Klima, Wasser, Untergang - von Mesopotamien bis Kopenhagen
Von Lars Fischer
Die Geschichte der Menschheit ist reich an Beispielen für Kulturen, die Jahrzehnte und Jahrhunderte lang florierten und dann auf einmal verschwanden. Städte und Dörfer wurden verlassen oder verfielen, die Bevölkerungsdichte ging drastisch zurück und manchmal änderte sich die Lebensweise: Aus Bauern wurden Hirten. Über die Ursachen dieser Kulturbrüche ist viel gestritten worden. Ging man früher auf der Basis der mageren Fundlage meist davon aus, dass viele verschiedene Faktoren zum Untergang beigetragen haben, vermutet man heute, dass in vielen Fällen abrupte Klimaänderungen der entscheidende Einflussfaktor waren. Zum Teil ist das natürlich eine Mode, aber in vielen Fällen stützen harte Daten diese Schlussfolgerung.Bis Mitte des 20. Jahrhunderts kam angesichts immer neuer Belege für untergegangene Hochkulturen die These auf, dass die Agrarproduktion eines Gebiets darüber entschied, welche Kulturstufe eine vorindustrielle Zivilisation erreichen und dauerhaft halten konnte. Nach diesem Bild entwickelt sich eine Hochkultur unter günstigen Bedingungen zur Blüte und fällt in sich zusammen, sobald sich die Bedingungen für Ackerbau verschlechtern.
Die Bedingungen, das bedeutet in vielen Weltgegenden vor allem das aus Niederschlägen zur Verfügung stehende Wasser, und das reagiert sehr sensibel auf Klimasignale. Wir wissen inzwischen, dass das Klima der 11000 Jahre seit dem Ende der letzten Eiszeit nicht so gleichförmig war wie lange vermutet, und seine Schwankungen dürften den Wasserhaushalt der Kontinente und damit die Entwicklung menschlicher Kulturen maßgeblich beeinflusst haben. Dafür sprechen auch archäologische Indizien.
Wasser ist Leben
Vor ein paar tausend Jahren zum Beispiel hatte sich in Südmesopotamien bereits eine städtische Kultur mit ausgefeilten Bewässerungstechniken etabliert: Die Uruk-Gesellschaft gründete eine Reihe Kolonien in den Randbereichen des Zweistromlandes. Vor gut 5000 Jahren allerdings gingen diese Neugründungen allesamt unter und hinterließen nur Ruinen. Grund war, vermutet man neuerdings, eine Jahrzehntelange Dürreperiode. Bald nach dem Ende von Uruk kehrte der Regen zurück und ließ für einige 100 Jahre neue Hochkulturen wie die Akkadier florieren. Bis eine weitere Trockenperiode ihren Anfang nahm, erkennbar sowohl durch mehr Staub in Meeressedimenten, Isotopenanomalien und natürlich dem Untergang der Akkadier und dem Alten Reich Ägyptens, von dem nur seine Pyramiden blieben.

Uruk - einst Stadt im blühenden
Garten Eden. Quelle: British Museum
Sollte uns das im Zeitalter des nächsten Klimawandels – diesmal selbst verschuldet und global – Sorgen bereiten? Wie weit die schicksalhafte Wechselbeziehung zwischen Mensch und Klima in die Vergangenheit zurückreicht, belegen Spuren aus dem Mesolithikum der Levante. Dort zwang der Beginn der Jüngeren Dryas – einer eiszeitlichen Trockenperiode – die dortige Natufi-Kultur vor knapp 13000 Jahren, das Leben als Jäger und Sammler aufzugeben. Die Natufis dürften vor allem ihre Lebensweise geändert haben. Als Kultur sind sie auch später jedenfalls noch nachweisbar, womit sie das früheste bekannte Beispiel einer erfolgreichen Anpassung an einen Klimawandel darstellen dürften.
Wegen solcher Anpassungsleistungen ist diese Beziehung natürlich deutlich komplexer als die über die Welt verstreuten Relikte untergegangener Zivilisationen auf den ersten Blick suggerieren. In den Anden trotzten um den Titicacasee fast zweieinhalbtausend Jahre lang stabile und gut organisierte Kulturen den widriger Bedingungen. Die Gegend liegt 4000 Meter über dem Meeresspiegel, ihre Böden sind dünn und Stickstoffarm und neigen zu Erosion und Versalzung. Regen fällt dort sehr unregelmäßig und Nachtfröste bedrohen die Feldfrüchte. Nimmt man die Bedingungen als Maßstab die zum Untergang von Uruk oder den Akkadiern führten, hätte dort nie eine Hochkultur entstehen dürfen.
Umgekehrt fiel auch diese Gesellschaft, die Dank hochentwickelter Methoden in derart widrigem Klima Landwirtschaft betreiben konnte, vergleichsweise kleinen klimatischen Schwankungen zum Opfer (pdf). Technische und gesellschaftliche Innovationen erlaubten hohe landwirtschaftliche Erträge in eigentlich für die Landwirtschaft schlecht geeigneten Gebieten, doch dann blieben die Niederschläge aus, erkennbar am sinkenden Wasserstand des Sees – und das war auch das Ende für die Landwirtschaft. Bis der Regen wieder kam, und mit ihm die nächste Kultur am Titicacasee: Die Inka.
Wasserverbrauch: Am Limit - und darüber hinaus
Auch heute ist Wasser für die Landwirtschaft die entscheidende Ressource geblieben, mit der der Ertrag steht und fällt. Wir können zwar gigantische Mengen Wasser quer durch ganze Länder leiten und hunderte Meter tief nach Grundwasser bohren, aber nach wie vor versalzt bewässerter Boden in Trockengebieten leicht und wird dadurch unfruchtbar. Ganz abgesehen davon, dass wir bis heute fast vollständig auf natürlich vorhandenes Süßwasser angewiesen sind – und von dem nutzen wir schon jetzt mehr als eigentlich zur Verfügung steht: Flüsse versiegen, ganze Binnenmeere trocknen aus und Grundwasserspeicher leeren sich rapide.
Neben den Regenfällen werden zwei weitere Einflüsse auf den Wasserhaushalt große Auswirkungen haben. Zum einen dürfte in Zukunft wesentlich weniger Schmelzwasser aus Gletschern zur Verfügung stehen. Dadurch schwanken die Wasserstände der Flüsse stärker: Eine Flut zur Schneeschmelze und dann erstmal gar nichts mehr, statt wie bisher ganzjährig kontinuierlicher Abfluss. Und da die Grundwasserspiegel weltweit sinken, dringt das Salzwasser ins Landesinnere vor, heute schon in Bangladesh gut zu beobachten.
Für uns im regenreichen Mitteleuropa ist das Thema offenbar zu unspektakulär – warum sonst wird die ganze Zeit vom steigenden Meeresspiegel geredet, oder von Hitzewellen und stärkeren Stürmen? Wenn nicht gar von der wie auch immer gearteten globalen Apokalypse. Darunter machen wir es nicht. Aber eigentlich ist die Lektion, die uns Sorgen bereiten sollte, seit Jahrtausenden die gleiche: Das Wasser bleibt weg und die Zivilisation bricht zusammen. Glücklicherweise bedeutet Klimawandel nicht, dass der Regen per se ausbleibt. Nach dem, was wir nach den ersten paar Jahrzehnten sehen können, reagieren die Niederschläge regional unterschiedlich auf die Erwärmung, mit tendenziell mehr Wasser in höheren Breiten und weniger in den Subtropen. Die gute Nachricht ist also, dass ein klimabedingter Kollaps der landwirtschaftlichen Produktion nach historischem Muster nicht global stattfinden wird. Ob das tröstlich ist, hängt natürlich davon ab, wo man wohnt…
Veränderung der Niederschlagsmengen seit 1976. Quelle: Walther et al., Nature 416 (2002), 389.
Im Nordwesten Indiens zum Beispiel gehen die Niederschläge schon länger zurück (siehe Grafik oben) und der Grundwasserspiegel sinkt drastisch. In den betroffenen Gebieten leben mehr als 200 Millionen Menschen, und wenn die sich nicht mehr selbst versorgen können, dann haben auch die 1000 Millionen Menschen drumherum ein Problem. Die Bedingungen für Landwirte dort werden zunehmend schwieriger, und langfristige Besserung ist kaum in Sicht.
Wie verwundbar sind wir wirklich?
Es ist ziemlich riskant davon auszugehen, dass wir dank Technik und globaler Vernetzung prinzipiell weniger verwundbar wären als frühere Hochkulturen. Sicher, wir kennen haufenweise theoretische Möglichkeiten, lokale Folgen des Klimawandels abzufedern. Aber inwiefern die uns wirklich helfen werden, steht in den Sternen. Ich wage zu bezweifeln, dass wir deutlich mehr Luft nach oben haben als, sagen wir, die Akkadier, zumal wir unsere technischen Neuerungen bereits bis zum Anschlag ausreizen und zusätzlich eine wesentlich dichtere Besiedlung ernähren müssen. Außerdem waren die alten Hochkulturen ja nicht dümmer als wir. Es ist unwahrscheinlich, dass die Indios am Titicacasee mit ihren ausgefeilten Agrartechniken beim Ausbleiben des Regens fröhlich und unbedarft weitergewurschtelt haben bis die Kornspeicher leer waren, um dann blöd zu gucken und alle zu sterben (andererseits – cleverer als wir waren sie sicher auch nicht. Vielleicht hatten sie ihre eigenen Kopenhagen-Konferenzen, auf denen sie sich jahrelang gegenseitig erzählt haben, wie dringend sie ein neues Wassermanagement bräuchten…)
Wie wenig wir unsere enormen technischen und organisatorischen Möglichkeiten tatsächlich nutzen, um Probleme zu lösen, sehen wir schon heute am Thema Welternährung. "Nur" ein Verteilungsproblem – aber wir kriegen es nicht gebacken. Desgleichen bei tropischen Krankheiten wie Malaria oder HIV: Die Menschheit als solche hat die Möglichkeit, etwas dagegen zu tun, nur tut sie es eben nicht effektiv. Weshalb das bei den regionalen Folgen des Klimawandels anders sein sollte, erschließt sich mir nicht.
Nur weil in absehbarer Zeit keine kinotaugliche weltweite Apokalypse in Aussicht steht, sind die Verhandlungen in Kopenhagen noch lange nicht nutzlos. Die Delegierten in Kopenhagen sind nicht dort um die ganze Welt vor dem nahenden Untergang zu retten, sondern um regionales Chaos zu bekämpfen, wie es in der Menschheitsgeschichte immer wieder mit sich wandelndem Klima verbunden war. Je geringer der Klimawandel, desto geringer die Folgen, das ist die Hoffnung. Denn schon dabei stehen heute hunderte von Millionen Menschenleben auf dem Spiel. Nordindien ist nur einer der Brennpunkte. Und einen Hauch von Apokalypse hat das Wasserproblem dort auch zu bieten: Indien und Pakistan besitzen zusammen ein paar Dutzend Atombomben. Man sollte nicht annehmen, dass die unberührt in den Ruinen eines regionalen Zusammenbruchs liegenbleiben würden.





Sehr schöner Beitrag! Vielleicht sollte die Menschheit, in Zeiten der Globalisierung, nicht nur wirtschaftlich enger zusammenarbeiten sondern auch klimatechnisch. Kopenhagen ist wohl ein Anfang, leider lehnen viele Leute Klimaschutzmaßnahmen per se ab. Der Grund ist sicher, dass man um seinen gewohnten Lebensstil fürchtet. Auch im Hinblick auf den Anstieg der Erdbevölkerung, können wir so nicht weitermachen. M.E. wäre schon ein Stück geholfen, wenn wir wieder bewusster mit unseren Ressourcen umgingen. Verschwendung als Lebensstil sollte der Vergangenheit angehören. Wie im untenstehenden Link zu lesen, landet ein Großteil der produzierten Lebensmittel im Müll.
http://www.heise.de/tp/blogs/2/146623
Klimaschwankungen sind einer von fünf Faktoren, die Jared Diamond in seinem Buch „Kollaps“ für den Niedergang von Zivilisationen identifiziert. Die anderen vier stimmen einen auch nicht gerade optimistisch: Umweltschäden (die durch Klimawandel noch verstärkt werden), feindliche Nachbarn (bekommen wir noch viel mehr, wenn große Teile der Erde unbewohnbar und Rohstoffe knapper werden), Wegfall von Handelspartnern und vor allem falsche Reaktionen der Gesellschaft auf Veränderung (oft ein Abstreiten der Veränderung, so wie wir es beim Klimawandel deutlich sehen).
Vielleicht interessant zum Thema:
"Global climate change, war, and population decline in recent human history"
http://www.pnas.org/content/104/49/19214.long
" ... analyses show that cooling impeded agricultural production, which brought about a series of serious social problems, including price inflation, then successively war outbreak, famine, and population decline successively. The findings suggest that worldwide and synchronistic war–peace, population, and price cycles in recent centuries have been driven mainly by long-term climate change."