Glaube und Zölibat: bio-logisch erfolgreich?
Heute überlasse ich - passend zur religiös geprägten Saison - dem Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume das Podium. Michael Blume beschäftigt sich unter anderem mit den biologischen Ursprüngen und Mechanismen der Religiosität; 2005 promovierte er in Tübingen über das Verhältnis von Neurowissenschaften und Religionswissenschaft.
An der Uni Heidelberg veranstaltet er in diesem Semester das Seminar "Religionswissenschaftliche Präsentationen zur Evolution der Religion", an dem ich auch mitwirke. Kennengelernt habe ich ihn vor einer Weile über sein Religionswissenschafts-Blog, in dem er regelmäßig über derartige Themen schreibt. Heute berichtet er hier bei Abgefischt über mögliche biologische Grundlagen des Zölibats. Viel Spaß!
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Glaube und Zölibat: bio-logisch erfolgreich?
Edward O. Wilson, einer der bedeutendsten Biologen unserer Zeit, stellte in seinem mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Buch On human Nature von 1978 fest: "Religion stellt die größte Herausforderung für die Soziobiologie des Menschen dar und ihre aufregendste Gelegenheit, als eine wirklich originale theoretische Disziplin fort zu schreiten." (S. 178, Übers. aus dem Englischen)
Inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass Wilsons Traum in Erfüllung gehen könnte. In spezialisierten Netzwerken wie den Evolutionary Religious Studies wirken längst nicht nur Forscher verschiedenster Nationen, sondern vor allem auch unterschiedlichster Disziplinen mit. Dabei treffen Evolutionsbiologen, Anthropologen, Ethnologen, Psychologen, Neuromediziner, Soziologen, Ökonomen, Theologen, Philosophen und (vergleichende) Religionswissenschaftler nicht nur auf immer mehr Tagungen aufeinander, sondern nutzen auch das Internet, um in einer früher undenkbaren Geschwindigkeit und Tiefe empirische Daten und Thesen auszutauschen.
Dabei verdichten sich die Befunde von der Zwillingsforschung über die Neurowissenschaften bis hin zur Religionswissenschaft zu einem wachsenden Konsens, der gerade in seiner Selbstverständlichkeit verblüfft: Religiöse Veranlagungen scheinen völlig entsprechend zu etwa sprachbezogenen oder musikalischen, genetisch veranlagten Fähigkeiten mit hoher, kultureller Plastizität über Fitnessvorteile evolviert zu sein - und wohl auch weiter zu evolvieren. Eine schnell wachsende Zahl von Studien und auch psychologischen Experimenten belegt eine gesteigerte Kooperationsbereitschaft zwischen Religiösen sowie die Abwehr von Trittbrettfahrern und Assimilation durch kostspielige Verpflichtungen und Rituale.
Sogar die sprichwörtliche „Gretchenfrage“ (Gretchen an Faust: „Wie hälst Du’s mit der Religion?“) kommt inzwischen zu empirischen Ehren: Kostspielige Religiosität scheint tatsächlich als ein Indikator für Partnertreue und damit förderliches Merkmal sexueller Selektion zu wirken - und geht tatsächlich mit geringeren Raten etwa an Scheidungen und Alleinerziehenden in Religionsgemeinschaften einher. Also genau das, was Goethes Mephistopheles (in Kapitel 16) im spöttischen Kommentar zu Gretchens Frage vermutete:„Die Mädels sind doch sehr interessiert, ob einer fromm und schlicht nach altem Brauch. Sie denken: duckt er da, folgt er uns eben auch.“
Zumindest kann es nach Auswertung sowohl nationaler wie internationaler Daten und vor allem auch der Schweizer Volkszählungen 1970, 80, 90 und 2000 (die jeweils als Vollerhebungen durchgeführt wurden) praktisch keinen statistischen Zweifel mehr geben, dass religiös vergemeinschaftete Menschen weltweit durchschnittlich deutlich mehr Kinder haben als ihre konfessionslosen Zeitgenossen auch je der gleichen Einkommens- und Bildungsschicht.Ja, entgegen auch unseren frühen Erwartungen nimmt der reproduktive Abstand mit steigenden Freiheits-, Wohlstands- und Bildungsniveaus sogar zu! Denn während Menschen in klassischen Agrarwirtschaften kaum Alternativen zu einer hohen Kinderzahl als Arbeitskräfte und Altersversorgung hatten, werden Kinder in modernen Marktgesellschaften zu sehr kostenträchtigen Wertentscheidungen.
So blüht beispielsweise der Kreationismus in den USA nicht etwa, weil er haltbare, wissenschaftliche Argumente hätte - sondern weil tiefreligiöse Christen, Juden und Muslime durchschnittlich erheblich mehr Kinder bekommen und erziehen als die Befürworter des darwinistischen Naturalismus. Die Ironie in diesem Befund harrt noch der Aufarbeitung…
Sogar Zölibat…
Überraschenderweise lässt sich inzwischen sogar die religionshistorische Entstehung des Zölibats über Fitnessvorteile der Verwandtenselektion neu entschlüsseln. Diese ist an sich unumstritten: keinen Biologen wundert es, dass auch Menschen dazu tendieren, mit nahen Verwandten intensiver zu kooperieren und sich gegebenenfalls sogar für sie zu opfern, tragen sie doch eng verwandte Gensequenzen.
Aber genau das wird in klassischen Agrarwirtschaften zum Problem: weil die meisten schon aus ökonomischen Erwägungen (Arbeitskräfte, Altersversorgung, Schutz) viele Kinder anstreben, entstehen vor Ort expandierende Familienclans, in ständiger Verflechtung und Spannung auch um knappe Ressourcen (z.B. Land). Jeder lokale, religiöse Funktionär ist hier sofort dem (manchmal zutreffenden) Verdacht ausgeliefert, doch nur die eigene Familie nepotistisch zu begünstigen.
So erging es z.B. auch Jesus, der „kam in seine Vaterstadt und lehrte sie in ihrer Synagoge, so daß sie sich entsetzten und fragten: Woher hat dieser solche Weisheit und solche Taten? Ist er nicht der Sohn des Zimmermanns? Heißt nicht seine Mutter Maria, und seine Brüder Jakobus und Josef und Simon und Judas? Und seine Schwestern, sind sie nicht alle bei uns? Woher kommt ihm denn das alles? Und sie ärgerten sich an ihm. Jesus aber sprach zu ihnen: Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland und in seinem Hause. Und er tat dort nicht viele Zeichen wegen ihres Unglaubens.“ (Mt. 13,55-58)
Gibt es eine Lösung für dieses Dilemma? Ja, der Austausch von Zölibatären. Religiöse Institutionen könnten anregen, dass Clans aus ihrem jeweiligen Geburten- und Erbenüberschuss einige wenige Akteure „spenden“, die (ohne eigene Familien zu gründen) anderswo Dienst tun - und dafür umgekehrt auch selbst Zölibatäre zugeteilt bekommen. Der einzelne Zölibatäre würde damit in der Fremde sehr viel religiös glaubwürdiger Ehebünde segnen und überwachen, Familienwerte predigen, Streit schlichten, Arme und Kranke versorgen, Kinder unterweisen, antisoziales Verhalten ahnden und andere Fitness-relevante Tätigkeiten ausüben können - und dürfte Gott, Mutter Kirche oder dem Sangha vertrauend zudem davon ausgehen, dass auch die eigene Herkunftsgruppe entsprechend Fitness-fördernd betreut würde. Hier läge also eine clevere Form indirekter Verwandtenselektion vor! (Siehe Schaubild)
Und auch diese These lässt sich empirisch testen. So müssten wir einerseits davon ausgehen, dass die Inhaber zölibatärer Rollen zur Sexualität klar Stellung beziehen: Sie müssten zur Unterstreichung ihrer eigenen Glaubwürdigkeit insbesondere in klassischen Agrargesellschaften ihre eigene Abstinenz sowohl gegenüber hetero- wie homosexuellen „Versuchungen“ unterstreichen (diese also strikt verdammen) und sie müssten vor allem, im Kontrast zur eigenen Kinderlosigkeit, für eine möglichst hohe Fertilität der nichtzölibatären Laien eintreten. Dies lässt sich im Christentum, aber auch etwa in Hinduismus, Buddhismus und Jainismus sowohl historisch wie zeitgenössisch-vergleichend reichlich beobachten.
Daneben müsste die Akzeptanz des Zölibats milieuabhängig sein: in klassischen Agrargesellschaften mit Geburtenüberschüssen müsste eine sehr viel höhere Akzeptanz zölibatärer Rollen beobachtbar sein als in Marktgesellschaften mit niedrigen Geburtenraten. Dies ist nicht nur im Vergleich christlicher Länder (z.B. Afrikas und Europas) sondern ebenso in buddhistischen Gesellschaften (z.B. Birma und Japan) eindeutig der Fall. Auf die zunehmend datengestützte Präsentation dieser und unzähliger weiterer Thesen zu religiösen Phänomenen dürfen wir uns also in naher Zukunft freuen.
Noch kaum andiskutiert ist dabei die Frage, wie sich die Erkenntnis, dass Religion als ein Teil menschlicher Natur biologisch beschreibbar wird sowohl auf das religiöse Selbstverständnis wie auf die naturalistische Religionskritik auswirken wird. Und gerade die deutsche Wissenslandschaft muss sich fragen, warum in den Netzwerken interdisziplinärer und internationaler Evolutionsforschung zur Religion bisher deutschsprachige Wissenschaftler sowohl natur- wie geisteswissenschaftlicher Disziplinen nur sehr vereinzelt vertreten sind bzw. warum wir immer noch kein einziges solches Netzwerk im deutschsprachigen Raum haben.
asdf
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Bei der Diskussion um die mögliche Herkunft von Phänomenen, die wir heute wie selbstverständlich und damit zumeist ohne Gründe dafür anzugeben oder gar zu reflektieren "religiös" nennen, wird zwar immer wieder auf das Denken und Fühlen von frühen Menschen Bezug genommen. Für mich verblüffend ist aber die Tatsache, dass selbst Fachleute kaum belastbare psychologische Überlegungen dazu vorlegen. Am meisten habe ich bei meiner kursorischen Lektüre noch das ein Jahrhundert alte Werk von William James über "Die Vielfalt religiöser Erfahrung" angegeben gefunden.
Aufgefallen ist mir außerdem, dass - wiederum wie selbstverständlich - zumeist auch davon ausgegangen wird, frühe Menschen hätten schon gedacht wie wir heute, eine Voraussetzung, die ich für methodisch fragwürdig halte; denn hier besteht die Gefahr, eigenes Denken schlicht anderen und insbesondere Menschen zu unterstellen, die vor zwei- bis dreihunderttausend Jahren gelebt haben: Überlegungen und Argumentationen auf dieser Ebene laufen besondere Gefahr schlicht zirkulär zu sein.
Der einzige Wissenschaftler, den ich kenne, der ein derartiges Vorgehen vermieden hat, war der verstorbenen Princeton-Psychologe Julian Jaynes. Ich möchte daher auf sein 1976 erschienenes Werk "The Origin of Consciousness..." hier zumindest hinweisen. Über den Wikipedia-Eintrag zu Person und Werk sind weitere Informationen zu erhalten, insb. der komplette Text der deutschen Übersetzung seines Werks sowie eine Darstellung seiner wichtigsten psychologischen Überlegungen von mir, die auch über einen Klick auf meinen Namen hier zu erreichen ist.
Ich fürchte, Sie missverstehen mich. Selbstverständlich sind die empirischen Daten zur Korrelation von Religiosität und Kinderzahl sowie die Untersuchungen zu den intuitiven Ontologien keine bloßen "Spekulationen". Spekulativ sind lediglich unsere Überlegungen zu den Ursprüngen religiösen Denkens: Wie hat alles angefangen? Mit dem Staunen? Mit einem Geistesblitz? Einem Mythos? Oder einem Gen, das seine Träger zu animistischen oder metaphysischen Gedanken verhalf.
Wie erwähnt, bin ich durchaus bereit, die Existenz eines "religiösen Gens" anzunehmen. Ich will nur eine Antwort auf die Frage, inwieweit animistische Menschen gegenüber naturalistischen Menschen irgendwelche Überlebens- oder Fortpflanzungsvorteile haben.
Unabhängig davon, ob die Geschichte über die Schimpansen (die ich mal bei Vitus B. Dröscher gelesen habe) wahr ist oder nicht - es ist ein gutes Gedankenexperiment. Wie sind sie zu ihrem animistischen Weltbild, das sie hinter den Wolken eine Person vermuten lässt, gekommen? Welchen adaptiven Vorteil sollten animistische Schimpansen gegenüber naturalistischen haben? Ist das nicht eine interessante und faire Frage?
Sobald man die biologischen Vorteile animistischen, magischen oder religiösen Denkens aufgezeigt hat, befindet man sich auch auf einer weit besseren Grundlage, um den Zusammenhang von Reproduktion und Religion in heutigen Gesellschaften zu verstehen. Lassen Sie uns doch also erst kurz über die Schimpansen und dann über die Amish sprechen.
Sehr geeehrte Diskutierende, insbes. Herr Blume und Herr Dahl,
ich bin eben erst auf diese Diskussion hier gestoßen, habe sie mir in den letzten ca. zwei Stunden zu Gemüte geführt und bin sehr positiv von deren Niveau überrascht.
Ein Aspekt, der m.E. noch nicht (oder nur am Rande) angesprochen wurde, ist einer, den ich zumindest teilweise in Hoods Web-Beitrag zu erkennen glaube: Die evolutionäre Entwicklung der diversen religiösen Praktiken (und auch Reproduktionsergebnisse) aus einem einfachen Prinzip heraus.
Als solches sehe ich das Prinzip der evolutionären Nische. Jede (zufällig durch Mutationen entstandene!) Spezies versucht m.E., eine solche möglichst noch brachliegende Nische zu identifizieren und durch entsprechende Anpassung im Lauf der Generationen möglichst effektiv zu besetzen. Dies kann relativ kurzfristig sein, wie es wohl der Säbelzahntiger vorgemacht hat, oder eben langfristig, wie es die derzeit existierenden und schon lange existierenden Arten vormachen.
Die ökologische Nische, die sich der Mensch wohl zu eigen gemacht hat, dürfte die möglichst gute Welterklärung durch Kausalität sein. Dieses ständige Fragen nach Ursachen und das Erkennen von Wirkzusammenhängen dürfte dem körperlich eher mittelmäßigen Homo Sapiens seinen spezifischen Selektionsvorteil gegeben haben.
Für viele hunderttausend Jahre beschränkte sich aber die Kausalität auf die unmittelbaren Welterklärungen des Alltäglichen. Und wenn man halt keine real-kausalen Zusammenhänge (für Erdbeben, Feuersbrünste, Dürren, ...) finden kann, aber qua Genom auf das Erklären geradezu fixiert ist, muss man irgendwann auf die finale Erklärung durch Postulierung eines höheren Wesens zurückgreifen. Sobald dieses höhere Wesen im Sinne einer eines evolutionären Quantensprungs jedoch erfunden ist, ergeben sich m.E. viele der diskutierten Effekte geradezu zwangsläufig:
Wenn es einen Gott als kausale Ursache für all die ansonsten unerklärbaren Naturphänomene (einschließlich echt zufälliger Effekte!) gibt, werden Menschen versuchen, diese Ursache in ihrem Sinne zu bearbeiten - wie jede andere Ursache unliebsamer Wirkungen auch. Diese Bearbeitung ist aber nichts anderes als die religiöse Kulthandlung in diversesten Ausprägungen.
An diese Stelle scheiden sich auch die Atheisten von den Religiösen in ihren Verhaltensmustern, und zwar für mich ziemlich genau mit dem Effekt, den Herr Blume als Reproduktionsvorteil für Religiöse empirisch beobachtet: Wenn in einer (fast) ausweglosen Lage der Atheist in durchaus passender Erkenntnis des Erwartungswerts verschiedener (aber alle suboptimaler) Handlungsstrategien aufgibt, wird der Religiöse auf sein "gutes Verhältnis" zum diese Situation geschaffen Habenden vertrauen, der Situation einen "tieferen Sinn" beimessen und wider jegliche Wahrscheinlichkeit mit seinem Handeln weitermachen. Und in einer gewissen Zahl von Fällen damit auch erfolgreich sein. Somit im Sinne der längerfristigen Reproduktivität schon mal 1:0 für die religiöse Seite.
Wie sieht es nun mit dem direkten Kinder-Bekommen aus? Während der Atheist verantwortungsvoll die Ressourcen abwägt, die er seinen Kindern widmen bzw. mitgeben kann, wird der Religiöse - insbesondere, wenn die generelle Lehrmeinung der entsprechenden Religionsgemeinschaft dies nahelegt - mit "Gottvertrauen" für eine größere Zahl von Nachkommen sorgen und die erforderliche Ressourcenlage vertrauensvoll auf die spätere göttliche Fügung verlagern. Auch diese Strategie bringt - von der Quantität her - zunächst mal einen direkten Selektionsvorteil für die Anhänger von Religionen. Also 2:0.
Schließlich noch, um die Diskussion noch einmal ein wenig auf den ursprünglichen Inhalt des Zölibats zurück zu bringen, der Aspekt des Exports entsprechender Personen: Zölibatäre Priester (im allgemeineren Sinn) dürften in der gängigen Sichtweise die ideale Besetzung für die Bearbeitung der Causa Prima (also dem Gott) sein, weil sie sich mangels anderer Lebensinhalte gerade dem wesentlichen Wunsch der Gemeinschaft nach dessen Beeinflussung widmen können. Während jedoch in der Gruppe, in der der Priester heranwächst, das Wissen um dessen (allzu menschliche) Verquickung in übliche menschliche Beziehungskisten (Eltern, Geschwister, Besitz, ...) besteht - der Prophet gilt wenig im eigenen Land - , stören solche Effekte nach dessen Export in eine andere Gemeinschaft halt nicht mehr das gewünschte Bild dieses Individuums.
Zusammenfassend sehe ich den Selektionsvorteil der einer Religiösität Verhafteten, hier ein wenig Dawkins folgend, als einen Nebeneffekt der zentralen genetischen Veranlagung, die uns durch die Extrementwicklung unseres Gehirns vor allem Wirkzusammenhänge suchen lässt (Homus Causalis). Ich glaube aber, dass diese Religiösität nur ein vorüber gehender Nebeneffekt bleibt, der sich totläuft, sobald die auf starke Gruppenreproduktion und -ausweitung ausgerichteten Handlungsparadigmen an natürliche Grenzen stoßen (ganz wesentlich hier: die Überbevölkerung).
"Zusammenfassend sehe ich den Selektionsvorteil der einer Religiösität Verhafteten, hier ein wenig Dawkins folgend, als einen Nebeneffekt der zentralen genetischen Veranlagung, die uns durch die Extrementwicklung unseres Gehirns vor allem Wirkzusammenhänge suchen lässt (Homus Causalis)."
Lieber Herr Roosen, haben Sie herzlichen Dank für Ihren Kommentar. Aber wenn Sie Dawkins zustimmen, dass die Religion nur ein Nebeneffekt ist, sehe ich nicht, wie es 2:0 zugunsten der Religion stehen kann.
Wie auch immer, Ihre Überlegung ist in jedem Fall reizvoll. Im Sinne der Evolutionären Epistemologie kann man argumentieren, dass unser Erkenntnisapparat an eine kognitive Nische - den "Mesokosmos", wie Gerhard Vollmer ihn nennt - angepasst ist. Anders als der Mikrokosmos oder der Makrokosmos hat der Mesokosmos tatsächlich drei Dimensionen und alle Ereignisse erfolgen in ihm streng kausal. Da sich unser Gehirn mit seinen Erkenntnisstrukturen über Jahrmillionen an diese Welt der mittleren Dimensionen angepasst hat, können wir gar nicht anders, als kausal zu denken. Gezwungen, stets nach einer Ursache zu suchen, mögen sich unsere Vorfahren also nach der Herkunft der Welt gefragt haben. Was ist die Ursache dieser Welt? Wo kommt sie her? Wer hat sie geschaffen? - Dies ist aber auch der Ansatz, für den ich mich die ganze Zeit stark gemacht habe, als ich argumentierte, dass uns unser Gehirn staunen, wundern und fragen und schließlich eine primitive Kosmologie entwickeln ließ.
Möglicherweise war ich eben etwas oberflächlich. Bei näherem Nachdenken könnte man durchaus zwischen unseren Positionen unterscheiden. So könnte man etwa sagen, dass Ihr Ansatz mit der Frage "Woher?" und mein Ansatz mit der Frage "Wozu?" beginnt. Ihrer Ansicht nach begann die Religion gewissermaßen mit dem "kosmologischen Gottesbeweis" und meiner Ansicht nach begann die Religion eher mit dem "teleologischen Gottesbeweis".
Liebe Mitdiskutanten,
herzlichen Dank für den neuen Schwung in der Debatte! Danke auch für die faire Klarstellung, Herr Dahl - immerhin stecken in den religionsdemografischen Daten jetzt über zwei Jahre harte Arbeit (und nicht nur von mir, auch z.B. von Carsten Ramsel, der in einem meiner Seminare mitwirkte und das Thema derzeit eigenständig als Magister- und jetzt als Promotionsthema bearbeitet oder von Dominik Enste, der am Institut der deutschen Wirtschaft Köln die Datensätze des World Value Survey auswertete), einschließlich des Diskutierens und Überprüfens immer neuer Alternativhypothesen vor Religionswissenschaftlern, Biologen, Theologen, Ökonomen und Journalisten und zuletzt im internationalen Rahmen. Erst jetzt, da die Daten mehrfach gesichert sind, laufen die ersten, vertieften Veröffentlichungen (neben Voland in seinem neuen Buch hatte aber schon Bild der Wissenschaft die Befunde in der Februar-Titelgeschichte auf einer ganzen Seite aufgegriffen... (-; ). Da hat die Aussage von der "reinen Spekulation" schon etwas getroffen, denn das ist sie beim besten Willen längst nicht mehr... Mir ist, als jungem Wissenschaftler, durchaus bewußt, was ich riskiere, wenn ich mit der Behauptung einer Religion-Reproduktion-Korrelation "raus gehe" - und ich tue das, weil sich die Daten als sehr stabil und stärker als erwartet erwiesen haben, in der Hoffnung, auch andere auf das Thema und seine Chancen aufmerksam zu machen.
Schon unsere Diskussion hier zeigt m.E. auf, dass kein Mensch und auch keine Disziplin das Rätsel alleine knacken kann. Schon die Religionspsychologie alleine, hier stimme ich Herrn Wolf-Kittel ausdrücklich zu, ist ein Riesenthema - und die Frage der "Paläopsychologie" wäre ein noch größeres. Hier ist eine Menge ernsthafter, interdisziplinärer Arbeit zu leisten.
Das gleiche gilt für die Primatologie - im ersten Entwurf dieses Wissenslogs-Beitrags hatte ich noch die Überschrift "Wenn der Religionswissenschaftler mit dem Primatologen..." erwogen, um genau diesen vielleicht auf den ersten Blick verblüffenden Strang religionsbiologischer Zusammenarbeit aufzuzeigen. In der Tat sind Primatologen für unser Thema wichtige Ansprechpartner. So habe ich über meinen Blog extra auch einen Artikel zur sexuellen Selektion von Andreas Paul eingestellt, eines deutschen Primatologen, den ich auf der Biology of Belief-Tagung kennenlernen durfte.
http://religionswissenschaft.twoday.net/...376844/
Zur Genetik hatte ich vor allem auf die Zwillingsstudien hingewiesen, die auf eine "normale", auf jeden Fall aber polygene Vererbbarkeit auch religiöser Veranlagungen hindeuten. Ein Paper von König & Bouchard dazu hier:
http://religionswissenschaft.twoday.net/...347367/
Und schließlich wären neben den kognitionspsychologischen auch die erkenntnistheoretischen Fragen zu beantworten, wie sie Herr Roosen mit dem "Homo Causalis" eingeworfen hat usw.
Und genau diese Vernetzung auf Basis harter Daten und Beobachtungen erlebe ich derzeit v.a. auf internationaler Ebene - siehe hier: http://evolution.binghamton.edu/...y_scholars.html
Und so etwas würde ich mir auch unter deutschsprachigen Forschern wünschen, da ich glaube, dass wir in Deutschland, Österreich und der Schweiz eigentlich auch hervorragende Leute haben, die eigenständiges beitragen könnten.
Gäbe es denn soviel spannendere Themen zwischen den Geistes- und Naturwissenschaften als die Evolutionsbiologie der Religion? Wenn unsere Disziplinen (und Medien) sich endlich mutiger vernetzen würden, wäre da m.E. voneinander und miteinander viel zu entdecken. Ermutigt von Lars, wollte und will ich genau hierfür werben: weniger wilde Spekulation, sondern endlich seriöse, empirische, interdisziplinäre Forschung zur Evolution der Religion!
Mit herzlichen Grüßen
Michael Blume
Lieber Herr Blume, herzlichen Dank für die Links. Sagen Sie, wo kann ich die Arbeit finden, nach der wir "geborene Theisten" sind?
Lieber Herr Blume, ich hatte doch bereits zugestanden, dass ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zur Evolution der Religion keineswegs auf "bloßen Spekulationen" beruhen muss und dass ich mich einer entsprechenden Arbeitsgruppe sogar gerne anschließen würde.
Es ist daher überhaupt nicht nötig, mich wieder und wieder darauf hinzuweisen, dass die in diesem Feld arbeitenden Wissenschaftler durchaus seriöse Forschung betreiben. Ich bezweifle dies nicht im geringsten.
Worauf ich hinweise ist doch nur, dass die Forscher, die sich mit der Evolution der Religion beschäftigen, in zwei Lager geteilt sind - in diejenigen, die die Religiosität als ein bloßes Nebenprodukt der Evolution betrachten, und denjenigen, die die Religiosität für eine echte Anpassung halten. Und als Vertreter des ersten Lagers stelle ich Ihnen als Vertreter des zweiten Lagers nur eine einzige Frage: Worin könnten die Überlebens-und Fortpflanzungvorteile von "animistischen" gegenüber "naturalistischen" Menschen bestehen?
Lieber Herr Dahl,
obwohl ich auch eher Ihrem Standpunkt (der Religion als Nebenprodukt) zuneige, hatte ich gehofft, mit meinem Beitrag durchaus einen direkt evolutionsbiologischen Vorteil aufgezeigt zu haben.
Ich möchte daher Ihre Frage "Und als Vertreter des ersten Lagers stelle ich Ihnen als Vertreter des zweiten Lagers nur eine einzige Frage: Worin könnten die Überlebens-und Fortpflanzungvorteile von "animistischen" gegenüber "naturalistischen" Menschen bestehen?" noch einmal aus meiner Sicht aufgreifen.
Wenn meine Prämisse des Homo Causalis (als wesentliche Triebkraft der Nischenbesetzung im gesamtbiologischen Kontext) nicht ganz falsch ist, führt meine obige Argumentation aus dem Nebeneffekt der notgedrungenen Annahme eines höheren Wesens zur Welterklärung durch dessen soziologischen Einfluss auf die Handlungen des Einzelnen, der sich damit unterstützt wähnt, zu einer besseren Fitness hinsichtlich seiner Reproduktion. Diese Fitness erwächst nicht aus unmittelbarer "physischer" Verbesserung der Individuen, sondern aus einem geänderten Verhalten *aufgrund* einer physiologisch (großes Gehirn) bedingten anderen Weltsicht.
So kann möglicherweise aus einem Nebeneffekt ein unmittelbar populationstechnisch wirksamer Haupteffekt werden.
Lieber Herr Roosen, so wie ich es sehe, vertreten Sie mit Ihrem Ansatz immer noch die Theorie der Religion als Beiprodukt der Evolution. Unser Gehirn ist von der natürlichen Selektion dazu geformt worden, kausal zu denken, weil das Verstehen des Zusammenhangs von Ursache und Wirkung überlebenswichtig ist. Da wir dieses kausale Denken nicht ablegen können, wenden wir es intuitiv auch auf das Universum an und fragen: "Woher kommt diese Welt eigentlich? Da alles eine Ursache hat, muss auch diese Welt eine Ursache haben. Diese Ursache kann nur Gott sein." Nach diesem Ansatz ist die Religion offenbar ein Nebenprodukt unseres kausalen Denkens.
Der Schritt, den Sie vom Glauben an Gott zum Verhalten der Menschen machen, scheint mir etwas übereilt. Unser kausales Denken führt uns zunächst einmal nur zu einer "ersten Ursache", nicht aber schon zum "lieben Gott", der sich um das Wohl und Wehe seiner Geschöpfe kümmert und ihnen Weisungen für das Leben auf Erden gibt. Diese erste Ursache könnte beispielsweise in dem unpersönlichen Gott der Deisten bestehen, an den Voltaire, Jefferson und möglicherweise auch Einstein geglaubt haben - ein Gott, der diese Welt geschaffen hat, sich um seine Geschöpfe aber in keiner Weise kümmert.
Vom Deismus zum Theismus ist es noch ein langer Weg.
Um der Klarheit willen hätte ich der folgenden Bemerkung noch einen kurzen Satz hinzufügen sollen:
Nach diesem Ansatz ist die Religion offenbar ein Nebenprodukt unseres kausalen Denkens. NICHT DER GLAUBE AN GOTT IST ADAPTIV UND UNS IN DIE WIEGE GELEGT, SONDERN DAS KAUSALE DENKEN IST ADAPTIV UND UNS IN DIE WIEGE GELEGT.
Lieber Herr Dahl,
mein Ruf nach mehr interdisziplinärer Vernetzung galt nicht mehr primär Ihnen - denn die Bereitschaft dazu haben Sie in unserer Diskussion nicht nur geäußert, sondern auch demonstriert! Ich hoffe auf weitere Meldungen! (-;
Ernsthaft: Ihre Frage nach einem Bering-Artikel inklusive "intuitivem Theismus" und nach meiner Antwort auf den Reproduktionsvorteil einer "animistischen" versus einer "naturalistischen" Kosmologie finden Sie in diesem Bering-Artikel beantwortet:
http://www.qub.ac.uk/.../Filetoupload,37940,en.pdf
Denn wir kamen -ohne uns vorher gekannt oder auch nur gelesen zu haben- je von der experimentellen Psychologie wie von der empirischen Religionswissenschaft auf nahezu identische Schlussfolgerungen: dass der Vorteil "animistischen" gegenüber "naturalistischen" Glaubens darin liegt, dass "belebte" Akteure Weisungen durchsetzen und damit Kooperationsdilemmas auflösen können.
Bei meinen Arbeiten war/ist das eben auch auf die Reproduktion bezogen: Naturalistische Evolutionstheoretiker wissen zwar, dass Reproduktionserfolg "der" Fitnessindikator ist, lassen sich aber von Naturgesetzen keine persönliche Lebensführung vorschreiben. Der Glaubende, der von Gott (oder einem Ahnen) "Sei fruchtbar und mehre Dich!" gesagt bekommt, unter Umständen schon. Andere Gebote (Kein Sex außerhalb der Ehe, Meidet Verhütung und Abtreibung etc.) hatten wir ja schon diskutiert. Empirisch wird sich das in höheren Reproduktionsraten der Religiösen niederschlagen - wie inzwischen empirisch reichlich belegt.
Und weiter: der "Animist", der z.B. im Angesicht der Ahnen oder Gottes seinen Eheschwur geleistet hat, wird häufiger (schon aus Verehrung oder auch Angst vor den transzendenten Zeugen) geneigt sein, diesen dann auch einzuhalten als derjenige, der ihn "nur rational" betrachtet. Die Scheidungs- und Alleinerziehendenrate sollte sich also zwischen Religiösen und Konfessionslosen zugunsten der ersteren unterscheiden - was wiederum empirisch nachweisbar der Fall ist.
Im Umkehrschluss werden übrigens auch religiöse Ehepartner in der sexuellen Selektion bevorzugt sein, da sie ebenjene Loyalität signalisieren. Und wiederum: empirisch beobacht- und belegbar.
Religion mag also als Nebenprodukt entstanden sein, soweit ich sehen kann, ist sie heute hoch adaptiv. Vertreter der Epiphänomen-These müssten m.E. erst einmal die aktuellen Reproduktionsdaten tapfer ignorieren oder irgendwie wegerklären, dann auch noch eine Erklärung für die dynamische Zunahme religiösen Verhaltens in den letzten Jahrzehntausenden finden und schließlich diese auch noch auf der Basis steigender Kosten (durch ein "unnützes" Verhaltensmerkmal) begründen...
Annahmen der Maladaptivität oder auch der Epiphänomenalität von Religion scheinen mir daher von der Datenlage her kaum mehr haltbar zu sein.
Mit freundlichen Grüßen
Michael Blume
Lieber Herr Blume, tausend Dank für den Link! Der Text, den ich meinte, war allerdings Deborah Kelemen's Aritekel "Are Children Intuitive Theists?", Psychological Science 15 (5): 295-301, 2004. Haben Sie davon zufällig eine PDF-Datei?
Nochmals vielen Dank und einen guten Rutsch!
Mir erscheint es hilfreich, die Bezeichnungen Religiosität und Religion wie folgt zu unterscheiden und damit auseinander zu halten:
- Dem vielleicht weitest verbreitetem Verständnis nach liegt es nahe, unter einer "Religion" in erster Linie oder sogar (wozu ich aus bestimmten Gründen tendiere) ausschließlich ein Gesamt von (a) Überzeugungen zu verstehen, die (b) auf Vorstellungen oder Annahmen von entweder irrealen oder außer-, nicht- oder überweltlich vorgestellten "Wesen" beruhen (Geistwesen jeglicher Art, angefangen bei Naturgeistern bis hin zu Engeln, Teufeln und Dämonen sowie Göttern aller Art und Anzahl) und die (c) sprachlich zu einem "Glauben" genannten System von Vorstellungen, Ansichten, Meinungen sowie Überzeugungen und dazu gehörenden Handlungs- und Verhaltensanweisungen zusammengefasst sind. (Die möglichen Einwände gegen diesen Vorschlag sind mir bewusst; ihre Diskussion ist hier aber weder sinnvoll noch möglich.)
- Als "Religiosität" könnte dem entsprechend die psychische Bereitschaft oder "Disposition" definiert werden, auf - unsinnliche... - Vorstellungen von Wesenheiten der genannten Art, insbesondere auf solche "transzendenter" Art reflexhaft oder willentlich auf genau dieselbe Art und Weise zu reagieren wie auf sinnlich vermittelte ("sinnvolle") Erlebnisse und Erfahrungen mit Lebewesen aus der realen Umwelt und anderen Naturerscheinungen.
Diese Bestimmungen erlauben eine differenzierte und psychologisch recht genaue Systematik oder Typologie von Menschen im Hinblick auf ihre Haltung gegenüber allen Phänomenen, die als religiös angesehen werden. (Es ist nämlich durchaus möglich, den religiösen Charakter sämtlicher als religiös angesehener Phänomene mit psychologisch guten Gründen zu bestreiten; denn sämtliche, in der Tat alle sog. religiösen Phänomene sind nach meinen Kenntnissen psychologisch auch anders darstellbar.)
Die vorgestellte Unterscheidung legt darüber hinaus und in guter Übereinstimmung mit religionshistorischen Fakten nahe, dass Religiosität konkretem "Glauben" historisch vorangegangen sein dürfte; denn ein religiöses System entwickelt nur, wem ein "religiöses" Erleben schon zuvor von wie immer entstandener Bedeutung und Wichtigkeit ist.
Meine Unterscheidung erlaubt es weiterhin auch, folgende historisch kniffelige Frage besser einzukreisen und vor allem sachgemäß zu diskutieren: wie kann "Religiosität" vor Entwicklung spezifischer Religionen überhaupt entstanden sein?
Bislang besteht m.W. nur darüber Konsens, dass dies irgendetwas mit dem Umgang früher Menschen mit Sterbenden und Verstorbenen zu tun hat oder haben muss. Unklar und historisch grundsätzlich auch nicht aufzuweisen, damit aber auch nicht direkt zu beweisen, sondern allenfalls psychologisch plausibel zu machen ist lediglich, wie es im Zusammenhang mit dem Erleben von Sterben und Tod zu Vorstellungen von einer Art gekommen ist, die wir heute als "religiös" ansehen oder zumindest so bezeichnen und klassifizieren.
Eine Diskussion dieser Frage erfordert ein genaueres Wissen von der Natur und Eigenart von Vorstellungen und damit zweierlei:
- 1. eine genaue Sach- und Begriffsbestimmung, zu der nach meiner Kenntnis (und fachlichen Einschätzung: gute) Vorarbeiten von Colin McGinn (in "Das innere Auge" 2007) und Dirk Hartmann (in "Philosophische Grundlagen der Psychologie" 1998) vorliegen, und
- 2. eine hinreichend genaue Kenntnis von Entwicklungspsychologie und psychologischen Eigenheiten unserer Fähigkeit Vorstellungen zu "bilden".
(Anders ausgedrückt: etwas zu imaginieren oder uns "innere Bilder" zu machen. NBI: Hiervor wird im "Ersten Gebot" Moses' bekanntlich abgeraten, und zwar so dringend, dass deswegen genauer von einem Bilder-Verbot gesprochen werden muss. Es wird nach meinen Erfahrungen jedoch kaum je auch nur erwähnt, geschweige denn beachtet und noch weniger befolgt. NBII: Es gibt eine Beziehung dieses Bilderverbots zur Paradieserzählung im 1. Buch Moses, die erkennbar wird, wenn sie strikt symbolisch gedeutet wird. "Ins Auge springt" dagegen die Verbindung des Bilderverbots mit der alttestamentarischen Verfluchung des Götzendienstes in "Buch der Weisheit" 14,12ff mit Angaben, deren hohe Bedeutung religionspsychologisch und vor allem religionshistorisch noch kaum erkannt und noch weniger ausgeschöpft worden zu sein scheint, allerdings mit Nachstehendem in bemerkenswerter Übereinstimmung steht.)
Nach den Überlegungen des verstorbenen Princeton-Psychologen Julian Jaynes (in "Der Ursprung des Bewusstseins" 1976, dt. 1988/93 ) führt eine einfache Tatsache zum Verständnis des Ursprungs von Religiosität: irgendwann müssen frühe Menschen angefangen haben, sich in der Weise zu "erinnern", und zwar so, wie auch wir dies können: indem wir in unserem Innern, genauer im Kopf "an" Erlebtes denken, sei es weil es uns spontan "einfällt" oder "kommt", oder weil wir es uns gezielt wieder ausmalen. Nach Jaynes waren die ersten Elemente von dem, was sich in zig Jahrzehntausenden dann langsam zu dem entwickelt hat, was wir als religiöse Phänomene kennen, "schatten"-hafte Spontanerinnerungen an Tote. Und Erinnerungen sind nichts anderes als - Vorstellungen!
Aus all dem ergibt sich die hochinteressante und evolutionär m.W. bisher nur von Julian Jaynes diskutierten Frage, welchen evolutionären "Nutzen" der Umstand hatte, dass irgendwann in der Anthropogenese die Fähigkeit, sich etwas vorstellen zu können, bei prähistorischen Menschen genügend ausgeprägt war, so dass spontan auftretende Erinnerungen an Tote für sie neben allen übrigen, durch Sinnesorgane vermittelten Wahrnehmungen deutlich bemerkbar, also ihrerseits eindrücklich wahrnehmbar, somit erlebbar und dadurch erstmals bewusstseinsfähig wurden. Es liegt nahe anzunehmen, dass es hier eine Beziehung zur archäologisch gesicherten Totenbestattung seit zweihunderttausend Jahren geben muss.
Der lange historische Abstand bis zum Auftreten andersartiger und religiös spezifischerer Phänomene ist für evolutionäre Überlegungen m.E. eine Herausforderung besonderer Art. Die Frage nach dem evolutionärem Nutzwert uns bekannter religiöser Phänomene (insb. bei den historisch gesehen geradezu extrem jungen Hochreligionen) erscheint mir vor diesem Hintergrund nachgerade zweitrangig; denn es stellt sich die weitaus wichtigere Frage, welchen evolutionären Nutzen persönliche Erinnerungen an Tote haben können und hatten, aus der sich nach und nach als erstes offenbar die Ahnenverehrung entwickelt hat, die zudem von einer anthropologisch derart zentralen Wichtigkeit ist, dass sie bei naturnah lebenden "Naturvölkern" bis heute üblich und meinem Eindruck nach in verschiedensten Abwandlungen auch in allen übrigen religiösen Systemen enthalten ist.
Julian Jaynes hat in seinem Werk in mir psychologisch plausibel erscheinende Überlegungen eine Antwort nahegelegt, die nicht gerade religiös erscheint, außer für solche Gläubige, nach deren Vorstellung schlicht alles, was existiert, ein Werk Gottes ist. so dass umgekehrt die Existenz der Welt die "Existenz" ihres Gottes geradezu beweist. Jaynes' Erklärung ist bescheidener: danach haben individuelle Erinnerungen an Tote schlicht den sozialen Zusammenhalt prähistorischer Menschen auf eine völlig neue und damit besondere Weise, nämlich nicht nur biologisch-genetisch, sondern auch noch über die neurophysiologische Fähigkeit individuellen Lernens vertieft und gefestigt. Dies ist eine Antwort, die nicht nur wie vorhin schon erwähnt verblüffend gut zu den Angaben in BdW14,12ff passt, sie sogar ergänzende und erweiternd; die psychologischen Thesen Julian Jaynes' passen auch auch zu ganz aktuellen naturwissenschaftlichen Forschungsergebnissen, wie sie der Freiburger Psychosomatikers Joachim Bauer genau dreißig Jahre nach dem Erscheinen des Buches von Jaynes 2006 in seinem geradezu programmatischen Buch "Prinzip Menschlichkeit" dargelegt hat.
"Jaynes' Erklärung ist bescheidener: danach haben individuelle Erinnerungen an Tote schlicht den sozialen Zusammenhalt prähistorischer Menschen auf eine völlig neue und damit besondere Weise, nämlich nicht nur biologisch-genetisch, sondern auch noch über die neurophysiologische Fähigkeit individuellen Lernens vertieft und gefestigt."
Ich weiß nicht, ob es das gestrige Glas Champagner war, doch ich verstehe einfach nicht, worin die große religionsstiftende Bedeutung der "individuellen Erinnerung an Tote" bestehen soll. Unsere Vorfahren waren dem Tod noch stärker ausgesetzt als wir. Sie werden ihre Eltern, ihre Gefährten und ihre Kinder sterben sehen und sich vermutlich zeitlebens an sie erinnert haben. In meinen Augen mag der Tod sehr wohl Anlass zu metaphysischen Spekulationen gegeben haben. Doch weshalb sollte man von der "individuellen Erinnerung an Tote" so großes Aufhebens machen?
Angenommen, unsere Vofahren hatten Mühe, den Tod zu verstehen. Sie konnten oder wollten einfach nicht glauben, dass die Menschen, die sie liebten und eben noch lebten, plötzlich tot und für immer gegangen sein sollten. Dies wäre sicher nur zu verständlich. Nehmen wir weiter an, dass sie, um sich über den Verlust ihrer Lieben hinwegzutrösten, annahmen, dass die Seelen der Toten in einem Schattenreich weiterleben. - All dies ist psychologisch verständlich und erfordert keinerlei biologische Erklärung. Der Glaube an eine unsterbliche Seele ist einfach ein Produkt ihres Gehirns, das sie vor die Frage stellte, was es mit dem Tod auf sich hat. Selbst wenn wir annehmen, dass der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele eine genetische Grundlage hat, sehe ich nicht, inwieweit denjenigen, die diese Vorstellung teilten, daraus irgendwelche Überlebens- oder Fortpflanzungsvorteile erwachsen sollten. Schließlich impliziert der Glaube, dass die Verstorbenen noch irgendwo herumgeistern, noch keinerlei Handlungsanweisungen, die adaptiv sind.
Meine Bitte hat sich schon erledigt - den erbetenen Text findet man unter:
http://www.bu.edu/...ations/Intuitive%20Theist.pdf
Frohes Neues Jahr allerseits!
"Religion mag also als Nebenprodukt entstanden sein, soweit ich sehen kann, ist sie heute hoch adaptiv."
Dies ist eine reichlich verwirrende Bemerkung: Sind Sie nun Adaptionist oder Epiphänomenalist?
"Vertreter der Epiphänomen-These müssten m.E. erst einmal die aktuellen Reproduktionsdaten tapfer ignorieren."
Das sehe ich nicht. Wir können sehr wohl anerkennen, dass religiöse Menschen durch die Einhaltung bestimmter Gebote und Verbote mehr Kinder haben als areligiöse Menschen und dennoch daran festhalten, dass die Religion nur ein Nebenprodukt ist.
Ein Beispiel, das mich tief beeindruckt hat, ist das "Post-Partum Koitus-Tabu" der Kalahari-Buschleute, das von den Frauen verlangt, sich nach der Geburt eines Kindes für vier Jahre des Geschlechtsverkehrs zu enthalten. Das Tabu ist in der Tat adaptiv, weil es den Frauen zu mehr überlebensfähigen Kindern verhilft. Wenn sie schon ein oder zwei Jahre nach der Geburt ihres ersten Kindes eine zweites bekämen, würden beide Kinder unter Unterernährung sterben. Die spärlichen Ressourcen, über die die Kalahari-Buschleute verfügen, erlauben es den Frauen einfach nicht, zwei Kleinkinder gleichzeitig aufzuziehen. Erst wenn das eine Kind entwöhnt ist, darf ein nächstes Kind zur Welt gebracht werden.
Dieses Beispiel zeigt, dass religiöse Regeln adaptiv sein können, beweist aber nicht im geringsten, dass die Religiosität selbst adaptiv ist.
Ähnlich wie das Inzest-Tabu kann sich das Koitus-Tabu auf natürlichem Wege herausgebildet haben. Die Menschen haben einfach aus der Erfahrung gelernt, dass inzestuös gezeugte Kinder weit häufiger Fehlbildungen aufweisen und den Inzest entsprechend verboten. Nachdem - auf welche Weise auch immer - Religionen entstanden sind, hat man das Inzest-Tabu zusätzlich religiös sanktioniert, um ihm eine größere Autorität zu verleihen.
Das Inzest-Tabu mag natürlich auch eine genetische Grundlage haben. Offenbar haben wir tatsächlich, wie Westermarck vermutete, eine angeborene "Inzest-Scheu". Diese Inzest-Scheu mag auf einem genetischen Programm beruhen, das uns gegenüber denjenigen, "mit denen wir auf demselben Topf gesessen" haben, sexuell indifferent sein lässt. Aber auch in diesem Fall hätte es nichts mit Religion zu tun.
"Der Vorteil 'animistischen' gegenüber 'naturalistischen' Glaubens liegt darin, dass 'belebte' Akteure Weisungen durchsetzen und damit Kooperationsdilemmas auflösen können."
Ich glaube, was Epiphänomenalisten von Adaptionisten unterscheidet, ist, dass sie "Ockhams Rasiermesser" respektieren und von zwei Theorien, die ein Phänomen gleichermaßen gut erklären, jeweils der einfacheren den Vorzug geben.
Dies gilt, denke ich, auch für die Kooperation. Nicht erst Menschen, sondern bereits viele Tiere wissen zwischen zuverlässigen und unzuverlässigen Kooperationspartnern zu unterscheiden. Sie gründen ihre Entscheidung, ob sie mit jemanden kooperieren, auf ihre eigenen Beobachtungen oder die Beobachtungen anderer. Wenn jemand in der Vergangenheit seine Versprechen gehalten und jeden ihm erwiesenen Gefallen erwidert hat, ist er ein vertrauenswürdiger Kooperationspartner. Dass ein zuverlässiger Kooperationspartner seine Versprechen mit einem zusätzlichen Gelöbnis wie "Ich schwöre bei Gott" versieht, ist überhaupt nicht nötig.
Voltaire hat einmal sehr schön beschrieben, wie zu der Zeit, da in Frankreich und Deutschland die Religionskriege tobten, in Holland Menschen verschiedener Religionen miteinander handelten. Auf dem "Markt" war es vollkommen gleichgültig, ob jemand Christ, Muslim, Jude, Buddhist, Agnostiker oder Atheist war - das einzige, was zählte, war, dass sie alle von dem gemeinsamen Handel profitierten.