wissenslogs Forschern auf der Spur

Hölldobler und der Superorganismus

13. Juli 2010, 17:44

Beinahe ging alles schief: Nur zwei Stunden vor dem Halbfinalspiel der deutschen Fußballer bei der Weltmeisterschaft trat Bert Hölldobler zum Vortrag in Heidelberg an. Schon dreimal habe er in diesen Wochen Vorträge gehalten, wenn danach die deutsche Mannschaft spielte, berichtet der Verhaltensforscher vergnügt. Mal habe sie verloren, mal knapp gewonnen. "Hoffentlich ist das kein schlechtes Omen!"

Reinhard Breuer und Bert Hölldobler
Im Gespräch: Bert Hölldobler (rechts) und Reinhard Breuer, Chefredakteur von "Spektrum der Wissenschaft"

Das Publikum ließ sich nicht irritieren: der Saal war voll! Und wurde sogleich belohnt – mit tiefsinnigen, launigen bis zum Teil absurden Geschichten über das Treiben der Ameisen in ihren Staaten. Dargestellt hat der gebürtige Oberbayer sein Weltwissen über seine Forschungen in dem Buch "Der Superorganismus", das er im letzten Jahr zusammen mit dem ebenso berühmten Soziobiologen Edward O. Wilson publizierte.

"Ameisen gehören mit zu den wichtigsten ökologischen Organismen", verkündet Hölldobler gleich zu Beginn. 14000 Arten sind bekannt, fast doppelt so viele werden vermutet. Alle geschätzten 1015 Ameisen der Welt zusammen ergeben ungefähr ein Trockengewicht, das dem Gewicht aller Menschen entspricht. All diese Hautflügler leben "eusozial", es gibt keine solitär lebende Ameisenart. Ihre Völker können Millionen Mitglieder umfassen. In der Tierwelt stellen sie die wesentlichen Bodenumwälzer, Räuber und Herbivoren.

Das wichtigste Funktionsprinzip, auf dem diese hochentwickelten Sozietäten basieren, ist die Kommunikation. "Ich sage sogar: Leben ist Kommunikation", ruft Hölldobler den gebannt lauschenden Zuhörern zu. Ameisen haben im Laufe der Evolution sogar das soziale Leben erfunden, vor etwa 150 Millionen Jahren schon. Sie nutzen elaborierte Cocktails von Duftstoffen, um ihre Wege zu markieren - flüchtige, um schnell zu einer Futterstelle oder einem bedrohlichen Feind zu gelangen, dauerhafte, um den Weg zum Nest zurückzufinden. Hölldobler hat selbst hat zahlreiche Rätsel dieser Chemiekommunikation aufgeklärt.

Die Sozialsysteme der Ameisen sind charakterisiert durch eine markante Arbeitsteilung. Auf der einen Seite reproduktive Tiere wie die Königin. Je nach Art kann sie bis zu 20 Jahre leben und in dieser Zeit vielleicht 150 Millionen Nachkommen hervorbringen. Auch das schier ein Wunder: Erst paart sich die Königin mit mehreren Männchen, dann konserviert sie per Chemie den Vorrat an 300 Millionen Samen bei tropischen Temperaturen über die Jahre hinweg. Menschen gelingt das höchstens in Tiefkühlbehältern und mit Hilfe von flüssigem Stickstoff.

Ameisenwaffen
"Wenn die einen beißt, kann Blut fließen": Eine Ameise mit besonders stark ausgeprägten Beißwerkzeugen - Hölldobler zufolge kann sie auch Menschen zum Bluten bringen.

Im aktuellen Fokus von Hölldoblers Forschung, der bis zur Emeritierung in Würzburg und seither an der Arizona State University arbeitet, stehen derzeit offenbar Ameisenturniere. Turniere? Ja, es klingt schier unglaublich, aber benachbarte Ameisenvölker kontaktieren einander andauernd und messen dabei sozusagen ihre Kräfte. Die Soldatenameisen tasten sich ab und registrieren, ob es sich um Nestverwandte oder Feinde handelt. Stellen sie dabei etwa fest, dass sie der anderen "Mannschaft" zahlenmäßig unterlegen sind, holen sie rasch Verstärkung aus dem Heimnest. "Natürlich zählen die Ameisen ihre Feinde nicht, aber die Hemmschwelle zu Flucht oder Eskalation steigt mit jeder Feindberührung."

Gelingt es nämlich einmal nicht, genügend Nachschub zu holen, dann fällt dies den Gegnern bald auf. Sie eskalieren und planen dann schon mal einen Überfall, bei dem die Königin getötet, die Larven und Vorräte geraubt und ins eigene Nest überführt werden. "Diese Turniere sind Kommunikationszonen", sagt Hölldobler. Dabei werden auch Territorien und Ressourcen verteilt. Das beginnt morgens um sieben, und abends geht jeder wieder nach Hause.

Als er einmal an der Harvard University, wo der Ethologe lange Professor war, einen Vortrag über dieses Thema hielt, sprachen ihn hinterher Ethnologen an: Er solle sich doch dringend einmal die so genannten "Nothing Fights" bestimmter eingeborener Stämme ansehen. Das sind ritualhafte Kämpfe, bei denen aber kein Blut fließt. Da treffen sich Stammesvertreter auf einer Wiese, schütteln ihre Speere und beschimpfen einander stundenlang - und wenn die Sonne sinkt, kehrt jeder wieder zurück in seine Hütte.

"Natürlich behaupt ich nicht, dass sich hier die biologische Evolution von der Ameise bis zu Stammesritualen zieht." Aber die Natur hat für ähnliche Aufgaben immer wieder auch verwandte Lösungen entwickelt - völlig unabhängig voneinander.

An dem Abend verloren dann die deutschen Fußballer in Südafrika gegen die Spanier. Ob es doch an dem Ameisenforscher lag?



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Hirnleistungen sind "begrenzt und eklektisch" - Wolf Singer in Heidelberg

26. März 2010, 10:43

Der Hirnforscher Wolf Singer, seines Zeichens Direktor am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt, ist populär und podiumserprobt. Als er sich kürzlich auf das Podium des Deutsch-Amerikanischen Instituts in Heidelberg begibt und den Fragen des Moderators Manfred Osten stellt, ist der Saal gerammelt voll. (weiter)

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Der Meister der Stammzellen

11. März 2010, 15:09

Zeit ist Mangelware für den Direktor eines Max-Planck-Instituts, selbst wenn er den Termin längst zugesagt hat. Aber als Hans Schöler, etwas gestresst, tatsächlich noch in das Besprechungszimmer stürmt, wird bald klar, dass hier "höhere Mächte" am Werk waren. Der Ministerpräsident hat gerufen - Landtagswahlen stehen bevor -, und dann ist natürlich auch der Direktor am MPI für molekulare Biomedizin entschuldigt.

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Der Biologe und sein Elch

08. Februar 2010, 09:38

Es ist schwer, sich dem Charme von Axel Meyer zu entziehen. Betritt man sein Eckbüro in einem Betonbau der Universität Konstanz, muss man zuerst die Tristesse der Flure abschütteln, in denen grausam der Architekturcharme der 1970er Jahre wabert. Doch dann entdecke ich hinter dem Evolutionsforscher hoch an einer ziemlich unmotivierten Säule im Raum einen gewaltigen Elchkopf.

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Der Tanz der Schwarzen Löcher

30. Januar 2010, 15:17

Neulich betrat ich nach langer Zeit mal wieder den Tempel der deutschen Schwerkraftforschung, das Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik. Gelegen ist dieser Tempel der theoretischen Physik vor den Toren von Potsdam, inmitten eines Wissenschaftsparks mit zahlreichen Instituten aller Gattungen.

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Food for the World - heute und im Jahr 2050

01. Dezember 2009, 07:40

Ich fahre gerne auf den Hügel. Das liegt daran, dass das EMBL (kurz für European Molecular Biology Laboratory) halb im Wald versteckt auf dem Königstuhl gebaut ist, einem stadtnahen Berg. Im hübschen Auditorium dieser Forschungsinstitution, die sich in Europa auf fünf Standorte verteilt, wird jeden Herbst zu einer Tagung geladen, die „Science and Society“ adressiert und sich jedes Mal ein bedeutendes Thema auswählt. Eingeladen werden Topreferenten aus der ganzen Welt. (weiter)

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Falling Walls

25. November 2009, 13:56

Der 20. Jahrestag des Mauerfalls von Berlin ist schon wieder eine Weile her. Es scheint fast, je größer ein Ereignis begangen wird, desto schneller wird es kurz danach von der Vergangenheit verschluckt. An dem Tag voller Erinnerungsakte trafen sich in Berlin auch 24 Top-Forscher, die zeigten, wo in nächster Zeit Durchbrüche zu erwarten sind. (weiter)

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Gottseidank – jetzt kreisen sie wieder!

23. November 2009, 11:28

Timing ist alles, auch in der Teilchenphysik! Wie angekündigt, wurden am Abend des 20. November wieder Protonenstrahlen im Genfer Teilchenbeschleuniger, dem Large Hadron Collider (LHC) am CERN, um den 27 Kilometer langen Ring gelenkt. Das lässt hoffen und bangen zugleich, war doch diese teuerste Wissenschaftsmaschine aller Zeiten über ein Jahr lang darniedergelegen, nachdem im September 2008, einige Tage nach Inbetriebnahme eine Lötstelle durchbrannte, tonnenschwere Magnete in die Höhe gerissen wurden und das flüssige Helium tonnenweise in den Tunnel verdampfte.  (weiter)

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Auch Passivität will gekonnt sein

03. November 2009, 09:20

Wer zum Philosophen geht, bringe besser ein Lexikon mit. Oder hätten Sie gewusst, was „Metanoia“ ist? Nun, nach einigen Minuten in Peter Sloterdijks Diskussion über sein neues Buch „Du musst dein Leben ändern – Über Religion, Artistik und Anthropotechnik“ kürzlich im Deutsch-Amerikanischen Institut in Heidelberg, da dämmerte es mir schon irgendwie. Genau gesagt geht es offenbar um die Verbesserung: sich erkennen und sich bewusst werden und auf Grundlage dieses Bewusstseins sich selbst und dann wohl auch die Welt verändern.  (weiter)

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Warum eigentlich nackt? - Die Evolutionstheorie weiß es offenbar nicht

28. Oktober 2009, 15:38

Es ist hübsch formuliert: „Als Nacktheit bezeichnet man biologisch die Kleidungslosigkeit von Menschen und die Haar- oder Federlosigkeit von Tieren.“ Das schreibt so das Onlinelexikon Wikipedia. Was die weit gehende Haar- beziehungsweise Felllosigkeit betrifft, so teilt sich der Mensch diese Eigenschaft immerhin mit Säugetieren wie Hausschweinen oder Walen.  (weiter)

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