24. November 2007, 23:25
Heute ist Vollmond. Das aber kommt bekanntlich öfter vor und reicht
insofern nicht als Aufhänger, sich eingehender mit dem Erdtrabanten zu befassen.
Interessanter ist da schon, dass das Erde-Mond-Duo eine absolute Ausnahme im All darstellt.
Das hat mich dann schon dazu bewogen, in diesem Blog nach einem
Mond-Gedicht-Favoriten Ausschau zu halten. Gelandet bin ich am Ende
wieder am Anfang, beim Klassiker von Matthias Claudius. Sein
"Abendlied" gewinnt allein dadurch, dass ich es noch mag, nachdem ich - zumindest die ersten Strophen -
hunderte Male meinen Kindern vorgesungen habe:
"Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar;..."
Na, ganz so klar wie im 18. Jahrhundert prangen sie heute dank "Lichtverschmutzung", die ja eigentlich eher "Dunkelheitsverschmutzung" heißen müsste, dann doch nicht mehr....
"Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar"
Dieses
Phänomen - der weiße Nebel über den Wiesen - war mit eines der Dinge,
die mich dazu gebracht haben, Meteorologie zu studieren. Die das
Phänomen beschreibende Formel aber hätte mich dann fast aus der Prüfung
gekickt. Doch solch' dunkle Kapitel des Studiums vergisst man gerne.
Mit dem Vergessen geht es denn auch weiter:
"Wie ist die Welt so stille,
Und in der Dämmrung Hülle
So traulich und so hold!
Als eine stille Kammer,
Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt."
Und dann:
"Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn."
Dies ist meine Lieblingsstelle. Sie mir nur ein wenig verleidet, weil dieses
"Weil unsre Augen sie nicht sehn"
gerne von Esoterikern vereinnamt wird: Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde... und so weiter.
Ich denke schon, dass es noch manches gibt, was wir noch nicht sehen oder messen können - und vielleicht
fälschlich verlachen. Es kann aber nicht sein, dass das "Nicht sehen",
das "Nicht messen können" schon ein Gütesiegel an sich darstellt. Doch
da kann der gute Claudius nichts für. Er holt uns Menschen - und die
verbohrten allemal - in der nächsten Strophe vom hohen Ross:
"Wir stolze Menschenkinder
Sind eitel arme Sünder
Und wissen gar nicht viel;
Wir spinnen Luftgespinste
Und suchen viele Künste
Und kommen weiter von dem Ziel."
Die nächsten beiden Strophen lasse ich einfach mal so stehen -
die Eitelkeit und der Tod werden erst in einem der nächsten Posts zun
Thema:
"Gott,laß uns dein Heil schauen,
Auf nichts Vergänglichs trauen,
Nicht Eitelkeit uns freun!
Laß uns einfältig werden
Und vor dir hier auf Erden
Wie Kinder fromm und fröhlich sein!
Wollst endlich sonder Grämen
Aus dieser Welt uns nehmen
Durch einen sanften Tod!
Und, wenn du uns genommen,
Laß uns in Himmel kommen,
Du unser Herr und unser Gott!"
Am
Ende trumpft Claudius noch einmal richtig auf. Eigentlich ist er längst
schon beim Tod - also dort, wo alles irgendwie wurscht scheint. Und
dann reißt er das Ruder rum, und denk an unseren Nächsten, unsern
Nachbar:
"So legt euch denn, ihr Brüder,
In Gottes Namen nieder;
Kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott! mit Strafen,
Und laß uns ruhig schlafen!
Und unsern kranken Nachbar auch!"
"Und unsern kranken Nachbar auch!"
Das
ist Empathie, das ist Mitgefühl, das macht den Mensch zum Menschen. Es
sein denn, Sie sind Neurowissenschaftler. Dann sind das für Sie die
"Spiegelneuronen", die uns "den Anderen in uns" erkennen lassen.
Ist aber nicht schlimm, wenn man das auf Neuronen zurückführen kann. Hauptsache es funktioniert.
So wie ich den Mond, der groß am Horizont erscheint, auch dann noch genießen kann, wenn mir Anna Siever erklärt, das er nur größer erscheint - alles optisch getäuscht...
So. Und nun ist die Runde eröffnet. Prima Mondgedichte sind in den Kommentaren hoch willkommen.
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