleibt es dabei: Wer einklagt, dass die Steuerzahler gefälligst Zugang bekommen sollen zu den von ihnen finanzierten Arbeiten und Erkenntnissen, der sollte m.E. besser dies fordern: Wissenschaftler, die ihr mit "meinem" Geld haushalten dürft, verwendet gefälligst einen Teil Eurer Kapazität darauf, mir in einer für mich adäquaten Form zu berichten, was ihr da anstellt und herausfindet!
Und derlei Wissenschaftskommunikation geschieht eben nicht in Medien, für die sich die Open Access-Bewegung stark macht!
Liebe Grüße
Carsten
Moin Carsten,
ich bin mir nach deinem letzten Kommentar nicht ganz sicher, ob ich dich richtig verstanden habe: Du bist grundsätzlich für open access, und würdest also eine entsprechend formulierte Petition auch unterschreiben?
Dein Argument, dass die von Lars formulierte Petition eventuel bei der entsprechenden Zielgruppe missverstanden werden könnte, kann ich verstehen. Da bedarf es eventuell zuerst einer Erläuterung, wie denn Wissenschaft funktioniert.
Du sagst weiterhin, dass die Wissenschaftler mehr Anstrengungen investieren sollten, ihre Arbeit der breiten Öffentlichkeit verständlich zu machen. Diese Leistung erbringt aber doch gerade, z.B., der Spektrum-Verlag - eventuell auch wir blogger hier ;-). Ihr, als Spektrum Verlag, funktioniert quasi als eine Art Filter und bereitet Informationen/Wissenschaft so auf, dass sie einem breiteren Publikum verständlich ist. Das, was als Wissenschaflter relativ schwierig zu Papier zu bringen ist, ist die Faszination, den Spass an der Wissenschaft selber. Genau das kann man aber immer nur einem kleinen Kreis näher bringen, im Rahmen von Tagen der offen Türen, Schülerpraktika, Girl's day etc.
Was ich eigentlich sagen wollte: Freier Zugang zu den wissenschaftlichen Fachzeitschriften: ja. Trotzdem sind vermittelnde Informationskanäle in Form von kostenpflichtigen Zeitschriften wichtig, genauso wie die Möglichkeit zur direkten Kommunikation "des" Bürgers mit "dem" Wissenschaftler.
Hallo Alf,
sagen wir mal so: Ich begne der Open Access Bewegung mit Verständnis, vielleicht auch einer gewissen Sympathie, möchte mich aber vor keinen Karren spannen lassen.
Mir ist der andere Punkt wichtiger: Dass Wissenschaftler dem Bürger (genauer: verschiedensten Zielgruppen aus Nicht-Spezialisten) etwas "zurückgeben" in Form von guter Wissenschaftskommunikation.
Natürlich leisten hier bestimmte Zeitschriften und Zeitungen, auch einige Radio- und auch TV-Sendungen gute, wichtige Beiträge. In allen Büros auf unserem Flur wird z.B. darum gerungen :-)
Dennoch meine ich, dass Wissenscahftler eine aktivere Rolle in Sachen Kommunikation gegenüber Nicht-Spezialisten übernehmen müssen – weil sie es heute schlicht können. Sie brauchen keinen Sendemast mehr dazu und keine eigene Druckerpresse. Also: Keine Ausreden mehr!
Und hier geht es nicht darum, einen kleinen Kreis von "Laien" zu erreichen. Nein! Sondern viele kleine Kreise!
Ein Beispiel: Mit Spektrum der Wissenschaft erreichst Du derzeit ca. 400.000 Leser monatlich. Das sind übers Jahr vielleicht 500.000 verschiedene Leute, da die meisten ja Monat für Monat lesen.
Wenn 1000 Wissenschaftler halbjährlich je eine öffentliche Veranstaltung in ihrem Institut durchführen, zu der im Schnitt 100 Gäste kommen, dann bist Du schon in derselben Größenordnung. Und wenn diese 1000 Wissenschaftler jeweils einen Bereich auf ihren Institutswebseiten aufmachen, der "allgemein verständlich" erklärt, was er/sie macht, dann ist das ebenfalls eine Art, dem Bürger etwas zurückzugeben. Lass 10% dieser 1000 Wissenschaftler zu Bloggern werden, so kommst Du noch näher an die 500.000.
Der Wege, etwas "zurückzugeben", sind viele. Sie alle sollten beschritten werden - vor allem in Zeiten sich fragmentierender Zielgruppen.
Der Aussage, dass der Bürger nichts davon hat, wenn Publikationen einfach(er) und vor allem preiswert(er) verfügbar werden, weil der Inhalt ihm eh zu hoch ist, kann ich mich nicht anschließen.
Klar ist der Inhalt von "Lancet" dem Nicht-Mediziner zu hoch. Mir allemal. Aber dennoch habe ich und haben wir alle etwas davon, wenn die dort enthaltene Information allen Medizinern, vielleicht auch denen an nicht gut ausgestatteten Universitäten oder kleinen Praxen, zugänglich wird. Ich denke, ich muss nicht groß ausführen, wieso.
Das Beispiel Medizin habe ich gewählt, weil es da vielleicht am offenkundigsten ist, wo der allgemeine Nutzen frei ausgetauschter Information ist.
Dasselbe gilt aber auch in anderen Disziplinen in der einen oder anderen Form. Die Gesellschaft profitiert in vielerlei Hinsicht davon, wenn vor den Austausch von Informationen keine Barrieren aufgebaut werden, auch keine finanziellen.
Natürlich gibt es auch die redaktionelle Arbeit nicht umsonst. Das ist Aufwand, der sich in Qualität niederschlägt, und dieser Aufwand will bezahlt werden. Keine Frage.
Aber die aktuelle Situation im Wissenschaftsbetrieb, dass Autoren und auch Peer-Reviewer für ihr Paper nicht oder nun minimal entlohnt werden, wenn die Autoren nicht sogar noch dafür berappen müssen, in einem Blatt publizieren zu dürfen, dass der Markt an wissenschaftlichen Publikationen weithin von sehr wenigen Monopolisten beherrscht wird und dass dann auch noch die Leser zur kasse gebeten werden, und zwar nicht zu knapp ... das ist keine Konstellation mehr, die dem wissenschaftlichen Fortschritt foerderlich ist.
Wissenschaftliche Publikationen gibt es doch wohl, damit die Wissenschaft vorankommt, denn die beruht auf dem freien, schnellen und umfassenden Austausch von Informationen. Es ist nicht so, dass es die Wissenschaft gibt, damit sich für die Publikationen ein Markt eroeffnet.
Wir brauchen eine Bewegung in der wissenschaftlichen Publikationsbranche ähnlich GNU in der Software. Es wird zwar nicht einfach, sich gegen die Quasi-Monopolisten durchzusetzen, aber je länger man abwartet, desto schlimmer wird es.
Die Situation mit populärwissenschaftlichen Medien ist eine ganz andere und kann mit der bei den wissenschaftlichen Publikationen nicht gleichgesetzt werden, denn im Gegensatz zu den Fachpublikationen erbringen die Herausgeber der populärwissenschaftlichen Medien ja durchaus eine erhebliche Dienstleistung, die auch die entsprechende Entlohnung verdient.
Gute populärwissenschaftliche Artikel übersetzen die Fachsprache in die Sprache des Laien, die Autoren solcher Artikel müssen sich breit auskennen und den gegebenen Fall vor dem Hintergrund ihres eigenen Fachwissens interpretieren und gegebenenfalls relativieren. Das ist ein ganz anderer Sachverhalt als der bei technischen Fachpublikationen.
Derwegen ist mir auch nicht klar, wieso hier zwischen diesen in meinen Augen deutlich getrennten Sachverhalten ein Zusammenhang konstruiert wird.
In der Bibliothek der Universität Hannover kann sich jeder Bürger einen Bibliotheksausweis ausstellen lassen. Die Kosten kenne ich jetzt nicht, sollten aber nicht sehr hoch sein. Von den Computern der Bibliothek sind tausende von wissenschaftlichen Journals erreichbar. Ich verstehe die Problematik nicht ganz. Ein Zugang zu wissenschaftlichen Veröffentlichungen ist nicht wirklich schwer. An anderen Universitätsbibliotheken wird es ähnlich laufen. Zusätzlich stehen noch viele Lehrbücher bereit, um einige Themen genauer nachzulesen.
In Städten ohne Universität ist ein Zugang sicherlich schwerer, keine Frage, aber nicht unmöglich.
Volle Zustimmung zu ihren Ausführungen, vielleicht noch mit dem Zusatz, dass es dem Steuerzahler nicht allein nützt, wenn weniger von seinen Steuergeldern in die Kassen der wenigen großen wissenschaftlichen Herausgeber gehen (einer der Namen wurde schon genannt), insbesondere, weil die von denen erbrachte "Dienstleistung", bei der auch wirklich Kosten anfallen, in vielen Fällen minimal ist.
Es nutzt auch der Allgemeinheit, wenn die Forschung nicht durch finanzielle Barrieren behindert und der Informationsfluss aufgestaut wird.
Wenn schon in den Industriestaaten die Kosten für die Fachpublikationen als zu hoch empfunden werden, dann muss die Situation in armen Ländern mit ihrem zwangsläufig schlecht finanzierten Bildungssystem doch so sein, dass es da gar keine Frage ist: Den Zugang zur Fachpresse kann man sich schlicht nicht leisten und Schluss. Den dort Studierenden bleibt die Wahl, entweder eine zweitklassige Ausbildung zu akzeptieren oder mit allen Mitteln zu versuchen, sich anderswo bessere Ausbildungschancen zu verschaffen.
Es ist daher keine unzulässige Dramatisierung der Lage, wenn man sagt, dass die aktuelle Situation so ist, dass sie nicht nur der Wissenschaft nicht nützt, zumindest nicht so, wie es eigentlich moeglich wäre, sondern sogar dem freien Austausch von Wissen, dem kostbarsten Gut der wissensbasierten Gesellschaft Steine in der Weg legt und dann auch noch bestehende Ungleichheit und Ungerechtigkeit zementiert - und das ist sogar der schlimmste Effekt.
Spätestens an diesem Punkt muss selbst der Bürger, der nie eine wissenschaftliche oder technische Fachpublikation in die Hand nimmt, sagen: "Moment mal, das geht mich sehr wohl etwas an."
Lieber Herr Khan,
danke für Ihre Kritik, die ich berechtigt finde. Es gibt zweifellos einen MITTELBAREN Nutzen für Ottonormalbürger, wenn alle Fachleute ohne Barrieren an die Fachinformation kommen. An dem Beispiel mit den Medizinern wird das schön deutlich.
Dennoch bleibe ich dabei, dass die Petition nicht gut formuliert ist. Was manchem Insider als konstruierter Zusammenhang vorkommen mag, ist schätzungsweise genau das, was Ottonormal-Leser verstehen, wenn sie diese Petition lesen.
Denn dort wird nahegelegt, dass Ottonormalbürger UNMITTELBAR, durch direkte Einsicht in die Wissenschaft auf der Ebene von "Lancet" und Co., Anteil an deren Prozessen, an deren Erkenntnissen und Problemen haben könnte. Und das ist definitiv nicht der Fall.
Daher mein Vorschlag, vielleicht auch mal an die Wissenschaftler zu appellieren, mehr und besser zu kommunizieren, auf diese Weise etwas "zurückzugeben". Der Möglichkeiten dazu sind heute viele...
wird das Thema schon seit einiger Zeit diskutiert, z.B. http://golem.ph.utexas.edu/..._taxpayerfunded.html .
»Von den Computern der Bibliothek sind tausende von wissenschaftlichen Journals erreichbar.«
Warum nicht von zuhause aus? Von mir aus mit Bibliotheksausweis. Der dürfte auch jährlich 20 Euro kosten. Ich begreife nicht, wieso den Verlagen ein Schaden entstehen soll, wenn der interessierte Bürger, der ohnehin keine sauteuren Fachzeitschriften kauft, sich diverse Artikel ansieht oder auch herunterlädt. Ginge er in die Uni-Bibliothek, könnte er für ein paar Cent jeden Aufsatz kopieren. Sogar ohne Ausweis.
Sehr geehrter Herr Könneker
Hiermit spreche ich Ihnen die Urteilsfähigkeit ab darüber, was die Allgemeinheit verstehen kann und was nicht.
Daran würden auch noch so schöne Statistiken mit "Expertenmeinung" nichts ändern können.
Klicken Sie ruhig mal auf "About..." zum Beispiel bei http://citeseerx.ist.psu.edu/ , an diesem vorherrschenden Trend werden Sie nichts ändern können.
Und schon in wenigen Jahren werden Sie selbst über Ihren Artikel nur noch lächeln :)
MfG
@Balanus
Ehrlich gesagt, ist dies schon möglich. Über mein Benutzerkonto kann ich auch auf viele Journals zugreifen. Ich nenne nur beispielhaft Scopus und die dort verlinkten Journals. Ein Zugang scheint im Moment nur für Studenten der Uni Hannover möglich zu sein. Ich denke, da muss man auch geduldig sein. Es gibt da sicherlich einige technische Hürden. In einigen Jahren wird der Zugriff wahrscheinlich für alle möglich sein, die einen Bibliotheksausweis haben.
Immer nur fordern ist einfach, aber besonders in Universitäten können sich Entscheidungsprozesse auch über einige Monate oder Jahre hinziehen. Die technische Umsetzung ist dabei auch nicht gerade einfach. In fünf Jahren wird der Zugriff auf wissenschaftliche Artikel wahrscheinlich kein Problem mehr darstellen. Das Verständnis von Wissenschaft ist doch entscheidender.
Ich habe die Diskussion hier verfolgt. Die Petition fordert ja nicht eine Kostensenkung der Abogebühren für Journals, die hauptsächlich im Ausland publiziert werden, sondern ein kostenloser Zugriff auf wissenschaftliche Arbeiten, die von deutschen Wissenschaftlern geschrieben wurden. Für den interessierten Bürger in den Agglomerationen ist ein Zugriff auf diese aber schon Realität. Von daher verstehe ich die Petition nicht.
Das Problem ist doch eigentlich, dass der Zugang zu wissenschaftlichen Wissen mittlerweile recht schwer ist. Jede Fachdiziplin hat sich mittlerweile spezialisiert. Ein Zugang ist nur mit erheblichen Vorwissen oder Zeit möglich. Ich vermute, dass eine vollständiger Zugang zu wissenschaftlichen Wissen aller Fachdiziplinen nicht mehr möglich ist.
Es geht unter anderem gerade darum, daß den Universitätsbibliotheken horrende Kosten entstehen, weil Fachzeitschriften von einigen Verlagen zu grotesk überteuerten Preisen angeboten werden. Ich habe jetzt nicht die aktuellen Zahlen parat, aber es ist jedenfalls so, daß sich die Abonnementpreise bei von Wissenschaftsverlagen herausgegebenen Fachzeitschriften gegenüber den von Universitäten und Fachorganisationen herausgegebenen Fachzeitschriften oft um ein Vielfaches, manchmal einen Faktor 10 unterscheiden. Und das, wie gesagt, obwohl die meiste Arbeit, insbesondere die Qualitätskontrolle, nicht von den Verlagen, sondern innerhalb des Wissenschaftsbetriebs erledigt wird.
Es geht einfach nur darum, daß mit Steuergeldern finanzierte Forschung, wenn sie denn schon in einem kommerziellen Verlag veröffentlicht wird, jedenfalls zusätzlich auch noch (kostenlos) öffentlich zugänglich gemacht werden sollte. In den quantitativen Wissenschaften gibt es z.B. das ArXiv, wo bei Zeitschriften eingereichte Arbeiten kostenlos online gestellt werden können. Etwas ähnliches in der Medizin ist wohl PubMed.
Natürlich sind die Abogebühren für wissenschaftliche Journals sehr hoch. Aber die meisten Verlage befinden sich doch im Ausland. Was soll da eine deutsche Petition erreichen. Man stelle sich mal vor, wenn z.B. das indische Parlament fordern würde, die Abogebühren für Spektrum der Wissenschaft zu senken. Gut der Vergleich hinkt, das gebe ich zu.
Die Kostenfrage für wissenschaftliche Journals ist eine andere Diskussion. Ich kenne die Kostenstruktur dieser Verlage nicht, kann mir aber vorstellen, dass diese auch gewisse Aufwendungen haben, obwohl die Reviewer ihre Arbeit umsonst zur Verfügung stellen. Einige Journals haben zudem recht geringe Auflagen. Nach meinem Verständnis erklärt sich so, wieso es eine höhere Abogebühr gibt.
Elsevier, Sitz in Amsterdam, beispielsweise hatte 2006 ca. 7000 Mitarbeiter und verlegt ca. 2000 Journals.
Sehr geehrter Herr Witzel,
ich möchte nichts an einem Trend ändern. Jedenfalls nicht an dem, auf den Sie rekurrieren. Da missverstehen Sie mich.
Mein Anliegen ist es, die Kommunikation über Wissenschaft zu verbessern. Und da - das war die Stoßrichtung meines urspr. Beitrags - muss man eben auch die Wissenschaftler selbst in die Pflicht nehmen (und sie dabei unterstützen!), sich mehr einzubringen. Wenn Wissenschaftler mehr und besser kommunizieren, geben sie "dem" Bürger sehr viel zurück. Und das ist ja das basale Anliegen der Petition - auch wenn sie dafür einen anderen Weg vorschlägt (Open Access).
Ein erster Schritt in Richtung besserer Wissenschaftskommunikation wäre die Bewusstseinsschärfung dafür, dass es "die" Allgemeinheit, von der leider auch Sie schreiben, nicht gibt, wenn es um Kommunikation geht - ebensowenig wie "die" Öffentlichkeit. Wenn es um Kommunikation geht, gibt es viele verschiedene größere und kleinere Allgemeinheiten und Öffentlichkeiten.
Es gibt daher z.B. auch keine "allgemein verständlichen" Vorträge oder Bücher. Es gibt lediglich für bestimmte Zielgruppen allgemein verständliche Vorträge, Bücher, Zeitschriften etc.
Im Austausch gegen Ihren freundlichen Link empfehle ich daher auch Ihnen innerhalb meiner kleinen Serie “Wissenschaftskommunikation“ den Beitrag über Zielgruppen als Lektüre.
Beste Grüße
Carsten Könneker
Ich bin auch der Meinung, dass viele wissenschaftliche Ergebnisse "den" Bürger gar nicht interessieren, weil sie einfach zu speziell sind. Ich widerspreche dir aber mit Blick auf Review-Arbeiten, die speziell für ein größeres Publikum geschrieben sind.
Wenn man sich mal die neueren Ausgaben von Science oder Nature anschaut bzw. die expliziten Review-Magazine von Nature (z.B. N. Reviews Neuroscience), dann verschwimmen meines Erachtens oft die Grenzen zwischen Wissenschaft und Journalismus. Inzwischen wird vielen Beiträgen in den Magazinen ein Opinion- oder Perspective-Artikel an die Seite gestellt, in denen ein Forscherkollege die Funde für ein breiteres Publikum diskutiert. Viele Review-Artikel richten sich an ein Publikum über den Adressatenkreis der Fachkollegen hinaus. Da solche Review-Artikel (im Mittel) sogar häufiger zitiert werden als Originalarbeiten, nimmt ihre Häufigkeit zu.
Davon abgesehen will ich auch in einem für mich fremden Fachgebiet hin und wieder in einer Originalarbeit nachlesen, wenn mir ein journalistischer Bericht zu einseitig, reißerisch oder oberflächlich erscheint. Zugegeben, die Methoden verstehe ich dann gar nicht aber anhand der Interpretation und Diskussion gewinne ich doch ein Gefühl dafür, wie sauber die Wissenschaftler (und der Journalist) hier vorgehen.
Daher will ich es mit einem Konsensvorschlag versuchen: Einerseits stimme ich dir, Carsten, zu, dass Wissenschaftsjournalisten eine wichtige Funktion erfüllen und es zu begrüßen wäre, dass sich auch mehr Wissenschaftler um eine verständliche Darstellung ihrer Forschung bemühen (das müsste dann in ihren Lebensläufen auch anerkannt werden). Andererseits finde ich Larsens Argument aber auch zutreffend, dass die Forschungsergebnisse zumindest prinzipiell öffentlich einsehbar sein sollten, damit man sie im Einzelfall eben doch überprüfen kann. (Wie war das noch mit der Aufklärung?) Dass Wissenschaftler ackern, um ihre Arbeit (unbezahlt) durch andere Wissenschaftler begutachten zu lassen, damit diese dann in teuren Fachzeitschriften mit Profitinteresse (das gilt freilich nicht für alle Journals) veröffentlicht werden, erscheint mir unplausibel. Man möge sich nur mal die Quasi-Monopolstellung großer Verlage wie Elsevier vor Augen führen. Wie viel Gewinn machen die eigentlich?
Im Gegensatz zu Thilo bin ich aber auch der Meinung, dass nicht sämtliche Arbeiten, die bei einer Publikation anfallen, von den Wissenschaftlern selbst zufriedenstellend geleistet werden können. Es ist doch ganz gut, dass jemand, der etwas vom Publizieren versteht, da noch ein Auge drauf wirft.
Ich habe jetzt mal die Liste der Preise mathematischer Fachzeitschriften herausgesucht: http://www.math.uni-bielefeld.de/...BIB/index.html
(von 2008)
Um ein plakatives Beispiel herauszugreifen: allgemein gelten die "Annals of Mathematics" und "Inventiones Mathematicae" als die (in dieser Reihenfolge) führenden mathematischen Fachzeitschriften. Die "Annals of Mathematics" werden von der Princeton University Press herausgegeben und kosten 265 $, die "Inventiones Mathematicae" werden vom Springer-Verlag herausgegeben und kosten 3326 $.
Ein anderes Beispiel: das vom Elsevier-Verlag herausgegebene "Topology" kostet 1665 $, das von der Universität Warwick herausgegebene und auf dem selben Niveau stehende "Geometry and Topology" 380 $. Ähnlich sieht es auf anderen Gebieten aus.
@ Schleim: "Im Gegensatz zu Thilo bin ich aber auch der Meinung, dass nicht sämtliche Arbeiten, die bei einer Publikation anfallen, von den Wissenschaftlern selbst zufriedenstellend geleistet werden können. Es ist doch ganz gut, dass jemand, der etwas vom Publizieren versteht, da noch ein Auge drauf wirft."
Es gibt doch inzwischen genug Beispiele dafür, daß das gut funktioniert. Ich hatte oben schon "Annals of Mathematics" erwähnt - die gibt es seit dem 19. Jahrhundert, sie gelten seit ca. den 40 er Jahren als die weltweit führende Fachzeitschrift der Mathematik und sie sind mit keinem Verlag assoziiert - die Herausgeber sind Professoren der Uni Princeton, es gibt eine ausschließlich für diese Zeitschrift eingestellte Sekretärin und natürlich fällt auch in der Uni-Druckerei ("Princeton University Press") noch Arbeit an.
In den letzten Jahren sind viele weitere Fachzeitschriften außerhalb der Verlage entstanden und viele von denen sind sehr erfolgreich.
Teile der Diskussion gehen ziemlich am Thema vorbei. Die Frage, wie man Wissen popularisiert, hat mit der "Open Access"-Diskussion nichts zu tun. Bei "Open Access" geht es um den freien Zugang von Fachleuten und Studenten zu Fachinformationen und um das finanzielle Ausbluten der Universitätsbibliotheken. Niemand hat die Absicht, das Wissensmagazin der ZEIT zu verstaatlichen.
Sie meinen also: " dass Ottonormalbürger UNMITTELBAR, durch direkte Einsicht in die Wissenschaft auf der Ebene von "Lancet" und Co., Anteil an deren Prozessen, an deren Erkenntnissen und Problemen haben könnte ... ist definitiv nicht der Fall."
Haben Sie eigentlich eine Ahnung, wie tief man sich - etwas Grips vorausgesetzt - in ein Gebiet einarbeiten kann, das einen in irgendeiner Form interessiert oder gar betrifft? Hatten Sie z.B. schon mal einen krebskranken Angehörigen? Waren Sie schon mal schwanger mit Verdacht auf eine genetische Abweichung beim Fötus? Ahnen Sie auch nur ansatzweise, was man auch als Laie alles lernen und versehen kann, wenn es _wirklich_ drauf ankommt? Und wie verdammt frustrierend es ist, wenn man an die Quellen ums Verrecken nicht drankommt? Ich glaube nicht.
Was der Ottonormalverbraucher versteht, kommt natürlich ganz auf den Einzelfall an. Wichtig ist aber, daß er überhaupt erst einmal die _Möglichkeit_ hat, sich zu informieren - und zwar doch bitte ungefilitert an den Originalquellen. Darum geht es in der Petition.
Daß wissenschaftliche Texte oft sehr abgehoben wirken und die Kommunikation zwischen Wissenschaftlern und Öffentlichkeit verbessert gehört, steht auf einem ganz anderen Blatt. Das hat mit dem Hintergrund der Petition gar nichts zu tun. Dafür gibt's als Übersetzer aber auch immer noch die Wissenschaftsjournalisten, wie ja bereits in diesr Diskussion angedeutet wurde.
Gruß aus Dortmund von einer Volkswirtin, die mehr medizinische Publikationen versteht als Sie je für möglich halten würden. ;-)
@Thilo
Das sind ja schon gewaltige Preisunterschiede. In anderen Fachdiziplinen wird es wahrscheinlich ähnlich aussehen.
Ein Vergleich hinkt da aber ein wenig. Wie du ja schreibst, übernimmt die Uni sämtliche Kosten für den Druck und die Organisation der Journals. Verlage wie Springer und Elsevier müssen aber betriebswirtschaftlich arbeiten und werden nicht von Institutionen getragen.
Dennoch scheinen die Abogebühren bei Elsevier und Springer recht hoch zu sein. Elsevier hat 2006 einen Gewinn von ca. 500 Millionen Euro erwirtschaftet. Es stellt sich die Frage, ob ein wissenschaftlicher Verlag eine solche Gewinnmaximierung betreiben muss. Niedere Abogebühren während für die Forschung und die Allgemeinheit sicherlich sinnvoller. Vor allem auch fair gegenüber den Autoren und Reviewern, die die Beiträge kostenlos beisteuern. Von daher finde ich es sehr gut, dass sich auch alternative Journals bilden. Bei uns in der Geographie entstehen auch schon erste Journals, die von Universitäten herausgegeben werden. Diese Entwicklung ist sehr zu begrüßen. Schließlich wird der Wissenszugriff für Wissenschaftler immer wichtiger. Hohe Barrieren, wie z.B. gewaltige Abogebühren sind da nur hinderlich.
Ein Glück gibt es in den deutschen Universitätsbibliotheken ein funktionierendes Fernleihsystem. So ist auch ein Zugriff auf Journals möglich, die nicht von der eigenen Universität gelistet werden.
Eine spannende Diskussion, mit viel zu langen Kommentaren ;-)
Vielleicht kann man das Bisherige in etwa so zusammenfassen:
Es ist schwierig und vielleicht gar nicht sinnvoll, eine Grenze zwischen Fachmensch und interessierten Laien zu ziehen. Wenn also kostenlose Einsicht in Originalarbeiten steuerfinanzierter Forscher gewährleistet sein soll, dann bitte auch für alle Leser (Stichwort: Interdisziplinarität und Tranparenz der Forschung).
Es ist nicht ersichtlich, welche Leistungen Verlage erbringen, die lediglich eingereichte Arbeiten unredigiert sammeln und abdrucken. Solche Produkte gehören nicht in Verlagshand, sondern sollten von den Universitäten für die Allgemeinheit organisiert werden. Die originäre Leistung der Verlage ist die journalistische/redaktionelle Aufarbeitung von Wissenschaft. Dadurch entsteht ein Produkt mit einem Mehrwert, für das man natürlich Geld verlangen kann (und muss).
So sehe ich das, auch wenn das jetzt nicht viel kürzer geworden ist ;-)