Glaube und Zölibat: bio-logisch erfolgreich?
Heute überlasse ich - passend zur religiös geprägten Saison - dem Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume das Podium. Michael Blume beschäftigt sich unter anderem mit den biologischen Ursprüngen und Mechanismen der Religiosität; 2005 promovierte er in Tübingen über das Verhältnis von Neurowissenschaften und Religionswissenschaft.
An der Uni Heidelberg veranstaltet er in diesem Semester das Seminar "Religionswissenschaftliche Präsentationen zur Evolution der Religion", an dem ich auch mitwirke. Kennengelernt habe ich ihn vor einer Weile über sein Religionswissenschafts-Blog, in dem er regelmäßig über derartige Themen schreibt. Heute berichtet er hier bei Abgefischt über mögliche biologische Grundlagen des Zölibats. Viel Spaß!
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Glaube und Zölibat: bio-logisch erfolgreich?
Edward O. Wilson, einer der bedeutendsten Biologen unserer Zeit, stellte in seinem mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Buch On human Nature von 1978 fest: "Religion stellt die größte Herausforderung für die Soziobiologie des Menschen dar und ihre aufregendste Gelegenheit, als eine wirklich originale theoretische Disziplin fort zu schreiten." (S. 178, Übers. aus dem Englischen)
Inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass Wilsons Traum in Erfüllung gehen könnte. In spezialisierten Netzwerken wie den Evolutionary Religious Studies wirken längst nicht nur Forscher verschiedenster Nationen, sondern vor allem auch unterschiedlichster Disziplinen mit. Dabei treffen Evolutionsbiologen, Anthropologen, Ethnologen, Psychologen, Neuromediziner, Soziologen, Ökonomen, Theologen, Philosophen und (vergleichende) Religionswissenschaftler nicht nur auf immer mehr Tagungen aufeinander, sondern nutzen auch das Internet, um in einer früher undenkbaren Geschwindigkeit und Tiefe empirische Daten und Thesen auszutauschen.
Dabei verdichten sich die Befunde von der Zwillingsforschung über die Neurowissenschaften bis hin zur Religionswissenschaft zu einem wachsenden Konsens, der gerade in seiner Selbstverständlichkeit verblüfft: Religiöse Veranlagungen scheinen völlig entsprechend zu etwa sprachbezogenen oder musikalischen, genetisch veranlagten Fähigkeiten mit hoher, kultureller Plastizität über Fitnessvorteile evolviert zu sein - und wohl auch weiter zu evolvieren. Eine schnell wachsende Zahl von Studien und auch psychologischen Experimenten belegt eine gesteigerte Kooperationsbereitschaft zwischen Religiösen sowie die Abwehr von Trittbrettfahrern und Assimilation durch kostspielige Verpflichtungen und Rituale.
Sogar die sprichwörtliche „Gretchenfrage“ (Gretchen an Faust: „Wie hälst Du’s mit der Religion?“) kommt inzwischen zu empirischen Ehren: Kostspielige Religiosität scheint tatsächlich als ein Indikator für Partnertreue und damit förderliches Merkmal sexueller Selektion zu wirken - und geht tatsächlich mit geringeren Raten etwa an Scheidungen und Alleinerziehenden in Religionsgemeinschaften einher. Also genau das, was Goethes Mephistopheles (in Kapitel 16) im spöttischen Kommentar zu Gretchens Frage vermutete:„Die Mädels sind doch sehr interessiert, ob einer fromm und schlicht nach altem Brauch. Sie denken: duckt er da, folgt er uns eben auch.“
Zumindest kann es nach Auswertung sowohl nationaler wie internationaler Daten und vor allem auch der Schweizer Volkszählungen 1970, 80, 90 und 2000 (die jeweils als Vollerhebungen durchgeführt wurden) praktisch keinen statistischen Zweifel mehr geben, dass religiös vergemeinschaftete Menschen weltweit durchschnittlich deutlich mehr Kinder haben als ihre konfessionslosen Zeitgenossen auch je der gleichen Einkommens- und Bildungsschicht.Ja, entgegen auch unseren frühen Erwartungen nimmt der reproduktive Abstand mit steigenden Freiheits-, Wohlstands- und Bildungsniveaus sogar zu! Denn während Menschen in klassischen Agrarwirtschaften kaum Alternativen zu einer hohen Kinderzahl als Arbeitskräfte und Altersversorgung hatten, werden Kinder in modernen Marktgesellschaften zu sehr kostenträchtigen Wertentscheidungen.
So blüht beispielsweise der Kreationismus in den USA nicht etwa, weil er haltbare, wissenschaftliche Argumente hätte - sondern weil tiefreligiöse Christen, Juden und Muslime durchschnittlich erheblich mehr Kinder bekommen und erziehen als die Befürworter des darwinistischen Naturalismus. Die Ironie in diesem Befund harrt noch der Aufarbeitung…
Sogar Zölibat…
Überraschenderweise lässt sich inzwischen sogar die religionshistorische Entstehung des Zölibats über Fitnessvorteile der Verwandtenselektion neu entschlüsseln. Diese ist an sich unumstritten: keinen Biologen wundert es, dass auch Menschen dazu tendieren, mit nahen Verwandten intensiver zu kooperieren und sich gegebenenfalls sogar für sie zu opfern, tragen sie doch eng verwandte Gensequenzen.
Aber genau das wird in klassischen Agrarwirtschaften zum Problem: weil die meisten schon aus ökonomischen Erwägungen (Arbeitskräfte, Altersversorgung, Schutz) viele Kinder anstreben, entstehen vor Ort expandierende Familienclans, in ständiger Verflechtung und Spannung auch um knappe Ressourcen (z.B. Land). Jeder lokale, religiöse Funktionär ist hier sofort dem (manchmal zutreffenden) Verdacht ausgeliefert, doch nur die eigene Familie nepotistisch zu begünstigen.
So erging es z.B. auch Jesus, der „kam in seine Vaterstadt und lehrte sie in ihrer Synagoge, so daß sie sich entsetzten und fragten: Woher hat dieser solche Weisheit und solche Taten? Ist er nicht der Sohn des Zimmermanns? Heißt nicht seine Mutter Maria, und seine Brüder Jakobus und Josef und Simon und Judas? Und seine Schwestern, sind sie nicht alle bei uns? Woher kommt ihm denn das alles? Und sie ärgerten sich an ihm. Jesus aber sprach zu ihnen: Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland und in seinem Hause. Und er tat dort nicht viele Zeichen wegen ihres Unglaubens.“ (Mt. 13,55-58)
Gibt es eine Lösung für dieses Dilemma? Ja, der Austausch von Zölibatären. Religiöse Institutionen könnten anregen, dass Clans aus ihrem jeweiligen Geburten- und Erbenüberschuss einige wenige Akteure „spenden“, die (ohne eigene Familien zu gründen) anderswo Dienst tun - und dafür umgekehrt auch selbst Zölibatäre zugeteilt bekommen. Der einzelne Zölibatäre würde damit in der Fremde sehr viel religiös glaubwürdiger Ehebünde segnen und überwachen, Familienwerte predigen, Streit schlichten, Arme und Kranke versorgen, Kinder unterweisen, antisoziales Verhalten ahnden und andere Fitness-relevante Tätigkeiten ausüben können - und dürfte Gott, Mutter Kirche oder dem Sangha vertrauend zudem davon ausgehen, dass auch die eigene Herkunftsgruppe entsprechend Fitness-fördernd betreut würde. Hier läge also eine clevere Form indirekter Verwandtenselektion vor! (Siehe Schaubild)
Und auch diese These lässt sich empirisch testen. So müssten wir einerseits davon ausgehen, dass die Inhaber zölibatärer Rollen zur Sexualität klar Stellung beziehen: Sie müssten zur Unterstreichung ihrer eigenen Glaubwürdigkeit insbesondere in klassischen Agrargesellschaften ihre eigene Abstinenz sowohl gegenüber hetero- wie homosexuellen „Versuchungen“ unterstreichen (diese also strikt verdammen) und sie müssten vor allem, im Kontrast zur eigenen Kinderlosigkeit, für eine möglichst hohe Fertilität der nichtzölibatären Laien eintreten. Dies lässt sich im Christentum, aber auch etwa in Hinduismus, Buddhismus und Jainismus sowohl historisch wie zeitgenössisch-vergleichend reichlich beobachten.
Daneben müsste die Akzeptanz des Zölibats milieuabhängig sein: in klassischen Agrargesellschaften mit Geburtenüberschüssen müsste eine sehr viel höhere Akzeptanz zölibatärer Rollen beobachtbar sein als in Marktgesellschaften mit niedrigen Geburtenraten. Dies ist nicht nur im Vergleich christlicher Länder (z.B. Afrikas und Europas) sondern ebenso in buddhistischen Gesellschaften (z.B. Birma und Japan) eindeutig der Fall. Auf die zunehmend datengestützte Präsentation dieser und unzähliger weiterer Thesen zu religiösen Phänomenen dürfen wir uns also in naher Zukunft freuen.
Noch kaum andiskutiert ist dabei die Frage, wie sich die Erkenntnis, dass Religion als ein Teil menschlicher Natur biologisch beschreibbar wird sowohl auf das religiöse Selbstverständnis wie auf die naturalistische Religionskritik auswirken wird. Und gerade die deutsche Wissenslandschaft muss sich fragen, warum in den Netzwerken interdisziplinärer und internationaler Evolutionsforschung zur Religion bisher deutschsprachige Wissenschaftler sowohl natur- wie geisteswissenschaftlicher Disziplinen nur sehr vereinzelt vertreten sind bzw. warum wir immer noch kein einziges solches Netzwerk im deutschsprachigen Raum haben.
asdf
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"Über Beobachtungen trauernder Verhaltensweisen schon bei Tieren (Elefanten, Affen) waren wir uns einig. Ich sehe in ihr ein Epiphänomen der Verwandtenselektion, die damit einen wesentlichen Startpunkt zur Exaptation von Homo Sapiens und Homo Neanderthalensis geleistet hat."
Daran störe ich mich die ganze Zeit. Trauern ist doch "nur" eine Gefühlsregung und ich habe kein Problem damit Tieren Gefühle zuzugestehen. Die bilden sich die Scherzen ja auch nicht ein und fangen an zu jaulen, weil es gut klingt. Eine Jenseiterwartung hingegen setzt ein Selbstbewußtsein voraus. Trauern kann man auch ohne Selbstbewußtsein.
Mir kommt das so schwach vor wie die Millerschen Versuche die Entstehung der Zelle klären wollen. So ein paar Aminosäuren machen noch längst keine lebende Zelle und Gefühlsregungen sind nicht die Vorstufe eines Selbstbewußtseins.
Zunächst: natürlich ist die Zuspitzung von Jesu Lehre auf den einen Satz verkürzt, Jesus erfand schließlich nichts komplett neues, sondern stand bereits auf der Basis des weit evolvierten Judentums.
"Die starke Ausbreitung des Christentums hatte auch weniger mit der "Reproduktion" zu tun, sondern viel mehr mit dem missionarischem Eifer."
Drei Einwände: 1. Zum einen gab es Dutzende Kulte mit missionarischem Eifer in der antiken Welt, u.a. Manichäismus, Mithraskulte und zahlreiche Synkretismen.
2. Der schon im NT vermerkte, besondere Erfolg der monotheistischen (auch jüdischen) Missionen ging wesentlich auch auf die Bereitschaft von Frauen zurück - die (ebenso wie empirisch nachweisbar heute!) ethisch und sozial verbindliche Gemeinschaften libertären Entwürfen vorzogen. (Die Klassik wusste, warum sie "Weisheit" weiblich beschreibt... (-; )
3. Dauerhafter Missionserfolg ist ohne reproduktiven Erfolg unmöglich. Die Shaker haben es versucht, die Zeugen Jehovas tun es noch (und schrumpfen in Europa bereits wieder). Denn eine Gemeinschaft ohne junge Leute wird zum einen für Anschlusssuchende zunehmend unattraktiv und hat zum zweiten immer weniger Missionare zur Verfügung. Deswegen blühen heute die Mormonen und die Amish können es sich sogar leisten, Konversionswillige abzuweisen - während z.B. die missionarisch sehr erfolgreichen Manichäer (zunächst eine ernsthafte Konkurrenz zum Christentum) nach wenigen Jahrhunderten wieder implodierten. Will sagen: Der reproduktive Erfolg ist ein wichtiger Gradmesser für die missionarische Ausstrahlung, die ohne genug eigene Nachkommen nicht aufrecht erhalten werden kann.
"Ich finde es generell schwierig die Ausbreitung des Christentums so eng an die Kinderzahl zu koppeln. Es heißt so schön, es gibt Kinder Gottes, aber Enkel hat Gott keine. Soll heißen, der Glaube wird nicht vererbt, der kann auch nicht anerzogen werden. Die Wahrscheinlichkeit, daß man mit einer christlichen Erziehung zum Glauben findet ist natürlich höher als ohne (logisch, wenn man sich nicht damit beschäftigt geht das auch schlecht), aber längst keine Garantie."
Auch das haben wir (damals noch ganz ohne evolutionstheoretische Perspektive) natürlich mit als erstes empirisch erforscht, z.B. im Rahmen der ALLBUS-Studie, hier:
http://www.blume-religionswissenschaft.de/...6.pdf
Die Religiosität wird stark (ca. 60-70%, vor allem mütterlicherseits) aber nicht absolut vererbt. Würde sie "nur" parental fixiert vererbt, würde sie auch ihre kulturelle Plastizität (und damit einen zentralen Teil ihrer Adaptivität!) verlieren - neue Entwürfe können ja nur entstehen, wenn es Devianz gibt. Gäbe es "keine" parentale Vererbung, hätte Religiosität (da haben Sie völlig Recht!) auch kaum biologischen Vorteil. Die mittlere bis hohe Vererbbarkeit, die wir beobachten, passt also ganz hervorragend zu einer adaptiven, biokulturellen Fähigkeit: sie kombiniert biologischen Erfolg mit einer beständig "suchenden" Variabilität.
Nachtrag: Wir haben jetzt nur über das Christentum diskutiert. Lassen Sie mich auf das Judentum verweisen. Es überlebte zwei Jahrtausende sowohl in der christlichen wie islamischen Welt trotz Konversions- und Assimilationsdrucks und trotz des Verbotes, christliche oder islamische Konvertiten aufzunehmen oder gar zu missionieren. Es überlebte allein durch biologische und gemeinschaftliche Reproduktion und erfolgreiche Sozialisierung der Kinder - und wer auch heute noch erfolgreiche, reproduktive Strategien und für Schulen & Kinderbetreuung aktive Gemeinschaften besuchen möchte, dem empfehle ich einen Lernbesuch bei der örtlichen, jüdischen Gemeinde. Laut den Schweizer Daten sind sie mit Abstand die gebildetste und beruflich erfolgreichste Kategorie (deutlich vor den Konfessionslosen) - und haben zugleich auch heute noch die meisten Geburten aller mehrheitlich inländischen Religionsgemeinschaften.
"Trauern ist doch "nur" eine Gefühlsregung und ich habe kein Problem damit Tieren Gefühle zuzugestehen. Die bilden sich die Scherzen ja auch nicht ein und fangen an zu jaulen, weil es gut klingt. Eine Jenseiterwartung hingegen setzt ein Selbstbewußtsein voraus. Trauern kann man auch ohne Selbstbewußtsein."
Genau! Deswegen dürfen wir schon bei sehr frühen Menschenarten Trauerbekundungen wie bei Affen oder Elefanten annehmen. Bestattungen hatten wir jedoch erst ein paar Millionen Jahre später, belegt seit ca. 120.000 Jahren, also der mittleren Altsteinzeit - als sowohl Homo Sapiens wie Homo Neanderthalensis bereits einen entwickelten präfrontalen Cortex und damit auf jeden Fall biografisch und ggf. reproduktiv wirksame Vorausplanung sowie entwickelte, kognitive Fähigkeiten und wahrscheinlich Sprache hatten.
Und seitdem zündet die exataptive Rakete, in kaum 6.000 Generationen haben wir es bis zum heutigen Reichtum religiösen Verhaltens beim Menschen gebracht! Und die evolutive Entwicklung geht (zumindest derzeit) offensichtlich weiter.
"Zunächst: natürlich ist die Zuspitzung von Jesu Lehre auf den einen Satz verkürzt, Jesus erfand schließlich nichts komplett neues, sondern stand bereits auf der Basis des weit evolvierten Judentums."
Da gebe ich Ihnen Recht..
"Meint nicht, dass ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzuloesen; ich bin nicht gekommen, aufzuloesen, sondern zu erfuellen."
Die Lehre Jesu ist eigentlich nur eine Interpretation des AT, denn er hat ja immer aus dem AT zitiert und gepredigt und sich darauf berufen, ganz besonders bei der Ethik der Ehe.
"Jesus aber sprach zu ihnen: Um eures Herzens Härte willen hat er euch dieses Gebot geschrieben; aber von Beginn der Schöpfung an hat Gott sie geschaffen als Mann und Frau ... Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden."
So gesehen hat er die Evolution des Judentums - zumindest in diesem Punkt - zurückgedreht.
"1. Zum einen gab es Dutzende Kulte mit missionarischem Eifer in der antiken Welt, u.a. Manichäismus, Mithraskulte und zahlreiche Synkretismen."
Darüber weiß ich nicht viel und muß passen.
"2. Der schon im NT vermerkte, besondere Erfolg der monotheistischen (auch jüdischen) Missionen ging wesentlich auch auf die Bereitschaft von Frauen zurück - die (ebenso wie empirisch nachweisbar heute!) ethisch und sozial verbindliche Gemeinschaften libertären Entwürfen vorzogen."
Das ist mir nicht ganz klar, was sie sagen wollen. Meinen Sie, die Frauen ließen sich leichter missionieren oder Frauen durften auch missionieren und deshalb gab es die rasche Verbreitung oder beides?
"3. ... Will sagen: Der reproduktive Erfolg ist ein wichtiger Gradmesser für die missionarische Ausstrahlung, die ohne genug eigene Nachkommen nicht aufrecht erhalten werden kann."
Hm, ich bin nichtchristlich erzogen und recht spät zum Glauben gekommen. Ich bin ganz gewiß nicht, wegen der Sonntagsschule mit den vielen Kindern zum Christ geworden. - Mal'ne kleine Aulockerung zwischendurch. ;-)
Das überzeugt mich nicht ganz. Im Christentum ist das sicherlich ein "Erfolgs"faktor, doch mir sind da die Inhalte zu wenig berücksichtigt.
Die Juden sind für mich nicht unbedingt eine Religionsgemeinschaft. Es gibt viele, die bezeichnen sich als Juden, aber haben mit dem Glauben fast gar nichts zu tun. Da kann man meinetwegen von einem evolutionären Vorteil sprechen, weil die Gemeinschaft stark ist (feste Bindungen, gute Erziehungen usw. was sie aufgezählt haben).
Ähnliches gilt für mich auch für diese, ich nenne sie mal "Kulturchristen". Damit meine ich so "Dorf"gemeinschaften - davon gibt es nicht mehr viele, wo man Sonntags in die Kirche ging, weil es jeder tat, ohne eine lebendigen Glauben zu haben. Und weil es normal war viele Kinder zu haben, hatten die auch viele Kinder, so wie es heute erstrebenswert ist viele Statussymbole zu haben. Die wußten nicht, was sie taten, aber weil es Usus war, machte man es. Zumal die Kinder durch die Taufen auch automatisch Mitglied der Kirche sind. Da muß man nicht mehr missionieren.
Ähnlich wird es wohl im Islam sein. Ich habe einige Menschen getroffen, die sich als Moslems bezeichneten und auch einige Vorschriften beachteten und dabei sehr streng waren, doch das schien mir eher Aberglaube anstatt Glaube zu sein, denn erklären konnten sie mir ihren Glauben nicht nur was sie zu tun und zu lassen hatten.
Verstehen Sie, was ich damit sagen will? Man kann eine Gemeinschaft durch äußeren Zwang zusammenhalten und das kann auch sehr erfolgreich sein.
Wahrschlich kommt dann der Einwand von Ihnen, sie haben die "Frömmigkeit" des Glaubens berücksichtigt und als Gradmesser das regelmäßige Gebet genommen. Die regelmäßigen Beter, wo man also auf einen lebendigen Glauben schließen kann, die hatten mehr Kinder. Das bereitet mir auch keine Probleme. Aber, wieviele Kinder bleiben dem Glauben treu? Wie ich schon schrieb gibt es auch einige die gehen.
Auf der anderen Seite kommen auch viele rein. Ein christliches Kind, bringt ein nichtchristliches zum Jugendtreff und es kommt zum Glauben. Eine christliche Mutter lernt auf dem Spielplatz, eine nichtchristliche Kennen und weil die Kinder so schön zusamen spielen, kommen sie ins Gespräch usw. Meines Erachtens reicht die Reproduktion nicht aus, um volle Gemeinde zu haben. Dafür ist die Kinderzahl zu gering und die Fluktuation zu hoch. Das mag bei den Amish funktionieren, denn die haben wohl mehr Kinder pro Ehepaar und wenn dann ein paar die Gemeinschaft verlassen ist immer noch Wachstum vorhanden. Bei so einer evangelikalen Gemeinde wird das aber sicher nicht hinhauen. Da ist Mission nötig.
Ich breche hier mal ab, ist schon spät.
Oje, das ist ein recht langer Text mit einer Vielzahl interessanter Punkte. Da es bereits recht spät ist (und ich morgen zur Abwechslung mal früh aufstehen muss), lassen Sie mich vorerst nur erst einmal einen einzigen Punkt herausgreifen:
""Ich sage bewusst "mag", weil ich immer wieder erstaunt darüber bin, wie Menschen, die an einen Gott, an ein Jüngstes Gericht und an eine ewige Verdammnis in der Hölle glauben, trotzdem so viele Verbrechen begehen können.""
"Nun ja, der Evolutionsprozess fragt ja erst einmal nicht nach Gut oder Schlecht, er findet statt. Auch Aggressivität etc. gehört zu unserem evolutionären Erbe, weil sie in der Vergangenheit adaptiv waren.
Meine These und Intention wäre völlig falsch verstanden, wenn Sie den Eindruck hätten, ich würde behaupten, dass religiöse Menschen grundsätzlich moralisch besser oder immer erfolgreich wären. Das behaupte ich nicht (und die wirklich Weisen der Religionen übrigens auch nicht...). Ich sage nur: wir haben inzwischen überwältigend starke, auch empirische Belege dafür, dass vergemeinschaftete Religiosität als biokulturelle Fähigkeit genetisch-neurobiologisch veranlagt und biologisch adaptiv (meinetwegen: exaptiert) ist - also mit durchschnittlich höherem Reproduktionserfolg einherging und -geht."
Ihre These IMPLIZIERT durchaus die Annahme, dass religiöse Menschen bessere Menschen seien. Wie könnten sie sonst wohl bessere Kooperationspartner sein?
...weil sie sich sozial observiert glauben: durch allwissende, übernatürliche Akteure und durch die Gemeinschaft, der sie angehören.
So dürften religiöse Menschen die gleichen Impulse in Richtung Ehebruch haben wie andere auch: nur fürchten sie Gottes Zorn, die soziale Verachtung ihrer Gemeinde - und sie haben die Aussicht, für die Überwindung ihrer eigensüchtigen Motive dann auch Anerkennung und ggf. Belohnung im Dies- oder Jenseits zu finden.
So beten Christen z.B. zum Vater "und erlöse mich von dem Bösen" - und nicht: "Danke, dass Du aus mir so einen guten Menschen gemacht hast." Dieser Impuls wird von Jesus im Gleichnis von Pharisäer und Zöllner sogar ausdrücklich verworfen. Ähnlich ist es in den anderen (Welt-)Religionen.
PS: Wenn Sie mir eine persönlich-introspektive Beobachtung gestatten - ich erinnere mich selbst noch, wie ich mich als junger Erwachsener vor und nach der Glaubensentscheidung gefühlt hatte. Rückblickend würde ich sagen: es ändert das spieltheoretische Setting, schränkt einerseits Optionen ein, "befreit" aber auch zu anderen Entscheidungen (z.B. einer jungen Ehe). Für einen "besseren Menschen" konnte und kann ich mich jedoch weder davor noch danach ernsthaft halten und habe -ich gebe es zu- Schwierigkeiten sowohl mit Religiösen wie mit Atheisten, die mit diesem Anspruch triumphierend auftreten...
Das ist eine unglaubliche spannende Diskussion hier - danke Michael und Lars!
Herr Dahl, Sie sprechen ganz richtig (mit Dawkins, Einstein etc.) vom menschlichen Staunen, von der menschlichen Ehrfurcht, dem menschlichen Schönheitserleben, dem kausalen Denken als dem (oder einem) Ursprung aller Religion.
Es tritt aber nun etwas hinzu, was Religiöse und Atheisten zumindest oft graduell unterscheidet: Dem Religiösen (auch etwa einem Hans Jonas) ist das Staunenswerte dieser Welt Verpflichtung, Verantwortung. Er leitet AUS diesem Staunen Normen des Handelns ab. Auch der Mitmensch ist ihm eine staunenswerte, einzigartige Erscheinung. Und der Religiöse möchte, daß die mitmenschlichen Beziehungen human gestaltet sind. Zumal auch die familiären. Auch dazu leitet er Handelsnormen ab, die er als im Einklang stehend glaubt mit seinem Gefühl des Staunens und der Ehrfurcht vor der Schöpfung (der Evolution) und allen einzigartigen Erscheinungen, die sie hervorgebracht hat - mitsamt der von mir geliebten Mitmenschen.
Nun gehen Religiöse und fundamentalistisch Religiöse in diesen Dingen halt schrittweise immer weiter. Und da fängt bei uns Modernen oft erst das Zaudern an: Kann, DARF man so handeln, als ob es nur EINEN "alleinseligmachenden" Gott gäbe? Wir sagen zumeist: nein. Usw..
Der fundamentaltistische Atheist befürwortet heute meistens einen "verantwortungsvollen Hedonismus". Ist das eine Moral, die der Ehrfurcht vor diesem Universum und allen Werten, die in ihm enthalten sind, allen Werten, die in unserer abendlänlischen Kultur enthalten sind, schon vollständig gerecht wird? Vielleicht hat der moderne Mensch über all diese Fragen einfach noch nicht genügend nachgedacht, philosophiert?
Vielleicht fehlt uns heute einfach in solchen Fragen der gesellschaftliche Konsens, den die traditionell überkommenen Religionsgemeinschaften auch erst in langwierigen schwierigen "Gruppenselektions-Prozessen" herausgebildet haben, wie Michael ja auch gut darstellt (29.12.2007 | 09:04)? Vielleicht stehen wir heute in einem ähnlichen Gruppenselektion-Prozess wie die ersten Christen, wie die ersten Moslems, die ersten Juden? (Und noch einmal jeweils geographisch unterschieden etc..) Und viele von uns werden - wie damals - vergleichsweise wenige Nachkommen haben, andere mehr?
Vielleicht wird heute wie damals dieser Selektionsprozess AUCH durch die jeweiligen Kinderzahlen der jeweiligen "Weltanschauungs-Anhänger" entschieden?
Ich glaube tatsächlich, daß es so ist. Evolution ist nicht etwas, was einmal geschehen ist, wie wir immer mehr aus der derzeitigen Humangenom-Forschung lernen. Evolution findet statt. Hier und heute. Unsere Kontroversen gerade auch über solche Themen sind ein Teil derselben. Sie beeinflussen Reproduktions-Entscheidungen oder auch (familien-)politische Entscheidungen. Weltbilder entscheiden solchen Entscheidungen.
Ohne Berücksichtigung von Gruppenselektion wird man die Evolution der Religiosität nicht verstehen können. Der Mensch ist nicht nur ein atomisiertes Wesen, er ist - auch heute merken wir das ja wieder immer mehr - ein tief sozial strukturiertes, verankertes Wesen, er ist ein Gemeinschaftswesen - von Geburt an. Glück findet der Mensch in Gemeinschaft mit anderen Menschen wie fast nirgends sonst.
Viele ganz entscheidende Dinge werden letztlich auf der Ebene von Gruppen (oder Nationen) entschieden, nicht auf der Ebene des Individuums. Das merken wir heute auf dem Gebiet der Familienpolitik fast jeder selbst an der persönlichen Lebenssituation während der Familiengründung oder in den Altersjahren.
Natürlich steht übrigens auch die in der griechischen Antike, Herr Dahl (01.01.2008 | 11:07), gelebte gesellschaftliche Moral im Einklang mit den vorherrschenden religiösen und philosophischen Vorstellungen. Sokrates, Platon usw. waren AUCH - oder sogar vor allem - Ethiker. Hätte man diesen Zusammenhang nicht gesehen, hätte man Sokrates nicht gezwungen, den Schierlingsbecher zu trinken. Und auch Sokrates hätte ihn nicht getrunken, wenn ihm dieser Zusammenhang nicht wichtig gewesen wäre. (Er hätte ja fliehen können, sich der Verantwortung entziehen können ...)
Lieber Herr Isegrim,
danke für Ihren Beitrag - wir liegen da wirklich nicht mehr weit auseinander! (-:
Zu Inhalten: selbstverständlich zählen diese - über die auch intuitive, unterschiedliche Relevanz verschiedener Glaubensinhalte und ihrer Vermittlung hatten wir ja bereits gesprochen. Ein liebender Gott, der unter die Menschen geht, hat z.B. recht hohe Relevanz! Und natürlich ist Reproduktion nur sehr selten (Amish, orthodoxe Juden, Aleviten etc.) der einzige Vermehrungsweg. Wie Sie aber sehr schön geschrieben haben "Ein christliches Kind, bringt ein nichtchristliches zum Jugendtreff und es kommt zum Glauben. Eine christliche Mutter lernt auf dem Spielplatz, eine nichtchristliche Kennen und weil die Kinder so schön zusamen spielen, kommen sie ins Gespräch usw." verlieren Gemeinschaften mit weniger Kinder und Müttern nicht nur missionarisches Potential, sondern auch Anknüpfungspunkte im Alltag. Während es also sogar einige religionsgeschichtliche Erfolgsfälle "ohne" Mission gegeben hat, kennt die Religionsgeschichte trotz mehrerer Versuche (z.B. einige Gnostiker, Manichäer, Shaker, derzeit Raelianer etc.) "keine" Gemeinschaft, die dauerhaft ohne große Familien ausgekommen wäre.
Will also (mit von Hayek) nur sagen: eine hohe Kinderzahl bietet einer Gemeinschaft bei ansonsten gleichen Bedingungen einen klaren Wettbewerbsvorteil. Damit tendieren biologische und kulturelle Evolution in die gleiche Richtung - auf Dauer entscheidet der Reproduktionserfolg. Dass heute beispielsweise der Religion-Demografie-Zusammenhang weltweit und interreligiös besteht (also bei den abrahamischen Religionen ebenso wie bei Hindus, Sikhs, Parsen etc.) ist ein empirischer Beleg nicht für inhaltliche Gleichförmigkeit, sondern für vergleichbare (auch je innerkonfessionelle) Wettbewerbsprozesse.
Mit herzlichen Grüßen
Michael Blume
PS: Die Konversionserfahrung haben wir übrigens biografisch gemeinsam, bin also regelmäßig "teilnehmender Beobachter" auf Feldforschung in der evangelischen Landeskirche... Macht die Gottesdienste für mich persönlich eher noch interessanter! (-;
Herzlich willkommen, Ingo, in unserer buchstäblich erschöpfenden Runde! Danke auch für Deinen nachdenklichen Beitrag!
Mit dem Begriff "Gruppenselektion" habe ich nach wie vor Schwierigkeiten. Zwar begrüße ich es, dass v.a. Wilson ihn neu in die Forschungsdebatte gebracht hat (vielleicht wird er da geklärt). Sein lesenswerter Beitrag dazu (und zur Abgrenzung von der Memetik) gerne nochmal hier:
http://www.skeptic.com/eskeptic/07-07-04.html
Aber soweit ich ihm sonst auch zustimme - auch in den Arbeiten zu Religionsgemeinschaften habe ich bisher keine Befunde finden können, die sich nicht auf klassische Fitnessvorteile der direkten und Verwandtenselektion zurückführen ließen. Zölibat ist ja Thema dieses Wissenslog-Beitrages und lässt sich m.E. als indirekte Verwandtenselektion wunderbar erklären. Will sagen: dass Menschen Gemeinschaften bilden, geht m.E. schon auf ihre je individuelle Veranlagung zurück und hat eher den Charakter einer Vernetzung (die durch Mythen, Rituale und Signale ggf. nach außen abgesichert wird), nicht aber einer unveränderlichen "Gruppe" im biologischen Sinn. Auch Gemeinschaften, denen in der Geschichte oft strengste Endogamie abverlangt war, wie Aleviten und Juden, tendieren in freiheitlichen Umständen unmittelbar zu einer steigenden Quote von Mischehen, also einer Öffnung auch der Gemeinschaftsstrukturen.
Wegen seiner Undefiniertheit und mangels empirischer Belege verwende bzw. brauche ich also das Konzept der Gruppenselektion bisher nicht. Dies nur als Hinweis.
Eine Frage, Ingo, zu Deiner spannenden, philosophischen Reflexion: Hältst Du es denn für möglich, dass aus einer allein prinzipiellen, philosophischen Reflexion Handlungsnormen gleicher Verbindlichkeit wie auf der Basis personaler, übernatürlicher (und überwachender) Akteure?
Denn genau das würde ich nicht so sehen, da wir kognitiv auf Sozialbeziehungen angelegt sind und "unbelebte Dinge" als Manipulationsobjekte betrachten, uns von ihnen aber keine Vorschriften machen lassen. Nur ein personaler Akteur, Ahne, Geist oder Gott, scheint mir evolutionsgeschichtlich geeignet zu sein, ein "Du sollst..." verbindlich zu machen, zu versprechen, drohen, trösten etc.
"Ihre These IMPLIZIERT durchaus die Annahme, dass religiöse Menschen bessere Menschen seien. Wie könnten sie sonst wohl bessere Kooperationspartner sein?"
"...weil sie sich sozial observiert glauben: durch allwissende, übernatürliche Akteure und durch die Gemeinschaft, der sie angehören."
Nun, wenn Sie glauben, dass religiöse Menschen die Versprechen, die sie gegeben haben, eher einhalten, weil sie sich "von übernatürlichen Akteuren observiert" wähnen, dann unterstellen Sie doch eine moralische Superiorität religiöser Menschen: Wenn ein Christ Treue oder Gehorsam gelobt, dann fühlt er sich nicht nur der Person verpflichtet, vor der er dieses Gelöbnis abgelegt hat, sondern zudem noch seinem Gott, vor dem er sich eines Tages rechtfertigen muss. Diese doppelte Verpflichtung bewirkt, dass Christen seltener ihr Wort brechen oder Meineid leisten. Wenn Christen aber seltener ihr Wort brechen als Nichtchristen, sind sie zweifellos bessere Menschen, oder nicht?
Die Realität sieht freilich anders aus. Ich will die Korrelation zwischen Religiosität und Kriminalität nicht dazu missbrauchen, um gläubige Menschen als schlechtere Menschen hinzustellen. Doch die bestehende Korrelation rechtfertigt zumindest die Annahme, dass gläubige Menschen keineswegs bessere Menschen sind.
Natürlich kann man, wie Sie es ja auch bereits getan haben, die Korrelation zwischen Religiosität und Kriminalität anders interpretieren. (Ich finde Ihre Annahme, dass die besagten Verbrechen überproportional zu Lasten von Immigranten gehen dürften, jedoch nicht sonderlich überzeugend. Die Immigranten gehen vor allem nach Kalifornien, New York und Illinois, nicht aber nach Alabama, Missisippi und Texas, und doch sind es letztere Staaten, in denen weit mehr Verbrechen begangen werden.)
Allein ein Blick auf die Geschichte genügt, um zu sehen, dass der Glaube nicht vor Verbrechen schützt. Ich will jetzt gar nicht auf der hinreichend bekannten "Kriminalgeschichte des Christentums" herumreiten. Doch nehmen wir nur etwa die NS-Zeit: Zur Zeit der Machtergreifung Hitlers waren 90 Prozent der Deutschen konfessionell gebunden. Allein 25 Prozent der SS-Offiziere waren Katholiken. Ihre Religion hat die braven Christenmenschen aber nicht davon abgehalten, in den Krieg zu ziehen und namenloses Leid über die Menschen anderer Völker zu bringen.
Ich schließe mich da ganz Herrn Blume an: gruppenselektionistisch ließe sich die Adaptivität der Religion natürlich problemlos erweisen; doch das Konzept der Gruppenselektion ist schlicht zu kontrovers, als dass man seine Theorie darauf stützen sollte.
Diesen Absatz verstehe ich leider nicht:
"Natürlich steht übrigens auch die in der griechischen Antike, Herr Dahl (01.01.2008 | 11:07), gelebte gesellschaftliche Moral im Einklang mit den vorherrschenden religiösen und philosophischen Vorstellungen. Sokrates, Platon usw. waren AUCH - oder sogar vor allem - Ethiker. Hätte man diesen Zusammenhang nicht gesehen, hätte man Sokrates nicht gezwungen, den Schierlingsbecher zu trinken. Und auch Sokrates hätte ihn nicht getrunken, wenn ihm dieser Zusammenhang nicht wichtig gewesen wäre. (Er hätte ja fliehen können, sich der Verantwortung entziehen können ...)"
Griechen und Römer hatten eine andere Ethik als Juden und Christen. Erstere forderten ein tugendhaftes Leben ein, letztere forderten ein gottgefälliges Leben ein. Nach den Juden und Christen leiten sich alle moralischen Forderungen aus den Geboten Gottes ab; nach den Griechen und Römern leiten sich alle moralischen Forderungen aus der menschlichen Natur und seinem Streben nach Glück - nur ein tugendhaftes Leben führt zu einem glücklichen Leben.
Michael,
Gruppenselektion an sich ist ein langes Thema. Ich will nur kurz auf Deine letzte Frage eingehen.
Ich betrachte den Monotheismus als eine religiöse Sonderform. Er ist dadurch ausgezeichnet, daß er sehr definitive, abschließende, "dogmatische" Aussagen zu einem Bereich macht, zu dem alle nicht-monotheistisch denkenden Menschen und Völker nur ungefähre "Ahnungen" und "Vermutungen" haben. Darin liegt seine geschichtliche Stärke und - natürlich - seine heutige Schwäche.
Ich finde nicht, daß man den Monotheismus zum Maßstab aller Dinge wählen sollte, wenn man die Evolution der Religiosität des Menschen erforscht. Vielleicht sollte man sie als eine "Spätform" betrachten, im Grunde entstanden in Auseinandersetzung mit wesensmäßig ganz anderen Welthaltungen der griechischen Antike (- und - wohl - als "Gegenbild" zu ihnen).
Christen und Juden haben dem zweifelnden "Heiden" (ob Philosoph oder Naturgläubiger) ein "So ist es" zu Themen gelehrt, über die sich der zuvor nicht monotheistisch Gläubige eine solche Sicherheit gar nicht zugetraut hatte.
Diese Sicherheit des "So ist es" trauen wir uns heute (nur) in der Naturwissenschaft zu und nicht im metaphysischen Bereich. Allerdings lebten frühere "Heiden" eben nicht in unserer heutigen "Wissensgesellschaft" und waren deshalb eher geneigt als wir Heutigen, einem "So ist es" auf dem Bereich der Metaphyisk "Glauben" entgegen zu bringen.
Natürlich würde ein Hinweis etwa auf die chinesische Philosophie und den Konfuzianismus genügen, um aufzuzeigen, daß es noch gänzlich andere Welthaltungen gibt außer dem Monotheismus. Und daß weltgeschichtlich bedeutsamste Völker und Kulturen Jahrtausende lang mit einer solchen Welthaltung leben und prosperieren konnten.
Bspw. berichtet Tacitus auch von den Germanen, daß sie sich die Götter nicht in Menschengestalt vorstellen. Man müßte sich mal einen Überblick verschaffen darüber, welche Formen von Religiosität eigentlich menschheitsgeschichtlich alle möglich gewesen sind und in welcher Beziehung sie zu gesellschaftlichen Werten und Normen jeweils standen.
Ich denke, daß eine wesensmäßig ähnliche ethische Haltung wie der Konfuzianismus auch aus dem Wissen der heutigen Naturwissenschaft abgeleitet werden kann. Dazu besitzen wir Philosophen. Doch die wühlen seit mehreren Jahrzehnten so sehr im "Existentialismus" herum, daß sie zu den großen Fragen unserer Zeit und unseres Weltbildes oft nur noch erstaunlich wenig zu sagen haben.
"Der fundamentaltistische Atheist befürwortet heute meistens einen "verantwortungsvollen Hedonismus". Ist das eine Moral, die der Ehrfurcht vor diesem Universum und allen Werten, die in ihm enthalten sind, allen Werten, die in unserer abendlänlischen Kultur enthalten sind, schon vollständig gerecht wird? Vielleicht hat der moderne Mensch über all diese Fragen einfach noch nicht genügend nachgedacht, philosophiert?"
Inhaltlich besteht zwischen religiösen und säkularen Ethiken letztlich kein sonderlich großer Unterschied. Kantianer, Utilitaristen oder Kontraktualisten würden 7 der 10 Gebote unterschreiben. Meinungsverschiedenheiten gibt es ja im Prinzip nur bei Fragen wie der Abtreibung, der Sterbehilfe, der Verhütung, der Homosexualität oder der Todesstrafe.
Lieber Herr Dahl,
Sie schrieben:
"Nun, wenn Sie glauben, dass religiöse Menschen die Versprechen, die sie gegeben haben, eher einhalten, weil sie sich "von übernatürlichen Akteuren observiert" wähnen, dann unterstellen Sie doch eine moralische Superiorität religiöser Menschen."
Nein, wieso? Zum einen ist "moralische Superiorität" eine wertende Kategorie, mit der ich empirisch nichts anfangen kann. Wie schon Darwin schrieb: wären wir Bienen, würden wir es moralisch gerechtfertigt finden, dass Königinnen ihre Schwestern töten. Ich bitte einfach darum, insbesondere bei Evolutionsthemen klar zwischen Beschreibung und (ggf. auch emotionaler) Wertung zu unterscheiden.
Entsprechend kann ich mit Ihrem Kriminalitätseinwurf hier nichts anfangen. Abgesehen davon, dass schon "kriminell" wieder ein soziales, kein biologisches Kriterium ist (oder sind Elstern "kriminell"?) - wir diskutieren hier, so dachte ich, über biologischen Erfolg eines Merkmals, den darwinschen Fitneßindikator, also die differentielle Reproduktivität.
Außerdem "glaube" ich nicht, dass religiöse Menschen Kontrakte eher einhalten, sondern vergleiche bspw. empirisch das Beziehungs- und Familienverhalten, wie wir das auch bei jedem anderen Wesen machen könnten, beziehe außerdem experimentelle Ergebnisse bspw. von Bering und Norenzayan ein. Und die Eherate unter Religiösen erweist sich im Vergleich zu Konfessionslosen je der gleichen Nationalität, Bildungs- und Einkommensschicht als deutlich höher, die Scheidungs- und Alleinerziehendenrate als deutlich niedriger und die Kinderzahl (mithin also: der biologische Erfolg) sehr viel stärker ausgeprägt. Das sind die Fakten - weitere empirische Ansatzpunkte wären z.B. die Netzwerke besonderen Vertrauens, die religiöse Minderheiten wie Quäker, Sikhs, Parsen, christliche Minderheiten im osmanischen Reich, Juden etc. gerade unter dem Eindruck sonstiger Diskriminierung oft zu wirtschaftlichen Erfolg geführt haben. Und für diese historisch und empirisch beobachtbaren "Kontraktloyalität" bieten ich und inzwischen eine ganze Reihe anderer Wissenschaftler evolutionspsychologische Erklärungsmodelle an, die sich diskutieren und überprüfen lassen. Keiner von uns vertritt eine angebliche, moralische Superiorität irgendeiner Gruppe und wir sind auch immer für weitere, wissenschaftliche Befunde oder Thesen offen. Und wir haben deswegen soviel Gewinn auch an der Arbeit miteinander, weil wir zwischen Erkenntnissen und Affekten unterscheiden (und gerne auch mal miteinander lachen (-; ).
Mit herzlichen Grüßen
Michael Blume
Habe gerade bemerkt, dass ich Ihre Frage noch nicht beantwortet hatte:
"Da ich nun aber schon eine ganze Batterie von Fragen (gerne) beantwortet habe, erlauben Sie mir, Ihnen nun auch eine Frage zu stellen. Wie sonst als durch Exaptationen sollen neue Adaptionen entstehen?
Konkret und ernsthaft gefragt:
1. Halten Sie Vogelflügel für eine Adaption oder ein Epiphänomen?
2. Wie erklären Sie sich die Evolution der Flügel? Hatten z.B. schon Stummel die gleiche Funktion?"
Obgleich ich Anthropologie studiert habe, betrachte ich mich doch nicht als wirklichen Evolutionsbiologen. Ich fühle mich daher auch etwas überfragt. Aus dem Bauch heraus: Wie beim Auge, so würde ich auch beim Flügel eine Adaptivität von Beginn an unterstellen wollen (doch selbstverständlich mag es sein, dass die Stummel, aus denen die Flügel erwachsen sind, ursprünglich eine andere Funktion hatten. Tut mir leid, dass ich keine bessere Antwort geben kann.
Du schriebst zum Monotheismus einige Gedanken zur Dogmatik und dann:
"Darin liegt seine geschichtliche Stärke und - natürlich - seine heutige Schwäche."
Wiederum: hier geht es doch nicht um Geschmacksfragen, sondern um Fakten. Und eine "Schwäche" des Monotheismus kann ich religionsdemografisch nicht erkennen.
"Ich finde nicht, daß man den Monotheismus zum Maßstab aller Dinge wählen sollte, wenn man die Evolution der Religiosität des Menschen erforscht."
Wer tut denn das hier? Nach derzeitigem Stand deuten die Befunde z.B. darauf hin, dass die menschliche Religiosität über den Ahnenkult entstanden sein könnte, abstraktere, übernatürliche Akteure erst viel später auftraten. Wenn Du schon ein "Maß aller Dinge" von mir hören magst - dann ist das (insofern wir über Evolutionsbiologie diskutieren) die Reproduktionsrate! Und da macht derzeit und seit einigen Jahrhunderten eben den Monotheisten weltweit insgesamt keiner was vor - was sich natürlich auch theoretisch wieder ändern könnte.
"Vielleicht sollte man sie als eine "Spätform" betrachten, im Grunde entstanden in Auseinandersetzung mit wesensmäßig ganz anderen Welthaltungen der griechischen Antike (- und - wohl - als "Gegenbild" zu ihnen)."
Und zwar als auch reproduktiv erfolgreiches Gegenbild! (-:
"Wie beim Auge, so würde ich auch beim Flügel eine Adaptivität von Beginn an unterstellen wollen doch selbstverständlich mag es sein, dass die Stummel, aus denen die Flügel erwachsen sind, ursprünglich eine andere Funktion hatten."
Fast genau so würde ich es mit dem biologischen Merkmal Religion auch so formulieren! Da sind wir also wirklich nah beieinander!
Mit exaptationistischen Grüßen (-:
Michael Blume
"Außerdem 'glaube' ich nicht, dass religiöse Menschen Kontrakte eher einhalten."
Diese Annahme widerspricht doch aber Ihrer zuvor aufgestellten Behauptung, dass religiöse Menschen bessere Kooperationspartner seien. Wie sollten sie denn BESSERE Kooperationspartner sein, wenn sie ihr Wort genauso leicht brechen wie alle anderen Kooperationspartner?
Ich weiß durchaus zwischen normativen und deskriptiven Aussagen zu unterscheiden. Wörter wie "zuverlässig" und "unzuverlässig" kann man sowohl normativ als auch deskriptiv verstehen. Doch selbst wenn wir uns darauf einigen, sie rein deskriptiv zu verstehen, ändert dies nichts an der Schlussfolgerung, dass Menschen nun einmal zuverlässige gegenüber unzuverlässigen Kooperationspartnern bevorzugen werden.
Übersetzt in die Sprache der Spieltheorie behaupten Sie doch, dass religiöse Menschen bevorzugte Kooperationspartner seien, weil sie seltener defektieren und häufiger kooperieren.
Ihr Zugeständnis, dass religiöse Menschen Verträge genauso häufig brechen wie areligiöse Menschen, bedeutet doch aber, dass religiöse Menschen genauso häufig defektieren wie areligiöse Menschen. Und wenn dem so ist, können religiöse Menschen schwerlich bevorzugte Kooperationspartner sein.