Ein Plan, die Welt zu retten?
Als ich erstmals den Artikel „Masterplan für das Solarzeitalter“ las, den wir in der aktuellen Märzausgabe von Spektrum der Wissenschaft als Titelgeschichte veröffentlichen (und den Sie hier kostenlos downloaden können), war ich fasziniert und skeptisch zugleich. Unsere drei US-Autoren wollen tatsächlich die Welt (zumindest ein bisschen) vor ihren eigenen Sünden bewahren. Die USA sollen, dank Solarenergie bis zum Jahr 2050 komplett unabhängig von Ölimporten werden und quasi nebenbei ihren Kohlendioxidausstoß um Milliarden Tonnen senken.
Der Plan ist verwegen und schon deswegen einige Gedanken wert. Vor allem wollen die Autoren teure Fotovoltaik zum Zuge kommen lassen. Platz für riesige Solarfarmen im amerikanischen Südwesten gebe es genug. Außerdem müssten Druckluftspeicherkraftwerke mit ihren relativ schlechten Wirkungsgraden eingesetzt werden, um tagsüber erzeugten Stromüberschuss für die Nächte zwischenzuspeichern. Bis 2020, so glauben die Autoren, können diese Techniken den nötigen Reifegrad erreicht haben, um flächendeckend eingesetzt zu werden.
In Deutschland und Europa ist die Lage völlig anders, da bietet sich dieser „amerikanische Weg“ so nicht an. Die derzeitige Energiepolitik der Bundesregierung hat die Konsequenz, dass in den Jahren bis 2015 in Deutschland 26 neue Kohlekraftwerke ans Netz gehen müssten. Dadurch dürften dann jährlich fast 165 Millionen Tonnen Kohlendioxid freigesetzt werden. Durch Stilllegungen sollen im gleichen Zeitraum aber nur 43 Millionen Tonnen des Treibhausgases eingespart werden. Nimmt man die Szenarien der Klimaforscher ernst (siehe etwa diese Klimabloggerseite), erscheint dieser Weg nicht besonders überzeugend.
In dieser Lage fordern viele nicht nur das Offensichtliche, nämlich die regenerativen Energien kräftig auszubauen – natürlich passend zu unserer Klimasituation in Europa, das etwas nördlicher liegt als der Südwesten der USA. Da es aber länger dauern wird, bis diese einen relevanten Beitrag liefern können, sollte man vielleicht darüber nachdenken, die existierenden Atomkraftwerke länger laufen zu lassen, statt Kohlekraftwerke zu Dutzenden aufzustellen. Das jedenfalls fordert im April-Heft von Spektrum der Wissenschaft, das kann ich hier schon mal verraten, der Mainzer Physikprofessor Konrad Kleinknecht. Die Pläne von Umweltminister Gabriel zum Abbau der Kohlendioxidemissionen findet der Forscher, ich zitiere hier aus seinem Beitrag, der mir schon vorliegt, „fern der Realität“.
Global gesehen setzen immer mehr Länder inzwischen wieder auf Kernkraft (man werfe nur einen Blick auf die Schlagzeilen auf dieser Seite): Großbritannien hat gerade den Startschuss zum Bau neuer Atomkraftwerke gegeben, der nuklearversessene Iran plant 19 Kernkraftmeiler, die Schweiz „reizt Deutschland mit Atomplan“, wie die Presse schrieb. Es gibt inzwischen Pläne für Atomkraftwerke in Afrika, in den USA sprechen manche sogar von einer Kernkraft-Renaissance.
Doch auch die Welt der Atomenergie war nie einfach und heil. Das Problem mit der Endlagerung bleibt ebenso ungeklärt wie die Tatsache, dass ein Restrisiko bestehen bleibt. Und kürzlich sah ich einen Beitrag des ZDF-Magazins Frontal, der etwa auf Probleme beim Uranabbau hinwies. Ein Beispiel: “Der Abbau des Urans für deutsche Atomkraftwerke“ verursache „verheerende Umweltschäden – auch mit tödlichen Folgen.“ So leiden etwa australische Ureinwohner, die in der Nähe von Uranminen leben, offenbar häufig unter Lungenkrebs.
Grund genug zum Handeln haben wir, denn der Energiehunger wird nur größer – auch bei uns. Doch trauen wir der Sonne wirklich zu, große Teile unseres Energiebedarfs zu decken? Zumal aus europäischer Sicht die Windkraft ein deutlich höheres Potenzial haben dürfte und Fotovoltaik bei uns nicht den Beitrag leisten können wird wie für die USA. Es geht um Versorgungssicherheit, bezahlbare Preise, Umweltverträglichkeit.
Die Welt mit einem großen Befreiungsschlag retten? Ich bleibe skeptisch – und bin weiterhin fasziniert.
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Reinhard Breuer schreibt in „Ein Plan, die Welt zu retten?“ am Ende: „Ich bleibe skeptisch – und bin weiterhin fasziniert“. Mir geht es mit diesem Plan ebenso, wie auch mit den jetzt wieder aktuellen Plänen riesiger Offshore-Windparks oder noch mehr mit dem Plan des DLR, mit Wind- und Solarstrom aus Nordafrika die ganze Welt ausreichend mit elektrischer Energie zu versorgen, und das mit nur 1% der dafür geeigneten Flächen.
Das Denken in großtechnischen Dimensionen fasziniert eben mehr, als ein Denken, das durch dezentrale Energieversorgung auch wirtschaftliche Macht dezentralisieren und so demokratisieren will. Schon vor Jahren lobte Claassen, damals noch Chef von EnBW, diese Afrika-Pläne der DLR, da sie von großen Stromkonzernen nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten in eigener Trägerschaft betrieben werden könnten, während er die dezentrale Nutzung regenerativer Energien in Deutschland, also eine breitere Streuung von Eigentum, ablehnte.
Die Faszination dieser teils weltumspannenden Mammutprojekte lässt leicht vergessen, dass es auch weniger spektakuläre, dafür aber schneller und billiger zu realisierende Lösungen des Energieproblems gibt: Die dezentrale Energieversorgung durch Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energien, die Strom und Wärme dort erzeugen, wo sie benötigt werden. Das ermöglicht - im Gegensatz zu die Landschaft und Wälder zerschneidende Hochspannungstrassen - kurze, verlustarme Erdkabel und Nahwärmenetze.
Wem das unrealistisch, zu blauäugig erscheint, dem seien als Beispiel aus der BRD einige Zahlen des Statistischen Bundesamtes oder des BMU (AGEE-Stat) genannt: Sie zeigen, dass wir uns durchaus mit „heimischen“ Energien ausreichend versorgen können. Danach betrug die Summe der Stromerzeugung dezentraler Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energien in Deutschland 24 505 GWh in 1997 und 87 450 GWh in 2007, Tendenz steigend. Das entspricht einem jährlichen Zuwachs von durchschnittlich etwa 6 300 GWh. Im Jahr 2007 betrug dieser Zuwachs aus neu errichteten Anlagen sogar 15 400 GWh. Das entspricht etwa der Stromproduktion von zwei Grundlastkraftwerken mit einer Leistung von 1000 MW und jährlich 8ooo Volllaststunden, also einer Stromproduktion von ca. 16 000 GWh. In einem Jahr hätte man aber nicht zwei Großkraftwerke fertig stellen können. Hermann Scheer hat also recht, wenn er sagt, dass keine Energietechnik schneller zu realisieren ist, als der Bau von Anlagen zur dezentralen Nutzung erneuerbarer Energien. Von diesen Energien gibt es in Europa mehr, als wir benötigen. Die Förderung des Baus von Wind- und Solaranlagen in Afrika wäre eine sinnvolle Entwicklungshilfe für die dort lebende, meist arme Bevölkerung, jedenfalls sinnvoller als die aufwendige Verlegung von HGÜ-Stromkabeln durchs Mittelmeer.
Leider hat Dagmar Metzger, wie Dieter Linke (19.3.08) richtig erkannte, die Umsetzung entsprechender Projekte in Hessen verhindert. Da Ypsilanti nur 56 der 57 Stimmen der SPD-Fraktion benötigt, - wenn sie sich denn nochmals zur Wahl stellt - , bleibt noch ein Funke Hoffnung, dass die SPD-Fraktion geschlossen für Ypsilanti stimmt, da sie so für 5 Jahre eine schwarz-gelbe Koalition unter Führung eines Ministerpräsidenten Koch verhindern könnte.
Mir ist bei meinem vorstehenden Beitrag vom 22.7.2008 leider ein Fehler unterlaufen. Im letzten Absatz muss statt "SPD-Fraktion" natürlich "rot-rot-grüne Mehrheit" stehen.
Natürlich ist die Solarenergie nicht der alleinige Schlüssel, öl- und gasschonend zu leben, nicht zuletzt, weil man von einer Technologie abhängig ist. Aber sie gehört zentral zu den Wegen, unsere Lebensweise langfristig abzusichern
Die Amerikaner könnten den Plan umsetzen, wenn sie nur wollten. Aber können sie wollen? Die fossile Orientierung ist dafür noch viel zu groß und sitzt in der Politik fest im Sattel. Obama, sollte er Präsident werden, müßte der Industrie die entscheidenden Signale setzen. Kann er? Ich frage mich allerdings, ob die Staaten Amerikas diesen Plan mitmachen - ein solcher Plan setzt nämlich voraus, daß sie alle einig sind und einig bleiben, denn die meisten Staaten machen sich dann für "ewig" abhängig von den wenigen Staaten, in denen die Anlagen stehen... - genau das ist das Problem für Europa, Nordafrika, Naher Osten und Rußland - eine just-in-time-Abhängigkeit (Strom) ist nicht akzeptabel! Was in den USA als möglich erscheint, ist in Europa undenkbar! Man denke nur an den Ist-Zustand (Frankreich z.B.) - und da ich die Kernenergie befürworte - alle Probleme sind technisch gelöst oder lösbar - sehe ich im Ausbau der Kernenergie (plus Schneller Brüter) im hochentwickelten Europa eine trangende Stütze der Energieversorgung (als Beitrag zum Energiemix mit den sog. Erneuerbaren)!
ich nehme an, daß Sie aus Italien sind, dem Land, das von der Energiekriese am meisten gebeutelt wird. Dort ist die Nutzung erneuerbarer Energie (Wind kraft in Süditalien und Wasserkraft am Alpenhauptkamm) wegen bürokratiischer Hürden nicht wesentlich vorangekommen. Hemmend wirkt auch das Bestreben Südtirols, öffentlichen Verwaltungen wie der Provinz selbst oder Gemeinden die Stromproduktion zu überlassen, also jener Behörde, die zugleich als Genehmigungsbehörde fungiert. Auf diese Weise werden solchen Bestrebungen zuwiderlaufenden Projekte (Tirol-Adria-Projekt) der Öffentlichkeit vorenthalten.
Das Tirol-Adria-Projekt nutzt die Synergien von Wasserkraft zum Ausgleich der Produktionsschwankungen, Wasserstrasse Donau-Tirol-Adria als Verbindung der europäischen Binnengewässer als Voraussetzung zur europaweiten Verlagerung des Gütertransportes auf das Schiff, Magnetschwebebahn München-Verona und HGÜ-Stromleitung durch den Alpenkanaltunnel. Ich lade ein das beschriebene Projekt zu prüfen und nicht zu verschweigen.
mit spektakulären Erfolgen. Das waren die USA schon immer, wenn auch die Erfolge (Atombombe, Kernkraftwerke) sich im Nachhinein als nicht tragbar erwiesen haben.
Jedoch, wenn sie sich etwas vorgenommen hatten, haben sie es stets erfolgreich durchgeführt, koste es was es wolle.
Sind wir Europäer mit all unserer Reflexionsfähigkeit und Aufgeklärtheit der Welt nicht schuldig ein Euroafrikanisches HGÜ-Netz mit Koppelung an Solar- und Windkraftanlagen zu schaffen?
Wir reden von globaler Erwärmung und Gletscherschmelze und betrauern die verlorengegangenen Wintersportmöglichkeiten und machen uns Gedanken über die Endlagerung des Atommülles.
Anstatt den sog. Schwellenländern im Nahen und mittl. Osten Atomkraftwerke aufzuschwatzen (siehe Frankreich) von denen wir doch wissen, wie gefährlich sie sind, sind wir skeptisch und zögerlich wenn es darum geht ein einziges Mal über den Tellerrand zu sehen und einen großsen Wurf zu wagen.
Und wenn die Amerikaner das Project dann abgeschlossen haben werden, sehen wir bewundernd zu ihnen hin und untermauern damit ihren Führungsanspruch.
Und warum?
Weil wir immer nur in klein klein machen wenn es um Visionen geht.
Die Großmannssucht ergreift uns nur dann, wenn wir mit unseren Regierungsjets zu Klimagipfeln jetten und den Anderen zeigen was wir uns an Fluggeräten leisten können oder wenn wir an der Börse Milliarden verzocken, weil wir keinen Riecher für Trends haben und ganz besonders dann, wenn wir Gelder auf dubiosen Konten parken.
Dann sind wir kreativ bis zum abwinken.
Warum nicht, wenn es um die Zukunft unserer Kinder, ja der Welt geht?
Sonnenenergie ist zwar theoretisch nahezu unbegrenzt verfuegbar, in der Praxis ist die Energiedichte zu gering um diese sinnvoll nutzen zu koennen. Die hohen Preise fuer Solarstrom zeigen das es warscheinlich mehr Energie bedarf ein derartiges Kraftwerk zu bauen und zu betreiben als dieses je erzeugt.
Kernenergie hat nach Erdgas die geringsten Mengen an Sondermuell. Die Entsorgung ist ein oekologisches (irrationales) Problem. In der realen Welt wird die Energiezukunft sehr warscheinlich auf Kohle und Kernenergie basieren.
Vandale
Der Plan zeigt die Notwendigkeit sehr langfristiger Investitionen. Das gäbe eine Perspektive gegen den Vertrauensverlust als Folge der Finanzkrise und eine Perspektive für Finanzmärkte und die Wirtschaft
Regenerative Energien werden Erdöl eh irgendwann ablösen. Je schwerer es ist das Öl aus dem Boden zu holen, umso teuer wird es. Die Entwicklung und Verbesserung von Solarzellen tun ihr übriges und in 10 Jahren sind die Preise von Solarstrom und Strom aus fossilen Brennstoffen gleich auf.