Glaube und Zölibat: bio-logisch erfolgreich?
Heute überlasse ich - passend zur religiös geprägten Saison - dem Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume das Podium. Michael Blume beschäftigt sich unter anderem mit den biologischen Ursprüngen und Mechanismen der Religiosität; 2005 promovierte er in Tübingen über das Verhältnis von Neurowissenschaften und Religionswissenschaft.
An der Uni Heidelberg veranstaltet er in diesem Semester das Seminar "Religionswissenschaftliche Präsentationen zur Evolution der Religion", an dem ich auch mitwirke. Kennengelernt habe ich ihn vor einer Weile über sein Religionswissenschafts-Blog, in dem er regelmäßig über derartige Themen schreibt. Heute berichtet er hier bei Abgefischt über mögliche biologische Grundlagen des Zölibats. Viel Spaß!
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Glaube und Zölibat: bio-logisch erfolgreich?
Edward O. Wilson, einer der bedeutendsten Biologen unserer Zeit, stellte in seinem mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Buch On human Nature von 1978 fest: "Religion stellt die größte Herausforderung für die Soziobiologie des Menschen dar und ihre aufregendste Gelegenheit, als eine wirklich originale theoretische Disziplin fort zu schreiten." (S. 178, Übers. aus dem Englischen)
Inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass Wilsons Traum in Erfüllung gehen könnte. In spezialisierten Netzwerken wie den Evolutionary Religious Studies wirken längst nicht nur Forscher verschiedenster Nationen, sondern vor allem auch unterschiedlichster Disziplinen mit. Dabei treffen Evolutionsbiologen, Anthropologen, Ethnologen, Psychologen, Neuromediziner, Soziologen, Ökonomen, Theologen, Philosophen und (vergleichende) Religionswissenschaftler nicht nur auf immer mehr Tagungen aufeinander, sondern nutzen auch das Internet, um in einer früher undenkbaren Geschwindigkeit und Tiefe empirische Daten und Thesen auszutauschen.
Dabei verdichten sich die Befunde von der Zwillingsforschung über die Neurowissenschaften bis hin zur Religionswissenschaft zu einem wachsenden Konsens, der gerade in seiner Selbstverständlichkeit verblüfft: Religiöse Veranlagungen scheinen völlig entsprechend zu etwa sprachbezogenen oder musikalischen, genetisch veranlagten Fähigkeiten mit hoher, kultureller Plastizität über Fitnessvorteile evolviert zu sein - und wohl auch weiter zu evolvieren. Eine schnell wachsende Zahl von Studien und auch psychologischen Experimenten belegt eine gesteigerte Kooperationsbereitschaft zwischen Religiösen sowie die Abwehr von Trittbrettfahrern und Assimilation durch kostspielige Verpflichtungen und Rituale.
Sogar die sprichwörtliche „Gretchenfrage“ (Gretchen an Faust: „Wie hälst Du’s mit der Religion?“) kommt inzwischen zu empirischen Ehren: Kostspielige Religiosität scheint tatsächlich als ein Indikator für Partnertreue und damit förderliches Merkmal sexueller Selektion zu wirken - und geht tatsächlich mit geringeren Raten etwa an Scheidungen und Alleinerziehenden in Religionsgemeinschaften einher. Also genau das, was Goethes Mephistopheles (in Kapitel 16) im spöttischen Kommentar zu Gretchens Frage vermutete:„Die Mädels sind doch sehr interessiert, ob einer fromm und schlicht nach altem Brauch. Sie denken: duckt er da, folgt er uns eben auch.“
Zumindest kann es nach Auswertung sowohl nationaler wie internationaler Daten und vor allem auch der Schweizer Volkszählungen 1970, 80, 90 und 2000 (die jeweils als Vollerhebungen durchgeführt wurden) praktisch keinen statistischen Zweifel mehr geben, dass religiös vergemeinschaftete Menschen weltweit durchschnittlich deutlich mehr Kinder haben als ihre konfessionslosen Zeitgenossen auch je der gleichen Einkommens- und Bildungsschicht.Ja, entgegen auch unseren frühen Erwartungen nimmt der reproduktive Abstand mit steigenden Freiheits-, Wohlstands- und Bildungsniveaus sogar zu! Denn während Menschen in klassischen Agrarwirtschaften kaum Alternativen zu einer hohen Kinderzahl als Arbeitskräfte und Altersversorgung hatten, werden Kinder in modernen Marktgesellschaften zu sehr kostenträchtigen Wertentscheidungen.
So blüht beispielsweise der Kreationismus in den USA nicht etwa, weil er haltbare, wissenschaftliche Argumente hätte - sondern weil tiefreligiöse Christen, Juden und Muslime durchschnittlich erheblich mehr Kinder bekommen und erziehen als die Befürworter des darwinistischen Naturalismus. Die Ironie in diesem Befund harrt noch der Aufarbeitung…
Sogar Zölibat…
Überraschenderweise lässt sich inzwischen sogar die religionshistorische Entstehung des Zölibats über Fitnessvorteile der Verwandtenselektion neu entschlüsseln. Diese ist an sich unumstritten: keinen Biologen wundert es, dass auch Menschen dazu tendieren, mit nahen Verwandten intensiver zu kooperieren und sich gegebenenfalls sogar für sie zu opfern, tragen sie doch eng verwandte Gensequenzen.
Aber genau das wird in klassischen Agrarwirtschaften zum Problem: weil die meisten schon aus ökonomischen Erwägungen (Arbeitskräfte, Altersversorgung, Schutz) viele Kinder anstreben, entstehen vor Ort expandierende Familienclans, in ständiger Verflechtung und Spannung auch um knappe Ressourcen (z.B. Land). Jeder lokale, religiöse Funktionär ist hier sofort dem (manchmal zutreffenden) Verdacht ausgeliefert, doch nur die eigene Familie nepotistisch zu begünstigen.
So erging es z.B. auch Jesus, der „kam in seine Vaterstadt und lehrte sie in ihrer Synagoge, so daß sie sich entsetzten und fragten: Woher hat dieser solche Weisheit und solche Taten? Ist er nicht der Sohn des Zimmermanns? Heißt nicht seine Mutter Maria, und seine Brüder Jakobus und Josef und Simon und Judas? Und seine Schwestern, sind sie nicht alle bei uns? Woher kommt ihm denn das alles? Und sie ärgerten sich an ihm. Jesus aber sprach zu ihnen: Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland und in seinem Hause. Und er tat dort nicht viele Zeichen wegen ihres Unglaubens.“ (Mt. 13,55-58)
Gibt es eine Lösung für dieses Dilemma? Ja, der Austausch von Zölibatären. Religiöse Institutionen könnten anregen, dass Clans aus ihrem jeweiligen Geburten- und Erbenüberschuss einige wenige Akteure „spenden“, die (ohne eigene Familien zu gründen) anderswo Dienst tun - und dafür umgekehrt auch selbst Zölibatäre zugeteilt bekommen. Der einzelne Zölibatäre würde damit in der Fremde sehr viel religiös glaubwürdiger Ehebünde segnen und überwachen, Familienwerte predigen, Streit schlichten, Arme und Kranke versorgen, Kinder unterweisen, antisoziales Verhalten ahnden und andere Fitness-relevante Tätigkeiten ausüben können - und dürfte Gott, Mutter Kirche oder dem Sangha vertrauend zudem davon ausgehen, dass auch die eigene Herkunftsgruppe entsprechend Fitness-fördernd betreut würde. Hier läge also eine clevere Form indirekter Verwandtenselektion vor! (Siehe Schaubild)
Und auch diese These lässt sich empirisch testen. So müssten wir einerseits davon ausgehen, dass die Inhaber zölibatärer Rollen zur Sexualität klar Stellung beziehen: Sie müssten zur Unterstreichung ihrer eigenen Glaubwürdigkeit insbesondere in klassischen Agrargesellschaften ihre eigene Abstinenz sowohl gegenüber hetero- wie homosexuellen „Versuchungen“ unterstreichen (diese also strikt verdammen) und sie müssten vor allem, im Kontrast zur eigenen Kinderlosigkeit, für eine möglichst hohe Fertilität der nichtzölibatären Laien eintreten. Dies lässt sich im Christentum, aber auch etwa in Hinduismus, Buddhismus und Jainismus sowohl historisch wie zeitgenössisch-vergleichend reichlich beobachten.
Daneben müsste die Akzeptanz des Zölibats milieuabhängig sein: in klassischen Agrargesellschaften mit Geburtenüberschüssen müsste eine sehr viel höhere Akzeptanz zölibatärer Rollen beobachtbar sein als in Marktgesellschaften mit niedrigen Geburtenraten. Dies ist nicht nur im Vergleich christlicher Länder (z.B. Afrikas und Europas) sondern ebenso in buddhistischen Gesellschaften (z.B. Birma und Japan) eindeutig der Fall. Auf die zunehmend datengestützte Präsentation dieser und unzähliger weiterer Thesen zu religiösen Phänomenen dürfen wir uns also in naher Zukunft freuen.
Noch kaum andiskutiert ist dabei die Frage, wie sich die Erkenntnis, dass Religion als ein Teil menschlicher Natur biologisch beschreibbar wird sowohl auf das religiöse Selbstverständnis wie auf die naturalistische Religionskritik auswirken wird. Und gerade die deutsche Wissenslandschaft muss sich fragen, warum in den Netzwerken interdisziplinärer und internationaler Evolutionsforschung zur Religion bisher deutschsprachige Wissenschaftler sowohl natur- wie geisteswissenschaftlicher Disziplinen nur sehr vereinzelt vertreten sind bzw. warum wir immer noch kein einziges solches Netzwerk im deutschsprachigen Raum haben.
asdf
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1: Sind Sie nun ein Adaptionist oder ein Epiphänomenalist?
"Natürlich beides. Die Nabelschnur ist eine Adaption, der Bauchnabel ein Epiphänomen dazu."
Tut mir leid, doch diese Antwort verstehe nicht. Wie kann man beides zugleich sein?
Entweder ist man davon überzeugt, dass der Glaube an übernatürliche Wesenheiten eine biologische Anpassung ist oder man ist es nicht!
Die Religion ist ja nicht das einzige Thema, bei dem sich Darwinisten uneins sind. Auch beim Thema der Vergewaltigung haben wir ja zwei Lager; eines, das annimmt, dass die Vergewaltigung lediglich ein Nebenprodukt des opportunistischen Sexualverhaltens der Männer ist, und eines, das annimmt, dass die Vergewaltigung eine spezielle von der natürlichen Selektion geformte biologische Anpassung darstellt. Auch in dieser Debatte gibt es nur ein "entweder-oder", nicht aber ein "sowohl-als-auch".
"Religiöse Veranlagungen könnten also als Epiphänomene kognitiver Gehirnfunktionen enstanden sein - heute erweisen sie sich als biologisch hoch adaptiv."
Wenn das Ihre Meinung ist, dann sind Sie ganz klar ein Epiphänomenalist und mit Herrn Roosen und mir einer Meinung. Der Glaube an übernatürliche Wesenheiten ist ein bloßes Nebenprodukt unseres Gehirns und seines kausalen sowie teleologischen Denkens. Dass sich religiöse Normen, wie etwa das erwähnte post-partum Koitus-Tabu als adaptiv erweisen können, leugnet kein Mensch - auch Dawkins nicht. Was haben Sie, wenn ich fragen darf, eigentlich gegen Dawkins?
"Der Unwille diverser Forscher wie z.B. Dawkins, die Faktenlage anzuerkennen, weist m.E. erstaunliche und vielsagende Parallelen zu Abwehrstrategien von Kreationisten auf: man möchte gerne das eigene Weltbild vor unliebsamen Erkenntnissen der Wissenschaft schützen."
Lieber Herr Dahl,
auch wenn ich mich hinsichtlich der *Entstehung* der Religion eher als Epiphänomenalisten sehe, kann ich schon recht gut Hr. Blumes Antworten des "sowohl als auch" nachvollziehen. Ich meinte eigentlich, in meinem Beiträgen auch die mögliche Symbiose der beiden Sichten von meiner Seite aus dargestellt zu haben.
Der Gag evolvierender Systeme ist ja gerade, dass ab einer gewissen Komplexität Epiphänomene dermaßen komplex sind, dass sie in ihren Einzelauswirkungen nicht mehr sauber logisch von adaptiven Veränderungen getrennt werden können. Adaptive Veränderungen bedeuten (zumindest in meinem Verständnis) ja, dass eine unmittelbare Auswirkung auf die Fitness zu beobachten ist. Das heißt aber letztlich, es sind Epiphänomene mit Selektionswirkung. Da letztere aber in beliebigen Stärkegraden, und dann auch noch unterschiedlich stark je nach vorherrschender lokaler Randbedingung, vorliegen kann, sehe ich ein Kontinuum zwischen den idealisierten polaren Modellen von "Epiphänomen" und "Adaption".
Daher nach wie vor meine Sichtweise: Was als Epiphänomen einer besonders starken Kausalitätsorientierung begann, wird - wahrscheinlich schon sehr früh - einen gruppenstärkenden Effekt im Blume'schen Sinne und damit zunehmend die Qualität einer Adaption entwickelt haben, deren objektiv messbare Auswirkungen (nach Blume) nicht zu verleugnen sind.
3: Worin soll die Adaptivität des Glaubens an eine Beseeltheit aller Dinge bestehen?
"Aus evolutiv gut nachvollziehbaren Gründen behandeln wir unbelebte Dinge anders als belebte. Nur von belebten Akteuren akzeptieren wir z.B. direkte Gebote."
Ich fürchte, das ist keine Antwort auf meine Frage, da wir bereits zwischen verschiedenen Stufen des Animismus unterschieden haben:
Angenommen, wir müssen zwischen zwei verschiedenen Stufen des Animismus unterscheiden. Die erste besteht lediglich in dem Glauben an die Beseeltheit, die zweite schließt auch sittliche Forderungen ein. Insofern die zweite Stufe auf der ersten basiert, genügt es nicht, die Adaptivität der zweiten Stufe aufzuzeigen - man muss auch die Adaptivität der ersten erweisen!
Noch einmal pointierter: Zu glauben, dass ein Baum oder ein Felsen eine Seele haben, ist das eine, zu glauben, dass sie mir die Zehn Gebote auferlegen, etwas anderes.
Ich bitte einfach zwei Aspekte klar zu unterscheiden: heute wirkt Religiosität durchschnittlich deutlich reproduktiv erfolgreich (evolviert also weiter) und die zunehmende Emergenz des Verhaltensmerkmals in der Geschichte von Homo Sapiens und Homo Neanderthalensis spricht m.E. ebenfalls ganz klar dafür, dass es sich bei Religion um eine biologische Anpassung handelt. Und zwar um eine erfolgreiche Anpassung v.a. an die Fähigkeit zu biografischer und dann auch reproduktiver Vorausplanung, die z.B. die Entscheidung für oder gegen (weitere) Kinder, für oder gegen Ehepartner (bzw. logisch erst den Ehekontrakte an sich) mit sich bringt. Diesen Übergang von retrospektiver zu prospektiver Reproduktionsplanung kann man spieltheoretisch übrigens wunderbar modellieren und aufzeigen, wie erfolgreich dabei geglaubte, übernatürliche Akteure werden - das wäre aber wohl eher Thema eines eigenen Wissenslogbeitrags.
Also, klare Antwort: Das Verhaltensmerkmal Religion ist längst eine erfolgreiche Adaption, kein Epiphänomen mehr. Zur "Entstehung" der religiösen Veranlagung schließe ich dagegen epiphänomenologische Erklärungen ausdrücklich nicht aus und sehe die kognitionspsychologische Forschung nach Boyer und vor allem Bering, aber auch z.B. Palmer dabei auf sehr gutem Weg. Die kognitiven Fähigkeiten und "intuitiven Ontologien" unserer Vorfahren, aber auch z.B. die schon bei anderen Säugetieren beobachtbare Trauer halte ich für wichtige Kandidaten, aus denen heraus sich das neue Fähigkeitenbündel und Verhaltensmerkmal bildete (und bildet).
Wenn Sie von mir also gerne ein einziges Label haben wollen, dann wäre ich nach S.J. Gould wohl (insofern wir von der Evolution der Religion sprechen) ein klarer "Exaptationist".
In der Exaptation erschließen sich biologische Merkmale eine neuartige Funktion - und genau diesen Effekt sehe ich im evolvierten und evolvierenden "Fähigkeitenbündel" Religion gegeben.
Und meines Erachtens verdichten sich die interdisziplinären Erkenntnisse zur Evolution der Religion derzeit so schnell, dass gemeinsame, empirisch fundierte Modelle nicht mehr unmöglich scheinen.
M.E. außerordentlich spannend (aber wohl wieder den Rahmen unserer hiesigen Diskussion sprengend): da die Exaptation "Religion" schon beim Frühen Menschen mindestens zweimal konvergent evolvierte, könnten wir darüber spekulieren, ob auch andere Spezies bei Erreichen der biografischen und reproduktiven Vorausplanung religiös adaptieren würden. Elefanten und Affen haben Sie ja als weitere "Kandidaten" bereits ins Spiel gebracht - und ich würde sogar so weit gehen, bald einmal mit Kosmobiologen über die Religiosität von intelligenten Extraterrestriern zu spekulieren! (-;
Lieber Herr Dahl,
Sie verlangen ja schon eine fast geschlossene Fossilkette! Sind Sie zu Kollegen eigentlich genauso streng, die z.B. die Adaptivität von Flügeln behaupten, ohne bisher den Nutzen von Stummeln eindeutig und lückenlos belegen zu können? Oder halten Sie Flügel eher nur für ein Epiphänomen statt einer Anpassung? (-;
Jetzt aber im Ernst: ich empfinde Ihre Fragen als außerordentlich präzise und hilfreich, so muss interdisziplinärer Dialog -wenn auch anstrengend und zeitintensiv- funktionieren! Danke dafür.
Zur Frage: Zunächst einmal möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass ich von einer Erstrelevanz von Ahnenverehrung ausgehe, weder von kosmologischem Staunen noch von einem Ur-Animismus. Dass auch schon nahe, tierische Verwandte z.B. Trauer und also Ansätze von Erinnerung und ggf. Vergegenwärtigung zeigten, führten Sie ja freundlich ein. Und über diese Schiene wäre sowohl der soziale Bezug zu den übernatürlichen Akteuren wie auch eine gewisse Gerichtetheit der tradierten "descendant leaving strategies" naheliegend: wenige Ahnen werden ihren Kindern und Enkeln empfehlen, auf keinen Fall Kinder zu bekommen... (Und wenn, wird diese Überlieferung schnell wieder kulturell aussterben - vergleiche z.B. Shaker und Amish) Wir haben, wie bereits mehrfach geschrieben, als bislang älteste, paläoanthropologische Befunde zu religiösem Verhalten Bestattungen von Sapiens und Neandertalern, Tierfigürchen, Mischwesen (also Hinweise auf Animismus) wie auch Himmelsobservatorien (also Hinweise auf Kosmologien) erst deutlich später.
Ich darf zu Ihren Animismus-Überlegungen(das entsprechende Kapitel aus meiner Diss ziehend) aber noch einmal auf Boyer verweisen, der ganze sieben prä-religiöse, kognitive Präferenzen zur Konstruktion religiöser Akteure benannte:
1. Ein Ensemble intuitiver ontologischer Erwartungen
2. Eine Neigung, die Aufmerksamkeit auf Kontraintuitives zu richten
3. Eine Tendenz, Kontraintuitives im Gedächtnis zu behalten, insofern es
eine Fülle von Schlussfolgerungen ermöglicht
4. Ein System für Erkennung (und übermotivierte Erkennung) von
Aktivität und Wirken
5. Ein Ensemble von Systemen des sozialen Bewussteins, die der
Vorstellung von gut informierten Akteuren besondere Relevanz verleihen
6. Ein Ensemble intuitiver moralischer Gewissheiten
7. Ein Ensemble sozialer Kategorien, die Legitimierung bedürfen
Interessanterweise konnte Boyer seine Schlussfolgerungen nicht nur ethnographisch, sondern auch experimentell unterfüttern. So können Menschen "intuitiv" angeben, dass "Gott ist allmächtig und allwissend. Aber Er ist nur mittwochs da." eine Erfindung des Wissenschaftlers, "Ebenholzbäume belauschen die Gespräche, die in ihrem Schatten gehalten werden" dagegen echte, naturreligiöse Mythologie war. Der Grund (nach Boyer): die Nur-Mittwoch-Einschränkung reduziert irritierend Relevanz, während die lauschenden Ebenholzbäume den (ohnehin beliebten) Bäumen weitere Relevanz zuweisen.
Sie erleben das gleiche Phänomen derzeit im Hinblick auf nicht oder umstritten identifizierte Flugobjekte bzw. Himmelserscheinungen, die in großen Teilen der Öffentlichkeit sehr bereitwillig als "Besucher von fremden Sternen" aufgefasst werden. Dies nicht, weil empirische Belege dies nahelegten, sondern weil an uns interessierte, ggf. mit guten oder bösen Absichten aufkreuzende Machtwesen einfach sehr viel "relevanter" und also "spannender" wirken, als nur z.B. Wetterbalone oder unbeseelte Naturphänomene anzunehmen. Und schon haben wir selbst unter ganz modernen und gebildeten Menschen eine tiefe Faszination für entsprechende Bücher, Filme und Dutzende von UFO-Mythen, sogar Kultgemeinschaften...
Lieber Herr Blume,
Ihr Beispiel der UFO-logen ist für mich eigentlich auch nur die Darstellung einer weiteren Religion - wobei deren Anhänger Ihrer Aussage nach (ich kenne mich da überhaupt nicht aus) zumindest ihrer Breduille bewusst sind und somit erste Anzeichen einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Thema zeigen. Ich vermute mal, dass ein größerer Teil von ihnen durchaus nachvollziehbaren wissenschaftlichen Belegen gegenüber offen ist, was man von den gängigen monotheistischen Weltreligionen eher nicht behaupten kann.
Dass einzelne Schergen gewisser Weltsichten auch jeweils aktuelle naturwissenschaftliche, wenn auch meist eher vorläufige Erkenntnisse per Missinterpretation zu schlimmen Sachen missbrauchen, stelle ich nicht in Abrede. Genau wie dieses passiert ist und wohl auch immer wieder passieren kann, gibt es zahlreiche Beispiele besonders in der Kirchengeschichte, bestimmt aber auch im Islam oder sonstigen Religionen. Den Unterschied, den ich zwischen den wissenschaftlichen und den religiösen Gedankengebäuden jedoch sehe ist folgender: Während die Missbräuche wissenschaftlicher Aussagen, nicht zuletzt wegen objektiver, nachvollziehbarer Einwände anderer Wissenschaftler, in der Regel recht kurz andauern, dauern die religiös motivierten Verirrungen nicht selten Jahrhunderte lang an. Ich kann mich nicht erinnern, dass entsprechende Verirrungen jemals religionsintern kritisiert und letztlich abgestellt worden sind. Außerdem befleißigen selbst höchstrangige Vertreter der religiösen Gemeinschaften der Unterstützung entsprechender Rituale.
Lieber Herr Roosen,
die vergleichende Wahrnehmung wissenschaftlicher und religiöser Wahrheitsansprüche, ihre politische Missbräuche usw. wäre sicher ein eigenes Thema - und vielleicht (da sind wir uns wohl einig) auch kein ergiebiges. Ich persönlich schalte da inzwischen immer schon ab, wenn wieder Hexenverbrennungen gegen Kulturrevolutionen, Glaubensverfolgungen gegen Stalins "Säuberungen" und die Inquisition mit Nordkoreas Geheimdienst verglichen wird. Zur wirklich sachlichen Klärung trägt das in der Tat selten bei und ich genieße es sehr, dass Atheisten, Agnostiker und Religiöse im Rahmen der Evolutionsforschung über dieses polemische Stadium auch hinweggekommen sind.
Interessanter scheint es tatsächlich, die oft fließenden Grenzen zwischen wissenschaftlichen und religiösen Wissensansprüchen empirisch zu betrachten. Wussten Sie z.B., dass sich bei den Raelianern längst auch aus einem vermeintlich "wissenschaftlichen Atheismus" ein UFO-Glaubenssystem samt eines "atheistischen Kreationismus" (ja, komplette Ablehnung der Evolutionstheorie!) entwickelt hat? Hier, mit Video:
http://religionswissenschaft.twoday.net/...578340/
Ohne dass hier jetzt weiter vertiefen zu wollen: auch die neuen UFO-Gemeinschaften entwickeln sich mit bemerkenswerten Parallelen zu früheren Religionen und die Entstehung und Verbreitung der UFO-Mythologien bietet hervorragendes, vergleichendes Material zur Religionsentstehung in jüngster Zeit. Zu ihrem großen Problem aber gehört, dass ihre Annahmen beständiger Falsifikation ausgesetzt sind - während die klassischen Religionen auch neue Erkenntnisse zu integrieren gelernt haben.
Wäre aber wohl wieder eher ein eigenes Thema, freue mich schon auf die Debatte nächste Woche an der Uni Leipzig dazu, hier also nur angedeutet...
Herzliche Grüße!
Michael Blume
...vielleicht bringt dieser aktuelle Artikel aus dem New England Journal of Medicine neues Wasser auf Ihre Mühlen!
Soweit ich es beim kurzen Überfliegen erfasst habe, kann man aus den Daten der funktionelle Bildgebung offenbar eher darauf schließen, dass religiöse Gefühle ein Epiphenom sind...
free full text at:
http://content.nejm.org/cgi/content/full/358/1/6
Lieber Herr Blume,
entschuldigen Sie bitte, wenn ich dann und wann etwas schroff klinge. Diese Schroffheit ist nur ein "Nebenprodukt" meiner Bemühung, auf den Punkt genau zu fragen. Ganz im Ernst, ich bin außerordentlich dankbar für unsere kontroverse Diskussion, die mir als die fruchtbarste auf diesem Blog erscheint - und das haben wir ausschließlich Ihnen zu verdanken!
Mit dem Label "Exaptionist" bin ich einverstanden, auch wenn ich mich selbst damit nicht identifizieren kann und mich - zumindest fürs erste - noch weiter als Epiphänomenalist bezeichne.
To be continued...
Ich will versuchen, meine Position noch einmal zu präzisieren: Religiosität besteht im Glauben an übernatürliche Wesenheiten. Der bloße Glaube an übernatürliche Wesenheiten selbst kann noch nicht adaptiv sein. Adaptiv kann er erst werden, wenn er mit der Verehrung und vor allem mit dem Gehorsam gegenüber übernatürlichen Wesenheiten einhergeht. Sind wir uns soweit einig?
Inwieweit die Verehrung und der Gehorsam gegenüber einem übernatürlichen Wesen adaptiv ist, hängt nun ausschließlich von den Forderungen dieser "Gottheit" ab. Wenn sie ihren Anhängern befiehlt "Seid und fruchtbar und mehret euch", dann kann sich der Glaube an diese Gottheit reproduktiv bezahlt machen. Wenn sie dagegen ein Leben in Einsamkeit und Enthaltsamkeit fordert, geht sie auf Kosten unserer Reproduktion und ist insofern maladaptiv. Sind wir uns darin auch einig?
To be continued...
Interessanterweise war das Christentum, zunächst sogar maladaptiv. Wenn die Anhänger der "Sekte Jesu" ihren Herrn beim Worte genommen und ihre Familien verlassen hätten, um ihm nachzufolgen, wären sie nämlich schon nach einer Generation ausgestorben: "Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein."
Auch hier zeigt sich also wieder, dass es nicht der religiöse Glaube per se, sondern die Befolgung von sitlichen Forderungen ist, die adaptiv oder maladaptiv sein kann.
Ich habe gleich noch einmal eine Frage zum Ahnenkult. Bis gleich!
Was ich gerade gesagt habe, ist im Prinzip identisch mit dem, was ich schon zu Beginn unserer Diskussion angemerkt hatte, als ich schrieb:
"Es kann also nicht der Glaube an irgendwelche beliebigen übernatürlichen Wesenheiten sein, der adaptiv ist, sondern nur der Glaube an Wesenheiten, die mit mir in Verbindung treten und mir ein bestimmtes Handeln auferlegen. Dieses Handeln kann mir dann zu meinem Vorteil oder zu meinem Nachteil gereichen. Wenn mir dieses Wesen sagt: 'Alles ist eitel', mag ich mich (und meine Gene) in die nächste Schlucht stürzen; sagt es mir dagegen: 'Sei fruchtbar und mehre dich', mag ich mich auf Brautschau begeben und mich (und meine Gene) fortpflanzen.
Wenn es aber letztlich die Befolgung von bestimmten Handlungsanweisungen ist, die mir biologische Vor- oder Nachteile verschafft, dann scheint es mehr die Ethik als die Religion zu sein, die adaptiv oder maladaptiv ist."
Das einzige, was ich eventuell zugestehen müsste, ist, dass eine auf göttlicher Autorität basierende Ethik eine größere Verbindlichkeit entfalten mag. Ich sage bewusst "mag", weil ich immer wieder erstaunt darüber bin, wie Menschen, die an einen Gott, an ein Jüngstes Gericht und an eine ewige Verdammnis in der Hölle glauben, trotzdem so viele Verbrechen begehen können.
"Zunächst einmal möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass ich von einer Erstrelevanz von Ahnenverehrung ausgehe, weder von kosmologischem Staunen noch von einem Ur-Animismus. Dass auch schon nahe, tierische Verwandte z.B. Trauer und also Ansätze von Erinnerung und ggf. Vergegenwärtigung zeigten, führten Sie ja freundlich ein. Und über diese Schiene wäre sowohl der soziale Bezug zu den übernatürlichen Akteuren wie auch eine gewisse Gerichtetheit der tradierten "descendant leaving strategies" naheliegend: wenige Ahnen werden ihren Kindern und Enkeln empfehlen, auf keinen Fall Kinder zu bekommen..."
Dieser Gedankengang erscheint mir durchaus plausibel. Dennoch würde ich gerne wissen, wie der Übergang von der Trauer um unsere Vorfahren über den Glauben an eine unsterbliche Seele unserer Vorfahren bis hin zur Befolgung sittlicher Gebote unserer Vorfahren genau aussehen könnte.
In jedem Fall scheinen wir mit der Trauer beginnen zu müssen. Doch welchen Überlebens- oder Fortpflanzungsvorteil sollte uns das Trauern um unsere Verstorbenen bescheren? Insofern die Trauer einer zeitlich begrenzten Depression entspricht, ist es sogar denkbar, dass die Trauer maladaptiv ist, weil sie uns verletzbar macht.
Danke, starker Artikel! Und, ja, auch der deutet in die Richtung, dass verschiedenste Gehirnregionen epiphänomenologische Ansätze beispielsweise zu Musik, Kunst oder eben Religion hervorgebracht haben!
Und jetzt ist es unsere empirisch-beobachtende Aufgabe, herauszufinden, ob diese Merkmale je weiterhin nur Epiphänomene sind, oder sich zu Exaptationen entwickelt haben. Und für die Religion halte ich es, wie gesagt, für religionsdemografisch eindeutig: es bestehen enorme, reproduktive Vorteile!
Also: Epiphänomen -> Exaptation! (-:
Über Beobachtungen trauernder Verhaltensweisen schon bei Tieren (Elefanten, Affen) waren wir uns einig. Ich sehe in ihr ein Epiphänomen der Verwandtenselektion, die damit einen wesentlichen Startpunkt zur Exaptation von Homo Sapiens und Homo Neanderthalensis geleistet hat.
Da ich nun aber schon eine ganze Batterie von Fragen (gerne) beantwortet habe, erlauben Sie mir, Ihnen nun auch eine Frage zu stellen. Wie sonst als durch Exaptationen sollen neue Adaptionen entstehen?
Konkret und ernsthaft gefragt:
1. Halten Sie Vogelflügel für eine Adaption oder ein Epiphänomen?
2. Wie erklären Sie sich die Evolution der Flügel? Hatten z.B. schon Stummel die gleiche Funktion?
...lassen Sie mich bitte kurz versuchen, in Ihre nachwievor hochinteressante Diskussion vermittelnd einzutreten:
Ich denke, Herr Dahl würde sofort zugestehen, dass heutige Religionen (die ja mehr oder weniger komplexe, hochentwickelte Systeme sind) so ausgestaltet sind, dass sie reproduktive Vorteile mitsichbringen - dass Ihre empirischen Daten also stimmen. Wenn religiöse Gefühle eine genetische Grundlage haben, wird sich diese also gerade in unserer Population weiter verbreiten - die Evolution geht schließlich immer weiter.
Aber was Herr Dahl zu bezweifeln scheint, ist, dass religiöse Gefühle evolutionär VON ANFANG AN reproduktiv von Vorteil waren. Ihr "Heraufdämmern" in unseren Vorfahren - ich vermute, es geschah lange bevor man aus genetischer oder anthropologischer Sicht von Homo sapiens sapiens sprechen konnte - war für ihn ein Epiphänomen.
Ab wann sich ggf. ein solches, anfangs selektionsneutrales Epiphänomen durch Ausgestaltung von Religionen oder Kulten o.ä. zu einem eigenständigen Reproduktionsvorteil entwickelt hat und die entsprechende genetische Grundlage positiv selektiert wurde, dürfte für alle Zeiten unlösbar sein...
Herr Dahl, habe ich Sie richtig verstanden? Sie wissen schon, meine Ohren...
Lieber Herr Dahl,
ich habe tatsächlich das Gefühl, dass sich unsere Positionen im Verlauf dieser Diskussionen sukzessive annähern! Spannend!
Sie schreiben:
"Religiosität besteht im Glauben an übernatürliche Wesenheiten. Der bloße Glaube an übernatürliche Wesenheiten selbst kann noch nicht adaptiv sein. Adaptiv kann er erst werden, wenn er mit der Verehrung und vor allem mit dem Gehorsam gegenüber übernatürlichen Wesenheiten einhergeht. Sind wir uns soweit einig?"
Mit einer Einschränkung: ich sehe Religiosität von Anfang an in der Kombination von Erfahrung, Verhalten und kognitiver Überzeugung. Wenn wir vom Startpunkt Trauer ausgehen, gehen ja (z.B. beobachtbar bei Affen und Elefanten) die soziale Erfahrung und vor allem die Verhaltensäußerungen (Beschützen, Tragen, Aufrichten, Anstupfen etc.) der kognitiven Überzeugung z.B. an ein Weiterleben nach dem Tod sogar "voran".
"Dennoch würde ich gerne wissen, wie der Übergang von der Trauer um unsere Vorfahren über den Glauben an eine unsterbliche Seele unserer Vorfahren bis hin zur Befolgung sittlicher Gebote unserer Vorfahren genau aussehen könnte."
Das scheint mir recht einfach. Schon das Verhalten trauernder Tiere gegenüber den Toten knüpft an normales, reziprokes Verhalten an. Bei der Tagung in Delmenhorst war es ein eigenes Gesprächsthema, als ein (streng atheistischer) Psychologe darüber sprach, dass auch er selbst sich den Wünschen seiner verstorbenen Mutter weiter verpflichtet fühle - obwohl er doch als Extinktionist "wisse", dass sie nicht mehr existiere. (Und denken wir z.B. an die rituellen Bestattungen auch in säkular-atheistischen Populationen!)Schon dieser ganz "natürliche", reziproke Instinkt löst also weiterwirkende Verhaltensimpulse aus, die durch Glaubensüberzeugungen nur noch verstärkt werden müssen.
"Inwieweit die Verehrung und der Gehorsam gegenüber einem übernatürlichen Wesen adaptiv ist, hängt nun ausschließlich von den Forderungen dieser "Gottheit" ab. Wenn sie ihren Anhängern befiehlt "Seid und fruchtbar und mehret euch", dann kann sich der Glaube an diese Gottheit reproduktiv bezahlt machen. Wenn sie dagegen ein Leben in Einsamkeit und Enthaltsamkeit fordert, geht sie auf Kosten unserer Reproduktion und ist insofern maladaptiv. Sind wir uns darin auch einig?"
Ja, völlig! Und wieder können wir hier ganz klassisch bei der Biologie starten: Wir finden es völlig natürlich, dass Eltern dazu tendieren, den Reproduktionserfolg ihrer Nachkommen zu maximieren - denn schließlich sind es die eigenen Gene. Schon intuitiv werden also Vorfahren ihren Nachkommen eher "Seid fruchtbar und mehret euch!" (etc. pp.) auf den Weg geben als "Aber pflanzt Euch auf keinen Fall fort!". Das ist ja der Witz an Palmers "descendant leaving strategies": sterbende Vorfahren pflegen der versammelten Familie Weisungen wie "Seid gut zueinander.", "Du, Franz, bleib immer Deiner Resi treu." und "Vertragt euch und sorgt mir gut für die Martha, wenn ich nicht mehr bin." mit auf den Weg zu geben.
"Das einzige, was ich eventuell zugestehen müsste, ist, dass eine auf göttlicher Autorität basierende Ethik eine größere Verbindlichkeit entfalten mag." - Genau das tritt jetzt ein! Nachkomme A befolgt nun Großvaters Weisungen nur aus Anhänglichkeit, Nachkomme B aber "zusätzlich" aus dem Glauben, dass Großvater aus dem Jenseits zuschaut und gebrochene Worte ggf. zu rächen vermag. Das macht B nicht zu einem besseren Menschen - nur zu einem durchschnittlich reproduktiv erfolgreicheren.
Und falls es doch zu maladaptiven, religiösen Überlieferungen kommt?
"Interessanterweise war das Christentum, zunächst sogar maladaptiv. Wenn die Anhänger der "Sekte Jesu" ihren Herrn beim Worte genommen und ihre Familien verlassen hätten, um ihm nachzufolgen, wären sie nämlich schon nach einer Generation ausgestorben: "Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein.""
Exakt! Deswegen wird diese Stelle heute in den Kirchen fast ebenso ungerne gepredigt wie z.B. die Todesstrafe für Ehebruch, 3.Mose 20,10 (nach dem Koran droht dafür übrigens nur das Auspeitschen, die Steinigung hat die Orthodoxie aus der Bibel übernommen.). Denn was passiert denn faktisch? Es entstehen ständig Dutzende Religionen und innerhalb auch nur einigermaßen erfolgreicher Gründungen praktisch sofort verschiedene Auslegungen und Flügel. Die allermeisten UFO-Religionen sind beispielsweise schon längst wieder eingegangen und die größte Gruppe (Raelianer) träumt vom Klonen...
Und wer wird sich in diesem inter- und innerreligiösen Wettbewerb immer wieder durchsetzen? Natürlich jene Gemeinschaften, die auch reproduktiv erfolgreich sind - also z.B. die christlichen Amish statt der (ebenfalls christlichen) Shaker. Nicht nur das frühe Christentum, sondern auch der Buddhismus sind so sehr schnell aus einer asketischen Spur in eine religiöse Arbeitsteilung zwischen zölibatären Funktionären und reproduktiv dafür besonders geforderten Laien evolviert. Und aus beiden Religionen haben dann wiederum sogar ehemalige Mönche durch die Heirat mit ehemaligen Nonnen Reformbewegungen ohne Zölibat geschaffen (so Martin Luther in Deutschland und Shinran in Japan). Und dieser reproduktive Wettbewerb geht weiter und kann als (bio-)kulturelle Evolution viel schneller neue Reproduktionsstrategien etablieren, als es ein nur biologischer Prozess je könnte. Wenn Eva Herman z.B. predigt, die Alleinverdienerehe sei schon immer biblisches Gebot gewesen, kennt sie die Bibel nicht (u.a. Polygamie, Leviratsehe etc.) und vor allem nicht die Geschichte, in der bis vor wenigen Jahrhunderten das oikos-Modell mit dem Arbeitseinsatz aller (Väter, Mütter, Kinder) die religiöse Norm bildete. Erst in der frühen Industrialisierung entwickelten protestantische Freikirchen die Alleinverdienerehe, die sich dann erfolgreich ausbreitete (u.a. niedrigere Sterblichkeit von Müttern und Kindern, höhere Bildungs- und Wirtschaftserfolge etc.) und später auch von den katholischen Christen übernommen wurde. Und derzeit können wir anhand der Schweizer Daten den reproduktiven Erfolg beispielsweise der Pfingstkirchen mit Rekordraten Teilzeit-arbeitender Mütter sehen, während die Neuapostolische Kirche und die Zeugen Jehovas mit sturem Traditionalismus und ohne eigene Kinderbetreuung unterjüngen und verfallen (dabei aber immer noch mehr Kinder als Konfessionslose haben).
Und würden wir 1.000 Menschen auf einer einsamen Insel aussetzen, so würden sie binnen weniger Generationen religiöse Überlieferungen entwickelt haben, die historisch auf Fragmenten erinnerter Herkunftsreligionen basierte, aber wiederum reproduktiv an ihre neue Umwelt angepasst wäre.
Von Hayek formulierte dies m.E. genial so, dass der Religion-Demografie "nicht intrinsisch, sondern historisch" sei - sich also im Wettbewerb immer wieder bilde. Ein schönes Beispiel hatten wir ja übrigens schon diskutiert : den Verfall des Hellenismus gegenüber den verbindlichen Monotheismen!
"Ich sage bewusst "mag", weil ich immer wieder erstaunt darüber bin, wie Menschen, die an einen Gott, an ein Jüngstes Gericht und an eine ewige Verdammnis in der Hölle glauben, trotzdem so viele Verbrechen begehen können."
Nun ja, der Evolutionsprozess fragt ja erst einmal nicht nach Gut oder Schlecht, er findet statt. Auch Aggressivität etc. gehört zu unserem evolutionären Erbe, weil sie in der Vergangenheit adaptiv waren.
Meine These und Intention wäre völlig falsch verstanden, wenn Sie den Eindruck hätten, ich würde behaupten, dass religiöse Menschen grundsätzlich moralisch besser oder immer erfolgreich wären. Das behaupte ich nicht (und die wirklich Weisen der Religionen übrigens auch nicht...). Ich sage nur: wir haben inzwischen überwältigend starke, auch empirische Belege dafür, dass vergemeinschaftete Religiosität als biokulturelle Fähigkeit genetisch-neurobiologisch veranlagt und biologisch adaptiv (meinetwegen: exaptiert) ist - also mit durchschnittlich höherem Reproduktionserfolg einherging und -geht.
Auch die Religion wird damit als Exaptation und als Teil der menschlichen Natur naturwissenschaftlich beschreib- und besser verstehbar, wie es im Grundsatz auch schon C. Darwin in der "Abstammung des Menschen" vermutet hatte.
"Interessanterweise war das Christentum, zunächst sogar maladaptiv. Wenn die Anhänger der "Sekte Jesu" ihren Herrn beim Worte genommen und ihre Familien verlassen hätten, um ihm nachzufolgen, wären sie nämlich schon nach einer Generation ausgestorben: "Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein."
So ist die Stelle aber nicht gemeint. Zum einen hat Jesus viele wieder nach Hause geschickt, die mit ihm gehen wollten. Zum anderen hat sich Jesus an andere Stelle über die Ehe geäußert. Da hob er das Scheidungsrecht - bis auf eine Ausnahme - auf (was einige Christen heutzutage wieder einführen ;-) ) und mahnte absolute Treue an, bezeichnete begehrliche Gedanken schon als Ehebruch (Bergpredigt). Ehelosigkeit kommt nach seinen Worten eh nur für sehr wenige in Betracht. Petrus war verheiratet und Jesus hat nicht die Auflösung seiner Ehe gefordert. Petrus war halt nur eine zeitlang auf "Geschäftsreise".
Den Haß darf man auch nicht wörtlich verstehen, weil er sich mit den anderen Worten Jesus widerspräche. Man soll ja noch nichtmal seine Feinde hassen. Es ist besser als ein ganz starker Ausdruck für die Liebe zu Jesus zu verstehen. Die Liebe zu Jesus soll so groß sein, daß man in Vergleich dazu seine engen Familienangehörigen haßt.
Das ist nicht die einzige Bibelstelle mit sehr starken Ausdrücken, die man nicht wörtlich zu verstehen hat. Beispielsweise, wenn dich dein rechtes Auge zur Sünde verführt, dann reiß es aus. Wenn man dem folgen würde, dürfte man in den Kirchen nur Menschen mit rechter Augenklappe antreffen.
Mal ein plastisches Beispiel zur oben genannten Bibelstelle. Nehmen wir an, da ist ein atheistischer Vater mit einer Tochter im Teeniealter. Das Mädchen ist klug und begabt, begeistert sich für die Wissenschaften und Papas ganzer Stolz. Plötzlich sieht er die undankbare Göre in einer Bibel lesend und es scheint ihr sogar zu gefallen. Der Vater ist alles andere als begeistert, ballt drohend die Faust zum Himmel und beschwert sich beim allmächtigen Zufall, wieso gerade ihm das widerfahre. Danach verbietet er seiner Tochter die Bibellese und auch sonstigen Kontakt zu Christen. Laut Bibel sollen Kinder den Eltern folgen. In diesem Falle muß die Tochter es aber nicht tun, soll sie sogar nicht, sondern soll sich weiter um ihren Glauben mühen. Sie muß es ja nicht offen tun und den Vater provozieren, aber in diesem Falle hat der Vater kein Weisungsrecht.
Die starke Ausbreitung des Christentums hatte auch weniger mit der "Reproduktion" zu tun, sondern viel mehr mit dem missionarischem Eifer. Nachdem es allen langsam dämmerte, daß Jesus nicht nur für die Sünden der Juden, sondern für alle Menschen gestorben war, wurde das Evangelium den Heiden verkündet. Hinzu kam die Christenverfolgung in Jerusalem, so daß die Judenchristen in andere Länder flüchten mußten. Das begünstige die Verbreitung der Botschaft. Eine weitere Begünstigung war Rom. Zu der Zeit war ja quasi alles Rom und Paulus konnte sehr gut durch die verschiedenen römischen Provinzen reisen, zumal die Straßen sehr gut ausgebaut waren.
Ich finde es generell schwierig die Ausbreitung des Christentums so eng an die Kinderzahl zu koppeln. Es heißt so schön, es gibt Kinder Gottes, aber Enkel hat Gott keine. Soll heißen, der Glaube wird nicht vererbt, der kann auch nicht anerzogen werden. Die Wahrscheinlichkeit, daß man mit einer christlichen Erziehung zum Glauben findet ist natürlich höher als ohne (logisch, wenn man sich nicht damit beschäftigt geht das auch schlecht), aber längst keine Garantie. Da gibt es so einige, die sich davon abwenden. Nehmen wir nur mal die Pfarrerstocher Gudrun Ensslin. Und das ist kein Einzelfall. Ich kenne so einige Kinder fromme Eltern, die man nicht mehr sieht.
Wie das Ganze bei den Amish aussieht, weiß ich nicht. Würde mich aber interessieren. Wissen Sie etwas über die Fluktuation bei den Amish Herr Blume?
"Aber was Herr Dahl zu bezweifeln scheint, ist, dass religiöse Gefühle evolutionär VON ANFANG AN reproduktiv von Vorteil waren. Ihr "Heraufdämmern" in unseren Vorfahren - ich vermute, es geschah lange bevor man aus genetischer oder anthropologischer Sicht von Homo sapiens sapiens sprechen konnte - war für ihn ein Epiphänomen."
Das sehe ich zunächst genauso wie Herr Dahl. Religiosität entstand auf der Basis von Epiphänomenen (wie Trauer), die ganz klassisch zu einer Anpassung exaptierten. Mit Wilson & Gould: "Byproducts can become exaptations, which in turn can become adaptations."
"Ab wann sich ggf. ein solches, anfangs selektionsneutrales Epiphänomen durch Ausgestaltung von Religionen oder Kulten o.ä. zu einem eigenständigen Reproduktionsvorteil entwickelt hat und die entsprechende genetische Grundlage positiv selektiert wurde, dürfte für alle Zeiten unlösbar sein..."
Warum so schnell aufgeben? Im Gegensatz zu den Dinosauriern, über deren Brutverhalten wir forschen, haben wir einige Milliarden zeitgenössische Vertreter der Gattung Homo Sapiens zum Erforschen. Wir können Verhaltens- und Zwillingstudien, Genanalysen, Experimente und Gehirnscans durchführen, psychpharmakologischen und medizinische Befunde integrieren und uns außerdem auf einen Reichtum historischer und prähistorischer Befunde stützen. Und Ansätze religioiden Verhaltens können wir sogar bei einigen Säugetieren beobachten und dazu noch die Gattung der Neandertaler einbeziehen, die unsere (auch religiöse) Evolution bis vor wenigen Jahrzehntausenden konvergent begleitet hat.
Es mag sein, dass wir irgendwann an absolute Erkenntnisgrenzen stoßen - aber für die kommenden Jahre und Jahrzehnte sehe ich erst einmal riesengroße Chancen! Und hoffe, dass wir sie nutzen!