Die mühelose Berechnung von Max Planck
Dass Max Plancks Geburtstag bereits über 150 Jahre zurückliegt – Ende April gedachte die nach ihm benannte Gesellschaft in Berlin in einem Festakt dieses Ereignisses –, lässt mich fast erschauern. Und dieser Feierstunde im wunderschönen schinkel-klassizistischen Konzerthaus am Gendarmenmarkt gelang es trefflich, Plancks Geist beinahe wiederauferstehen zu lassen. Auf den 14. Dezember 1900 wird er datiert, der Tag seines Vortrags: Es ist der Gründungstermin der Quantenphysik. In den Verhandlungen der Deutschen Physikalischen Gesellschaft publizierte Planck nicht nur seine berühmte Formel zur Abstrahlung eines Schwarzen Körpers, er postulierte darin auch eine neue Naturkonstante, das später nach ihm benannte "Wirkungsquantum".
Es entspricht ganz dem Ton Theoretischer Physiker, wenn Planck, kurz bevor die Strahlungsformel auftaucht, schreibt:
Es würde nun freilich zu umständlich sein, die angegebenen Rechnungen wirklich auszuführen, obwohl es gewiß nicht ohne Interesse wäre, an einem einfachen Fall einmal den so zu erreichenden Grad der Annäherung an die Wahrheit zu prüfen. Viel direkter zeigt eine allgemeinere, genau an Hand der gegebenen Vorschriften ausgeführte, durchaus mühelose Rechnung, daß die auf solche Weise bestimmte Energieverteilung im durchstrahlten Medium dargestellt wird durch den Ausdruck ... (Hier folgt die Strahlungsformel.)
"A straightforward, but tedious calculation easily shows ..."
Daran ist einiges bemerkenswert: Einmal der Stil – genau bis pedantisch, aber im Umstandston des 19. Jahrhunderts. Aber auch mit Formulierungen, die sich bis heute überlieferten. Das haben wir als junge Wissenschaftler auch geliebt: Die entscheidende Stelle fehlte, dafür aber setzte es eine Bemerkung wie "A straightforward, but tedious calculation easily shows ...". Und dann schwitzte man zwei Tage, um die Sache nachzuvollziehen.
Aber Planck lieferte nach: In einer direkt anschließenden Arbeit in "Drudes Annalen" steht sie dann, die Herleitung – klassisch und lehrbuchreif. Es ging ja darum, das so genannte Wiensche Verschiebungsgesetz zu verbessern, weil es nicht in allen Wellenlängen zu den Labormessungen passte. Auch dazu will ich Planck zitieren, einfach, weil es seine behutsame und doch konsequente Art zeigt, wie er sich dem nähert, was erst später als „Revolution“ verstanden wurde:
Dazu wird es vor allem nötig sein, in der Reihe der Schlussfolgerungen, welche zum Wiensche Energieverteilungsgesetz führten, dasjenige Glied ausfindig zu machen, welches einer Abänderung fähig ist; sodann aber wird es sich darum handeln, dieses Glied aus der Reihe zu entfernen und einen geeigneten Ersatz dafür zu finden.
"Fachgenossen haben darin eine Art Tragik erblickt"
Planck fand diesen Ersatz und war doch lange unglücklich darüber. In seiner wissenschaftlichen Autobiografie, die er Anfang 1945 in einer Zeit schrieb, in der er von der Hinrichtung seines Sohns Erwin erfuhr, kommentiert er seine Entdeckung, die die klassische Mechanik über den Haufen warf:
Meine vergeblichen Versuche, das Wirkungsquantum irgendwie der klassischen Theorie einzugliedern, erstreckten sich auf eine Reihe von Jahren und kosteten mich viel Arbeit. Manche Fachgenossen haben darin eine Art Tragik erblickt. Ich bin darüber anderer Meinung. Denn für mich war der Gewinn, den ich durch solch gründliche Aufklärung davontrug, um so wertvoller.
In Berlin wurde der Geist Max Plancks nicht nur in famos-zeitbezüglichen Festreden wie der des Wiener Quantenphysikers Anton Zeilinger beschworen. Volker Schlöndorff, der Regisseur, der Planck-Texte rezitierte, tat dies schauspielernd im Kostüm mit Filzhut so charmant und lebensecht, dass ich mich wunderte, die frappante Ähnlichkeit von Schlöndorff und Planck nicht schon früher erkannt zu haben.
Am Vorabend war ich durch die gerade eröffnete Ausstellung im Deutschen Technikmuseum geschlendert. "Max Planck – Revolutionär wider Willen" heißt sie passend und führt einen durch Leben und Werk mit Archivschätzen, wie ich sie so noch nie gesehen hatte. Bis zum 5. Oktober kann man sich selbst einen Eindruck verschaffen, wie dieser Theoretiker einst die Welt veränderte.
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