Food for the World - heute und im Jahr 2050
Ich fahre gerne auf den Hügel. Das liegt daran, dass das EMBL (kurz für European Molecular Biology Laboratory) halb im Wald versteckt auf dem Königstuhl gebaut ist, einem stadtnahen Berg. Im hübschen Auditorium dieser Forschungsinstitution, die sich in Europa auf fünf Standorte verteilt, wird jeden Herbst zu einer Tagung geladen, die „Science and Society“ adressiert und sich jedes Mal ein bedeutendes Thema auswählt. Eingeladen werden Topreferenten aus der ganzen Welt.
Das ist wunderschön und umso bedauerlicher, da dieses Ereignis leider kaum die Öffentlichkeit erreicht und also im Verborgenen blüht. Man habe halt nicht genügend Mittel für die Öffentlichkeitsarbeit, meint der Generaldirektor im Gespräch. Aber, man muss es leider sagen, das Thema „Sustainability and Plant Science – a global Challenge“ ist auch keines, das Journalisten oder die Öffentlichkeit vom Hocker reißt. Die arme Pressesprecherin „telefoniert sich die Finger wund“, aber die Medien bleiben weitgehend fern.
Bei „Spektrum“ geht es uns kaum besser. Wenn wir in der Redaktionskonferenz über solche Themen diskutieren, dann sind uns immer zwei Dinge klar: Zum einen geht es um Probleme, die, oft auf dramatische Weise, große Teile der Menschheit betreffen und also unser aller Zukunft. Zum andern lehrt die Resonanz unserer Leser: So genau wollen es viele doch nicht wissen. Doch da geht es uns wie mit allen großen Problemen: Wer sie ignoriert, fällt ihnen zum Opfer. Auch wenn die öffentliche Resonanz auf die EMBL-Tagung klein blieb – es geht buchstäblich um die Zukunft der Menschheit!
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| Pflanzengenetikerin Pamela C. Ronald |
Von was zum Beispiel sollen im Jahre 2050 geschätzte neun Milliarden Menschen sich ernähren? Hermann Bujard, Direktor der EMBO (die European Molecular Biology Organization ist eine mit dem EMBL verschwisterte Vereinigung zur Forschungsförderung) gibt selbst die Antwort: „Die Nahrung wird anspruchsvoller – mehr Fleisch und weniger Getreide.“ Und das ist keine gute Nachricht, wird doch für jede Kalorie Fleisch über zehnmal so viel Energie eingesetzt wie für eine pflanzliche Kalorie. Jedem ist klar, dass nutzbares Ackerland sowie Wasser begrenzt sind, und schließlich wird der Klimawandel diese „Endlichkeit“ noch verschärfen – nutzbare Landflächen werden sogar schrumpfen.
Dabei hat die so genannte grüne Revolution in den letzten Jahrzehnten bereits einen schier unglaublichen Wandel in der Herstellung von Lebensmitteln erzielt. Sowohl durch Züchtung als auch genetisch verbesserte Pflanzen steigerten sich die Erträge um Größenordnungen; daneben wurden die Bewässerungssysteme optimiert, Pflanzenkrankheiten und Parasiten zurückgedrängt.
Es sind diese Fortschritte, welche die Menschen weitgehend vor Hunger bewahrten – jedoch auf Kosten von Umwelt und Biodiversität. „Die Artenvielfalt wurde reduziert, bei Fliegen und Vögeln, aber auch bei den landwirtschaftlichen Nutzpflanzen selbst.“ Den Anbau dieser Pflanzen in ein umweltverträgliches Wirtschaften umzuwandeln, das sei eine „unglaubliche Herausforderung“, meint auf der Tagung Pamela C. Ronald. Die drahtige Pflanzengenetikerin von der University of California, Davis bringt sogleich ihr eigenes Privatleben ins Spiel: Verheiratet sei sie nämlich mit Raoul Adamchak, mit dem zusammen sie das Buch „Tomorrow’s Table: Organic Farming, Genetics, and the Future of Food“ publiziert hat. Das Pikante daran: Adamchak ist einer der „organic farmers“ und die stellen in den USA so ziemlich die größten Gegner aller Pflanzengenetiker und Pestizidbefürworter (siehe auch Ronalds Blog unter http://pamelaronald.blogspot.com/).
Aber wo sich Liebe mit Verstand mischt, scheint offenbar vieles möglich. Und so nimmt sich die Forscherin das Problem vor, mit dem Kalifornien gerade zu kämpfen hat: Pestizide! Der US-Bundesstaat produziere allein die Hälfte allen Obsts und Gemüses der USA. Aber auch wenn in den letzten zehn Jahren der US-Einsatz von Pestiziden konstant geblieben sei, so gingen doch jährlich drei Millionen Vergiftungen auf deren Kosten. Langfristig stürben zehn Prozent der Erkrankten, etwa durch Prostatakrebs und Alzheimerkrankheit. Zudem werden Düngemittel vom Regen ausgewaschen und verändern küstennahe Ökosysteme.
Aber bietet organic farming die Rettung vor hemmungslosem Chemieeinsatz? Immerhin setzen diese Landwirte, berichtet Ronald, 97 Prozent weniger Pestizide ein. Doch ihr Marktanteil erreicht keine drei Prozent. „Einige Pflanzenkrankheiten sind damit jedoch nur schwer einzudämmen.“ Hier schlägt die Stunde der Molekularbiologie. Mit so genanter Präzisionszüchtung entwickeln sie Artvarianten, die von Parasiten und Krankheiten nicht angegriffen werden und idealerweise zugleich höhere Erträge liefern.
Ohne solche Nutzpflanzen wird es nicht gelingen, sagt Pamela Ronald, die Produktivität der Landwirtschaft bis 2030 zu verdoppeln. Das aber werde nötig sein, allein bedingt durch das Wachstum der Bevölkerung. Außerdem: Derzeit sind eine Milliarde Menschen unterernährt, alles geeignete Land ist bereits landwirtschaftlich genutzt. Der Wasserverbrauch wird in zwanzig Jahren um ein Drittel gestiegen sein, 67 Prozent der Steigerung werden von der Landwirtschaft aufgezehrt werden. Die schlimmste Zahl ist vielleicht diese: Derzeit gehen 30 bis 40 Prozent der weltweiten Ernten durch Umweltstress und Krankheiten verloren.
Ist „genetic engineering“ (GE) darauf die Antwort? In Europa und insbesondere Deutschland ist GE-Food beziehungsweise sind Genetically Modified Organisms (GMO) für viele Umweltbewegte ein Werk des Teufels. Zu unsicher seien die Laborzüchtungen, in die Biosphäre würde in irreversibler Weise eingegriffen, mit möglicherweise katastrophalen Schäden. Entsprechend restriktiv werden selbst entsprechende Forschungen reguliert. Doch in den USA ist man auf diesem Gebiet offenbar liberaler – und schätzt die Chancen höher ein als die Risiken. Um ihre GMO-Pflanzen in Freilandversuchen zu testen, gehen britische Forscher schon längst in die USA.
Die Sicherheitsfrage von GMOs bewegt auch Pamela Ronald. Beispiele hat die Kalifornierin parat: Papayas, Reis und Bananen.
Papayas: Der „Papaya Ringspot Virus“ schädigt die Obsternten in fast allen südlichen Ländern. Auf Hawaii gelang es Denis Gonsalves 1995, eine gegen diese Krankheit resistente Papayasorte zu entwickeln. Sie wird inzwischen auf der Insel von Landwirten kommerziell eingesetzt.
Reis: Viele der Pflänzlinge gehen zugrunde, wenn sie ganz unter Wasser geraten, etwa durch Regenfälle oder Überschwemmungen. Seit eine genmodifizierte Reisart Überflutungen standhält, stieg in einigen Gebieten von Bangladesch und Indien, wo sie bereits verwendet wird, die Ernte um das Sechsfache.
Bananen: Im Welternährungskontingent rangieren die gelben Früchte auf dem 4. Platz – nach Reis, Getreide und Mais. Es sind, wie der Pflanzenzüchter Sir Peter Crane von der Yale University weiß, einfach „zu wenige Formen von zu wenigen Arten“, auf die sich die Landwirtschaft heute stützt. Wie die Food and Agriculture Organization der UN feststellte, sind im letzten Jahrhundert etwa drei Viertel aller Nutzpflanzenarten verloren gegangen – eine gefährliche Situation. Darum wird eine stabile Ernährung künftig nur mit einer reichhaltigeren Biodiversität möglich sein.
Peter Crane weist auch auf die weltgrößte Samenbank hin, das „Millenium Seed Bank Project“. 25 000 Pflanzenarten werden im englischen West Sussex tief gefroren aufbewahrt – einmal dort und jeweils auch im jeweiligen Ursprungsland. Im Oktober erreichte diese Arche Noah ihr Ziel, zehn Prozent aller bekannten Wildpflanzenarten aufzubewahren. Auch lagerten die Bioarchivare dieses Jahr das geschätzte einmilliardste Samenkorn ein. Auf Spitzbergen ist im letzten Jahr eine noch größere Samenbank eingerichtet worden. In deren Katakomben sollen in den kommenden Jahren Samen von mehr als vier Millionen Pflanzen wie Reis, Mais, Bohnen und Kartoffeln eingefroren werden.
In solchen wie noch weiteren Archiven weltweit wird das biologische Gedächtnis der Biosphäre angelegt, so, als drohe demnächst der Atomschlag. Aber auch wenn es alarmistisch klingen mag: Bei dem Tempo, mit dem die Artenvielfalt seit Jahren schrumpft, in der Landwirtschaft zusätzlich verschärft durch Fokussierung auf ganz wenige Sorten, ist die Welt davon nicht so weit entfernt. Auch wenn es nicht kracht, können, wenn wir nicht intervenieren, die Folgen katastrophal sein.


