wissenslogs Forschern auf der Spur

Falling Walls

von Reinhard Breuer, 25. November 2009, 13:56

Der 20. Jahrestag des Mauerfalls von Berlin ist schon wieder eine Weile her. Es scheint fast, je größer ein Ereignis begangen wird, desto schneller wird es kurz danach von der Vergangenheit verschluckt. An dem Tag voller Erinnerungsakte trafen sich in Berlin auch 24 Top-Forscher, die zeigten, wo in nächster Zeit Durchbrüche zu erwarten sind.

Tatort war der Industriebau eines ehemaligen Wasserpumpenwerkes (beim Ostbahnhof), auf dessen Bühne sonst Musik und Ballett dargeboten werden. Kein schlechter Platz, einer ganzen Riege von Topwissenschaftlern die Bühne freizumachen - in Kurzvorträgen à 15 Minuten, gebündelt zu sechs Themenkomplexen.

Das konnte eigentlich, fand ich, nur schief gehen! Kein Promi, der was auf sich hält, lässt sich daran hindern, seine Redezeit wenigstens um zehn Minuten zu überziehen. Weit gefehlt! Dank einer cleveren Idee der Veranstalter klappte es dann dennoch. Jedesmal nach Ablauf der Zeit trat ein Pantomime auf die Bühne, und zog die Aufmerksamkeit auf sich - fegte den Boden, überreichte eine Blume oder schaute nur merkwürdig. Danach räusperte sich eine Stimme aus dem Off und sagte leicht ungnädig: "This is all very interesting, but your time is over!"

Solche Tricks halfen vorzüglich, die Zeitdisziplin einzuhalten - mit Ausnahme bei einem Althistoriker. Als dessen 15 Minuten um waren und der Pantomime zu stummen Scherzen ansetzte, schaute der Forscher nur nervös, fand aber dennoch keinen Schluss. Stattdessen - las er einfach schneller, und pflügte unerbittlich durch die letzten Seiten seines ausformulierten Manuskriptes. Auch Angela Merkel war übrigens gekommen, hatte sich vom Festtagsgetümmel losgerissen und fand freundliche Worte über die Vorbildfunktion von Wissenschaft und Wissenschaftlern.

Paläoanthropologe Michael Brunet
Wenn einer den gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Affe findet, dann er: der Paläoanthropologe Michael Brunet.

Doch es ging ja um Themen, und was für welche! Vom Urmenschen zum Urknall sozusagen, dazwischen die Menschheit mit Krankheiten, Lernproblemen und Epidemien. Wo liegen die Wurzeln des modernen Menschen? Allein in Kenia und Äthiopien, also entlang dem ostafrikanischen Riftvalley? "Stimmt nicht!", rief stimmgewaltig der Paläoanthropologe Michel Brunet. Im Jahre 2002 war dem Franzosen und seinem Team nämlich eine sensationelle Entdeckung gelungen: der Fund eines Urmenschfossils mitten im Tschad, 1500 Kilometer westlich des Rift Valley, nach seinem Fundort Toumai genannt oder auch Sahelanthropus. Damit hatte sich das Paradigma erledigt, dass Hominiden allein in Ostafrika zu finden seien. Mit einem Alter von sieben Millionen Jahren - damals herrschte das späte Miozän - handelt es sich bei dem Relikt nach seiner Meinung womöglich um das bisher älteste entdeckte Glied im menschlichen Stammbaum.

Toumai-Schaedel
Für sein Alter hat er sich gut gehalten: Mit sieben Millionen Jahren ist der Toumai-Schädel das möglicherweise älteste Relikt aus dem menschlichen Stammbaum.
"Wir rechnen mit Urmenschenfunden in ganz Nordafrika", meint Brunet, "wir haben sie nur noch nicht entdeckt." Der Mensch kam nicht nur aus Kenia. Inzwischen sucht er die nächste "Mauer": den gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Affe. Wenn einer ihn findet, dann Michel Brunet.

Auch Martin E. Schwab kippt Dogmen, darunter dasjenige, dass ein durchtrenntes Rückenmark nicht mehr zusammenwachsen kann. Jährlich werden allein in Deutschland 2000 Menschen neu querschnittsgelähmt. Meistens sind es jüngere Menschen, die ihre Verletzung im Verkehr, beim Sport oder in der Arbeit erleiden.

Neurowissenschaftler Martin E. Schwab
Könnte er Gelähmten wieder das Laufen ermöglichen? Der Neurowissenschaftler Martin E. Schwab forscht an verletzten Nervenverbindungen.
Der Schweizer Neurowissenschaftler untersucht schon lange die Faktoren, die verletzte Nervenverbindungen daran hindern, sich wieder selbst zu reparieren. Wie er an geheilten Ratten im Video vorführt, ist Querschnittslähmung vielleicht kein unabänderliches Schicksal mehr. Wenn diese Forschung einmal den Menschen erreicht - das wäre mehr als nur ein Durchbruch für die Forschung.

Was der Friedensnobelpreisträger von 2006, Muhammad Yunus, für die Armutsregionen dieser Welt losgetreten hat, ist vielleicht noch gar nicht wirklich abzuschätzen. Jedenfalls treibt er - mit unglaublichem Charme und Charisma - eine weltweite Entwicklung voran, nicht nur in Bangladesh, seinem Herkunftsland, auch in Großstädten des Westens wie etwa New York. Yunus erhielt seine Ausbildung als Volkswirtschaftler in den USA, dann wurde er zuhause Professor. Etwa um 1976 kam ihm dann die Idee seines Lebens: Mikrokredite. Yunus begann, mittellosen Menschen Kleinstdarlehen zu geben, vielleicht 27 Dollar, für die er zunächst selbst gegenüber der Bank bürgte.

Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus
Der Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus sieht einem Klischee-Banker so gar nicht ähnlich. Mit Kleinstkrediten hilft er mittellosen Menschen.

Dann gründete er seine eigene "Grameen Bank" (Grameen heißt Dorf) und setzt mit dieser und ähnlichen Institutionen heute hunderte Millionen Dollar jährlich um. Seine Mikrokredite werden zu 98 Prozent zurückgezahlt, davon träumen "normale" Banken! "Die Leute fragen mich", erzählt er vergnügt in Berlin, "was mein Erfolgsgeheimnis ist. Ganz einfach, sage ich darauf - ich tue einfach das Gegenteil, was die westlichen Banken tun: Ihr gebt nur den Reichen, denn nur die bieten Sicherheiten; ich gehe zu den Armen, die haben gar nichts. Ihr geht in die Städte, ich gehe aufs Land. Ihr geht zu den Männern, ich verhandle fast nur mit Frauen. Ihr beschäftigt Unmengen von Anwälten, ich verzichte auf Anwälte, es gibt keine Verträge. Ihr seid selbstbezogen, wir tun etwas ausschließlich für andere." Was kann man mit Kleinstkrediten schon ausrichten? In diesen Ländern, wie Bangladesh, Afrika oder Indien, sehr viel! Es öffnet einer Familie über eine kleines "business" den Weg aus der Armut. "Social businesses" (Sozialunternehmen) nennt Muhammad Yunus seine "Firmen". Die entstehen immer häufiger auch in Kooperation mit westlichen Unternehmen. Die geben ihr Knowhow, entwickeln und produzieren Produkte zu extrem niedrigen Kosten und Preisen, verzichten auf Werbung und Marketing. Mit Danone, dem Schweizer Konzern für Milchprodukte, gründete er eine Grameen-Firma, die in Bangladesh inzwischen Joghurts produziert. Diese sind nicht nur für Arme erschwinglich, sondern enthalten auch Zusatzstoffe wie Zink, Eisen, Vitamin A. Jedes der zahllosen mangelernährten Kinder, das zwei Mal wöchentlich dieses Joghurt ein halbes Jahr lang erhält, verliert seine Mangelsyndrome. Danone bekommt seine Investitionen zurück, aber wird an dem Projekt keinen Cent verdienen.

Gerade verhandelt Yunus mit der Schuhartikelfirma adidas. Ab dem nächsten Jahr werden mit ihrer Hilfe in Bangladesh Schuhe für einen Dollar produziert. Sind das nicht Luxusgüter?, fragt Yunus und antwortet selbst. "In diesen Ländern leider nicht. Zahllose Parasiteninfektionen wie die Schistosomiasis lassen sich mit gutem Schuhwerk verhindern." Wenn das kein Durchbruch wird!



Reinhard Breuer

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