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Glaube und Zölibat: bio-logisch erfolgreich?

von Lars Fischer, 23. Dezember 2007, 13:01

Heute überlasse ich - passend zur religiös geprägten Saison - dem Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume das Podium. Michael Blume beschäftigt sich unter anderem mit den biologischen Ursprüngen und Mechanismen der Religiosität; 2005 promovierte er in Tübingen über das Verhältnis von Neurowissenschaften und Religionswissenschaft

An der Uni Heidelberg veranstaltet er in diesem Semester das Seminar "Religionswissenschaftliche Präsentationen zur Evolution der Religion", an dem ich auch mitwirke. Kennengelernt habe ich ihn vor einer Weile über sein Religionswissenschafts-Blog, in dem er regelmäßig über derartige Themen schreibt. Heute berichtet er hier bei Abgefischt über mögliche biologische Grundlagen des Zölibats. Viel Spaß!

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Glaube und Zölibat: bio-logisch erfolgreich?

Edward O. Wilson, einer der bedeutendsten Biologen unserer Zeit, stellte in seinem mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Buch On human Nature von 1978 fest: "Religion stellt die größte Herausforderung für die Soziobiologie des Menschen dar und ihre aufregendste Gelegenheit, als eine wirklich originale theoretische Disziplin fort zu schreiten." (S. 178, Übers. aus dem Englischen)

Inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass Wilsons Traum in Erfüllung gehen könnte. In spezialisierten Netzwerken wie den Evolutionary Religious Studies wirken längst nicht nur Forscher verschiedenster Nationen, sondern vor allem auch unterschiedlichster Disziplinen mit. Dabei treffen Evolutionsbiologen, Anthropologen, Ethnologen, Psychologen, Neuromediziner, Soziologen, Ökonomen, Theologen, Philosophen und (vergleichende) Religionswissenschaftler nicht nur auf immer mehr Tagungen aufeinander, sondern nutzen auch das Internet, um in einer früher undenkbaren Geschwindigkeit und Tiefe empirische Daten und Thesen auszutauschen.

Dabei verdichten sich die Befunde von der Zwillingsforschung über die Neurowissenschaften bis hin zur Religionswissenschaft zu einem wachsenden Konsens, der gerade in seiner Selbstverständlichkeit verblüfft: Religiöse Veranlagungen scheinen völlig entsprechend zu etwa sprachbezogenen oder musikalischen, genetisch veranlagten Fähigkeiten mit hoher, kultureller Plastizität über Fitnessvorteile evolviert zu sein - und wohl auch weiter zu evolvieren. Eine schnell wachsende Zahl von Studien und auch psychologischen Experimenten belegt eine gesteigerte Kooperationsbereitschaft zwischen Religiösen sowie die Abwehr von Trittbrettfahrern und Assimilation durch kostspielige Verpflichtungen und Rituale.

Sogar die sprichwörtliche „Gretchenfrage“ (Gretchen an Faust: „Wie hälst Du’s mit der Religion?“) kommt inzwischen zu empirischen Ehren: Kostspielige Religiosität scheint tatsächlich als ein Indikator für Partnertreue und damit förderliches Merkmal sexueller Selektion zu wirken - und geht tatsächlich mit geringeren Raten etwa an Scheidungen und Alleinerziehenden in Religionsgemeinschaften einher. Also genau das, was Goethes Mephistopheles (in Kapitel 16) im spöttischen Kommentar zu Gretchens Frage vermutete:„Die Mädels sind doch sehr interessiert, ob einer fromm und schlicht nach altem Brauch. Sie denken: duckt er da, folgt er uns eben auch.“

Zumindest kann es nach Auswertung sowohl nationaler wie internationaler Daten und vor allem auch der Schweizer Volkszählungen 1970, 80, 90 und 2000 (die jeweils als Vollerhebungen durchgeführt wurden) praktisch keinen statistischen Zweifel mehr geben, dass religiös vergemeinschaftete Menschen weltweit durchschnittlich deutlich mehr Kinder haben als ihre konfessionslosen Zeitgenossen auch je der gleichen Einkommens- und Bildungsschicht.Ja, entgegen auch unseren frühen Erwartungen nimmt der reproduktive Abstand mit steigenden Freiheits-, Wohlstands- und Bildungsniveaus sogar zu! Denn während Menschen in klassischen Agrarwirtschaften kaum Alternativen zu einer hohen Kinderzahl als Arbeitskräfte und Altersversorgung hatten, werden Kinder in modernen Marktgesellschaften zu sehr kostenträchtigen Wertentscheidungen.

So blüht beispielsweise der Kreationismus in den USA nicht etwa, weil er haltbare, wissenschaftliche Argumente hätte - sondern weil tiefreligiöse Christen, Juden und Muslime durchschnittlich erheblich mehr Kinder bekommen und erziehen als die Befürworter des darwinistischen Naturalismus. Die Ironie in diesem Befund harrt noch der Aufarbeitung…

Sogar Zölibat…
Überraschenderweise lässt sich inzwischen sogar die religionshistorische Entstehung des Zölibats über Fitnessvorteile der Verwandtenselektion neu entschlüsseln. Diese ist an sich unumstritten: keinen Biologen wundert es, dass auch Menschen dazu tendieren, mit nahen Verwandten intensiver zu kooperieren und sich gegebenenfalls sogar für sie zu opfern, tragen sie doch eng verwandte Gensequenzen.

Aber genau das wird in klassischen Agrarwirtschaften zum Problem: weil die meisten schon aus ökonomischen Erwägungen (Arbeitskräfte, Altersversorgung, Schutz) viele Kinder anstreben, entstehen vor Ort expandierende Familienclans, in ständiger Verflechtung und Spannung auch um knappe Ressourcen (z.B. Land). Jeder lokale, religiöse Funktionär ist hier sofort dem (manchmal zutreffenden) Verdacht ausgeliefert, doch nur die eigene Familie nepotistisch zu begünstigen.

So erging es z.B. auch Jesus, der „kam in seine Vaterstadt und lehrte sie in ihrer Synagoge, so daß sie sich entsetzten und fragten: Woher hat dieser solche Weisheit und solche Taten? Ist er nicht der Sohn des Zimmermanns? Heißt nicht seine Mutter Maria, und seine Brüder Jakobus und Josef und Simon und Judas? Und seine Schwestern, sind sie nicht alle bei uns? Woher kommt ihm denn das alles? Und sie ärgerten sich an ihm. Jesus aber sprach zu ihnen: Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland und in seinem Hause. Und er tat dort nicht viele Zeichen wegen ihres Unglaubens.“ (Mt. 13,55-58)

Gibt es eine Lösung für dieses Dilemma? Ja, der Austausch von Zölibatären. Religiöse Institutionen könnten anregen, dass Clans aus ihrem jeweiligen Geburten- und Erbenüberschuss einige wenige Akteure „spenden“, die (ohne eigene Familien zu gründen) anderswo Dienst tun - und dafür umgekehrt auch selbst Zölibatäre zugeteilt bekommen. Der einzelne Zölibatäre würde damit in der Fremde sehr viel religiös glaubwürdiger Ehebünde segnen und überwachen, Familienwerte predigen, Streit schlichten, Arme und Kranke versorgen, Kinder unterweisen, antisoziales Verhalten ahnden und andere Fitness-relevante Tätigkeiten ausüben können - und dürfte Gott, Mutter Kirche oder dem Sangha vertrauend zudem davon ausgehen, dass auch die eigene Herkunftsgruppe entsprechend Fitness-fördernd betreut würde. Hier läge also eine clevere Form indirekter Verwandtenselektion vor! (Siehe Schaubild)

Und auch diese These lässt sich empirisch testen. So müssten wir einerseits davon ausgehen, dass die Inhaber zölibatärer Rollen zur Sexualität klar Stellung beziehen: Sie müssten zur Unterstreichung ihrer eigenen Glaubwürdigkeit insbesondere in klassischen Agrargesellschaften ihre eigene Abstinenz sowohl gegenüber hetero- wie homosexuellen „Versuchungen“ unterstreichen (diese also strikt verdammen) und sie müssten vor allem, im Kontrast zur eigenen Kinderlosigkeit, für eine möglichst hohe Fertilität der nichtzölibatären Laien eintreten. Dies lässt sich im Christentum, aber auch etwa in Hinduismus, Buddhismus und Jainismus sowohl historisch wie zeitgenössisch-vergleichend reichlich beobachten.

Daneben müsste die Akzeptanz des Zölibats milieuabhängig sein: in klassischen Agrargesellschaften mit Geburtenüberschüssen müsste eine sehr viel höhere Akzeptanz zölibatärer Rollen beobachtbar sein als in Marktgesellschaften mit niedrigen Geburtenraten. Dies ist nicht nur im Vergleich christlicher Länder (z.B. Afrikas und Europas) sondern ebenso in buddhistischen Gesellschaften (z.B. Birma und Japan) eindeutig der Fall. Auf die zunehmend datengestützte Präsentation dieser und unzähliger weiterer Thesen zu religiösen Phänomenen dürfen wir uns also in naher Zukunft freuen.

Noch kaum andiskutiert ist dabei die Frage, wie sich die Erkenntnis, dass Religion als ein Teil menschlicher Natur biologisch beschreibbar wird sowohl auf das religiöse Selbstverständnis wie auf die naturalistische Religionskritik auswirken wird. Und gerade die deutsche Wissenslandschaft muss sich fragen, warum in den Netzwerken interdisziplinärer und internationaler Evolutionsforschung zur Religion bisher deutschsprachige Wissenschaftler sowohl natur- wie geisteswissenschaftlicher Disziplinen nur sehr vereinzelt vertreten sind bzw. warum wir immer noch kein einziges solches Netzwerk im deutschsprachigen Raum haben.

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Kommentare

  1. Edgar Dahl @ - Blume: Animismus und Animismus
    01.01.2008 | 11:07

    "Der 'Animist', der z.B. im Angesicht der Ahnen oder Gottes seinen Eheschwur geleistet hat, wird häufiger (schon aus Verehrung oder auch Angst vor den transzendenten Zeugen) geneigt sein, diesen dann auch einzuhalten als derjenige, der ihn 'nur rational' betrachtet."

    Streng genommen, besteht der Animismus nur in der Überzeugung, dass alles in der Welt - jeder Käfer, jeder Baum, ja selbst jeder Felsen - "beseelt" ist. Der Glaube daran, dass ein Mammutbaum eine eigene Seele hat, schließt aber noch keinerlei religiöse Normen, Riten oder Opfer ein.

    Angenommen, wir müssen zwischen zwei verschiedenen Stufen des Animismus unterscheiden. Die erste besteht lediglich in dem Glauben an die Beseeltheit, die zweite schließt auch sittliche Forderungen ein. Insofern die zweite Stufe auf der ersten basiert, genügt es nicht, die Adaptivität der zweiten Stufe aufzuzeigen - man muss auch die Adaptivität der ersten erweisen!

    Wie aber kann der bloße Glaube an eine Seele Überlebens- oder Fortpflanzungsvorteile mit sich bringen? Dass ich daran glaube, dass ein Felsen eine Seele hat, verschafft mir genauso wenig biologische Vorteile wie der Glaube an Bertrand Russels "himmlische Teekanne". Oder irre ich mich da?

    Ich hatte letztens etwas zum Hellenismus gelesen und war überrascht, dass die griechischen Götter keinerlei moralische Forderungen stellten. Anders als Jahwe hat Zeus den Menschen nie irgendwelche Gebote gegeben, die sie bei Androhung von Strafe einhalten mussten. Selbst den Priestern war das Verhalten der Menschen gleichgültig. Sie waren für die Einhaltung der Riten, Opfer und Zeremonien zuständig, nicht aber für die Moral der Menschen. Mit anderen Worten: Zwischen dem Glauben und der Verehrung von Göttern und der Befolgung sittlicher Normen besteht nachweislich ein Unterschied.

  2. Michael Blume Boyer!
    01.01.2008 | 19:07

    Lieber Herr Dahl,

    Ihre Überlegungen nähern sich tatsächlich immer mehr dem frühen Boyer an (auf deutsch als: "Und Mensch schuf Gott" erschienen), der für Sie sicher sehr interessant wäre! Kurz: Entlang der gleichen Gedanken wie Sie entwirft er das Selektionskriterium der "Mehrfachrelevanz": ein beseelter Baum, der nichts mit mir zu schaffen hat, erscheint (auf die Erkennung potentieller Chancen und Risiken evolvierter Gehirnstrukturen) weniger relevant als einer, der mich beobachtet und mein Leben beeinflussen kann. Ebenso wäre ein allessehender Gott, der leider gleich wieder alles vergisst, zwar logisch denkbar, hat aber weniger Relevanz als ein Gott, der alles sieht, erinnert, beurteilt und ggf. bestraft.

    Das Hellenismus-Beispiel ist geradezu hervorragend geeignet zur Verdeutlichung! In der Tat erhob der spätantike Götterhimmel sowohl in Griechenland wie Rom immer weniger moralische Forderungen an seine Anhänger, was traditionelle Apologeten zu heftiger Klage veranlaßte (vgl. heute zum Beispiel Peter Hahne, der gegen ein Christentum light "Schluss mit lustig!" fordert).

    Und was war die bzw. eine Folge? Sowohl in Griechenland wie Rom wurde heftig über einen Einbruch der Geburtenraten geklagt, Familien der Mittel- und Oberschicht gingen z.B. statt des anstrengenden Aufugs mehrerer Kinder dazu über, ihren Besitz einem zuvor adoptierten, bewährten Sklaven zu vermachen, der sie dafür "an Kindes statt" im Alter zu versorgen hatte. Die Unterschichten ließen sich dagegen in den Stadtstaaten zunehmend als Klienten versorgen - auch hier bedeuteten Kinder nur Kosten und Mühen und wurden gemieden. Wie verzweifelt z.B. noch Kaiser Augustus (der Volkszähler aus der Weihnachtsgeschichte! (-; ) diesen Werte- und Geburtenverfall mit staatlichen Maßnahmen aufzuhalten versuchte, können Sie z.B. hier lesen:
    http://statistik.baden-wuerttemberg.de/...8_11.pdf

    Die staatlichen Maßnahmen aber blieben allein erfolglos - die Wende brachte erst etwas anderes: nämlich der Aufstieg hochverbindlicher, monotheistischer Religionen - des Judentums und des Christentums. Deren Gemeinschaften waren bald gerade auch füpr ihre Ehe- und Familienverbindlichkeit bekannt, entsprechend (sexuelle Selektion!) schon zu Zeiten Paulus vor allem bei römischen und griechischen Frauen verbreitet, durchschnittlich kinderreicher, damit jünger und dynamischer und durch Verfolgungen nicht mehr aufzuhalten. Im Kern haben wir hier also ein hervorragendes Beispiel für genau den bereits mehrfach geschilderten Effekt: es setzen sich reproduktiv verbindliche Religionen unweigerlich am Ende durch, der biologische Religion-Demografie-Zusammenhang stellt sich gerade auch mittels kultureller Evolution immer wieder adaptiv her.

    Mit herzlichen Grüßen!

    Michael Blume

  3. Keinohrhase genetische Fittness @Dahl @Blume @Sophia Loren
    01.01.2008 | 20:13

    "Sie hatten zu Beginn unserer Unterhaltung gesagt, dass jedes genetische Merkmal von Beginn an adaptiv sein muss, um sich von einem simplen zu einem komplexen System entwickeln zu können."

    Eine Bemerkung vorweg: Meine Herren, ich hoffe Ihre Diskussion erscheint bald als Buch. Das wäre lesefreundlicher als dieses Format, und wert wäre sie es!

    Gestatten Sie mir noch eine Anmerkung bzw. Frage zum oben widergegebenen Zitat von Herrn Dahl: Sind Sie beide sicher, dass Evolution so verläuft? Meines Wissens gibt es neben positiver Selektion von Merkmalen u.a. auch den sog. genetischen Drift, bei dem ein Merkmal sich zufällig durchsetzt oder weite Verbreitung findet.

    Nehmen wir an, ich wäre ein blendend aussehender extrem schneller Läufer und exzellenter Taktiker, der es vor 50.000 Jahren geschafft hat, mit einer kleiner Gruppe von Freunden, Familienangehörigen und Kumpanen endlich den afrikanischen Kontinent hinter sich zu lassen und in den Mittelmeerraum (oder wohin auch immer die damalige Wanderung erfolgte) vorzudringen. Als meine Gruppe und ich uns einigermaßen von den Strapazen erholt hatten, lagen mir als Anführer die Frauen buchstäblich zu Füßen, und ich zeugte 20 Kinder und hatte 100 Enkelkinder, die den neuen Kontinent für sich eroberten. Dass ich eine genetische Anlage zu Migräne habe, war an manchen Tagen zwar ein ziemlicher Nachteil, aber glücklicherweise spielte das nur alle paar Monate eine Rolle und konnte meine vielen Vorteile (s.o.) nicht annähernd aufwiegen. Da ich reproduktiv ziemlich erfolgreich war, leidet nun 10-20% der europäischen Bevölkerung unter diesen völlig überflüssigen und überhaupt nicht adaptiven Kopfschmerzattacken.

    Was ich sagen will: Es können m. E. sehr wohl genetische Merkmale mitgeschleppt werden und weite Verbreitung finden, die nicht adaptiv sind, selektionsneutral sind oder für sich genommen sogar einen kleinen Nachteil mitsichbringen - sei es durch Zufall (wenn es doch nicht meine Athletik und mein blendenden Aussehen waren, sondern wir uns schlicht nach Europa verirrt hatten und ich der einzige überlebende Mann unter 15 Frauen war - und dehalb so gute Fortplanzungschancen hatte) oder indem sie "Huckepack" mit durch einen evolutionären "bottleneck" schlüpfen.

    Könnte man so nicht auch für die ersten evolutionären Schritte auf dem Weg zu einer genetisch determinierten Religiösität erklären - bis dann zusätzliche Merkmale das neu entstandene System sogar von evolutionärem Vorteil sein ließen?

  4. Edgar Dahl @ - Keinohrhase
    01.01.2008 | 21:16

    Das ist ein reizvoller Gedanke! Stimmt, es könnte sein, dass ein Gen für religiöses Denken rein zufällig entstanden ist und sich per Hukepack ausgebreitet hat, weil seine Träger über irgendein anderes genetisches Merkmal verfügten, das ihnen Überlebens- oder Fortpflanzungsvorteile sicherte. Solange das "Gen für Religiosität" selektionsneutral war oder seine Nachteile durch die Vorteile, die es ihren Träger bescherte, aufgewogen wurde, konnte es einer Kontraselektion entgehen.

    Sie wollten offenbar noch etwas zu Sophia Loren sagen, oder?

  5. Edgar Dahl @ - Blume: Fragen
    02.01.2008 | 03:58

    Vielen Dank für den Hinweis auf Pascal Boyer. Wie es aussieht, werde ich mir wohl die Originalausgabe besorgen müssen, da die deutsche Fassung nicht mehr lieferbar ist und es leider auch nie zu einem Taschenbuch geschafft hat. Es ist schon erstaunlich, dass ein offenbar sehr gutes Buch wie Pascal Boyers "Und der Mensch schuf Gott" zu Makulatur gemacht wird, während ein so fürchterliches Buch wie Manfred Lütz' "Gott: Eine kleine Geschichte des Größten" auf der SPIEGEL-Bestsellerliste landet - armes Deutschland!

    Als ich den Hellenismus angesprochen hatte, ging es mir nur um ein gutes Beispiel dafür, dass Religionen nicht eo ipso mit Anweisungen zu moralischem Verhalten einhergehen. (Dass Peter Hahne dieses Beispiel dazu missbraucht, uns mit dem Untergang des Abendlandes zu drohen, zeigt nur, dass er ähnlich leeres Zeug schwätzt wie Manfred Lütz.)

    Ich wollte aber eigentlich nur auf meine gestrigen Fragen zurückkommen:

    1: Sind Sie nun ein Adaptionist oder ein Epiphänomenalist?

    2: Wie erklären Sie sich die "Regentänze" der Schimpansen und die "Trauerrituale" von Elefanten?

    3: Worin soll die Adaptivität des Glaubens an eine Beseeltheit aller Dinge bestehen?

    Und die Zusatzfrage lautet:

    4: Wie gehen Sie mit den Daten um, die eine Korrelation von Religion und Kriminalität demonstrieren?

  6. Edgar Dahl Religiosität und Kriminalität
    02.01.2008 | 04:08

    Um die Frage zur Interpretation der Daten zum Thema "Religiosität und Kriminalität" zu konkretisieren, hier besser noch ein Zitat von Gregory S. Paul (zitiert nach Dawkins): "Ein höheres Maß des Glaubens an einen Schöpfer und ein höheres Maß an Gottesverehrung korrelieren in den wohlhabenden Demokratien mit einer höheren Quote an Morden, Kinder- und Jugendsterblichkeit, Übertragung von Geschlechtskrankheiten, Teenagerschwangerschaften und Abtreibung."

  7. Michael Blume @ Keinohrhase
    02.01.2008 | 09:16

    Herzlichen Dank für Ihren Beitrag - dass Ihnen unsere Diskussion gefällt, ist eine schöne Ermutigung!

    Und ich sehe das im Grundsatz ähnlich wie Sie. Nicht jedes Merkmal entfaltet von Anfang an seine Adaptivität (ein beliebtes Argument von Kreationisten: "Was soll ein halber Flügel genutzt haben?") und gerade entlang von Boyer, der frühe, religiöse Überzeugungen aus "normalen" kognitiven Funktionen ableitete, werden derzeit die spannendsten Experimente und Funde zu dem Thema gemacht. Boyer betrachtete Religion übrigens (ebenso wie Musik, Malerei und Lesen) noch 2001 als "parasitär", d.h. maladaptiv - die nach ihm gestalteten Experimente und Überlegungen weisen jedoch immer stärker auf Adaptionen hin. Bin gespannt, ob er auch schon selbst seine Meinung geändert hat.

    In Sachen "Buch zum Thema" nur soviel: kurz vor Weihnachten kam der Vertrag eines renommierten Verlages für genau ein solches Buch, das (wenn alles klappt) noch dieses Jahr erscheinen soll... Bitte drücken Sie mir Daumen, es wäre (neben der Promotion und x Artikeln) das Erstlingswerk. (-:

  8. Michael Blume @ E.D., Nachtrag Hellenismus
    02.01.2008 | 09:23

    Zunächst muss ich Peter Hahne in Schutz nehmen: er hat den Hellenismus nicht als Beispiel verwendet, sondern ich habe ihn als Beispiel für eine auch heute stattfindende Kritik an der "Unverbindlichkeit" religiöser Überzeugungen gewählt. Ebenso wie damals die ethisch entleerten römischen und griechischen Religionen von den aufstrebenden Monotheismen v.a. auch per sexueller Selektion (starke Missionserfolge unter Frauen) und Reproduktionserfolg (größere und stabilere Familien, mehr Nachwuchs) abgelöst wurden, erleben wir ja auch heute das Ausdünnen säkularisierter Gemeinschaften gegenüber dem Wachstum "entschiedener", kinderreicher Gemeinschaften aus dem christlichen, islamischen und jüdischen Bereich.

    Und, nein, das ist keine Bewertung, sondern eine Beobachtung - die belegt, dass (auch) hier die kulturelle Evolution in die gleiche Richtung wie die biologische Evolution zielt, da die reproduktive Performance einen wichtigen "Vorteil" darstellt.

  9. Michael Blume @ Präzise Fragen Edgar Dahl
    02.01.2008 | 10:04

    1: Sind Sie nun ein Adaptionist oder ein Epiphänomenalist?

    Natürlich beides. Die Nabelschnur ist eine Adaption, der Bauchnabel ein Epiphänomen dazu. Nur: umso kostspieliger ein Merkmal ist, umso größer ist der wirkende Selektionsdruck und umso unwahrscheinlicher die Einordnung als Epiphänomen. Religiöse Verhaltensausprägungen (nach aller Wahrscheinlichkeit polygen) können "sehr" teuer sein und haben dennoch beobachtbar im Verlauf der letzten paar tausend Generationen erheblich zugenommen. Schon dies scheint mir Annahme einer Adaptivität sehr wahrscheinlich zu machen - wie sie übrigens auch Darwin selbst mindestens für Aspekte religiösen Verhaltens selbstverständlich annahm. Und empirische Belege zum nachweisbaren, deutlich höheren Reproduktionserfolg religiöser Menschen liegen inzwischen ja reichlich vor.

    Religiöse Veranlagungen könnten also als Epiphänomene kognitiver Gehirnfunktionen enstanden sein - heute erweisen sie sich als biologisch hoch adaptiv. Der Unwille diverser Forscher wie z.B. Dawkins, die Faktenlage anzuerkennen, weist m.E. erstaunliche und vielsagende Parallelen zu Abwehrstrategien von Kreationisten auf: man möchte gerne das eigene Weltbild vor unliebsamen Erkenntnissen der Wissenschaft schützen. Gerade auch vielen deutschen Naturwissenschaftlern, in Säkularisierungsmythologien sozialisiert, fällt nach meiner Beobachtung oft recht schwer, sich eine Adaptivität von Religiosität auch nur vorzustellen.

    Einen sehr spannenden Kontrapunkt und ein Plädoyer für die Adaptivitätsannahme setzte der (übrigens ebenfalls atheistische) Evolutionstheoretiker D.S. Wilson mit "Beyond Demonic Memes - Why Richard Dawkins is Wrong About Religion" hier:
    http://www.skeptic.com/eskeptic/07-07-04.html

    2: Wie erklären Sie sich die "Regentänze" der Schimpansen und die "Trauerrituale" von Elefanten?

    Leider kenne ich keine seriöse Quelle zu einem Schimpansen-Regentanz und habe auch in der gemeinsamen Arbeit mit Primatologen noch nie davon gehört. Hier werden Sie mir also eine Portion gesunden Zweifels zugestehen...

    Die Beobachtungen zur Trauer von Elefanten und z.B. auch einigen Affenarten sehe ich als starken Beleg dafür, dass sich unter komplexen Säugetieren Gehirnfunktionen ausbilden können, an die später z.B. der Glauben an eine Weiterexistenz nach dem Tode anknüpfen kann. Dies passt m.E. auch zu den ersten, religionsbezogenen Funden, die wir bei Homo Sapiens und Homo Neanderthalensis haben: Bestattungen.

    Daher sind für mich auch die als Trauer interpretierten Verhaltensmerkmale von Elefanten und Affen ein starkes Indiz dafür, dass nicht ein spekulatives "kosmologisches Staunen", sondern der soziale Umgang mit Ahnen als übernatürlichen Akteuren am Anfang der Evolution der Religion gestanden haben.

    3: Worin soll die Adaptivität des Glaubens an eine Beseeltheit aller Dinge bestehen?

    Aus evolutiv gut nachvollziehbaren Gründen behandeln wir unbelebte Dinge anders als belebte. Nur von belebten Akteuren akzeptieren wir z.B. direkte Gebote. Entsprechend sind a-theistische Religionen wie Buddhismus, Jainismus u.a. (in ihrer Hochtheologie, selten aber im Volksglauben) fast immer vom Wunsch nach der Überwindung der Wirkprinzipien geprägt wie auch "Ultradarwinist" Dawkins seine Jünger zur "Rebellion gegen die Tyrannei der Replikatoren" aufruft.

    Die Folge: beseelte Akteure nehmen wir nicht nur mit höherer Relevanz wahr, wir fühlen uns von ihnen auch beobachtet und akzeptieren Verhaltensgebote bereitwilliger. Entsprechend setzten und setzen sie sich in der kulturellen und biologischen Evolution immer wieder durch.

    Hinzu kommt, dass gerade o.g. Beobachtungen zur Trauer schon bei Tieren die Relevanz von Ahnen auch für sehr frühe Menschen mindestens nahelegen.

    4: Wie gehen Sie mit den Daten um, die in wohlhabenden Gesellschaften eine Korrelation von Religion und Kriminalität demonstrieren?

    Oh, das ist einfach. Wohlhabende Gesellschaften pflegen sich Migranten als günstige Arbeitskräfte zu holen, die (auch wegen des weltweiten Religion-Demografie-Zusammenhangs) meist aus religiösen Populatione stammen und dann auf Migrations- und Entwurzelungsprozesse, Sprach- und Bildungsprobleme sowie Diskriminierungen mit dem Rückbezug auf den Glauben (den mitgebrachten oder einen neu angenommenen) reagieren.

    Aber auch unter der einheimischen Bevölkerung werden verbindliche Religionsgemeinschaften oft auch für jene Menschen besonders attraktiv, die Krisen oder Brüche im Lebenslauf zu verarbeiten haben.

    Beide Fälle passen übrigens hervorragend in die adaptive Theorie: im Migrationsfall werden "warme Nester" gegenseitigen Vertrauens gerade auch zur Neugründung und Stabilisierung von Reziprozitäts- und Familienbanden gesucht. Und im zweiten Fall bieten die Gemeinschaften auch Einheimischen die Chance, sich im Rahmen einer ggf. neuen Gemeinschaft durch kostspieliges Engagement Vertrauen aufzubauen und Zugang zu stabileren, sozialen Verhältnissen zu finden.

    Eine bemerkenswerte Studie zur religiösen Gemeinschaftsbildung chinesischer Zuwanderer in den USA finden Sie z.B. hier:
    http://web.uni-marburg.de/...jr/art_ping_2007.html

    Obwohl Ping Ren den Religion-Biologie-Zusammenhang dabei gar nicht im Blick hatte, finden Sie hier auch reichliche Belege für den familienorientierten und reproduktiven Erfolg, der mit der religiösen Vergemeinschaftung der Zuwanderer einhergeht. In Deutschland finden Sie entsprechendes beispielsweise im Vergleich türkisch-kemalistischer zu türkisch-religiösen Familien.

  10. Peter Roosen Religion als Zwangsfolge der Kausalität
    02.01.2008 | 11:56

    Ich möchte noch einmal auf die Rolle der Kausalität für die Entstehung und Verbreitung der Religiösität und in Folge auch der Religionen zurückkommen und dabei auch die m.E. künstliche Aufteilung der hier vorgestellten Sichtweisen in Adaptionismus und Epiphänomenalismus diskutieren.

    Wie Herr Blume denke ich auch, dass es einen geradezu fließenden Übergang von der Epiphänomen-Eigenschaft zu einem Adaptionsvorteil geben kann, wenn durch eine (von mir zuvor schon mal angesprochene) Veränderung der ökologischen Nischen ein ursprüngliches Epiphänomen zu einer veränderten Reproduktionsrate führt.

    Angenommen, meine "Homo-Causalis-Hypothese", also die primäre Besetzung der Nische einer bestmöglichen Welterklärung durch einen gewissermaßen genetisch vorgeprägten Hang zu Kausalitätszuweisungen der Vorgänge des täglichen Lebens seitens der Urmenschen ist einigermaßen zutreffend: Dann muss sich geradezu als Ultima Ratio ein höheres Wesen daraus entwickeln, das als Ur-Causa für alles dienen kann, was ansonsten unerklärbar bleibt. Soweit das Epiphänomen.

    Wie Herr Blume auch schon ausführt, bleibt dann noch die Separation von Deisten und Theisten. Solange auf einer fast menschenleeren Erde keine Konkurrenz zwischen diesen Richtungen existiert, werden sich beide entsprechend ihrer jeweiligen Dynamik entwickeln. Sobald aber eine Konkurrenz zwischen den Weltmodellen auftritt, wird diejenige Weltsicht einen Selektionsvorteil bringen, die ihre Anhänger stärker ausrichtet, hier also durch bindendere Vorschriften stärker "einnordet". Das ist aber gerade von den Vertretern *eines* *persönlichen* Gottes am ehesten zu erwarten. Ich habe hier zwei Wörter hervorgehoben, die m.E. zwei Aspekte unabhängig von einander beleuchten und gerade durch deren Kombination ein entsprechender Impetus im Sinne eines Selektionsvorteils erwächst:
    # Monotheistische Ansätze verzetteln sich nicht so schnell in Interpretationen, wie mehrere Götter miteinander in Wechselwirkung stehen. Stattdessen konzentrieren sie sich auf die direkte Beziehung zwischen Gott und Mensch. # Personifizierende Religionen produzieren qua "persönlicher Zuwendung" des Gottes zu seinen Schäfchen stringentere Handlungsvorschriften, die wiederum - zumindest bei den erfolgreichen Religionen - zu einem entsprechend reproduktionsfreudigen Gesamtkodex führen.

    Es hat ja durchaus auch andere Religionen gegeben, wie geschichtlich belegt ist. Doch diese wurden nicht selten von den heute Vorherrschenden in der geschichtlichen Entwicklung "plattgemacht".

    Verbindet also eine Religion beide Aspekte, wird sie in Konkurrenz zu anderen Welterklärungsmodellen der anhängenden Population voraussichtlich einen Selektionsvorteil bringen. Dieser entsteht jedoch erst, wenn eben diese Konkurrenzsituation auftritt.

    Andererseits kann ich die *Entstehung* der Religiösität nicht anders als ein Epiphänomen - eben jener starken Hinwendung zur Kausalität - nachvollziehen. Denn ein darüber hinaus gehender Erklärungsansatz für die Zusammenhänge von Phänomenen, konkret die Erfindung des Zufalls, ist ein ausgesprochen junger. Ich bin kein besonders wissenschaftsgeschichtsbewanderter Mensch, aber mich deucht, dass diese Idee bestenfalls 200 oder 300 Jahre alt ist. Vorher war Alles und Jedes kausal, was der generellen Fitness der Menschen im Alltagsleben in der mesoskopischen Welt des persönlichen Agierens ja auch angemessen war. Die verallgemeinerte Religion als kausalistisches Welterklärungsmodell wird jedoch ausschließlich von dieser neuen Erfindung der "echten Zufälligkeit" infrage gestellt. Insofern sollten wir uns also auch nicht wundern, dass die Religiösität eine derart weite Verbreitung genießt.

    Wenn man nun Spekulationen über die weitere Entwicklung von Welterklärungsansätzen anstellt und deren jeweilige Selektionsvorteile untersucht, so kommt es wohl stark auf die Randbedingungen an, die man für die Zukunft erwartet.

    Zunächst wird eine die Stochastizität explizit berücksichtigende Weltsicht eine ohne Causa Finalis und ohne teleologischen Imperativ sein. Insofern wird sie ihren Anhängern - insbesondere den Atheisten - weit weniger eine orientierende Marschrichtung vorgeben. Somit wird in direkter Konkurrenz beider Weltsichten die theistisch-religionsorientierte diejenige bleiben, die ihre Anhänger am effektivsten einnordet.

    Sollte es jedoch in Zukunft zu einer Krise kommen, die zum Überleben eine wiederum genauere Interpretation der Welt benötigt, *kann* dies dazu führen, dass der die Stochastik vieler Phänomene explizit berücksichtigende Atheismus in seiner wissenschaftlich-analysierenden Form die bessere, weil genauere Erklärungsalternative darstellt. Ob dies dazu kommt, hängt jedoch von vielen Faktoren ab, nicht zuletzt, ob eine noch genauere Welterklärung wirklich zu einem gruppendynamischen Reproduktionsvorteil führt oder eine restringierte Welterklärung durch einfachere Kochrezepte nicht doch effektiver ist. Schließlich leben auf der Erde nicht nur kausal interpretierende Menschen, sondern auch jede Menge anderer Lebewesen, die weitaus weniger "Durchblick" durch die Zusammehänge besitzen, freudig vor sich hin.

  11. Michael Blume @ Herr Kittel
    02.01.2008 | 12:19

    Danke auch für Ihren Beitrag zur Definition von Religion auf meinem Blog, auf den ich dort geantwortet habe.

    Nun zu Ihrem Definitionsvorschlag:
    > Als "Religiosität" könnte dem entsprechend die psychische Bereitschaft oder "Disposition" definiert werden, auf - unsinnliche... - Vorstellungen von Wesenheiten der genannten Art, insbesondere auf solche "transzendenter" Art reflexhaft oder willentlich auf genau dieselbe Art und Weise zu reagieren wie auf sinnlich vermittelte ("sinnvolle") Erlebnisse und Erfahrungen mit Lebewesen aus der realen Umwelt und anderen Naturerscheinungen. <

    An sich finde ich diesen Beschreibungsansatz (denn Produkte menschlichen Geistes wie Musik, Literatur, Mathematik, Wissenschaft, Religion können m.E. nur beschrieben, nicht aber abschließend "definiert" werden) sehr gut, habe jedoch gegen die Einordnung der Reaktionen "auf genau dieselbe Art und Weise" Einwände. So ist es ja gerade ein Merkmal der Religionen, dass sie eigene Verhaltensmuster entwickeln (z.B. Meditationen, Trancetänze, Gebetshaltungen etc.), die auch eigene, religiös gedeutete Erfahrungen induzieren können. Das ist m.E. schon eine eigene Verhaltenskategorie, die zwar auf sozialem Verhalten aufbaut (z.B. der Einnahme demütiger Haltungen gegenüber der Gottheit, was entsprechende Gehirnfunktionen begünstigen dürfte), aber nicht einfach mit ihm identisch ist.

    Nach meiner Auffassung weist also nicht nur die inhaltiche Seite der Religion(en), sondern auch die Verhaltens- und Erfahrungsseite die Emergenz eigener Phänomene auf, die es erlauben, von "religiösen Überzeugungen", "religiösem Verhalten" und "religiösen Erfahrungen" in der gleichen Art zu sprechen, wie wir musikalische Inhalte, Verhaltensausprägungen (z.B. Tanz, Orchesterrituale etc.) und natürlich Erfahrungen zugestehen können.

  12. Michael Blume @ Herr Roosen, Kausalität
    02.01.2008 | 12:35

    Danke für Ihren Beitrag, dem ich weitgehend zustimme. Erlauben Sie mir nur, zwei Akzente anders zu setzen:

    1. Das kausale Denken ist sicher ein starker Motor auch der Konstruktion religiöser Weltanschauungen, keinesfalls aber der einzige. Ich glaube nicht, dass der Mensch jemals ein "Homo Causalis" in Reinform war, sondern sein Erkenntnisapparat hatte z.B. die bevorzugte Aufmerksamkeit für bewegte, willensbegabte, sozial agierende und potentiell bedrohliche Akteure (die auch Tiere zeigen) sicher längst entwickelt. Entsprechend konnte und kann z.B. der evolutive Vorteil von "belebten" Akteuren gleich an drei Aspekten ansetzen: einmal an der natürlichen Bevorzugung belebter Akteure in der Verteilung von Aufmerksamkeit, in der (von uns beiden gesehenen) höheren Verbindlichkeit personaler Gebote und in der emotionalen Wertschätzung geliebter Angehöriger ("Vater!"), die -wie Herr Dahl bereits einführte- sogar schon bei Elefanten und Affen finden können.

    2. Obwohl ich zustimme, dass religiöse Überzeugungen neue Formen (durch regelmäßige Zusammenkünfte und kostspielige Anforderungen ggü. Trittbrettfahrern "abgeschirmte") der Vergemeinschaftung ermöglichen und z.B. D.S. Wilson sehr stark für die "Gruppenselektion" votiert, hat mich dieses Konzept noch immer nicht ganz überzeugt. So schien das Zölibat ein sehr starkes Argument dafür zu sein, dass sich "einige wenige für die Gruppe opfern" - mir scheint aber (siehe Wissenslog-Beitrag) auch das Zölibat gut auf die klassischen Reproduktionsboni individueller und verwandschaftlicher Art zurückführbar zu sein. Insofern stehe ich Neuauflagen der "Gruppenselektion" zwar offen, aber noch nicht wirklich überzeugt gegenüber. Ich sehe die Gefahr, dass wir "Gruppe" als Black-Box-Begriff verwenden, der die evolutiven Prozesse innerhalb dieser Gruppe eher verschleiert als klärt.

    Schon in Naturreligionen wird z.B. meist sehr genau zwischen den "symbolischen" und "alltäglichen" Erzählungen unterschieden, beispielsweise in Art und Milieu der Erzählung. Kluge, sprechende Tiere oder Helden, die die Sonne besuchen, werden nicht für Alltagserfahrungen gehalten.

    Ansonsten freut es mich wirklich sehr, dass unser (von ganz unterschiedlichen Ausgangsannahmen ausgehende) Austausch durchaus auch zu zunehmend vergleichbaren Modellen zu konvergieren scheint!

  13. Michael Blume Trennsatz verschluckt
    02.01.2008 | 12:44

    Vor den Satz "Schon in Naturreligionen..." hätte natürlich noch gehört: "Zur differenzierten Betrachtung des Kausalitätsbegriffes würde ich plädieren zu berücksichtigen".

    Jetzt den Absatz im Ganzen also:

    Zur differenzierten Betrachtung des Kausalitätsbegriffes würde ich plädieren zu berücksichtigen: Schon in Naturreligionen wird z.B. meist sehr genau zwischen den "symbolischen" und "alltäglichen" Erzählungen unterschieden, beispielsweise in Art und Milieu der Erzählung. Kluge, sprechende Tiere oder Helden, die die Sonne besuchen, werden nicht für Alltagserfahrungen gehalten.

  14. Peter Roosen @Herr Blume, Kausalität
    02.01.2008 | 13:21

    Lieber Herr Blume,

    ich wollte mit dem Homo Causalis nicht gesagt haben, dass das kausale Denken das einzige Schema darstellt, dass zu Religion führt. Ich halte es jedoch nach wie vor für das Wesentliche. Sie führen die bevorzugte Aufmerksamkeit bereits der Tiere für bewegte .... Akteure an. Dies ist bestimmt korrekt, aber die Frage ist für andersherum, was den Mensch vom Tier unterscheidet. Und hier sehe ich nach wie vor die extrem verstärkte Hinwendung zur Kausalität. Auch die Tiere nehmen diese bereits wahr und bauen sie in ihr jeweiliges Weltbild ein - das zeigt nicht zuletzt die Möglichkeit, Tiere zu konditionieren.

    Was sie aber (gegenüber dem Menschen) stark unterscheidet, ist die im tierischen Fall nicht vorhandene Verselbständigung dieses Denkschemas. Zumindest habe ich in den populärwissenschaftlichen Publikationen zum Verhalten von Primaten noch nie eine Erwähnung gefunden, dass selbst unsere schlaueren Verwandten die Ursache-Wirkungsketten über das unmittelbar praktisch anzuwendende Maß hinaus weiter treiben würden. Insofern halte ich diesen Punkt weiterhin für zentral im Verständnis einerseits des Menschenbegriffs, andererseits aber auch im Zusammenhang mit der Entwicklung von Religionen, wie weiter oben ausgeführt.

    Bezüglich der Interpretation des Zölibats hatte ich weiter oben in der Kommentarkette auch bereits einen Erklärungsansatz aufgezeigt, der nicht zuletzt auch den Effekt des "Propheten im eigenen Lande" mit berücksichtigt. Die von Ihnen angesprochene "Gruppenselektion" sehe ich als Fähigkeit zur Motivation ähnlich Denkender zu gruppendynamisch gewünschtem Verhalten und Überzeugung Andersdenkender an den geografischen wie auch soziologischen Gruppengrenzen. Keinesfalls möchte ich Gruppe als Black-Box interpretieren, sondern als ein aktives Interaktionsgeflecht, das sich durch eine gegenüber "Außenstehenden" durch abgeschwächte Interaktionen (zumindest der positiven, konservativen Art) auszeichnet.

    Die Unterscheidung von symbolischen und alltäglichen Erzählungen, die sie als mögliche Bremser der Kausalitätserklärung anführen, dürfte aber durchaus wiederum fließend zu beobachten sein. Selbst in unseren "fortschrittlichen" monotheistischen Religionen gibt es schließlich so was wie Heilige, Wallfahrtsorte, verehrte Märtyrer und dergleichen. Hier vermischen sich diese beiden Pole doch frappant, oder?

    Wie schon geschrieben: Wenn Menschen nicht anders als kausal denken können (und ich glaube, dass dies extrem lange so war, siehe meinen letzten Beitrag), *muss* Religion entstehen. Sonst hängen irgendwann Wirkungen ohne Ursachen in der Luft. Ich denke, das lässt sich auch in der historischen Entwicklung einzelner Religionen erkennen (und ich meine, es wäre weit vorne in diesem Thread auch schon mal angesprochen worden): Von den Naturreligionen zu den Gedankengebäuden der rezenten Religionen ist ein ganz klarer Weg zu immer mehr Komplexität erkennbar, die einzig dazu dient, kausale Beziehungen zwischen den verschiedenen Aspekten religiöser Aussagen zu flechten. Und zumindest in der katholischen Kirche führt dies letztlich zu geradezu absurden Stilblüten, die man eigentlich nur noch mit der alten Vortragenden-Weisheit kommentieren kann: "Wenn du dein Gegenüber nicht mit Argumenten überzeugen kannst, dann verwirre es so lange mit Unsinn, bis keine Gegenwehr mehr kommt." :-)

  15. keinohrhase genetische Fitness II @Dahl @Blume
    02.01.2008 | 14:21

    ...herzlichen Dank für Ihre Antworten. Nur zur Ergänzung und Illustriation ein aktuelles Beispiel für den evolutionären Effekt, den ich zu beschreiben versucht habe, aus dem heutigen SPIEGEL ONLINE:

    http://www.spiegel.de/...sch/0,1518,526100,00.html

    Herr Dahl, ich wollte nur zum Ausdruck bringen, dass ich Sophia Loren ebenfalls verehre und wünschte, sie würde mit uns diskutieren!

  16. Michael Blume @ Herr Roosen, Kleinohrhase
    02.01.2008 | 14:49

    @ Herr Roosen:

    " Die von Ihnen angesprochene "Gruppenselektion" sehe ich als Fähigkeit zur Motivation ähnlich Denkender zu gruppendynamisch gewünschtem Verhalten und Überzeugung Andersdenkender an den geografischen wie auch soziologischen Gruppengrenzen. Keinesfalls möchte ich Gruppe als Black-Box interpretieren, sondern als ein aktives Interaktionsgeflecht, das sich durch eine gegenüber "Außenstehenden" durch abgeschwächte Interaktionen (zumindest der positiven, konservativen Art) auszeichnet."

    Sehr schön formuliert! Völlig d'accord!

    Zur Kausalität: ja, als ein treibendes Moment gerade auch der "Theologien" lässt sich das durchaus beobachten. Wobei ich noch einmal betonen möchte, dass das "symbolische" Wissen der Religionen gerade auch in den Weltreligionen neben dem "empirischen" Wissen steht. Vermischungen sind da eher schädlich, ein Dialog in gegenseitiger Unabhängigkeit scheint am erfolgreichsten - wie es wohl auch schon zwischen Jägern/Kriegern und Schamanen bzw. weisen Lehrer(inn)en der Fall war.

    Ein ganz aktuelles Beispiel, zu dem ich Ende kommender Woche in Leipzig sprechen werde, sind z.B. die UFO-Kulte. Gerade ihre Beanspruchung "wissenschaftlicher" Argumente bringt UFO-Gläubige schnell in Schwierigkeiten - wenn sich dann eben die Venus als unbewohnbar herausgestellt hat, die Wüstenbilder in Südamerika als Prozessionsstraßen, das Marsgesicht als Felsformation usw. ist gleich das ganze Glaubensgefüge bedroht. Daher entwickeln sich dort sehr viele Verschwörungstheorien - und die Raelianer haben es z.B. geschafft einen strikt "atheistischen Kreationismus" zu kreieren, der einerseits die Religionen als "abergläubisch und wissenschaftlich überholt" betrachtet, andererseits aber daran festhält, dass die Menschheit nicht evolvierte, sondern von einer anderen Spezies quasi "gepflanzt" wurde.

    Umgekehrt sind auch die Naturwissenschaften selten tiefer gesunken, als in den Jahrzehnten, in denen man die (vorläufigen) Erkenntnisse des Darwinismus in angeblich absolute Weltanschauungen transformierte und u.a. Eugenik, Rassismen und eine Verherrlichung von Kriegen gerade auch aus biologischen Instituten und Lehrstühlen strömte.

    Deswegen kann ich nur sagen: es scheint eine sehr gesunde Entwicklungen zu sein, dass sich empirische Beschreibung und letzte Deutungen auch in Europa wieder in unterschiedene und voneinander bei allem Dialog unabhängige Zuständigkeiten ausdifferenziert haben. Und als Religionswissenschaftler quasi von Haus aus "Wanderer zwischen diesen Welten" kann ich nur sagen: auf beiden Seiten gibt es helle Köpfe, aber auch ein gerüttelt Maß Ignoranz und Vorurteile über den je anderen...

  17. Michael Blume @ Kleinohrhase
    02.01.2008 | 15:02

    Danke für den Link!

    Für die Zwecke unserer Diskussion wäre es nun sehr interessant zu überlegen, ob sich das Wissen um diese vererbbare Krankheit nicht sogar auf Reproduktionsverhalten und ggf. Heiratschancen der Betroffenen auswirken dürfte. Denn die "reproduktive Vorausplanung" bildet einen gravierenden Unterschied, der m.E. zur treibenden Dynamik der Evolution von Religion gehört (Menschliche Fragen: Will ich Kinder? Kann ich mich auf das Wort des Partners verlassen? -> Pronatale Gebote, Gretchenfrage).

    Näher an Ihrem Thema sind z.B. die Dor Yeshorim, die orthodox-jüdischen Glauben mit Erkenntnissen der Gentechnik verknüpften - und damit die Anzahl von Kindern mit schweren, genetischen Behinderungen deutlich verringerten. Siehe hier: http://www.shidduchim.info/medical.html

    Mich überrascht übrigens, dass man dieses Thema in Deutschland kaum diskutiert hat, in den USA gab es gerade auch in Kirchen und Wissenschaft viel Pro und Contra. Aber bei uns glaubt man wohl immer noch zu oft, religionsbezogene Themen seien für "echte Wissenschaftler" uninteressant... Schade, eigentlich.

  18. Martin Huhn @ohneohrhase
    02.01.2008 | 15:07

    "Herr Dahl, ich wollte nur zum Ausdruck bringen, dass ich Sophia Loren ebenfalls verehre und wünschte, sie würde mit uns diskutieren!"

    Die wird aber zu diesem Thema sicher nicht viel beitragen können. ;-)

  19. Edgar Dahl @ - Martin Huhn: Sophia Loren
    02.01.2008 | 15:49

    Ja, ich fürchte, Sophia Loren ist katholisch - doch ihr kann ich das nachsehen...

  20. Michael Blume Loren - Clooney
    02.01.2008 | 15:59

    Ja, Sophia Loren...

    Katholisch, zeitlebens mit dem gleichen Mann verheiratet, zwei Kinder - passt wunderbar in die These!

    Ebenso wie der konfessions- und prompt kinderlose George Cloney (eine geschiedene Ehe), den bereits Herr Dahl als Kontrast zu den Amish in die Debatte einführte...

    Ich schätze beide sehr, aber als Religionswissenschaftler haben wir ja ohnehin immer für alles Verständnis...

    Und mir wird dank unserer Diskussion klar, dass ich nicht das harte Brot der Religionsdemografie in Deutschland und der Schweiz, sondern einfach der Hollywoodgrößen hätte korrelieren müssen - dann hätten sich sogar die deutsche Wissenschaftslandschaft und ihre Leitmedien längst ohne Vorurteile und empirisch mit der Frage der Evolution der Religion befasst! (-;

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