wissenslogs Forschern auf der Spur

Mitleid mit Tieren?

von Reinhard Breuer, 23. Oktober 2009, 13:10

Manchmal gehe ich auf Tagungen, gerade weil ich nicht genau weiß, was mich erwartet. So ging es mir kürzlich bei der Tagung zu „Animal Welfare Science“ der Europäischen Akademie in Bad Neuenahr-Ahrweiler.

Was sollte das sein? Offenbar die „Wissenschaft vom Wohl der Tiere“, wie man den eleganten englischen Begriff eindeutschen müsste. Das klingt nicht gut und lässt beinahe üble Gutmenschen und Tierrechtler erwarten, die nachts Labortiere aus Forschungsinstituten befreien und weltverbessernd im Park verrecken lassen.Meine persönlichen Erfahrungen mit dem Thema waren, sieht man von solchen Medienevents ab, begrenzt. Mit Hunden aufgewachsen und heute den Haushalt mit Katzen teilend kenne ich nichtmenschliche Lebewesen vorwiegend als streichelbare Haustiere. Nutztiere in der Landwirtschaft fallen mir wie den allermeisten eher nur vom Vorbeifahren an ländlichen Tierweiden auf. Und jeder liest natürlich die Medienberichte über quälerische Tiertransporte, bizarre Schlachtrituale und andere offensichtliche Grausamkeiten.
Philosoph Mark Rowlands
Der amerikanische Philosoph Mark Rowlands, Autor von „The Philosopher and the Wolf“, mit „Brenin“

Kürzlich las ich das beachtliche Buch Mark Rowlands, „The Philosopher and the Wolf. Lessons from the Wild on Love, Death and Happiness“. Darin schildert der amerikanische Philosoph von der University of Miami die elf Jahre, die er mit einem Wolfmischling verbrachte (siehe Foto). Fast beiläufig legt Rowland dabei die oft stillschweigenden Annahmen bloß, mit denen wir über Tiere und uns selbst nachdenken (Er hat 2002 schon ein Buch über den Umgang mit Tieren verfasst: „Animals like Us“.). Es mag pathetisch wirken, aber in der bewegenden Schilderung, vor allem des letzten Lebensjahres von „Brenin“, nimmt man dem Autor auch folgende Sätze ab: „Viel von dem, was ich über das Leben und mein Verhalten lernte, erlernte ich in diesen elf Jahren. Viel von dem, was ich über das Leben und seine Bedeutung weiß, habe ich von ihm gelernt. Was es bedeutet, Mensch zu sein: Das lernte ich von einem Wolf.“

Als ich jedoch  im Tagungsprogramm die internationale Liste hochkarätiger Redner sah, vergaß ich meine Skepsis und fuhr hin. Tatsächlich gibt es, darauf verwiesen auch die Redner, eine „Science“ von „Animal Welfare“ nicht wirklich. Vielmehr speist sich die Erforschung der Tiere und die Lehren für den Umgang mit ihnen – ob nun als Nutztiere, Haustiere, im Zoo, Zirkus oder für die Forschung – aus zahlreichen Fachdisziplinen: Hirnforschung, vergleichender Psychologie, Kognitionsforschung, Verhaltensforschung, Philosophie, Ethik, Ethologie, Veterinärmedizin, Physiologie, Jura. 

Ja, es geht um Tierschutz. Aber wie? Was gilt es zu schützen? Wer ist das Subjekt des zu Schützenden? Der moralische Status eines Lebewesens hängt offenbar davon ab, welche Eigenschaften es besitzt. Der englische Jurist und Sozialreformer Jeremy Bentham stellte schon 1789 fest: „Die Frage ist nicht, ob sie vernünftig sind oder reden können, sondern: Können sie leiden?“ Es geht also um Leiden und Schmerz. Und das Tierwohl wird oft gesehen als Abwesenheit von Stress und Schmerz. Das klingt plausibel und wirft doch sogleich Probleme auf. Wie stellt man das fest? Wie misst man das Leiden von Tieren oder reicht einfach der äußere Eindruck? Und: Schützt man eher die subjektiven Gefühle, die Bedürfnisse oder die Integrität eines Tieres? Die Forscher sind sich darüber uneins.

Hier einige Definitionen: Der Brite Donald Broome von der Cambridge University, auch einer der Tagungsredner, dekretierte 1986: Das Wohlbefinden eine Individuums hänge davon ab, inwieweit es mit seiner Umwelt zurechtkomme. Ian Duncan sagte 1993: Es gehe nicht um Gesundheit oder Mangel an Stress, sondern das Tierwohl hänge davon ab, was Tiere fühlen. Und die Verhaltensforscherin Marian Dawkins von der Oxford University meinte 2005: Das Tierwohl hänge von seiner Gesundheit ab und davon, ob es bekomme, was es möchte.

Ethologe Hanno Würbel von der Universität Gießen
Der Ethologe Hanno Würbel von der Universität Gießen

Jeder dieser Begriffe ist in der Szene umstritten, denn subjektive Gefühle sind notorisch schwer objektiv zu messen. Also bleibt nur der Analogieschluss, worauf auf der Tagung der Schweizer Hanno Würbel von der Unversität Gießen hinwies: „Je ähnlicher Tiere dem Menschen sind, desto wahrscheinlicher ist es auch, dass sie subjektive Gefühle haben.“ Natürlich seien die Gefühle einer Maus anders als die eines Menschen. Aber: Können Fische Schmerz empfinden? Das wurde 2004 tatsächlich an der Edinburgh University an Regenbogenforellen untersucht. Aber es bleibt ein Zweifel: Reagieren diese Fische auf eine Verletzung ihrer Haut (Nozizeption)? Oder empfinden sie tatsächlich bewusst Schmerz? Genau genommen ist die Empfindung wohl schon eine (bewusste) Wahrnehmung, während die Nozizeption rein auf der physiologischen Ebene angesiedelt ist.

In den Vorträgen wird auch Peter Singer erwähnt. Der australische Philosoph und Mitbegründer der Tierethik publizierte 1975 das Buch „Animal Liberation“, worin er zum moralischen Status von Tieren einen radikalen Standpunkt einnimmt. Er wendet sich gegen die Ausbeutung von Tierarten auf Grund eines angenommenen Vorrangs der Spezies Mensch. Daraus folgert er, dass die Zugehörigkeit zu einer Spezies bei der Frage des moralischen Unrechts, Leid zuzufügen oder zu töten, keine Relevanz besitze. Er folgert daraus, in einer modernen Gesellschaft sei Vegetarismus die einzig moralisch vertretbare Lebensweise.

Solche radikalen Tierrechtler sind heute, so schien mir, unter den Animal-Welfare-Forschern eher verpönt. Die meisten suchen nach pragmatischen Rezepten: Wie lässt sich ein ethisch vertretbarer Umgang mit Tieren erreichen und die Gesetzgebung zum Tierschutz und zur Tierhaltung vorantreiben – ohne in utopische Alles-oder-nichts-Forderungen auszubrechen?

Hanno Würbel stellt noch einmal die Grundfrage: Warum wollen wir überhaupt Tiere schützen? Offensichtlich liegt es an unseren Fähigkeiten zu Einfühlung (Empathie) und Mitleid. Bezüglich Tiere gebe es keine biologische Funktion für Mitleid. Unser Mitleid für Tiere sei schlicht ein Beiprodukt unserer zwischenmenschlichen Reaktion. Was ihr Schutzbedürfnis angehe, würden etwa Haustiere – Hunde und Katzen – weit überschätzt. Während, so zeigen es Befragungen, bei Nutztieren – Schafen, Schweinen, Rindern – unser Mitgefühl deutlich abnehme.

Der Schweizer Tierforscher zitiert die Schweizer Verfassung: Danach habe jeder Organismus ein Recht auf Integrität. Klingt gut und man nickt. Bedeutet das aber, fragt Würbel darauf etwas ironisch, dass es auch eine Wohlfahrt für einzelne Pflanzen geben sollte? „Ist auch jeder Salat heilig?“

Reinhard Breuer



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Kommentare

  1. Sören Schewe kein Betreff
    23.10.2009 | 14:14

    Ich kann mich noch dunkel an einen Bericht erinnern, in dem Forscher tatsächlich nachweisen konnten, dass Pflanzen gewisse Abwehrmachenaismen gegen Fressfeinde haben, meist Stoffe, die produziert werden, wenn der Feind schon frisst.
    Mit anderen Worten: auch eine Pflanze will nicht gefressen werden. Andererseits kann ich mit Pflanzen nicht direkt Spaß haben wie das bei einem Tier - zB einem Hund - der Fall ist. Mit unserem Hund kann ich kommunizieren, ich kann von ihm lernen bzw ihm etwas beibringen. Auch was das Schmerzempfinden von Tieren angeht, habe ich teilweise meine Zweifel, ob das immer so stimmt, wenn behauptet wird, dass bestimmte Tiere einen Eingriff nicht ubedingt spüren. So zB geschehen bei Ferkeln, die ohne Narkose kastriert wurden. Oder ein Beispiel aus dem Garten: Mag sein, dass Schnecken störend sind, weil sie Blumen oder gar Gemüse anfressen, aber allein schon der Gedanke daran, diese Tiere mit Salz zu bestreuen erzeugt bei mir einen Brechreiz.
    Dann schmeiß ich sie lieber zum Nachbarn rüber oder in den Wald...

  2. Stephan Schleim Other Minds
    23.10.2009 | 14:19

    Danke für diesen Bericht. Ich wäre auch gerne zu der Tagung gekommen, war jedoch verhindert.

    Die Frage nach den Schmerzen ist aber auch bei uns Menschen nicht immer ganz einfach zu beantworten. Davon kann sicher jeder chronische Schmerzpatient, der hin und wieder als Simulant hingestellt wird, ein Lied singen. Zudem war im frühen 20. Jahrhundert die mächtige psychologische Schule der Behavioristen so weit gegangen, den Schmerz auf den Ausdruck von Schmerzverhalten zu reduzieren. Für sie wäre also die Frage, ob bloß Nozizeption oder "echtes" Schmerzerleben, unsinnig gewesen. Selbst Denkvorgänge hatte man als kleine Bewegungen des Kehlkopfs angesehen. Wie viel von diesem Behaviorismus auch heute noch in der psychologischen und neurowissenschaftlichen Forschung vorhanden ist, mag jede(r) für sich selbst entscheiden.

    Übrigens gibt es auch Menschen, die sich ganz ähnlich verhalten, in Wirklichkeit aber etwas ganz anderes in sich vorgehen haben: Man nennt sie Schauspieler, manchmal sind es auch Lügner. Man mag sich zwar auf Intuitionen, Plausibilitäten und Analogien verlassen, aber ganz sicher sein -- beim Mit-Mensch ebenso wie beim Tier -- kann man sich doch nicht.

  3. Sören Schewe kein Betreff
    23.10.2009 | 14:42

    "Übrigens gibt es auch Menschen, die sich ganz ähnlich verhalten, in Wirklichkeit aber etwas ganz anderes in sich vorgehen haben: Man nennt sie Schauspieler, manchmal sind es auch Lügner."

    Dazu gibt es ein interessantes Beispiel: Kinder lernen, dass sie keine Angst zeigen sollen, wenn ihnen ein fremder Hund begegnet. Der Witz ist aber, dass der Hund dem Menschen keineswegs nur vor den Kopf schaut. Ich kann den so böse ansehen wie ich will, der merkt einfach, dass ich in Wirklichkeit Angst habe.

  4. Martin Huhn @ Schewe
    23.10.2009 | 15:11

    "Dann schmeiß ich sie lieber zum Nachbarn rüber"

    Ganz tolle Idee. :-D

  5. C Könneker Tierethik
    24.10.2009 | 09:56

    Das Thema ist sehr wichtig. Mir wurde das erstmals klar durch einen Artikel zum Thema Tierethik in Gehirn&Geist.

  6. Karl Bednarik Freud und Leid bei Tieren
    26.10.2009 | 07:04

    Freud und Leid bei Tieren:

    Freude kommt dann auf, wenn Wünsche erfüllt werden.

    Leid kommt dann auf, wenn Wünsche nicht erfüllt werden.

    Wie findet man die Wünsche von Tieren heraus?

    Man stellt viele Schälchen mit verschiedenem Futter auf,
    und beobachtet, welches Schälchen zuerst leer wird.

    Man errichtet in einem langen Käfig einen Temperaturgradienten,
    oder einen Helligkeitsgradienten, oder sonst einen Gradienten.

    Das liebe Tierchen wird sich dann ganz von selbst an die
    richtige Stelle setzen. (Das war eine Idee von Beate.)

    Wenn man in das Lustzentrum von Ratten eine Reizelektrode
    einpflanzt, dann drücken die Ratten freiwillig immer wieder
    auf jene Taste, die die Reizelektrode kurzfristig einschaltet.

    Wenn man in andere Gehirnzentren von Ratten eine Reizelektrode
    einpflanzt, dann drücken die Ratten kaum jemals eine Taste.

  7. Karl Mistelberger Gutmenschen ...
    27.10.2009 | 16:28

    gehören meist auch zu den Ahnungslossen und Unbedarften: http://chrisjordan.com/current_set2.php?id=11

  8. Kai Hiltmann Können Fische Schmerz empfinden?
    09.11.2009 | 11:01

    Ein Ansatz wäre doch, zu überlegen, ob es einer Spezies einen evolutionären Vorteil verschaffen würde, wenn sie Schmerz empfände. Wer Schmerz empfindet, versucht mit aller Kraft, eine schädigende Situation zu verlassen. Auch Fische haben im Prinzip die Fähigkeit, durch Kraftanstrengung z.B. einem Biss zu entkommen. Schmerzempfindung würde sich also für sie lohnen. Es ist also plausibel, anzunehmen, dass sie welchen empfinden.

    Gruß, KH

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