Der Panther...
Klarer Fall: Ein überspannter Dichter, der den letzten Zoobesuch emotional nicht gut verkraftet hat. Wir sehen ihn, wie er eine schwarze Raubkatze in ihrem allzu engen Käfig beobachtet – und sensibel wie er ist, packt ihn das Mitleid, er greift zur Feder.
Klarer Fall? Von wegen!
Ein Gedicht, das unser Seelenleid seziert – das große wie das kleine. Der Panther von Rainer Maria Rilke.
Der Panther
Im Jardin des Plantes, Paris
Sein
Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
Es gibt Leute, die ganze Bücher über das
Burnout-Syndrom schreiben
http://www.spektrumdirekt.de/artikel/846912
Wozu? Es steht doch alles in diesen vier Zeilen.
Und dann:
Der
weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
Nun, da können wahrscheinlich einige von uns
nicken. Dieses Gefühl, sich im Kreise zu drehen, immer nur klein/klein, das
ständige Mahlen der Mühlen. Diese Ahnung, zu Größerem berufen zu sein. Mehr zu
können, wenn man uns endlich ließe...
Aber auch Rilke lässt uns nicht. Er lässt uns nicht in der Sicherheit, dass man
das ja alles kennt. Seine letzte Strophe geht viel weiter und schmerzt.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der
Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.
Diese Zeilen beschreiben für mich das Grauen der Depression. Das schwarze Loch in einem Selbst. Die Stille in einem, die ob der Anspannung schreien will – doch nichts kann heraus. Alles hört im Herzen auf zu sein und erdrückt innerlich.
Am schlimmsten ist es, wenn diese Krankheit eine Mutter nach der Geburt erfasst – und aus Mutterglück Mutterunglück wird.
Rilkes Bilder haben einen Weg nach draußen gefunden.



Ein sehr innerliches Gedicht. Die naive Frage ist nur, wer hat denn die Stäbe dem Panther vor die Schnauze gesetzt, die ihm den Blick auf die Welt verwehren? Er sollte sich nicht depressiv um seine Mitte drehen, sondern bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit den Stäbchenschiebern an die Gurgel gehen, auch auf die Gefahr hin, dass die Polizei ihn erschießt. So lebt er vielleicht kürzer, aber dafür psychisch gesünder.
Wäre ein kluger Rat, wäre nicht einjeder eines jeden Stäbchenschieber.
'Sein Blick ist vom Zeilenaufbau der Pixel
So müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist als ob es tausend Pixel gäbe
Und hinter tausend Pixeln keine Welt.'
Hier noch was zu Stefan Taubes Kommentar, dem ich vorbehaltlos beipflichte:
http://www.focus.de/...n-francisco_aid_230705.html
Das Gedicht ist bereits nett vertont worden, die Gruppe heißt m.W. Junge Dichter und Denker.