Glaube und Zölibat: bio-logisch erfolgreich?
Heute überlasse ich - passend zur religiös geprägten Saison - dem Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume das Podium. Michael Blume beschäftigt sich unter anderem mit den biologischen Ursprüngen und Mechanismen der Religiosität; 2005 promovierte er in Tübingen über das Verhältnis von Neurowissenschaften und Religionswissenschaft.
An der Uni Heidelberg veranstaltet er in diesem Semester das Seminar "Religionswissenschaftliche Präsentationen zur Evolution der Religion", an dem ich auch mitwirke. Kennengelernt habe ich ihn vor einer Weile über sein Religionswissenschafts-Blog, in dem er regelmäßig über derartige Themen schreibt. Heute berichtet er hier bei Abgefischt über mögliche biologische Grundlagen des Zölibats. Viel Spaß!
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Glaube und Zölibat: bio-logisch erfolgreich?
Edward O. Wilson, einer der bedeutendsten Biologen unserer Zeit, stellte in seinem mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Buch On human Nature von 1978 fest: "Religion stellt die größte Herausforderung für die Soziobiologie des Menschen dar und ihre aufregendste Gelegenheit, als eine wirklich originale theoretische Disziplin fort zu schreiten." (S. 178, Übers. aus dem Englischen)
Inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass Wilsons Traum in Erfüllung gehen könnte. In spezialisierten Netzwerken wie den Evolutionary Religious Studies wirken längst nicht nur Forscher verschiedenster Nationen, sondern vor allem auch unterschiedlichster Disziplinen mit. Dabei treffen Evolutionsbiologen, Anthropologen, Ethnologen, Psychologen, Neuromediziner, Soziologen, Ökonomen, Theologen, Philosophen und (vergleichende) Religionswissenschaftler nicht nur auf immer mehr Tagungen aufeinander, sondern nutzen auch das Internet, um in einer früher undenkbaren Geschwindigkeit und Tiefe empirische Daten und Thesen auszutauschen.
Dabei verdichten sich die Befunde von der Zwillingsforschung über die Neurowissenschaften bis hin zur Religionswissenschaft zu einem wachsenden Konsens, der gerade in seiner Selbstverständlichkeit verblüfft: Religiöse Veranlagungen scheinen völlig entsprechend zu etwa sprachbezogenen oder musikalischen, genetisch veranlagten Fähigkeiten mit hoher, kultureller Plastizität über Fitnessvorteile evolviert zu sein - und wohl auch weiter zu evolvieren. Eine schnell wachsende Zahl von Studien und auch psychologischen Experimenten belegt eine gesteigerte Kooperationsbereitschaft zwischen Religiösen sowie die Abwehr von Trittbrettfahrern und Assimilation durch kostspielige Verpflichtungen und Rituale.
Sogar die sprichwörtliche „Gretchenfrage“ (Gretchen an Faust: „Wie hälst Du’s mit der Religion?“) kommt inzwischen zu empirischen Ehren: Kostspielige Religiosität scheint tatsächlich als ein Indikator für Partnertreue und damit förderliches Merkmal sexueller Selektion zu wirken - und geht tatsächlich mit geringeren Raten etwa an Scheidungen und Alleinerziehenden in Religionsgemeinschaften einher. Also genau das, was Goethes Mephistopheles (in Kapitel 16) im spöttischen Kommentar zu Gretchens Frage vermutete:„Die Mädels sind doch sehr interessiert, ob einer fromm und schlicht nach altem Brauch. Sie denken: duckt er da, folgt er uns eben auch.“
Zumindest kann es nach Auswertung sowohl nationaler wie internationaler Daten und vor allem auch der Schweizer Volkszählungen 1970, 80, 90 und 2000 (die jeweils als Vollerhebungen durchgeführt wurden) praktisch keinen statistischen Zweifel mehr geben, dass religiös vergemeinschaftete Menschen weltweit durchschnittlich deutlich mehr Kinder haben als ihre konfessionslosen Zeitgenossen auch je der gleichen Einkommens- und Bildungsschicht.Ja, entgegen auch unseren frühen Erwartungen nimmt der reproduktive Abstand mit steigenden Freiheits-, Wohlstands- und Bildungsniveaus sogar zu! Denn während Menschen in klassischen Agrarwirtschaften kaum Alternativen zu einer hohen Kinderzahl als Arbeitskräfte und Altersversorgung hatten, werden Kinder in modernen Marktgesellschaften zu sehr kostenträchtigen Wertentscheidungen.
So blüht beispielsweise der Kreationismus in den USA nicht etwa, weil er haltbare, wissenschaftliche Argumente hätte - sondern weil tiefreligiöse Christen, Juden und Muslime durchschnittlich erheblich mehr Kinder bekommen und erziehen als die Befürworter des darwinistischen Naturalismus. Die Ironie in diesem Befund harrt noch der Aufarbeitung…
Sogar Zölibat…
Überraschenderweise lässt sich inzwischen sogar die religionshistorische Entstehung des Zölibats über Fitnessvorteile der Verwandtenselektion neu entschlüsseln. Diese ist an sich unumstritten: keinen Biologen wundert es, dass auch Menschen dazu tendieren, mit nahen Verwandten intensiver zu kooperieren und sich gegebenenfalls sogar für sie zu opfern, tragen sie doch eng verwandte Gensequenzen.
Aber genau das wird in klassischen Agrarwirtschaften zum Problem: weil die meisten schon aus ökonomischen Erwägungen (Arbeitskräfte, Altersversorgung, Schutz) viele Kinder anstreben, entstehen vor Ort expandierende Familienclans, in ständiger Verflechtung und Spannung auch um knappe Ressourcen (z.B. Land). Jeder lokale, religiöse Funktionär ist hier sofort dem (manchmal zutreffenden) Verdacht ausgeliefert, doch nur die eigene Familie nepotistisch zu begünstigen.
So erging es z.B. auch Jesus, der „kam in seine Vaterstadt und lehrte sie in ihrer Synagoge, so daß sie sich entsetzten und fragten: Woher hat dieser solche Weisheit und solche Taten? Ist er nicht der Sohn des Zimmermanns? Heißt nicht seine Mutter Maria, und seine Brüder Jakobus und Josef und Simon und Judas? Und seine Schwestern, sind sie nicht alle bei uns? Woher kommt ihm denn das alles? Und sie ärgerten sich an ihm. Jesus aber sprach zu ihnen: Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland und in seinem Hause. Und er tat dort nicht viele Zeichen wegen ihres Unglaubens.“ (Mt. 13,55-58)
Gibt es eine Lösung für dieses Dilemma? Ja, der Austausch von Zölibatären. Religiöse Institutionen könnten anregen, dass Clans aus ihrem jeweiligen Geburten- und Erbenüberschuss einige wenige Akteure „spenden“, die (ohne eigene Familien zu gründen) anderswo Dienst tun - und dafür umgekehrt auch selbst Zölibatäre zugeteilt bekommen. Der einzelne Zölibatäre würde damit in der Fremde sehr viel religiös glaubwürdiger Ehebünde segnen und überwachen, Familienwerte predigen, Streit schlichten, Arme und Kranke versorgen, Kinder unterweisen, antisoziales Verhalten ahnden und andere Fitness-relevante Tätigkeiten ausüben können - und dürfte Gott, Mutter Kirche oder dem Sangha vertrauend zudem davon ausgehen, dass auch die eigene Herkunftsgruppe entsprechend Fitness-fördernd betreut würde. Hier läge also eine clevere Form indirekter Verwandtenselektion vor! (Siehe Schaubild)
Und auch diese These lässt sich empirisch testen. So müssten wir einerseits davon ausgehen, dass die Inhaber zölibatärer Rollen zur Sexualität klar Stellung beziehen: Sie müssten zur Unterstreichung ihrer eigenen Glaubwürdigkeit insbesondere in klassischen Agrargesellschaften ihre eigene Abstinenz sowohl gegenüber hetero- wie homosexuellen „Versuchungen“ unterstreichen (diese also strikt verdammen) und sie müssten vor allem, im Kontrast zur eigenen Kinderlosigkeit, für eine möglichst hohe Fertilität der nichtzölibatären Laien eintreten. Dies lässt sich im Christentum, aber auch etwa in Hinduismus, Buddhismus und Jainismus sowohl historisch wie zeitgenössisch-vergleichend reichlich beobachten.
Daneben müsste die Akzeptanz des Zölibats milieuabhängig sein: in klassischen Agrargesellschaften mit Geburtenüberschüssen müsste eine sehr viel höhere Akzeptanz zölibatärer Rollen beobachtbar sein als in Marktgesellschaften mit niedrigen Geburtenraten. Dies ist nicht nur im Vergleich christlicher Länder (z.B. Afrikas und Europas) sondern ebenso in buddhistischen Gesellschaften (z.B. Birma und Japan) eindeutig der Fall. Auf die zunehmend datengestützte Präsentation dieser und unzähliger weiterer Thesen zu religiösen Phänomenen dürfen wir uns also in naher Zukunft freuen.
Noch kaum andiskutiert ist dabei die Frage, wie sich die Erkenntnis, dass Religion als ein Teil menschlicher Natur biologisch beschreibbar wird sowohl auf das religiöse Selbstverständnis wie auf die naturalistische Religionskritik auswirken wird. Und gerade die deutsche Wissenslandschaft muss sich fragen, warum in den Netzwerken interdisziplinärer und internationaler Evolutionsforschung zur Religion bisher deutschsprachige Wissenschaftler sowohl natur- wie geisteswissenschaftlicher Disziplinen nur sehr vereinzelt vertreten sind bzw. warum wir immer noch kein einziges solches Netzwerk im deutschsprachigen Raum haben.
asdf
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"Entsprechend kann ich mit Ihrem Kriminalitätseinwurf hier nichts anfangen. Abgesehen davon, dass schon "kriminell" wieder ein soziales, kein biologisches Kriterium ist (oder sind Elstern "kriminell"?) - wir diskutieren hier, so dachte ich, über biologischen Erfolg eines Merkmals, den darwinschen Fitneßindikator, also die differentielle Reproduktivität."
Wie das Wort "unzuverlässig", so kann man auch das Wort "kriminell" sowohl normativ als auch deskriptiv verstehen. Normativ ist ein Krimineller ein "Verbrecher", deskriptiv ist ein Krimineller ein Mensch, der eine Tat begangen hat, die vom Gesetzgeber mit einer Kriminalstrafe bedroht worden ist.
Um einen unnötigen Moralismus zu vermeiden, können wir den Begriff "kriminell" ebenfalls in die Sprache der Spieltheorie übersetzen und sagen: Empirische Befunde zeigen, dass religiöse Menschen offenbar nicht minder oft defektieren wie areligiöse Menschen.
Die Schlussfolgerung ist dieselbe wie zuvor: Wenn religiöse und areligiöse Menschen gleichermaßen defektieren, können religiöse schwerlich BEVORZUGTE Kooperationspartner sein.
Dies ist freilich nur eine Wiederholung dessen, was ich im letzten Kommentar bereits gesagt habe. Lassen Sie uns daher noch einen Schritt weitergehen und zwischen drei potenziellen Spielern unterscheiden. Der erste kooperiert mit allen, die kooperationsbereit sind und nicht defektieren. Der zweite kooperiert nur mit religiösen Partnern. Und der dritte schließlich kooperiert lediglich mit Partner seiner eigenen Konfession, also beispielsweise ein Christ nur mit Christen, möglicherweise sogar ein Baptist nur mit Baptisten. Wer wird wohl am erfolgreichsten sein? Sicher der, der sich keine profitablen Kooperationsmöglichkeiten entgehen lässt - der, der die Entscheidung zu kooperieren von der ZUVERLÄSSIGKEIT seines Gegenübers, nicht aber von dessen RELIGION oder KONFESSION abhängig macht.
Trotz Ihrer fehlenden Ohren haben Sie mich durchaus richtig verstanden. Die ersten religiösen Vorstellungen waren meines Erachtens ein Nebenprodukt unseres kausal und teleologisch orientierten Erkenntnisapparats. Die Enwicklung von simplen zu komplexen religiösen Vorstellungen erfolgte auf intellektueller und nicht auf genetischer Grundlage. Als die immer komlexer werdenden religösen Vorstellungen schließlich Verhaltensanweisungen einschlossen, hatten diejenigen Menschen reproduktive Vorteile, die adaptiven Normen zu folgen bereit waren - und diejenigen Menschen reproduktive Nachteile, die maladaptiven Normen zu folgen bereit waren.
Lieber Michael,
zur Verdeutlichung sage ich, daß ich (natürlich) von der "intellektuellen" "Schwäche" des Monotheismus gesprochen hatte, d.h. von seiner mangelnden Überzeugungskraft gegenüber heutigen, vornehmlich wissenschaftlich denkenden Menschen. Natürlich ist das *auch* Geschmackssache. Aber spätestens seit Immanuel Kant ist der monotheistische Gott - nach Heinrich Heine - genauso *geköpft* worden wie etwas später der französische König. Und zwar einzig und allein durch den menschlichen, philosophischen Intellekt. Und davon ist auch die Mehrheitsmeinung der heutigen Philosophen - sogar ziemlich selbstverständlich - überzeugt. Das meinte ich mit "Schwäche".
Mir fällt erst jetzt eine bemerkenswerte Äußerung von Herrn Kitttel hier (01.01.2008 | 00:02) in die Augen, nämlich,
"dass Religiosität konkretem 'Glauben' historisch vorangegangen sein dürfte; denn ein religiöses System entwickelt nur, wem ein 'religiöses' Erleben schon zuvor von wie immer entstandener Bedeutung und Wichtigkeit ist."
Das ist in anderen Worten genau das, was ich auch hatte sagen wollen. Monotheismus gibt es erst 2.500 Jahre lang, Religiosität und kinderreiche (zumindest evolutionsstabil kinderreiche) religiöse Menschen aber vielleicht schon 100 mal so lang. Herr Kittel spricht ja auch sehr schön von den "historisch gesehen geradezu extrem jungen Hochreligionen".
Von den australischen Ureinwohnern oder den südafrikanischen Buschleuten ist mir nicht bekannt, daß sie EINE definitive Aussage über den metaphysischen Bereich machen würden und keine andere als möglich und wahr gelten lassen würden. (Als Prinzip, meine ich, ich weiß, daß DU es heute tust als moderner, einzelner Christ, der NACH G.E.Lessings Ringparabel lebt ... Bei George Dabbelyu bin ich mir da schon nicht mehr so sicher. Frühere Päpste sagten, es sei zum Heile jeder einzelnen Menschenseele notwendig, der katholischen Kirche anzugehören. Und heutige denken da glaube ich nicht anders. In diesem Sinne meinte ich das.)
Vielleicht sollte man so sagen: In fortgeschrittenen arbeitsteiligen, industrialisierten Gesellschaften haben bisher keine religiösen oder weltanschaulichen Gruppierungen höhere Kinderzahlen hervorgebracht als monotheistische. - Aber halt, was ist mit Japan? Und was ist mit Indien? Selbst bei Afrika bin ich mir nicht sicher.
Auch zum konfuzianischen China hast Du nichts gesagt.
- - - Die Literaturhinweise von Herrn Kittel machen nachdenklich, unter anderem auf Julian Jaynes und das "Erinnern" als Ursprung menschlicher Religiosität. Das *erinnert* an manches, was etwa Friedrich Hölderlin gesagt hat. (Dieter Henrich hat besonders auch dieses Thema aufgearbeitet.)
Ich hatte heute morgen endlich Gelegenheit, mir Deborah Kelemen's Artikel "Are Children Intuitive Theists?" anzusehen. Danach werden wir mit einem teleologisch denkenden Gehirn geboren, das uns alles, was existiert, als eine Schöpfung betrachten lässt. Zumindest in den ersten fünf Lebensjahren würden wir allem einen Zweck zuschreiben, zu dem es geschaffen worden ist: "Wozu gibt es Wolken?", "Damit es regnet."; "Wozu gibt es Löwen?", "Damit wir in den Zoo gehen können?"; "Wozu gibt es Felsen?" - "Damit die Tiere darauf sitzen oder sich daran reiben können, wenn es mal juckt." Selbst wenn sie erwachsen sind, sollen Menschen Mühe damit haben, diese Art teleologischen Denkens abzulegen.
Ein weiterer Befund, den ich interessant fand, war, dass Kinder bis zum dritten Lebensjahr offenbar allem und jedem eine Art von "Allwissenheit" zu unterstellen scheinen. Wenn man einem dreijährigen Kind eine Keksdose zeigt und es sehen lässt, dass sich darin keine Kekse, sondern Steine befinden, unterstellt es kuzerhand, dass alle anderen Kinder dies ebenfalls wissen, obwohl sie gar nicht gesehen haben, was sich in der Dose befindet. Auf die Frage: "Was mag wohl dein Bruder glauben, was in der Keksdose ist?", antworten sie: "Steine". Wenn man dieselbe Frage einem fünfjährigen Kind stellt, antwortet es: "Mein Bruder wird glauben, dass Kekse in der Dose sind."
Dummerweise klärt der Artikel nicht auf, wie dieses Denken wohl entstanden sein mag und inwiefern es adaptiv sein könnte.
Ich habe diese ziemlich gewaltig große Diskussion nur in Teilen verfolgt, daher Entschuldigung erstmal, wenn dies bereits diskutiert wurde.
Ich kann immer noch nicht erkennen, warum man hier gerade religiösen Gruppierungen spezielle reproduktive Vorteile zusprechen sollte.
Sind Ihre Untersuchungen nicht allgemein gültig für alle Gruppierungen, die ein autoritäres Grundmuster haben, als absolute Autoritäten, die, wie Zeus oder Thor, strafen können bzw. Versprechungen für Belohnungen in der Zukunft machen können?
Der einzige Unterschied scheint mir zu sein, dass irdische Belohnungen überprüft werden können und Belohnungen nach dem Tod eben nicht.
Wo ist denn der prinzipielle Unterschied zwischen "Schenkt dem Führer einen Sohn" und "Gehet hin und mehret euch"?
Welche nicht-religiös motivierten, autoritären Gruppierungen haben Sie als Gegenprobe untersucht?
(z.B. Scientology, die ohne Götter auskommt)
Lieber Herr Dahl,
oh, da kam wohl nur der erste Teil meines Satzes an bzw. habe ich mich unklar ausgedrückt:
"Außerdem "glaube" ich nicht, dass religiöse Menschen Kontrakte eher einhalten, sondern vergleiche bspw. empirisch das Beziehungs- und Familienverhalten, wie wir das auch bei jedem anderen Wesen machen könnten, beziehe außerdem experimentelle Ergebnisse bspw. von Bering und Norenzayan ein."
Kürzer und knackiger: Ich "glaube" nicht nur, dass religiös vergemeinschaftete Menschen sich kontraktloyaler verhalten als konfessionslose, sondern ich kann es mit harten Daten belegen.
Und aus biologischer Sicht ist eben der Reproduktionserfolg das entscheidende Kriterium (d.h. Paarungsverhalten und daraus erfolgreiche Kinderzahl, die wiederum Nachkommen hervorbringen etc.). Deutlich formuliert: die Konfessionslosen bringen es rein empirisch gesehen auf durchschnittlich mehr Scheidungen, die religiös Vergemeinschafteten auf durchschnittlich mehr Kinder - jeweils auch innerhalb der gleichen Einkommens- und Bildungsschicht.
Was damit GERADE NICHT behauptet wird, ist eine moralische Superiorität: ich habe zumindest bisher keinerlei empirische Hinweise, dass religiöse Menschen auch ohne die Effekte der religiösen Vergemeinschaftung (geglaubte Observanz durch übernatürliche Akteure, auch soziale Kontrolle in der Gemeinschaft) ihre (Ehe- et al.-)Verträge häufiger einhalten würden als andere.
Insofern ist das biokulturelle Merkmal Religiosität als eine in der Neurobiologie des Menschen verankerte Fähigkeit zu verstehen, der -wenn ausgeprägt- zu durchschnittlich höherer darwinistischer Fitness beiträgt.
Und in die gleiche Richtung weisen auch die kognitionspsychologischen Experimente von Bering und Norenzayan.
Mit herzlichem Gruß
Michael Blume
Lieber Herr Dahl,
sehr gut, hier können wir wieder empirisch argumentieren.
Gerade die Ehe ist ein klassisches Gefangenendilemma: beide Seiten mögen sich treuherzig die Liebe versprechen (wie es Faust bei Goethe tut), gerade in den Jahrzehntausenden vor staatlicher Gesetzgebung kommt es aber auf Verbindlichkeit der Signale an.
Und da haben wir wiederum die "empirischen Belege" (!!!), dass Frauen a) häufiger religiös orientiert sind als Männer, b) in den Religionsgemeinschaften überhäufig vertreten sind, in denen Ehe- und Geburtenraten hoch, Scheidungs- und Alleinerziehendenraten aber niedrig sind und sich damit c) die Bedingungen für sexuell selektierendes Verhalten zeigen.
Natürlich könnte eine alternative Hypothese sein, dass religiös ungebundene Menschen "durch das Nutzen aller Chancen" mehr Reproduktionserfolg hätten. Die Daten (!!!) besagen jedoch das glatte Gegenteil.
Wir hatten diese Diskussion übrigens bereits mit George Cloney versus den Amish. Sie verwiesen darauf, wie viele Frauen sich ersterem vor die Füße werfen. Und ich verwies darauf, wieviele Kinder eine Amish-Familie (ggü. dem weiter entschieden kinderlosen Cloney) im Durchschnitt geboren werden.
Hypothesen werden durch empirische Thesen gestärkt oder geschwächt. Und alle religionsdemografischen Daten sowie auch eine Fülle vergleichender Beobachtungen sind hier einfach eindeutig. Religiöse Vergemeinschaftung fördert den reproduktiven Erfolg, ebenso wie es andere Exaptationen und Adaptionen leisten.
Mit herzlichem Gruß
Michael Blume
Wow - in dieser Beschreibung des Evolutionsprozesses von Religiosität finde ich mich bereits völlig wieder! 100% Zustimmung!
Wenn wir jetzt noch anerkennen, dass reproduktiv erfolgreiche Vergemeinschaftungen auch im kulturellen Wettbewerb im Vorteil sind (also Konkurrenten zu überflügeln tendieren, die weniger Kinder hervorbringen) haben wir alles, was wir brauchen, um zu erkennen, warum das menschliche Gehirn über Epiphänomene religiöse Fähigkeiten adaptierte und seitdem (gerade auch in der Jetztzeit) durch reproduktiven Erfolg weiter evolviert!
Kelemens Annahme, dass wir mit einem teleologisch denkenden Gehirn auf die Welt kommen, dass uns beständig einen Sinn in allem suchen lässt, scheint mir durchaus Erklärungskraft zu haben. Unsere Vorfahren könnten sich auf Grund ihres teleologischen Denkens sehr wohl gefragt haben: "Wozu lebe ich?, Wozu leide ich?, Wozu sterbe ich? und Wozu ist diese ganze Welt überhaupt da?" In dem Bemühen, diese Fragen zu beantworten, mussten sie mehr oder weniger zwangsläufig auf einen mit Absichten ausgestatteten Schöpfer und Sinngeber stoßen, ganz gleich, ob es sich dabei nun um einen Geist, Dämon oder Gott handelte. Und tatsächlich finden wir dieses teleologische Denken ja nach wie vor in unserem Alltag wieder, wenn etwa Menschen, die ein Kind verloren haben, gen Himmel blicken und fragen: "Wozu?", oder wenn Menschen angesichts der Mühsal des Daseins galuben, dieses Leben müsse eine "Prüfung" sein.
"Wenn das Leben eine Prüfung ist, kann ich sie dann nicht einfach schriftlich machen?" - Woody Allen
Die Frage, auf die ich mir aber immer noch keine Antwort geben kann, ist: Wie ist dieses teleologische Denken entstanden? Wozu war es gut? Weiß irgend jemand eine Antwort?
Lieber Herr Dahl,
danke, das ist ein toller Tip! Auch diesen Artikel werde ich mir schnell besorgen; und Sie sehen - wieder ist hier eine Forscherin ganu unabhängig auf genau die Schlussfolgerungen gestossen, die zu unserer Diskussion passt!!!
Lieber Herr Bedersdorfer,
danke für Ihre Frage. Selbstverständlich haben wir überprüft, ob z.B. starke politische Orientierungen ebenso mit hoher Geburtenrate korrelieren. Und die klare Antwort ist: nein, es gibt einen Effekt, der ist aber viel schwächer.
Auch die historische Analyse hat bisher nichts anderes erbracht: trotz intensiver Suche haben wir bisher keine säkulare Gemeinschaft gefunden, die auch nur über zwei Generationen hinweg ähnlich hohe Reproduktionsraten erhalten hätte wie z.B. Amish oder orthodoxe Juden. Mit der Naziideologie sprechen Sie sogar einen ganz heißen Kandidaten an: Himmler hatte ja versucht, seine SS zum Kernpunkt einer rassischen Erneuerung zu machen. Aber trotz aller säkularen Anreize blieb es bei einer Geburtenrate von 1,4 - und er verfiel auf die wahnwitzige "Lebensborn"-Idee, über die Sie im Internet wagenweise Informationen finden. Ebenso scheitern z.B. die atheistischen Raelianer derzeit auch reproduktiv und erträumen sich eine alternative Reproduktionsstrategie: das Klonen. Weitere vergleichende Forschungen haben Sosis et al. am Vergleich sozialistischer und religiös-orthodoxer Kibbuze gemacht - bei denen die religiösen sowohl reproduktiv wie wirtschaftlich "deutlich" stärker abschnitten.
Natürlich: Säkulare Staaten können durchaus durch günstige Rahmenbedingungen die allgemeine Geburtenrate steigern (z.B. Frankreich, Schweden). Aber auch dann bleibt "innerhalb" der Population die reproduktive Differenz (stark) bestehen; auch französische und schwedische Gläubige haben deutlich mehr Kinder als ihre konfessionslosen Nachbarn.
"Der einzige Unterschied scheint mir zu sein, dass irdische Belohnungen überprüft werden können und Belohnungen nach dem Tod eben nicht.
Wo ist denn der prinzipielle Unterschied zwischen "Schenkt dem Führer einen Sohn" und "Gehet hin und mehret euch"?"
Einen Aspekt sehen wir gemeinsam: die ggf. auch jenseitige Belohnung für regelkonformes Verhalten in Religionen. Es fehlt nur ein zweiter: selbst der Führer kann nicht wirklich "allwissend" sein, während Ahnen, Geister, Götter als übernatürliche Akteure das gesamte Leben (bis in Speise-, Kleidungs- und eben auch Sexualfragen) erfassen können. Der "intuitive Theismus" wird also entsprechend eine höhere Observanz gerade auch an den Orten hervorrufen können, an die selbst die säkularste Ideologie nicht hinkommt...
Mit herzlichem Gruß
Danke für Deinen Beitrag! Wichtig ist mir, festzuhalten, dass keinesfalls erst der Monotheismus reproduktiv erfolgreich war/ist, sondern auch schon Ahnenglaube und Polytheismus! Er scheint nur im direkten Wettbewerb mit diesen noch stärkere Verbindlichkeit (mit dann auch reproduktivem Erfolg) herstellen zu können.
Kurz zu Deinen Fragen:
"In fortgeschrittenen arbeitsteiligen, industrialisierten Gesellschaften haben bisher keine religiösen oder weltanschaulichen Gruppierungen höhere Kinderzahlen hervorgebracht als monotheistische. - Aber halt, was ist mit Japan?"
Seit einigen Jahrzehnten hat Japan eine der niedrigsten Geburtenraten aller Industrienationen. Gleichzeitig Anwachsen religiöser und v.a. auch christlicher Gemeinschaften.
"Und was ist mit Indien? Selbst bei Afrika bin ich mir nicht sicher."
In Indien zeigen die Muslime konstant höhere Geburtenraten als Hindus - wobei der "Hinduismus" in realiter eine unglaublich hohe Vielfalt umfasst, von Ahnenkulten über Polytheismen bis zu Quasi-Monotheismen.
In Afrika wachsen derzeit sowohl Christentum wie Islam exorbitant schnell - und zwar "sowohl" durch missionarischen wie reproduktiven Erfolg.
"Auch zum konfuzianischen China hast Du nichts gesagt."
China ist sogar ein ganz tolles Beispiel! Während in den monotheistischen Regionen (Europa, islamische Welt, Israel) die Religionsgemeinschaften traditionell eine große, familienpolitische Rolle spielen und z.B. eine Ein-Kind-Politik nur gegen ihre erbitterten Widerstände etablieren ließe - war im konfuzianisch-taoistisch-buddhistischen China sehr viel weniger Widerstand gegen eine staatliche Demografiepolitik (schon im Mittelalter) zu verzeichnen. Erstaunlich, oder!?
Übrigens verzeichnen die Religionen insgesamt, vor allem aber auch Islam und Christentum derzeit in China Wachstumsraten, dass den (ausdünnenden!) Kadern der KP bange wird. Ich hatte vor ein paar Jahren im Rahmen einer JU-Delegationsreise mal die Chance, darüber mit einem chinesische Vizeminister in Peking zu sprechen, war ein super-spannender Dialog... (-;
"Die Frage, auf die ich mir aber immer noch keine Antwort geben kann, ist: Wie ist dieses teleologische Denken entstanden? Wozu war es gut? Weiß irgend jemand eine Antwort?"
Ja. Sie erinnern sich, dass wir bereits über beobachtbare Trauer bei anderen Säugetieren gesprochen hatten. Es braucht uns also nicht zu wundern, dass die "instinktive Teleologie" stärker an sozialen Funktionen unseres Gehirns anknüpfte. Hinzu kommt der Umstand, dass unsere Kognition aus evolutiv guten Gründen belebten Akteuren höhere Relevanz zuweist als unbelebten.
Dass also das soziale Element (übernatürliche Akteure, zu Beginn sicher Ahnen, Tote) der inhaltlichen Ausprägung von Glaubensmythologien also vorausging, dürfen wir als sehr gesichert annehmen.
Zumal, wie Sie sehen, auch ganz unabhängige, experimentelle Befunde dafür sprechen!
Zweckgemäßes, also Zwecken gemäßes und an Zielen ausgerichtetes oder zielorientiertes Denken und Handeln ist schon etwas anderes als ein bloß "zielgerichtetes" natürliches - von "der Natur so eingerichtetes" oder "angeborenens", biologisch präformiertes - Reagieren bzw. Verhalten, das allen Lebenwesen eigen ist. (Es "gleicht", ist aber nicht dasselbe wie bewusstes, weil an Absichten gebundenes Denken und Handeln, zu dem wir als Menschen fähig sind: "Verhalten" von Lebeweses ist zwar menschlichem "Handeln" ähnlich oder diesem "gleich" beschreibbar, muss aber "natürlich" anders erklärt werden als selbstbestimmtes Tun, insb. zweckmäßig und umsichtig geplantes "Verhalten" von Menschen! - Wenn keine definitorischen Regeln den genauen Gebrauch von Worten festlegen, kann ja wegen bloßen Ähnlichkeiten alles sich Gleichende "beliebig" beschrieben werden - wobei dann nur noch der Kontext zur Bestimmung des Gemeinten herangezogen werden kann. Ich kann nur nachdrücklich das Studium von Dirk Hartmanns wissenschaftstheoretisch fundamental wichtiges Werk "Philosophische Grundlagen der Psychologie" empfehlen, das 1998 bereits in der WBG erschienen ist.)
Teleologische Erklärungen in Biologie und Handlungstheorie hat "selbst"-verständlich auch "etwas" mit Theologie zu tun. Die Frage ist nur: Was?!
Wegen der ähnlich klingenden Begriffe von Teleologie und Theologe stehen sie aber auf keinen Fall schon für dasselbe: Um es nochmals zu wiederholen: Theologie bezieht sich immer auf Vorstellungen!
Ist die Nähe von griech. 'theós' bzw. (fem.) 'theá' Göttin zu Theater, theatralisch, Theater-Stück, Schau und Show von griech. 'theáomai' ansehen, zuschauen wirklich noch niemandem aufgefallen?!
Liebe Mitdiskutanten,
ich möchte mich auf diesem Wege noch einmal ganz, ganz herzlich bei Ihnen allen (besonders bei Herrn Dahl!) für die hervorragende Diskussion bedanken!
Mir selbst hat sie sehr geholfen, über den Eingangstext hinausgehend auf Ihre Fragen und Einwände hin Formulierungen, Überlegungen und Begrifflichkeiten konkreter zu präzisieren.
Insofern danke ich auch Dir, Lars, dass Du mich um diesen Wissenslog-Beitrag gebeten hast: ich habe weder die Zeit des Textverfassens noch der Diskussion bereut und werde den Wissenslogs (wie bisher schon Spektrum der Wissenschaft) loyal bleiben.
Allerdings haben wir jetzt schon alle Rekorde hier geknackt und ich frage mich, ob neue Leser tatsächlich ernsthaft über 130 Beiträge lesen möchten. Deswegen möchte ich in die Runde fragen, ob Sie Verständnis hätten, wenn ich das knappe Zeitbudget jetzt wieder der drängenden "Schreiblast" widme, die gerade das Thema "Evolution der Religion" mit sich bringt.
Ich wäre auch ausdrücklich bereit, per Wort oder Schrift bei anderer Gelegenheit mit Ihnen an dem Thema weiter zu arbeiten bzw. in ein paar Monaten mal wieder einen Wissenslog-Beitrag aus den Evolutionary Religious Studies beizusteuern.
Mit wirklich herzlichem Dank für das insgesamt sehr hohe und faire Niveau dieser intensiven Diskussion!
Michael Blume
"Wow - in dieser Beschreibung des Evolutionsprozesses von Religiosität finde ich mich bereits völlig wieder! 100% Zustimmung!
Wenn wir jetzt noch anerkennen, dass reproduktiv erfolgreiche Vergemeinschaftungen auch im kulturellen Wettbewerb im Vorteil sind (also Konkurrenten zu überflügeln tendieren, die weniger Kinder hervorbringen) haben wir alles, was wir brauchen, um zu erkennen, warum das menschliche Gehirn über Epiphänomene religiöse Fähigkeiten adaptierte und seitdem (gerade auch in der Jetztzeit) durch reproduktiven Erfolg weiter evolviert!"
Dann sind wir uns, wie "keinohrhase" schon vor langer, langer Zeit vermutete, vollkommen einig, denn ich habe nie auch nur mit einem einzigen Wort den von Ihnen auch empirisch nachgewiesenen höheren Fortpflanzungserfolg religiöser Menschen in Frage gestellt.
Wie Herr Bedersdorfer betrachte ich den größeren Fortpflanzungserfolg religiöser Menschen aber nicht als eine Konsequenz ihrer Religiosität oder ihres Glaubens an übernatürliche Wesenheiten, sondern ausschließlich als eine Konsequenz ihrer Bereitschaft, reproduktiv vorteilhaften Normen wie dem "Seid fruchtbar und mehret euch" zu folgen. Insofern stimme ich auch vollkommen mit Herrn Bedersdorfer überein, wenn er sagt, dass es letztlich keinen Unterschied macht, ob die Menschen sich auf Grund eines Befehls ihres Gottes oder auf Grund eines Befehls ihres Führers fortpflanzen. (Ich hoffe, ich habe Herrn Bedersdorfer diesbezüglich nicht missverstanden!?)
Nachdem wir uns also in nahezu allem einig sind, ist es vielleicht an der Zeit, noch einmal nach Punkten zu suchen, in denen wir uns noch uneins sind.
Der erste, gerade auch von Ihnen noch einmal erwähnte Punkt ist der der Korrelation von reproduktivem Erfolg und religiösem Glauben vs. sozialem Status. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass der soziale Status eine weit größere Bedeutung hat als der religiöse Glaube. Ein Mann mag so fromm sein, wie er will, ohne sozialen Status und finanzielle Ressourcen wird er auf dem Heiratsmarkt leer ausgehen.
Der "Kern der Sache" scheint mir aber noch gar nicht klargelegt: was hat nicht alles biologische Folgen und das in unterschiedlichstem Ausmaß?! Das ist jeweils "festzustellen"...
Was religiöser Glaube seiner Natur nach eigentlich ist und wie religiöse Vorstellungen, also bloßes Vorstellen real wirksam wird, ist damit noch nicht gesagt - auch hier nicht, wenn ich das recht sehe, also bei der Menge der Beiträge nicht überlesen oder gar nicht mitbekommen haben sollte.
Vorstellungen können grundsätzlich nur über die soziale Schiene Folgen haben oder "Früchte tragen". (Ich möchte darauf auch mal aufmerksam machen: in der Paradieserzählung ist auch von "Früchten", nicht von Obst oder gar Äpfeln oder auch nur einem davon die Rede! Es geht dort nämlich um die guten und schlechten Folgen unseres Erkenntnisvermögens, wenn man auch dort endlich einmal genauer hinsehen würde.)
Immer und damit "grundsätzlich" rein subjektive Vorstellungen müssen erst "kommuniziert", geteilt, mitgeteilt werden, bevor ein anderer sie im inneren Nachvollzug überhaupt auch "machen" und damit mitmachen kann!
Denn das kommt auch noch dazu: Vorstellungen "sind" nicht einfach; wir "machen" sie, wir machen sie "uns" und immer wieder: deswegen ist jede auf bloßen Vorstellungen beruhendes System, angefangen bei Religion bis hin zu unserem gesamten "Wissen" (Wissen ist psychologisch ein TUN!) bis zur Wissenschaft auf Wiederholungen in Schulen und Riten elementar angewiesen - und darauf, dass Menschen von klein(st) auf wenn nötig eingebleut wird und sie ggf. regelrecht gezwungen werden, dasselbe immer wieder ggf. endlos... zu wiederholen! -
Und wenn man damit nicht aufhört, geht dasselbe immer weiter... ("Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute": eine psychologisch hochsubtile undn höchst wichtige altbekannte Formel!)
Es müssen nur genügend "immer wieder dasselbe MACHEN". Dann überlebt auch so etwas "jenseitiges" wie religiöser Glaube - nicht umgekehrt!
Etwas "darüber hinaus" gibt es nicht!
Lieber Herr Blume, offenbar haben sich unsere letzten Kommentare überschnitten. Ich habe volles Verständnis dafür, dass Sie sich drängenderen Problemen widmen müssen und möchte mich meinerseits noch einmal bei Ihnen für die interessante und überaus fruchtbare Diskussion bedanken.
Ich hoffe jedoch sehr, dass der Rest von uns noch ein wenig weiter diskutieren wird.
Ich finde es sowieso schon erstaunlich, Michael, mit wieviel Geduld, Verve und Einblenden von immer neuen Sichtweisen und Aspekten Du hier auf fast jeden Diskussionsbeitrag über Wochen hinweg eingegangen bist und eingehst. Alle Achtung und Danke dafür.
In der Tat wird eine Diskussion nach 130 Kommentaren unübersichtlich, zumal für Neueinsteiger. Andererseits gibt es hier offensichtlich ein Publikum, das über Deinen eigenen Blog (noch) nicht erreicht worden ist.
Insofern würde ich in der Tat regelmäßigere Beiträge auch in diesem Rahmen von Deiner Seite aus für sehr wünschenswert halten.
Richtig! Teleologie ist noch nicht Theologie. Teleologisches Denken fördert aber theologisches Denken.
Das Problem, das ich mit der Evolution teleologischen Denkens habe, ist, dass es in der Welt gar keine Teleologie, sondern nur Teleonomie gibt. Das heißt, das, was wir zunächst für teleologisch oder "für einen bestimmten Zweck gemacht" halten, erweist sich bei näherer Betrachtung stets als kausal verursacht: Die scharfen, krummen Krallen einer Katze sind "nicht zum Mäusefangen" entstanden, sondern sie haben sich, etwa durch Mutation verursacht, evolutiv durchgesetzt, weil sie den Katzen einen Überlebensvorteil verschafften.
Insofern die Übersetzung teleologischen Denkens in kausales Denken schwer und zeitaufwendig ist, kann ich mir vorstellen, dass teleologisches Denken als bloße "Abkürzung" entstanden und als Intuition in unseren Erkenntnisapparat aufgenommen worden ist.
- Bei Japan übrigens meinte ich nicht die heutige niedrige Geburtenrate, sondern jene, die die heutige zahlenmäßig große Industriegesellschaft erst hervorgebracht hat. Die kann doch eindeutig nicht durch Monotheismus hervorgerufen worden sein. Ähnliches mag für China gelten, das in seiner Geschichte mehrere Bevölkerungszusammenbrüche infolge Überbevölkerung und dadurch Hungersnöten erlebte (vgl. das lesenwerte Buch des französischen Kulturhistorikers Pierre Chaunu "Die verhütete Zukunft"). Daraus hat die heutige 1-Kind-Politik wohl zum Besten des langfristigen Bestehens der chinesischen Gesellschaft gelernt. Auch in Afrika und Indien dürften die heutigen Bevölkerungs-Explosionen nicht allein der Ausbreitung monotheistischer Religionen zuzuschreiben sein, bzw. schon vor ihrer Ausbreitung eingesetzt zu haben.
Das alles gesagt unter dem Zugeständnis, daß monotheistische Gemeinschaften demographisch "unschlagbar" sein werden, WENN sie irgendwo historisch auftreten.
Und übrigens setzt, soweit ich sehe, Missionierung neue "selektive Regime" in Gang, was zunächst Individual-Selektion wäre, nämlich dahingehend, daß unter neuen religiösen Verhältnissen Menschen anderer psychologischer Strukturierung kinderreich sein werden als zuvor.
In China bspw. könnte es seit 2000 Jahren "Selektion gegen rebellische (ADHS-)Charaktere" gegeben haben, wie Humangenetiker Bruce Lahn vor einigen Monaten vermutete. Gegen die Träger von ADHS- oder MAOA-Genen dürfte auch andernorts durch neue kulturelle Rahmenbedigungen Selektion betrieben worden sein.
Da werden die nächsten Jahre noch viele neue Erkenntnisse zur menschlichen Verhaltens- und Populationsgenetik bringen.