Glaube und Zölibat: bio-logisch erfolgreich?
Heute überlasse ich - passend zur religiös geprägten Saison - dem Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume das Podium. Michael Blume beschäftigt sich unter anderem mit den biologischen Ursprüngen und Mechanismen der Religiosität; 2005 promovierte er in Tübingen über das Verhältnis von Neurowissenschaften und Religionswissenschaft.
An der Uni Heidelberg veranstaltet er in diesem Semester das Seminar "Religionswissenschaftliche Präsentationen zur Evolution der Religion", an dem ich auch mitwirke. Kennengelernt habe ich ihn vor einer Weile über sein Religionswissenschafts-Blog, in dem er regelmäßig über derartige Themen schreibt. Heute berichtet er hier bei Abgefischt über mögliche biologische Grundlagen des Zölibats. Viel Spaß!
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Glaube und Zölibat: bio-logisch erfolgreich?
Edward O. Wilson, einer der bedeutendsten Biologen unserer Zeit, stellte in seinem mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Buch On human Nature von 1978 fest: "Religion stellt die größte Herausforderung für die Soziobiologie des Menschen dar und ihre aufregendste Gelegenheit, als eine wirklich originale theoretische Disziplin fort zu schreiten." (S. 178, Übers. aus dem Englischen)
Inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass Wilsons Traum in Erfüllung gehen könnte. In spezialisierten Netzwerken wie den Evolutionary Religious Studies wirken längst nicht nur Forscher verschiedenster Nationen, sondern vor allem auch unterschiedlichster Disziplinen mit. Dabei treffen Evolutionsbiologen, Anthropologen, Ethnologen, Psychologen, Neuromediziner, Soziologen, Ökonomen, Theologen, Philosophen und (vergleichende) Religionswissenschaftler nicht nur auf immer mehr Tagungen aufeinander, sondern nutzen auch das Internet, um in einer früher undenkbaren Geschwindigkeit und Tiefe empirische Daten und Thesen auszutauschen.
Dabei verdichten sich die Befunde von der Zwillingsforschung über die Neurowissenschaften bis hin zur Religionswissenschaft zu einem wachsenden Konsens, der gerade in seiner Selbstverständlichkeit verblüfft: Religiöse Veranlagungen scheinen völlig entsprechend zu etwa sprachbezogenen oder musikalischen, genetisch veranlagten Fähigkeiten mit hoher, kultureller Plastizität über Fitnessvorteile evolviert zu sein - und wohl auch weiter zu evolvieren. Eine schnell wachsende Zahl von Studien und auch psychologischen Experimenten belegt eine gesteigerte Kooperationsbereitschaft zwischen Religiösen sowie die Abwehr von Trittbrettfahrern und Assimilation durch kostspielige Verpflichtungen und Rituale.
Sogar die sprichwörtliche „Gretchenfrage“ (Gretchen an Faust: „Wie hälst Du’s mit der Religion?“) kommt inzwischen zu empirischen Ehren: Kostspielige Religiosität scheint tatsächlich als ein Indikator für Partnertreue und damit förderliches Merkmal sexueller Selektion zu wirken - und geht tatsächlich mit geringeren Raten etwa an Scheidungen und Alleinerziehenden in Religionsgemeinschaften einher. Also genau das, was Goethes Mephistopheles (in Kapitel 16) im spöttischen Kommentar zu Gretchens Frage vermutete:„Die Mädels sind doch sehr interessiert, ob einer fromm und schlicht nach altem Brauch. Sie denken: duckt er da, folgt er uns eben auch.“
Zumindest kann es nach Auswertung sowohl nationaler wie internationaler Daten und vor allem auch der Schweizer Volkszählungen 1970, 80, 90 und 2000 (die jeweils als Vollerhebungen durchgeführt wurden) praktisch keinen statistischen Zweifel mehr geben, dass religiös vergemeinschaftete Menschen weltweit durchschnittlich deutlich mehr Kinder haben als ihre konfessionslosen Zeitgenossen auch je der gleichen Einkommens- und Bildungsschicht.Ja, entgegen auch unseren frühen Erwartungen nimmt der reproduktive Abstand mit steigenden Freiheits-, Wohlstands- und Bildungsniveaus sogar zu! Denn während Menschen in klassischen Agrarwirtschaften kaum Alternativen zu einer hohen Kinderzahl als Arbeitskräfte und Altersversorgung hatten, werden Kinder in modernen Marktgesellschaften zu sehr kostenträchtigen Wertentscheidungen.
So blüht beispielsweise der Kreationismus in den USA nicht etwa, weil er haltbare, wissenschaftliche Argumente hätte - sondern weil tiefreligiöse Christen, Juden und Muslime durchschnittlich erheblich mehr Kinder bekommen und erziehen als die Befürworter des darwinistischen Naturalismus. Die Ironie in diesem Befund harrt noch der Aufarbeitung…
Sogar Zölibat…
Überraschenderweise lässt sich inzwischen sogar die religionshistorische Entstehung des Zölibats über Fitnessvorteile der Verwandtenselektion neu entschlüsseln. Diese ist an sich unumstritten: keinen Biologen wundert es, dass auch Menschen dazu tendieren, mit nahen Verwandten intensiver zu kooperieren und sich gegebenenfalls sogar für sie zu opfern, tragen sie doch eng verwandte Gensequenzen.
Aber genau das wird in klassischen Agrarwirtschaften zum Problem: weil die meisten schon aus ökonomischen Erwägungen (Arbeitskräfte, Altersversorgung, Schutz) viele Kinder anstreben, entstehen vor Ort expandierende Familienclans, in ständiger Verflechtung und Spannung auch um knappe Ressourcen (z.B. Land). Jeder lokale, religiöse Funktionär ist hier sofort dem (manchmal zutreffenden) Verdacht ausgeliefert, doch nur die eigene Familie nepotistisch zu begünstigen.
So erging es z.B. auch Jesus, der „kam in seine Vaterstadt und lehrte sie in ihrer Synagoge, so daß sie sich entsetzten und fragten: Woher hat dieser solche Weisheit und solche Taten? Ist er nicht der Sohn des Zimmermanns? Heißt nicht seine Mutter Maria, und seine Brüder Jakobus und Josef und Simon und Judas? Und seine Schwestern, sind sie nicht alle bei uns? Woher kommt ihm denn das alles? Und sie ärgerten sich an ihm. Jesus aber sprach zu ihnen: Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland und in seinem Hause. Und er tat dort nicht viele Zeichen wegen ihres Unglaubens.“ (Mt. 13,55-58)
Gibt es eine Lösung für dieses Dilemma? Ja, der Austausch von Zölibatären. Religiöse Institutionen könnten anregen, dass Clans aus ihrem jeweiligen Geburten- und Erbenüberschuss einige wenige Akteure „spenden“, die (ohne eigene Familien zu gründen) anderswo Dienst tun - und dafür umgekehrt auch selbst Zölibatäre zugeteilt bekommen. Der einzelne Zölibatäre würde damit in der Fremde sehr viel religiös glaubwürdiger Ehebünde segnen und überwachen, Familienwerte predigen, Streit schlichten, Arme und Kranke versorgen, Kinder unterweisen, antisoziales Verhalten ahnden und andere Fitness-relevante Tätigkeiten ausüben können - und dürfte Gott, Mutter Kirche oder dem Sangha vertrauend zudem davon ausgehen, dass auch die eigene Herkunftsgruppe entsprechend Fitness-fördernd betreut würde. Hier läge also eine clevere Form indirekter Verwandtenselektion vor! (Siehe Schaubild)
Und auch diese These lässt sich empirisch testen. So müssten wir einerseits davon ausgehen, dass die Inhaber zölibatärer Rollen zur Sexualität klar Stellung beziehen: Sie müssten zur Unterstreichung ihrer eigenen Glaubwürdigkeit insbesondere in klassischen Agrargesellschaften ihre eigene Abstinenz sowohl gegenüber hetero- wie homosexuellen „Versuchungen“ unterstreichen (diese also strikt verdammen) und sie müssten vor allem, im Kontrast zur eigenen Kinderlosigkeit, für eine möglichst hohe Fertilität der nichtzölibatären Laien eintreten. Dies lässt sich im Christentum, aber auch etwa in Hinduismus, Buddhismus und Jainismus sowohl historisch wie zeitgenössisch-vergleichend reichlich beobachten.
Daneben müsste die Akzeptanz des Zölibats milieuabhängig sein: in klassischen Agrargesellschaften mit Geburtenüberschüssen müsste eine sehr viel höhere Akzeptanz zölibatärer Rollen beobachtbar sein als in Marktgesellschaften mit niedrigen Geburtenraten. Dies ist nicht nur im Vergleich christlicher Länder (z.B. Afrikas und Europas) sondern ebenso in buddhistischen Gesellschaften (z.B. Birma und Japan) eindeutig der Fall. Auf die zunehmend datengestützte Präsentation dieser und unzähliger weiterer Thesen zu religiösen Phänomenen dürfen wir uns also in naher Zukunft freuen.
Noch kaum andiskutiert ist dabei die Frage, wie sich die Erkenntnis, dass Religion als ein Teil menschlicher Natur biologisch beschreibbar wird sowohl auf das religiöse Selbstverständnis wie auf die naturalistische Religionskritik auswirken wird. Und gerade die deutsche Wissenslandschaft muss sich fragen, warum in den Netzwerken interdisziplinärer und internationaler Evolutionsforschung zur Religion bisher deutschsprachige Wissenschaftler sowohl natur- wie geisteswissenschaftlicher Disziplinen nur sehr vereinzelt vertreten sind bzw. warum wir immer noch kein einziges solches Netzwerk im deutschsprachigen Raum haben.
asdf
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Übrigens: Verhaltensgenetik IST "Religionsgenetik". Die Art und Weise, wie ich mich dem religiösen, dem metaphysischen Bereich annähere wird durch meine angeborenen Persönlichkeits-Eigenschaften bestimmt sein. Der religiöse Bereich ist, wie ja hier schon mehrmals festgestellt worden ist, nicht einer, der "separat" von allen anderen menschlichen Verhaltens- und Erlebens-Bereichen angesiedelt wäre, sondern er ist tief mit ihnen verknüpft.
So könnte es sein, daß ich als Träger von ADHS-Genen oder von neuerdings entdeckten Großzügigkeits-Genen mich auf andere Weise dem religiösen Bereich annähern könnte, als wenn ich nicht Träger solcher Gene sein werde. Ich werde mich auf andere Weise in einer religiös oder areligiös bestimmte menschliche Gemeinschaft einordenen usw. usf..
X- und y-Chromosome selbst spielen ja da, wie Michael schon ausführte, eine große Rolle. Viele Aspekte von Religiosität sind hier auch noch nicht angesprochen worden. So geht die amerikanische Anthropologin Barbara King davon aus, daß "belonging", als "sich zugehörig fühlen zu" Artgenossen, Familienmitgliedern, zur eigenen Gruppe der tiefste Ursprung aller menschlichen Religiosität sei.
Insofern werden auch schon bei Wühlmäusen festgestellte Treue- und Monogamie-Gene, die man beim Menschen ähnlich vorhanden vermutet, eine Rolle für die Religionsgenetik spielen.
Teleologisches Denken führt uns in die Irre. Es lässt uns Zwecke vermuten, wo keine sind. Dieser Nachteil muss durch irgendeinen Vorteil aufgewogen werden, anderenfalls hätte sich das teleologische Denken nicht erhalten können. Meine Vermutung ist, dass es für unsere Vorfahren einfacher gewesen sein mag, sich in dieser Welt mit Hilfe von Wozu-Fragen als mit Warum-Fragen zu orientieren.
Unser angeborenes teleologischen Denken könnte auch erklären, weshalb wir uns Fragen stellen, die - bei Lichte besehen - unsinnig sind. Fragen wie "Wozu leben wir?", "Wozu leiden wir?" oder "Wozu sterben wir?" sind, streng genommen, inkohärent. Sie ergeben keinen Sinn! Wir leben nicht, leiden nicht und sterben nicht zu einem bestimmten "Zweck". Dass wir leben, leiden und sterben, ist einfach ein Faktum, das wir hinnehmen müssen und hinter dem wir keine "tieferen Absichten" vermuten sollten. Doch um dies tun zu können, müssen wir quasi über unseren "teleologischen Schatten springen." Da es schwer ist, das Leben einfach so zu akzeptieren, wie es ist, verlangen viele Menschen nach einer Religion, die ihr teleologisches Denken befriedigt und ihnen Trost spendet.
Ein komplexes Thema hatte eine umfangreiche Diskussion zur Folge und wir könnten noch weiter von "Hölzchen auf Stöckchen" kommen. Ich denke aber auch, das eigentliche Thema ist genug vertieft worden. Herzlichen Dank an Mr. Blume und viel Erfolg im Neuen Jahr mit der Forschung und auch persönlich.
Danke, Herr Dahl, für den Hinweis auf die wichtige Differenzierung von Teleologie und Teleonomie!
Mit Teleologie ist lediglich die "Lehre" von Zwecken und Zielen gemeint. Deswegen gibt es hier zwei "Schulrichtungen" (hab' mich in der Mittelstraß'schen "Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie" ein wenig schlau gemacht, d.h. abgesichert):
- zum einen die, welche mir als einzige wissenschaftlich wirklich relevant erscheint, nämlich die methodologische "Lehre" von Zielen und Zwecken und allem was damit begrifflich und methodisch zusammenhängt, angefangen von der wissenschaftlichen Definition von Zwecken und beispielsweise dem, was dann unter einem "Mittel" zu verstehen ist, so dass Mittel-Zweck-Relationen methodisch identifiziert werden könne usw. usf.
- zum anderen die ontologische (oder auch "metaphysische") Richtung, die eigentlich durch bloße Setzung, also axiomatisch von der (eben) "Voraus"-Setzung oder "Unter"-Stellung ausgeht, dass "die Welt" als solche bereits "zielgerichtet" sei, ein Denken dessen Wurzel wohl auf theologisches Denken beruht. Denn allein in einer - nur vorstellbaren, nicht realen, pointiert gesagt: "total" unrealistischen - Totalperspektive von sozusagen außerhalb "der Welt" - traditionell interessanterweise "sub specie aeternitatis" genannt (man "sieht" regelrecht die Quelle dieses Ansatzes!) - können Annahmen über "die Welt als Ganze" getroffen werden. Teleonomie in derart unrealistischer Perspektive wäre dann die Ansicht, die dann "ganz" genannte, also "die ganze Welt" hätte einen Zweck ("Gott zur Freude" oder "zur Ehre" sind theologische Aussagen, die ich aus ferner Jugend dazu in Erinnerung habe.)
Wenn ich mich nicht täusche, gibt es einen begrenzteren Gebrauch des Begriffes Teleonomie, und zwar in der Biologie. Ich kenne hier nicht die geläufigen insb. nicht die systemtheoretischen (gelernt habe ich im Studium noch kybernetische und regelungstechnische) Fachtermini, die hier wohl nahe liegen; deswegen will ich es als Frage ausdrücken: wird in biologischen Zusammenhängen mit Teleonomie nicht ihre naturgegebene "Gerichtetheit" von genuin "biologischen" Phänomenen gemeint?
Leben muss sich immerhin eine Zeit lang selbst erhalten bis zur erfolgten Lebensweitergabe: das Individuum kann nach dem Zeugungsakt dann sterben wie die Eintagsfliege - überindividuell geht dann "das Leben" auch nach dem Tod der Erzeuger ja "weiter": m.E. die reale Grundlange für jeden "Glauben" an ein Weiterleben auch noch nach dem Tode - allerdings unrealistischerweise des Individuums, das ist und bleibt, was es dann ist: tot; was dann noch "bleibt" sind allenfalls Erinnerungen an Tote: bei Lebewesen, die wie sicher wir Menschen sich "im Innern" etwas vorstellen können, selbst Tote...
...für Ihr Verständnis! Sie merken, dass mir die Diskussion wirklich Freude gemacht hat und auch jetzt gäbe es wieder viele Anknüpfungspunkte.
Z.B. würde mich die Erkenntnistheorie reizen.
Mich wundert immer wieder, wie empirische Wissenschaftler einen letzten Zweck des Universums inkl. Evolutionsprozesses meinen absolut ausschließen zu können ; dies entschließt sich m.E. erkenntnistheoretisch ebenso der empirischen Wissenschaft wie jeder "Gottesbeweis", da wir nur historisch arbeiten und also im Bezug auf die Zukunft (und das dort produzierte Wissen) bestenfalls Wahrscheinlichkeitsaussagen machen können. Hier würde ich uns allen einfach ein bissle mehr reflektierte Demut nahelegen, was absolute Aussagen zu Existenz-, Zukunfts- und Glaubensfragen ausmacht...
Gerne verfolge ich also Ihre Diskussion weiter und freue mich, wenn wir einmal wieder (online oder real) zusammen treffen.
Bis dann also!
Michael Blume
Die Behauptung, Religion beruhe in einer Weise auf Vorstellungen, dass Vorstellungen aus psychologischer Sich für religiöses Tun geradezu als definierend anzusehen sind, will ich kurz am Beispiel "Tanzen" illustrieren:
Tanzen kann man wie schon Kleinkinder aus Spaß an der Bewegung, aus Genuss beim rhythmischen Sich-Bewegen, aus Freude am gemeinsamen Tanz, aus erotischer Spannung beim Tanz umeinander im Tanz der Geschlechter oder aus welchem "Gefühl" und Empfinden sonst noch, wobei sich bei längerem Tanzen noch eine zusätzliche und eigenartige Entwicklung ergibt.
Als erstes kann sich ein leichter Automatisierungseffekt entwickeln, der durch das spezifische Erleben charakterisiert ist, sich "wie getragen zu fühlen". Bei noch längerem, evtl. stundenlangen Tanzen kann sich rhythmisches In-Bewegung-Sein so weit automatisieren und dabei "verselbständigen", dass es nicht einmal mehr der bewussten Steuerung bedarf und "wie von selbst" geht oder "abläuft" mit schließlich diesem für viele staunenswerten Effekt: manchem Menschen kann dann in hochgradiger Konzentration auf dieses "schöne Gefühl" oder anderes seine Selbstwahrnehmung wie beim Einschlafen entgleiten, so dass sein Tanz irgendwann in die sozusagen vollautomatisierte und meist "seltsam" wirkende Bewegungsfolge des Trancetanzes übergeht.
Tanzen kann soziales Tun werden und sich in gemeinsam akzeptieren und gepflegten (lat: kultivierten, also in kulturspezifischen oder einen "Kult" bestimmende) Sitten und Gebräuchen konkretisieren: bei gesellschaftlichen Anlässen wie Festen und Feiern bis hin zu ganzen Volksfesten, bei Vorführungen oder anderen Veranstaltungen einschließlich Sportveranstaltungen, zum Erhalt von Brauchtum oder umgekehrt zur Entwicklung neuer Bewegungsfolgen und -formen.
Tanzen kann aus der "magisch" genannten Vorstellung heraus erfolgen, auch nach anderes bewirken zu können als damit lediglich imstande zu sein, nur sich selbst zu beeinflussen und in einen "anderen Bewusstseinszustand" zu versetzen oder andere Menschen "mitreißen" zu können. Bekannt ist, dass bei manchen Naturvölkern zumindest auch dazu getanzt wurde, um das Wetter zu beeinflussen. Wir sind geneigt, eine derartige uns absurd vorkommende Überzeugung abergläubisch zu nennen.
Tanzen wurde und wird m.W. bei Naturvölkern nach wie vor auch dazu benutzt, sich ganz gezielt in Trance zu tanzen; es gibt bei ihnen sogar Spezialisten, bei denen dies besonders leicht vonstatten geht. (Ein Somnambulismus kann wie Schlaf nur "von selbst" eintreten, was nicht ausschließt, dann andere ihn "induzieren" können; dies geschieht in dem "Hypnose" genannten Verfahren...)
Die dabei gemeinte somnambule oder "tiefe" Trance mit Ausschaltung der Selbstwahrnehmung und damit Wegfall der Möglichkeit der bewussten Selbststeuerung besteht darin, in einer gegenüber dem üblichen oder normalen Wachbewusstsein unvergleichlichen Weise auf inneres Empfinden oder innere Spontanvorstellungen konzentriert zu sein, auf innerlich sich wie beim Träumen im Schlaf einstellende, aber anders als dort - Trance ist wie gesagt eine Sonderform des Wachzustandes - intensiver als im Schlaf erlebte, spontan sich bildende Vorstellungen, insb. innere "Bilder", wenn es sich um visuelle Vorstellungen handelt, also das, was man seit langem "Visionen" nennt. Sie können selbstverständlich oder wörtlich zu verstehen: "natürlich", d.h. ihrer Natur nach auch nicht mehr selbst gesteuert werden, sondern ergeben und entwickeln sich in einer Art innerem Film oder Kino ganz von selbst, wie dies auch aus Drogenerfahrungen bekannt ist.
Schon Naturvölker haben Möglichkeiten gefunden, dieses spontane "Innenleben" durch halluzinogen wirkende Pflanzen zu intensivieren, und außerdem - soweit ich als Nicht-Ethnologe informiert bin - vielfach die Überzeugung ausgebildet, dabei in ein eigenes "Reich" zu gelangen, ein Reich allerdings, das sie nicht als das "Reich" ihrer eigenen Imaginationen auffassen, sondern "anders".
Und hier kommen zusätzliche Vorstellungen ins Spiel, nämlich die Deutungsweisen und Interpretationen dieser inneren Erlebnisse, die heute als "innerpsychische" Vorgänge gedeutet werden, ohne genaue psychologische Analyse jedoch seit langem auch ganz andere, nämlich religiöse Deutungen erfahren haben und erfahren können: die menschliche Imaginationsfähigkeit ist ja auch im normalen Wachzustand schier unbegrenzt und kann sich beispeilsweise sogar ein überhaupt nur noch sprachlich formulierbares "Jenseits" bilden.
Wer deswegen bereit und fähig ist, sich ein "Reich des Geistes" vorzustellen und anzunehmen - in der Einzahl als "Großer Geist" oder in der Mehrzahl als "Reich der Geister" und sich dabei dann vielleicht auch noch höchst unterschiedliche Geistwesen dabei vorstellt wie Gespenster, Teufel und Dämonen, Engel oder Götter oder auch nur als solche Geistwesen weiterexistierende Ahnen - wird Erlebnisse in sog. "veränderten Bewusstseinszuständen" aller möglichen Art bis hin zu Träumen anders deuten als sie heute in sachlicher psychologischer Perspektive erscheinen; denn sog. "verändere Bewusstseinszustände" sind mittlerweile recht gut untersucht und haben sich als lediglich unterschiedliche Konzentrationszustände und damit Wahrnehmungsweisen mit jeweils charakteristischen Eigenschaften herausgestellt, ein Wissen, das es interessanter Weise seit etwa zweieinhalbtausend Jahren bereits gibt, das aber - und das ich noch weit bemerkenswerter - nach wie vor selbst als religiös gilt: so wenig allgemein verbreitet ist leider das Wissen und Verständnis von den in Rede stehenden Zusammenhängen. (s.a. das "Postskriptum" auf S. 13 hier
Sie schrieben (ganz am Anfang):
> Was mir an Dawkins' eigenem Ansatz missfällt, ist, dass die kindliche Leichtgläubigkeit ("Glaube allem, was Deine Eltern Dir sagen!") lediglich die WEITERGABE, aber nicht die ENTSTEHUNG der Religion erklärt. <
Dazu nur noch eine Anmerkung. Diese These erklärt nicht einmal die Weitergabe schlüssig. Denn wenn Eltern ihren Kindern mit Religion(en) schädliche Einflüsse weitergeben würden, müsste diese sogar doppelt so schnell evolutiv ausscheiden: denn es wäre ja der genetische Erfolg von Eltern UND Nachkommen (und dann wiederum deren Nachkommen etc.) beeinträchtigt.
Die These ist (wie einige andere von Dawkins) also nicht evolutions-logisch und auch empirisch unhaltbar. M.E. wird sie fast nur aus polemischen Gründen weitergegeben - und zwar in Populationen fast ohne Kinder... (-;
Lernpsychologische und evolutionäre Zusammenhänge in Beziehung zu setzen, scheint mir ausgesprochen gewagt. Die Unterschiede sind m.E. viel zu groß.
Lernen findet im Moment des Erlebens statt und damit jeden Erlebens, also dauernd. Dem gegenüber findet genetisch Relevantes lediglich in erfolgreichen Sexualakten statt, pro Generation also gerade ein Mal. Lernen ist zudem stets individuell. Folgen individuellen Lernens betreffen deswegen auch immer nur das lernende Individuum und allenfalls noch die Einzelgruppe, -horde oder -herde, in die es hineingeboren ist. - Evolutionäre Betrachtungen sind dagegen prinzipiell überindividuell auf die Art gerichtet; Lernprozesse werden hier nur dann in Betracht gezogen, wenn ihr "Anteil" am Verhalten der Individuen einer Spezies gerade "abzuziehen" ist, wenn es um das typische und damit mindestens zum Teil genetisch präformierte oder verankerte Verhalten geht.
Noch wichtiger: Folgen hat Lernen bereits in der nächsten gleichartigen Situation (weil individuelles Verhalten dabei lernpsychologisch ausgedrückt sogleich "verstärkt" oder "abgeschwächt" wird, Grundlage aller Gewohnheits-Bildung, die bei sozial aufwachsenden Lebewesen von besonderer Bedeutung ist; denn dieses soziale Lernen wird durch die ständigen Eindrücke vermittelt, die jedes einzelne Individuum von dem - insb. reaktiven - Verhalten derjenigen Individuen auf seins gewinnt, die es als Mutter, Eltern und ggf. auch in der Gruppe, Horde oder Herde "vor Augen" und damit zum "Vorbild" hat: dieses ständige Vorbild- und Gruppenlernen wird meinem Eindruck nach in seiner weitreichenden Bedeutung viel zu wenig beachtet). - Dagegen zeigen sich genetische Folgen frühestens in der nächsten Generation und dort zunächst auch nur individuell. Als generative Auswirkungen können diese Folgen unter evolutionären Gesichtspunkten nur dann Berücksichtigung finden, wenn sie irgendwann als Elemente einer generationenübergreifenden, für den Bestand oder die Weiterentwicklung der ganzen Art bedeutsamen Entwicklungslinie erweisen oder rekonstruktiv erwiesen haben.
Eine methodisch bedingte Konsequenz besteht bekanntlich darin, dass bei evolutionären Zusammenhängen völlig andere Zeiträume in Betracht gezogen werden müssen als bei individuellen Lernprozessen und darüber vermittelten sozialen Zusammenhängen. Kulturentwicklungen unter "evolutionären" Gesichtspunkten zu betrachten liegt deswegen nicht eben nahe. Bei uns Menschen steht eine derartige Betrachtungsweise vor der großen Schwierigkeit, den Einfluss unseres enormen Lernvermögens gegenüber gleichzeitig ablaufenden, in ihren Folgen zu völlig anderer Zeit erst erkennbar werdenden genetisch relevanten Vorgängen methodisch sicher abzugrenzen.
Auf die methodische Problematik statistischer Erhebungen will ich nur noch hinweisen: sie ergeben bekanntlich immer nur Korrelationen! Als solche sind sie völlig ungeeignet, kausale Zusammenhänge auch nur aufzuzeigen; als Beweismittel für Zusammenhangsbehauptungen kausaler Art taugen sie gleich gar nicht. Korrelationen bleiben auch unter der geläufig gewordenen und leicht irreführenden Bezeichnung "statistische Zusammenhänge" bloß Korrelationen. Im Glücksfall sind sie Hinweise auf kausale Zusammenhänge. Solche sind ganz anders als per Statistik nachzuweisen. (Bei physikalischen Experimenten, die sich dadurch auszeichnen, dass alle wesentlichen Variablen ausreichend kontrolliert werden, sind die Ausgangsvoraussetzung für die Anwendung statistischer Verrechnungen völlig anders als bei schlichten Häufigkeitserhebungen irgendwelcher sonstiger Art.)
Im übrigen möchte ich auch auf das im Blog von Herrn Blume hier http://religionswissenschaft.twoday.net/...4589353 Ausgeführte verweisen, insbesondere auf das spezielle und für uns Menschen hochspezifische Imitationslernen, das in der Abrichtung von Soldaten sicher seit langem und außerhalb davon zu allgemeinen Bildungszwecken mindestens seit dem griechischen Altertum, besonders jedoch nach Einführung der allgemeinen Schulpflicht mehr oder weniger systematisch auch gezielt und bewusst genutzt wird.
...das macht so einfach keinen Spaß mehr, Herr Kittel! Mit einer ernsthaften, wissenschaftlichen Diskussion haben diese Sprachnebel nichts mehr zu tun.
Der differentielle Reproduktionserfolg religiös vergemeinschafteter Menschen, den wir hier ausführlich diskutiert haben, lässt sich eben längst nicht mehr einfach mit dem Hinweis auf "Statistik beweist nichts" wegerklären. Abgesehen davon, dass hier keine willkürliche Korrelation abstrakter Datensätze, sondern ein millionenfacher Abgleich menschlichen Reproduktionsverhaltens vorliegt - ganz unabhängig davon haben wir auch hier mehrfach beispielsweise den Kinderreichtum orthodoxer Juden oder Amish -also den religionskulturellen Vergleich- diskutiert. Wenn Sie schon aller Statistik mißtrauen, so bräuchte es wenigstens einer alternativen Erklärung auch dazu.
Und dass Lernen evolutionsbiologisch natürlich immer in der Wechselwirkung biologischer und sozialkultureller Prägung erfolgt, ist eine Binsenweisheit - bzw. macht ja gerade den adaptiven Sinn des Lernens aus. Aber unsere Lern"fähigkeit" unterliegt selbstverständlich weiterhin der Selektion; zumindest kenne ich keinen einzigen Biologen, der anderes behaupten würde.
Sie hätten auch einfach schreiben können: Ich will einfach nicht wahrhaben, dass religiöses Verhalten auch biologische Grundlagen hat und dass religiös vergemeinschaftete Menschen durchschnittlich deutlich mehr Kinder haben. Dann hätten wir Sie auch verstanden...
Natürlich unterliegt jede wissenschaftliche Hypothese der ewigen Möglichkeit der Falsifikation bzw. Überbietung durch eine exaktere These. Aber die verzweifelten Versuche, vorliegende Daten zu leugnen, sind, wenn Sie mir die Bemerkung erlauben, nicht wirklich produktiv.
Den Vorwurf nehme ich gern auf mich, Herr Blume, nicht zu Ihrem Spaß beizutragen; dafür ist mir das Thema und damit Ihr Anliegen zu ernst. Wenn Sie sich mit schlichteren eher plakativen Behauptungen zufrieden geben, kann ich Ihnen entgegenkommen und würde dann so formulieren:
In der bisherigen Diskussion hier wird die Bedeutung, insbesondere die Wirksamkeit und Reichweite von Lernprozessen - vorsichtig formuliert - erheblich unterschätzt, soweit sie über Lippenbekenntnisse hinaus überhaupt in Betracht gezogen werden. Außerdem habe ich zu begründen versucht, weshalb eine evolutionäre Betrachtungsweise von derzeitigen Reproduktionsraten oder solchen in Zeiträumen von selbst einigen Jahrhunderten nicht adäquat ist, womit selbstredend - um den Sprachnebel ein wenig zu lichten - zum Ausdruck gebracht werden sollte, dass ihr Entstehen und Ausmaß vielmehr anders zu "erklären" ist.
Ich hatte gehofft, damit genügend begründet zu haben, dass zur Erklärung des Verhaltens von Menschen heute und in allen historisch von uns hinreichend genauer überblickbaren Zeiträumen zunächst und vor allem weit mehr als bisher Lernprozesse in Betracht zu ziehen sind; bei gelernten Verhaltensweisen wie dem Sprechen in einer Sprache (! - nicht die bloße Lautebildund bzw. die Fähigkeit dazu) oder der Ausübung gruppenspezifischer religiöser Rituale aller Art kommen zur Erklärung ihres Zustandekommens sogar ausschließlich Lernvorgänge in Frage. Bei uns Menschen sind seit langem selbst grundlegende biologische "Funktionen" wie Aktivität/Schlaf, Ernährung, Sicherungs-, Sozial- und Reproduktionsverhalten derart stark kulturell überformt und werden damit in einem Ausmaß in gelernten Verhaltensweisen ausgelebt, dass Lernprozesse schon lange von weit überwiegender kausaler Relevanz für die Erklärung faktischen Verhaltens von Menschen geworden sind. Vielleicht darf ich pauschal auf die Forschungen von Michael Tomasello verweisen.
Es ist doch gar keine Frage und wird von mir selbstverständlich auch nicht bestritten - ganz im Gegenteil! -, dass individuelles und gruppenspezifisches Reproduktionsverhalten auf religiöse Gesichtspunkte, Werthaltungen und Überzeugungen zu beziehen sind, wenn und sofern Menschen sich real daran orientieren. Das kann man auf bloßen Entschluss hin oder aus anderen Gründen tun, eine Entscheidung, die gewöhnlich als Bekehrung bezeichnet wird; normalerweise werden religiöse Einstellungen der verschiedensten Art seit Jahrtausenden jedoch Kindern von klein auf mehr oder weniger "eindrücklich" vorgelebt oder mehr. Kinder aber "verinnerlichen" frühe Lernerfahrungen in ihrer weit offenen Empfind- und Empfänglichkeit und mehr als ein komplettes Jahrzehnt vor Entwicklung einigermaßen ausreichender Reflexionsfähigkeit in einer derart tiefgreifenden und weitreichenden Weise, dass psychologische Laien sich deren Ausmaß und Auswirkung trotz der Bekanntheit zumindest des Namens "Freud" nach wie vor kaum vorstellen können. (Welche "Macht" - unterbewusst, wie gewöhnlich gesagt wird, ohne dass dieser Ausdruck jedoch etwas erklären würde - selbst bloße "Bilder", also visuelle Eindrücke gewinnen können, kann an dem psychosomatischen Phänomen der gelegentlichen Ausbildung von Stigmata bei Menschen mit Neigung zu Spontantrancen ersehen werden. - In Trancezuständen sind nebenbei bemerkt auch Phänomene möglich, über deren Art und Entstehung nach wie vor kaum etwas allgemein bekannt ist und dies trotz intensiver Forschungen in den USA zu "veränderten Bewusstseinszuständen" schon vor Jahrzehnten.)
Während Sexualität und alle anderen sog. Grundbedürfnisse selbstverständlich biologisch fundiert ist, sind Überzeugungen als gelernte Einstellungen dies nie, auch keine religiösen Überzeugungen - außer in dem nun wirklich trivialen Sinn, dass sie "eine biologische Grundlage" haben, nämlich unser natürliches Lernvermögen. Nur habe ich nicht den Eindruck, dass Sie eine derart triviale Ansicht vertreten und verteidigen, sondern Religiosität selbst für eine biologisch fundierte menschliche Eigenheit halten. Dagegen habe ich in Ihrem Weblog "Religionswissenschaft" ausführlich argumentiert, der mir dafür der passendere Ort erschien. Eine Replik von Ihnen darauf steht dort noch aus.
Die Tatsache des willkürlichen oder anders begründeten und beliebig möglichen Wechsels religiöser Ansichten wie auch der schon vom Eindruck her beliebig erscheinende historische Wandel, des Verschwindens oder Auftretens teilweise geradezu grotesker religiöser Vorstellungen und Riten sowie die ebenso willkürlich mögliche Aufgabe aller Religiosität allein schon zeigt und beweist meines Erachtens, dass religiöse Phänomene nicht biologisch präformiert oder gar verankert sein können. Gerne für religiös gehaltene psychische Phänomene wie Trancen, Stimmenhören, Visionen, OBE's oder NDE's werden zwar gerne für religiöse Zwecke vereinnahmt; ihre Eigenart zu erklären ist ohne einschlägige Vorkenntnisse schwierig, sie ernsthaft zu erörtern ohne Fachkenntnisse kaum sinnvoll, wenn überhaupt möglich.
Ich bin erst kürzlich auf diese Diskussion gestoßen und habe festgestellt, dass einige Aspekte sehr ausführlich besprochen wurden. Andere sind mir beim quer Lesen nicht aufgefallen. Es mag aber sein, dass diese bereits hier oder an anderer Stelle behandelt und verworfen wurden.
Totenkult und die Fähigkeit, kausale Zusammenhänge zwischen Ereignissen, herzustellen waren hier ja schon mehrfach als Elemente der Religionsentstehung genannt. Auch Altruismus, und die Bereitschaft sich für die Gruppe zu opfern können in diesem Zusammenhang gesehen werden.
Allerdings war es früher viel wahrscheinlicher als heute, das man den Einsatz für die Gruppe mit dem Leben bezahlt. Auch wenn das der Gruppe Vorteile bringt, hat der einzelne nichts davon.
Das Argument, dass dadurch die Gene der eigenen Sippe bessere Chancen haben, war damals gänzlich unbekannt und würde auch heute nicht ohne Widerspruch akzeptiert, wenn es um den eigenen Tod geht.
Anders verhält es sich, wenn der Tote Körper durch Grabbeigaben reich beschenkt wird und/oder ein Leben nach dem Tod in Aussicht gestellt wird, welches um so prächtiger ausfällt je mehr man sich als zuverlässiges Mitglied der Gesellschaft erweißt.
Die Religion, die hier am meisten bieten kann, sollte auch die mutigsten Kämpfer hervorbringen. Was sowohl bei der Verteidigung als auch bei der Eroberung von Ressourcen von Vorteil sein sollte.
Allerdings sollte sich die Kampfbereitschaft nicht gegen die eigene Gruppe richten. Hier scheint die Religiosität mit strengen Normen und Ritualen aber klare Grenzen aufzuzeigen.
So könnte es von Vorteil sein, das Priester zwar den Frieden predigen und nicht in den Kampf ziehen, aber die Krieger segnen.
Vielleicht gilt das Zölibat ja auch als versprechen, dass die Priester die Abwesenheit der Krieger nicht als Gelegenheit zur eigenen Fortpflanzung nutzen.
Lieber Herr Cramer,
danke, starker Beitrag! Für Sie (und ggf. Herrn Kittel) könnte ggf. "Darwin's Cathedral. Evolution, Religion and the Nature of Society" des Evolutionsbiologen D.S. Wilson von 2002 sehr interessant sein, der mit einer Vielzahl von Fallbeispielen genau in diese Richtung forscht. Zu meinen Befunden passt das natürlich wunderbar, wobei ich meine, dass das "Survival" in der Evolution der Religion sekundär hinter der Lösung von "Reproduction" bestand. Aber das sind Nuancen, die ggf. empirisch zu lösen sind. Und Wilson (der übrigens selber Atheist ist) ist ein echter Lesetip!
Mit herzlichen Grüßen
Michael Blume
Lieber Herr Kittel,
lassen Sie mich einfach auf Ihre Anspielung bezüglich "meines Anliegens" eingehen: Mein Anliegen besteht in naturwissenschaftlich fundierten und durch harte Daten belegten Theoriebildung zur Evolution der Religion. Und dieses Anliegen teilen Wissenschaftler über ganz verschiedene Fachgrenzen und Glaubenshaltungen hinweg.
Für einen sinnvollen Dialog benötigt es jedoch zwingend die Bereitschaft, zuzuhören und Befunde auch erst einmal aufzunehmen. Und vielleicht ist Ihnen ja schon aufgefallen, dass eine ganze Reihe von Diskussionspartnern das Antworten auf Ihre Beiträge hier und im Blog inzwischen aufgegeben hat - denn Sie bringen keine eigenen Daten ein, sondern "zerpflücken" immer wieder nur die Begriffe und Arbeiten anderer, ohne auf Einwände zu hören. Und das bringt dann irgendwann einfach niemandem mehr was.
Nur zum Vergleich: Herr Dahl und ich liegen religiös und weltanschaulich sicher weit auseinander - und dennoch diskutieren wir gerne, bringt uns der Austausch auch weiter, wägt jeder das Argument des anderen und gibt diesem auch hin und wieder Recht.
So hat kein Mensch in dieser Diskussion behauptet, dass Religionszugehörigkeit genetisch fixiert wäre - sondern wir haben Religiosität als eine biokulturelle Fähigkeit analog zur Musikalität mindestens fünf Mal diskutiert. Schon im Eingangstext wird die religiöse Vielfalt, die ja Bedingung von Selektion und Anpassung auf unterschiedliche Umweltveränderungen ist, thematisiert. Und ganz unabhängig von den historischen Befunden weisen sowohl auch auf die Genetik bezogene Zwillingsstudien auf die auch biologische Veranlagung von Religiosität analog von Musikalität hin:
http://religionswissenschaft.twoday.net/...347367/
Ebenso zeigen psychologische Experimente eindeutig eine auch biologische Veranlagung religiöser Dispositionen auf, neben dem bereits mehrfach erwähnten Bering z.B. auch ein Spielexperiment von Norenzayan hier:
http://religionswissenschaft.twoday.net/...501605/
Alle diese Daten und Befunde waren in den letzten 150 Beiträgen schon mehrfach Thema. Wenn sie nicht in Ihr Anliegen des "Auflösens" des Phänomens Religion passen sollten, tut mir das Leid - aber wir alle erleben immer wieder empirische Befunde, die uns beschäftigen und zur Überprüfung liebgewonnener Hypothesen zwingen. Wenn wir das aber nicht können, sondern stattdessen einfach ignorieren, was uns nicht passt, entwickelt sich Wissenschaft nicht weiter.
Bitte haben Sie deswegen einfach Verständnis, dass ich erhebliche Zweifel habe, ob das X-te Durchdiskutieren der Begriffe und Kapriolen noch Sinn macht. Ggf. finden sich dafür sicher andere Interessenten.
Mit freundlichen Grüßen
Michael Blume
So hätte er heißen müssen:
> Und ganz unabhängig von den historischen Befunden weisen auch auf die Genetik bezogene Zwillingsstudien auf die auch biologische Veranlagung von Religiosität analog zur Musikalität hin. <
(-:
Interessanterweise haben sich unter die TOP 10 der ausdrücklich naturwissenschaftlich orientierten Wissenslogs-Beiträge inzwischen gleich mehrere Artikel etabliert, die sich ausdrücklich mit Religion beschäftigen!
Ist das nicht auch ein interessanter Hinweis auf die bleibende Faszination des Themas? Auf gehts, Naturwissenschaftler, macht endlich mit!
Hervorragendes Buch des (übrigens ebenfalls atheistischen) Evolutionsbiologen D.S. Wilson wäre zum Beispiel: "Darwin's Cathedral: Evolution, Religion, and the Nature of Society".
http://www.amazon.com/...ion-Society/dp/0226901351
Wissenschaftlich übrigens sehr viel ergiebiger als Dawkins, aber mangels Polemik natürlich auch viel unbekannter...
Liebe Herr Blume,
danke für den Buchtipp, zumal ich wissenschaftliche Bücher den polemischen vorziehe und mich deshalb nicht für Dawkins begeistern konnte.
Die Differenzierung zwischen „Survival“ und „Reproduction“ ist, wie Sie schreiben, eine weitere Feinheit, aber die Evolution nutzt ja bekanntlich jeden Vorteil und sei er noch so klein.
So vermute ich, dass Religionen, die beide Aspekte abdecken, besonders erfolgreich sind. Allerdings nur, wenn die „Kosten“ dadurch nicht zu stark steigen. Dabei hängt die Priorität wahrscheinlich von den äußeren Umständen abhängt. Dort wo den Nachkommen keine gute Überlebenschance eingeräumt wird, z.B. weil Ressourcen fehlen, wird die Religion eher auf die allgemein Pflicht zu Reproduktion verweisen.
Bei starkem Bevölkerungswachstum sind dagegen eher Verteilungskrämpfe zu erwarten, hier steht also eher die Bereitschaft im Vordergrund, sich für die Gemeinschaft zu opfern. Ob Religion in dieser Situation gleichzeitig auf Reproduktion drängt, was die Zahl der Mitstreiter vergrößert, aber den Expansionsdrang bestätigt?
Empirische Untersuchungen können hier sicher Antworten liefern. Vielleicht sind aber auch historische Betrachtungen hilfreich. Über die Götterwelt früherer Zeiten herrschte oft der Kriegsgott mit der Göttin der Fruchtbarkeit. Dabei möchte ich aber nicht ausschließen, dass die Wertigkeit dem Patriarchat geschuldet ist. Vielleicht ist im Alten Testament auch nur aus diesem Grund mehr vom Krieg, als von Reproduktion die Rede.
Interessant wäre auch, ob die Ausbreitung neuer Religionen von grundlegend geänderten Lebensbedingungen abhängt, oder eben nur die Religionen gewinnt, die beide Aspekte möglichst gut abdeckt und flexibel in den Vordergrund stellen kann.
Viele Grüße
H. Cramer
Hallo Herr Cramer,
ganz im Ernst: da sind Sie schon ziemlich weit vorne mit dabei beim konzeptionellen Denken! Arbeiten bzw. forschen Sie bereits auf dem Gebiet?
Wilson wird Ihnen entlang Ihrer Überlegungen enorm zusagen und zum Zusammenhang Demografie - Gewalt hier auch ein pdf, das empirisch ebenfalls in die von Ihnen vermutete Richtung zeigt:
http://www.berlin-institut.org/...tehen_Kriege.pdf
Wegen der "Kosten" haben mich immer die orthodoxen Juden und Amish verblüfft, die extrem "teure" religiöse Lebenswege vertreten und gerade darin und deshald auch reproduktiv (und also biologisch letztlich entscheidend) außerordentlich erfolgreich sind. Im Vergleich zeigen sich meist die "teuren" Gemeinschaftsformen als erfolgreicher als die "liberalen" - ein Umstand, der einem nicht gefallen muss, der sich aber stabil so abzeichnet...
Würde mich freuen, wenn Sie am Thema mit dranbleiben!!!
Mit herzlichen Grüßen
Michael Blume
...mit der pauschalen Aussage, dass die teuren, also restriktiven, Gemeinschaftsformen erfolgreicher seien als die liberalen.
Ich hatte ja schon im Seminar angesprochen, dass der "offensichtliche" reproduktive Vorteil restriktiver Gemeinschaften sich möglicherweise nur wegen der historisch ungewöhnlich niedrigen Sterblichkeit so deutlich zeigt.
Genauso ist es denkbar, dass die ultrakonservativen Gemeinschaften generell derzeit von der technisch erzeugten Stabilität der Lebensbedingungen profitieren (die ja die liberale Gesellschaft erst geschaffen hat).
Die demographischen Daten sagen uns ja nur, wie das Bild unter den derzeitigen sehr speziellen Bedingungen aussieht. Wenn es tatsächlich einen konsistenten Selektionsdruck in Richtung erzkonservativer Religion gäbe - warum gibt es dann so überwältigend viele vergleichsweise liberale Gesellschaftsmodelle in der menschlichen Geschichte?
Habe eben erst bemerkt, dass die Diskussion weitergeführt worden ist. Wie schön! Dann kann ich ja die Frage, die ich an Herrn Blume habe (und letztens andernorts aufgeworfen hatte), schnell hier unterbringen. Just a sec!
Lassen Sie uns noch einmal ganz kurz auf die Adaptivität der Religiosität zu sprechen kommen. Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, stützen Sie Ihre Behauptung, dass die Religiosität adaptiv sei, auf zwei unleugbare empirische Befunde: 1. Zwillingsstudien zeigen, dass Religiosität hereditär und daher offenbar genetisch fixiert ist. Und 2: Demographische Studien zeigen, dass Religiosität mit einem größeren Fortpflanzungserfolg einhergeht. Ist das richtig?
Ich will zunächst einmal nur die erste Frage berühren: Mir will scheinen, dass man aus der bloßen Heredität der Religiosität nicht automatisch auf ihre Adaptivität schließen kann. Viele Eigenschaften sind hereditär: Neurotizität, Depressivität und Suizidalität sind offenbar erblich, doch niemand würde behaupten, dass sie deshalb adaptiv sein müssen. Was meinen Sie?