wissenslogs Forschern auf der Spur

Auch Passivität will gekonnt sein

von Reinhard Breuer, 03. November 2009, 09:20

Wer zum Philosophen geht, bringe besser ein Lexikon mit. Oder hätten Sie gewusst, was „Metanoia“ ist? Nun, nach einigen Minuten in Peter Sloterdijks Diskussion über sein neues Buch „Du musst dein Leben ändern – Über Religion, Artistik und Anthropotechnik“ kürzlich im Deutsch-Amerikanischen Institut in Heidelberg, da dämmerte es mir schon irgendwie. Genau gesagt geht es offenbar um die Verbesserung: sich erkennen und sich bewusst werden und auf Grundlage dieses Bewusstseins sich selbst und dann wohl auch die Welt verändern.

Darum geht es Sloterdijk, und er beginnt mit einer heftigen Diagnose: Alle Probleme der Neuzeit stammen von einer aus dem Ruder gelaufenen Selbstveränderung. Im 14. Jahrhundert wurde ein Experiment (das Projekt der Aufklärung) begonnen, das uns heute über den Kopf gewachsen sei. Denn aus der Selbstverbesserung wurde die Weltverbesserung. Und die haben wir heute nicht mehr unter Kontrolle.

Manfred Osten und Peter Sloterdijk
Der Kulturhistoriker Manfred Osten (links) im Gespräch mit derm Philosophen Peter Sloterdijk

Bei so einem globalen Verdikt hätte man jetzt gerne ein paar Details aus der philosophischen Rezeptküche gehört: Welche Probleme denn außer dem Klimawandel? Tipps, wie man sie angehen sollte? Auswirkungen auf Alltag, Kultur, Zivilisation? Anleitungen zur Rettung vor dem Untergang? Leider Fehlanzeige, womöglich steht alles in Sloterdijks neuem 700-Seiter. Aber den habe ich noch „vor mir“, weil ich als notorischer Langsamleser noch immer in seinem fulminanten „Zorn und Zeit“ hänge. Es ist leider so: Der Karlsruher Professor schreibt schneller, als ich hinterherlesen kann.

Manfred Osten und Peter Sloterdijk
Die Botschaft des neuen Buchs von Sloterdijk? "Du musst Dein Leben ändern"

Aber auch wenn der Philosoph für die zivilisatorische Misere keine Lösung anbietet, so unterhält er sein Publikum mit zahllosen tiefgründigen bis humorvollen Anmerkungen. Sein Auftritt ähnelt seinen Talkshows im Fernsehen: ein Gewitter blitzartiger Erhellungen überzieht seine Zuhörer – und manchmal bleibt auch mehr hängen als Wörterkopfschmerz und Metaphernkater. Hier ein kleines Sortiment.

Pädagogik: Der Klostergedanke würde heute auf die Kindererziehung übertragen. Schon Siebenjährige hätten heute einen Zwölfstundentag – den Arbeitstag eines Klosterschülers. Das sei doch wie im 16. Jahrhundert! Ignatius von Loyola, gestorben 1556, diene als Vorbild. In der Schlacht von Pamplona 1521 von einer Kanonenkugel am Bein schwer verletzt, startet der baskische Adelige einen „zweiten Bildungsweg“, geht nach Paris auf eine Knabenschule, auf der schon Rabelais war. Ein berüchtigter Kinderprügelmeister versuchte dort, durch Züchtigung aus Kindern gute Christen zu machen.

Ignatius von Loyola
Ignatius von Loyola als Vorbild für heutige Siebenjährige?

Als Moderator Manfred Osten Sloterdijk bittet, die heutige Schulmisere zu kommentieren, lehnt dieser ab. Heidelberg sei doch die Hochburg der Lehrerherstellung, da käme er hier doch nur gegen Zusicherung freien Geleits lebend heraus. Das Publikum applaudiert, und der Philosoph zeigt sich auch hier wieder als kabarettistisches Naturtalent.

Passivität: Philosophie sei traditionell eher auf das Lernen für das Handeln orientiert. Genauso sei jedoch zu lernen, passiv zu sein, mit sich spielen zu lassen. Es geht um das behandelte Selbst: sich informieren, transportieren, ja auch operieren lassen.

Beispiel sei die wahre Oktoberrevolution, nämlich die erste Operation in Vollnarkose vom 16. Oktober 1846 am allgemeinen Krankenhaus in Boston. „Gentlemen“, sagt der Chirurg nach dem Dreiminuteneingriff, „this is no humbug!“ Seither gebe es, so Sloterdijk, den Menschen in nicht gekanntem Ausmaß als operablen Menschen. „Wir sind von der Welt entlastbar.“ Und zwar von vielem Unangenehmem. „Das ist der Ernstfall der Passivitätskompetenz!“

Dem multiaktiven Menschen stehe ein nicht minder kompetenter multipassiver Mensch gegenüber, der sich in der Netzkultur und im Umgang mit den Medien zu behaupten habe. Heideggers „Gelassenheit“ sei dafür viel zu hoch angesiedelt. Die Kunst passiv zu sein, auf hohem Niveau sozusagen.

Fernsehen werde zum Jedermanntest für höchste Passivitätskompetenz: Jeder habe zu lernen, sich vor der Bildermacht der Fernseher zu verhalten – diesseits von Übererregung, jenseits von Verrottung. Die Fahrt im Flughafenbus beispielsweise vom Check-in zur Vorfeldposition, „mühselig in der Schlaufe hängend“, sei eben nur passivkompetent zu ertragen, wenn man sich sage: „Ich kann auch das.“

Sport: „Wir sind das Lebewesen, das nicht nicht üben kann.“ Nicht Freud habe uns gekränkt, sondern der Behaviorismus. Fast alle Bewegungen seien nach der Verhaltensforschung Wiederholungen, zumeist mechanische. „Wir haben das positive Verhältnis zum repetitiven Üben verloren. Unser Körper ist in seiner personalen Stabilität nur erklärbar, wenn wir uns in einer tätigen Überwindung einer Zerfallswahrscheinlichkeit befinden.“ Diesen Zustand nennen wir Identität.

Pierre de Coubertin
1892 ging Pierre de Coubertin bei einer Konferenz an der Pariser Universität Sorbonne erstmals mit seinen Ideen zu modernen Olympischen Spielen an die Öffentlichkeit.
Pierre de Coubertin brachte uns die Renaissance der Olympischen Spiele. Das revitalisierte das athletische Körperideal der Antike und eröffnete außerdem dem abgeschafften Adel neue Beschäftigungsfelder. Im Sieg und Massenjubel der Moderne kehre Dionysos zurück als Augenblicksgott.

Wir lebten in einem Zeitalter chronischer Müdigkeit. Deshalb verfielen alle in Hyperaktivität, damit man wenigstens wisse, warum man müde sei.

Kunst: Seit 1910 agierten bildende Künstler für eine Befreiung von der Kunst. Bis dahin mussten sie Genialität darstellen, obwohl sie Konventionelles leisteten. Doch nun gehe die Kunst der genialen Nachahmung verloren: Kunst geschehe nur noch im Bezug auf mimetische Begleitumstände der Kunst: Kunst als die Kunst ihrer Abschaffung. So sei seither der Weg: von der Werkstattmacht des Künstlers zur Ausstellungsmacht des Kurators bis zur heutigen Macht des Sammlers. Über das Sammlermuseum, das der Staat erbaue, schließe sich dann der Kreis.

Religion: Den metaphysischen Hunger sehe er bei Kafkas Hungerkünstler am tiefsten verstanden. Hungern sei die metaphysische Askese par excellence. Denn der Himmel komme nur dort zu Gast, wo vorher ein Hohlraum geschaffen wurde. Spiritueller Hunger und Durst würden das metaphysische Bedürfnis zum Ausdruck bringen. Religionen? Vielmehr gehe es um mentale Sicherungssysteme, die alle Menschen als Kompensation einklagen für die Weltoffenheit, die uns nackt dem Ungeheuren aussetze. Die Welt müsse also geheuer gemacht werden, denn auch auf die Kosmizität des Kosmos sei kein Verlass mehr, seit dort vor allem das Chaos herrsche. Das Universum habe seinen Hauscharakter als Institution der Geborgenheit verloren.

Doch diese Vertikalspannung „nach oben“ sei verloren gegangen. Stattdessen bewege man sich seit der Aufklärung in der Horizontalen der Weltveränderung, mit allen überbordenden Problemen der Neuzeit. Die Metaphysik, ihre Weltabgewandtheit sei längst aus den Religionen gewichen. „Der Buddhismus ist doch heute mehr von Alexis Sorbas inspiriert als von Gautama Siddartha.“ Auch das Christentum sei doch heute mehr „eine weltzugewandte Kaffee-und-Kuchenfahrt“. Früher galt radikaler: Wer die Botschaft Gottes hörte und danach noch nach Hause zu seiner Familie wollte, der hatte nichts verstanden.

Hier räumt einer wie beiläufig auf, was den Moderator Manfred Osten am Ende dann doch über das Ziel hinausschießen lässt. Oscar Wilde habe, zitiert Osten, nach einer missglückten Präsentation eines seiner Bücher geschrieben: „My book was a smashing success, but the audience was a complete failure.“ Sloterdijk biegt diese unnötige Publikumsbeschimpfung dann doch noch um und spricht von einem „rauschenden Publikumserfolg“ – obwohl die gespannt lauschenden Zuhörer gar nicht zu Wort kommen durften. Durch die gläserne Nottür hinter der Bühne entschwand der Magier aus Karlsruhe.



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Kommentare

  1. Udo Pochert Sloty
    03.11.2009 | 10:52

    Hallo Reinhard,
    auch wenn du ein Langsam-Leser bist, scheinst du ein guter Schreiber zu sein. Ich bin zwar ein Sloty Fan seit 25 Jahren, aber dein Bericht über diesen Abend ist sehr gut geschrieben,um die Sichtweise des grossen Meisters zu verdeutlichen.
    Es würde mich freuen, wenn du dann: du must dein Leben ändern, gelesen hast,dazu deinen Kommentar zu lesen.
    Weiterhin viel Spass, und für die Letüre so zwischendurch empfehle ich: Taugenichtse kehrt heim, aus der: Ästhetische Imperativ von 1985..
    da kriegt man noch so eine Idee wo er herkommt..
    liebe Grüsse Udo Pochert
    Paritoshudo@hotmail.com

  2. Monika Armand Schöner Bericht
    03.11.2009 | 19:13

    da schließe ich mich gerne Herrn Pochert an und freue mich auf eine Zusammenfassung der 700 Seiten um mit Schnelllesern gleichziehen zu können ;-)

    Ich erlaube mir Ihren gelungenen Satz in meine Zitatensammlung aufzunehmen:
    "Sein Auftritt ähnelt seinen Talkshows im Fernsehen: ein Gewitter blitzartiger Erhellungen überzieht seine Zuhörer – und manchmal bleibt auch mehr hängen als Wörterkopfschmerz und Metaphernkater. Hier ein kleines Sortiment. .

    Zu S.' Kommentar zur Pädagogik:
    Auch wenn er es liebt nur in der Metaebene zu verharren, so trifft Sloterdijk hier einen wahren Kern: Obwohl Forschungsergebnisse in eine andere Richtung zeigen, geht der Trend hin zu einer immer früheren Einschulung (in NRW 5 Jahre!)und damit einer zunehmenden Verkürzung von "Kindheit".

    Selbst das Vorschulalter wird zwischenzeitlich zur vermeintlichen Förderung kognitiver Fähigkeiten genutzt und Verschulungstendenzen sind daher auch in Kitas auszumachen. Offenbar scheint man das "Meiste" und "Beste" in möglichst kurzer Zeit (=> G 8) aus den Kinder "herausholen" zu vollen.

    Gesellschaftlich gesehen verliert die Kernfamilie, die elterliche Zuneigung und Liebe, das gemeinsame Feiern und Spielen immer mehr an Bedeutung. Bildung und Erziehung steckt gefangen in einem zunehmend mechanistischen Menschenbild. Nicht dauerangepasstes Verhalten wird diagnostiziert als "Verhaltensstörung", alltägliche erzieherische Probleme werden zu therapiebedürftigen Erscheinungen erklärt. Die Normalität des Normalen wird zum Abnormen erklärt und so wird im Bereich der Erziehung und Bildung suggeriert, dass Probleme lediglich die des Erziehers seien und keinesfalls in der Natur des Lebens liegen könnten.....

  3. Gedankenpflug kein Betreff
    07.11.2009 | 11:32

    Wir machen eben selbst noch aus dem Nichts-Tun eine Wissenschaft. ;)

  4. Gerhard Luther Vielleicht doch nur Quatsch
    09.11.2009 | 17:28

    Ist das nicht alles dummes Geschwätz? Bestenfalls philosophische Lyrik, wo mit Bildern und Begriffen gespielt wird, die bei jedem Leser andere Assoziationen wecken. Kann man irgendwo wirklich nachhaken?
    Stellen Sie sich vor, nicht der Fernseh berühmte Philosoph sondern Lieschen Müller hätte in Trance diese "Gedanken" geäußert. Niemand hätte befürchten müssen, sich als ungebildet oder gar unverständig zu enttarnen , und keiner hätte seinen Alltagsrealismus und seinen gesunden Menschenverstand an der Garderobe mit abgegeben.

    Warum habe ich trotzdem zu ENDE gelesen, - diese Frage muss ich mir stellen. Nun ja - das freie Jonglieren wirbelt das Denken auf. Auch das ist schon positiv. Aber lasst euch nicht verführen.
    Doch halt, der Philosoph belehrt mich, warum ich ihn lese: Es ist (siehe O-Text) "eben nur passivkompetent zu ertragen, wenn man sich sage: „Ich kann auch das" "

  5. Ingo Bading Mit Zorn und Zeit das Leben ändern?
    11.11.2009 | 12:50

    Die Gefahr bei dem Buch "Du musst dein Leben ändern" besteht sicherlich selbst für hartgesottenere Leser darin, dass man dieses Buch irgendwann erschöpft beiseite legt, OHNE das letzte, wie man finden kann sehr wertvolle Kapitel gelesen zu haben.

    Wenn es einem gelingen würde, aus der Perspektive des letzten Kapitels sich auch die Quintessenz der restlichen Kapitel zu erarbeiten, bzw. präsent zu halten, dann würde man vielleicht aus diesem Buch noch am meisten Gewinn ziehen - ?

    Gegenüber den Längen (?) dieses neuen Buches wünschte man sich eher noch einen zweiten Teil von "Zorn und Zeit". Vielleicht wird Sloterdijk der Menschheit einmal vor allem um die (Neu-)Thematisierung dieses Themas willen im Gedächtnis bleiben.

    Denn dieses Thema ist ja noch längst nicht ausgeschöpft. Wie sieht es - bspw. - um "Zorn und Zeit" im Zusammenhang mit der - heute oftmals zu leichtfertig unterschätzten - protestantischen Ethik und ihrer weltgeschichtlichen Bedeutsamkeit aus? Die protestantische Ethik ist nicht nur ein "Trainingsprogramm", sondern auch aufgespeicherter, neuzeitlicher Zorn gegen das Mittelalter, das in und um uns ständig noch fortlebt.

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