Glaube und Zölibat: bio-logisch erfolgreich?
Heute überlasse ich - passend zur religiös geprägten Saison - dem Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume das Podium. Michael Blume beschäftigt sich unter anderem mit den biologischen Ursprüngen und Mechanismen der Religiosität; 2005 promovierte er in Tübingen über das Verhältnis von Neurowissenschaften und Religionswissenschaft.
An der Uni Heidelberg veranstaltet er in diesem Semester das Seminar "Religionswissenschaftliche Präsentationen zur Evolution der Religion", an dem ich auch mitwirke. Kennengelernt habe ich ihn vor einer Weile über sein Religionswissenschafts-Blog, in dem er regelmäßig über derartige Themen schreibt. Heute berichtet er hier bei Abgefischt über mögliche biologische Grundlagen des Zölibats. Viel Spaß!
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Glaube und Zölibat: bio-logisch erfolgreich?
Edward O. Wilson, einer der bedeutendsten Biologen unserer Zeit, stellte in seinem mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Buch On human Nature von 1978 fest: "Religion stellt die größte Herausforderung für die Soziobiologie des Menschen dar und ihre aufregendste Gelegenheit, als eine wirklich originale theoretische Disziplin fort zu schreiten." (S. 178, Übers. aus dem Englischen)
Inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass Wilsons Traum in Erfüllung gehen könnte. In spezialisierten Netzwerken wie den Evolutionary Religious Studies wirken längst nicht nur Forscher verschiedenster Nationen, sondern vor allem auch unterschiedlichster Disziplinen mit. Dabei treffen Evolutionsbiologen, Anthropologen, Ethnologen, Psychologen, Neuromediziner, Soziologen, Ökonomen, Theologen, Philosophen und (vergleichende) Religionswissenschaftler nicht nur auf immer mehr Tagungen aufeinander, sondern nutzen auch das Internet, um in einer früher undenkbaren Geschwindigkeit und Tiefe empirische Daten und Thesen auszutauschen.
Dabei verdichten sich die Befunde von der Zwillingsforschung über die Neurowissenschaften bis hin zur Religionswissenschaft zu einem wachsenden Konsens, der gerade in seiner Selbstverständlichkeit verblüfft: Religiöse Veranlagungen scheinen völlig entsprechend zu etwa sprachbezogenen oder musikalischen, genetisch veranlagten Fähigkeiten mit hoher, kultureller Plastizität über Fitnessvorteile evolviert zu sein - und wohl auch weiter zu evolvieren. Eine schnell wachsende Zahl von Studien und auch psychologischen Experimenten belegt eine gesteigerte Kooperationsbereitschaft zwischen Religiösen sowie die Abwehr von Trittbrettfahrern und Assimilation durch kostspielige Verpflichtungen und Rituale.
Sogar die sprichwörtliche „Gretchenfrage“ (Gretchen an Faust: „Wie hälst Du’s mit der Religion?“) kommt inzwischen zu empirischen Ehren: Kostspielige Religiosität scheint tatsächlich als ein Indikator für Partnertreue und damit förderliches Merkmal sexueller Selektion zu wirken - und geht tatsächlich mit geringeren Raten etwa an Scheidungen und Alleinerziehenden in Religionsgemeinschaften einher. Also genau das, was Goethes Mephistopheles (in Kapitel 16) im spöttischen Kommentar zu Gretchens Frage vermutete:„Die Mädels sind doch sehr interessiert, ob einer fromm und schlicht nach altem Brauch. Sie denken: duckt er da, folgt er uns eben auch.“
Zumindest kann es nach Auswertung sowohl nationaler wie internationaler Daten und vor allem auch der Schweizer Volkszählungen 1970, 80, 90 und 2000 (die jeweils als Vollerhebungen durchgeführt wurden) praktisch keinen statistischen Zweifel mehr geben, dass religiös vergemeinschaftete Menschen weltweit durchschnittlich deutlich mehr Kinder haben als ihre konfessionslosen Zeitgenossen auch je der gleichen Einkommens- und Bildungsschicht.Ja, entgegen auch unseren frühen Erwartungen nimmt der reproduktive Abstand mit steigenden Freiheits-, Wohlstands- und Bildungsniveaus sogar zu! Denn während Menschen in klassischen Agrarwirtschaften kaum Alternativen zu einer hohen Kinderzahl als Arbeitskräfte und Altersversorgung hatten, werden Kinder in modernen Marktgesellschaften zu sehr kostenträchtigen Wertentscheidungen.
So blüht beispielsweise der Kreationismus in den USA nicht etwa, weil er haltbare, wissenschaftliche Argumente hätte - sondern weil tiefreligiöse Christen, Juden und Muslime durchschnittlich erheblich mehr Kinder bekommen und erziehen als die Befürworter des darwinistischen Naturalismus. Die Ironie in diesem Befund harrt noch der Aufarbeitung…
Sogar Zölibat…
Überraschenderweise lässt sich inzwischen sogar die religionshistorische Entstehung des Zölibats über Fitnessvorteile der Verwandtenselektion neu entschlüsseln. Diese ist an sich unumstritten: keinen Biologen wundert es, dass auch Menschen dazu tendieren, mit nahen Verwandten intensiver zu kooperieren und sich gegebenenfalls sogar für sie zu opfern, tragen sie doch eng verwandte Gensequenzen.
Aber genau das wird in klassischen Agrarwirtschaften zum Problem: weil die meisten schon aus ökonomischen Erwägungen (Arbeitskräfte, Altersversorgung, Schutz) viele Kinder anstreben, entstehen vor Ort expandierende Familienclans, in ständiger Verflechtung und Spannung auch um knappe Ressourcen (z.B. Land). Jeder lokale, religiöse Funktionär ist hier sofort dem (manchmal zutreffenden) Verdacht ausgeliefert, doch nur die eigene Familie nepotistisch zu begünstigen.
So erging es z.B. auch Jesus, der „kam in seine Vaterstadt und lehrte sie in ihrer Synagoge, so daß sie sich entsetzten und fragten: Woher hat dieser solche Weisheit und solche Taten? Ist er nicht der Sohn des Zimmermanns? Heißt nicht seine Mutter Maria, und seine Brüder Jakobus und Josef und Simon und Judas? Und seine Schwestern, sind sie nicht alle bei uns? Woher kommt ihm denn das alles? Und sie ärgerten sich an ihm. Jesus aber sprach zu ihnen: Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland und in seinem Hause. Und er tat dort nicht viele Zeichen wegen ihres Unglaubens.“ (Mt. 13,55-58)
Gibt es eine Lösung für dieses Dilemma? Ja, der Austausch von Zölibatären. Religiöse Institutionen könnten anregen, dass Clans aus ihrem jeweiligen Geburten- und Erbenüberschuss einige wenige Akteure „spenden“, die (ohne eigene Familien zu gründen) anderswo Dienst tun - und dafür umgekehrt auch selbst Zölibatäre zugeteilt bekommen. Der einzelne Zölibatäre würde damit in der Fremde sehr viel religiös glaubwürdiger Ehebünde segnen und überwachen, Familienwerte predigen, Streit schlichten, Arme und Kranke versorgen, Kinder unterweisen, antisoziales Verhalten ahnden und andere Fitness-relevante Tätigkeiten ausüben können - und dürfte Gott, Mutter Kirche oder dem Sangha vertrauend zudem davon ausgehen, dass auch die eigene Herkunftsgruppe entsprechend Fitness-fördernd betreut würde. Hier läge also eine clevere Form indirekter Verwandtenselektion vor! (Siehe Schaubild)
Und auch diese These lässt sich empirisch testen. So müssten wir einerseits davon ausgehen, dass die Inhaber zölibatärer Rollen zur Sexualität klar Stellung beziehen: Sie müssten zur Unterstreichung ihrer eigenen Glaubwürdigkeit insbesondere in klassischen Agrargesellschaften ihre eigene Abstinenz sowohl gegenüber hetero- wie homosexuellen „Versuchungen“ unterstreichen (diese also strikt verdammen) und sie müssten vor allem, im Kontrast zur eigenen Kinderlosigkeit, für eine möglichst hohe Fertilität der nichtzölibatären Laien eintreten. Dies lässt sich im Christentum, aber auch etwa in Hinduismus, Buddhismus und Jainismus sowohl historisch wie zeitgenössisch-vergleichend reichlich beobachten.
Daneben müsste die Akzeptanz des Zölibats milieuabhängig sein: in klassischen Agrargesellschaften mit Geburtenüberschüssen müsste eine sehr viel höhere Akzeptanz zölibatärer Rollen beobachtbar sein als in Marktgesellschaften mit niedrigen Geburtenraten. Dies ist nicht nur im Vergleich christlicher Länder (z.B. Afrikas und Europas) sondern ebenso in buddhistischen Gesellschaften (z.B. Birma und Japan) eindeutig der Fall. Auf die zunehmend datengestützte Präsentation dieser und unzähliger weiterer Thesen zu religiösen Phänomenen dürfen wir uns also in naher Zukunft freuen.
Noch kaum andiskutiert ist dabei die Frage, wie sich die Erkenntnis, dass Religion als ein Teil menschlicher Natur biologisch beschreibbar wird sowohl auf das religiöse Selbstverständnis wie auf die naturalistische Religionskritik auswirken wird. Und gerade die deutsche Wissenslandschaft muss sich fragen, warum in den Netzwerken interdisziplinärer und internationaler Evolutionsforschung zur Religion bisher deutschsprachige Wissenschaftler sowohl natur- wie geisteswissenschaftlicher Disziplinen nur sehr vereinzelt vertreten sind bzw. warum wir immer noch kein einziges solches Netzwerk im deutschsprachigen Raum haben.
asdf
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Lieber Herr Dahl,
Ihren beiden Texten kann ich weitgehend zustimmen - mit einer kleinen Ergänzung.
Ich denke nicht, dass Religiosität nur die Staunen-Dimension umfasst, sondern dass In-Beziehung-treten mit den übernatürlichen Mächten und/oder Akteuren. Sowohl zu Religionen wie säkularen Weltanschauungen treten als Teil der Verehrung daher regelmäßig z.B. Rituale, mythologische Erzählungen u.ä.
Da das "Verehren" also schon regelmäßig das "Opfern" von Zeit, Energie und ggf. weiteren Gütern umfasst, darf es als Startpunkt betrachtet werden. Wir sind uns aber einig: adaptiv wird Religiosität (erst) dann, wenn daraus weitergehende Verhaltensnormen (kulturell) evolvieren. Daher stimme ich mit Ihnen auch darin überein, dass es keine Hinduismus- oder Katholizismus-Gene gibt, sondern plastische, religiöse Veranlagungen, die dann erst soziokulturell ausgeprägt werden. Genau in dieser Plastizität liegt ja auch ihr adaptiver Nutzen, es können sich z.B. auf neue Umweltbedingungen hin neue, religiöse Lehren entwickeln.
Auf genau dieser Spur -einschließlich der Vermutung eines reproduktiven Vorteils, reproductive advantage- war übrigens auch schon Friedrich August von Hayek. Nun haben wir aber natürlich auch Daten dazu und können (etwa mit spieltheoretischen Experimenten) die Mechanismen beobachten. Hayek schlug übrigens vor, religiöses Wissen als "symbolische Wahrheit" zu bezeichnen, da es zwar faktisch nicht überprüfbar, aber evolutionär regelmäßig erfolgreich sei. Ich wäre da ein Stück zurückhaltender und würde lieber nur von "symbolischem Wissen" sprechen, da es ja um (sich auch ständig veränderndes) Orientierungswissen handelt, wogegen "Wahrheiten" auch in den Hochreligionen immer wieder nur erfahren/erahnt, nicht aber wirklich abschließend kodifiziert werden können.
Zur Frage Religion als Schicksal - Ethik möchte ich noch einmal auf die Besonderheit des religiösen Glaubens hinweisen, der den adaptiven Vorteil ermöglicht. Denn einerseits stimmt es natürlich, dass ein Konfessionsloser, der sich z.B. Ehe und Familie ethisch verpflichtet fühlt, ebensoviel reproduktiven Erfolg erzielen kann wie sein religiöser Nachbar. Nur hat dieser den "Vorteil", dass sein Ehe- und Familienversprechen eben zusätzlich von geglaubten, übernatürlichen Akteuren beobachtet und ggf. belohnt oder bestraft wird. Das ändert einfach das spieltheoretische Setting (z.B. "Diesen Ehebruch wird schon keiner sehen..." - kann ein Religiöser nur unter Verleugnung seines Glaubens sagen), zumal die gemeinschaftliche Verehrung ja auch mit einer sozialen Kontrolle in der Gemeinde einhergehen. Und noch einmal: das ist nicht einfach nur vermutet, weder Sosis, Braessler noch wir haben auch nur eine säkulare, ethische Gruppe gefunden, die mehrere Generationen lang eine vergleichbar stabile Struktur mit hoher Reproduktivität aufgewiesen hätte.
Ob es Ahnen, Götter, Gott also im ontologischen Sinn gibt oder nicht - schon der "Glaube" an sie erweist sich in der Absicherung ethischer Verhaltensnormen als nachweisbar wirkungsvoll. Das ist eine biologische Funktion, die sich säkular bisher nicht dauerhaft substituieren ließ.
Mit herzlichen Grüßen
Michael Blume
...zu unserer Diskussion darf ich noch auf die unterschiedliche Performance sowohl säkularer (oft: sozialistischer) und orthodox-religiöser Kibbuz-Gemeinschaften verweisen.
Obwohl die orthodoxen Gründungen anfangs in der Minderheit waren, erwiesen sie sich als sowohl wirtschaftlich wie reproduktiv erfolgreicher. Während die meisten säkularen Kibbuzgründungen inzwischen eingegangen sind, floriert die religiöse Kibbuz-Szene.
Und liest man Vergleiche (auch etwa israelischer Forscher) über die Gründe für das unterschiedliche Abschneiden, so passen die Befunde haarscharf in unsere Diskussion: so wird einerseits die höhere Kinderzahl mit der orthodoxen Religiosität erklärt, aber auch der wirtschaftliche Erfolg mit dem gegenseitigen Vertrauen auf Basis sowohl sozialer Kontrolle und "zusätzlich" religiöser Observanz.
So verbrauchen z.B. religiöse Kibbuzniks pro Kopf durchschnittlich weniger Energie. Und das liegt nicht nur am Sabbat, sondern auch daran, dass jede Energieverschwendung "von Gott" sehr wohl registriert und also als Sünde gemieden wird, selbst wenn sie von keinem Menschen wahrgenommen wird. Hier entschärft der übernatürliche Akteur also das Allmende-Problem auf einem zusätzlichen Weg, wie es eine säkulare Ideologie ohne allwissende Beobachter nicht vermag.
Als hätten sie's gewußt, die Religionsstifter, wie sie mit Hilfe ihrer zölibatären Priester ihre Anhängerschar und damit ihren Machtbereich vergrößern. Sehr interessant!
Bevor ich auf Ihren heutigen Kommentar zu sprechen komme, kurz eine weitere Bemerkung zu der bereits angesprochenen Korrelation zwischen sozialem Status und reproduktivem Erfolg.
Ich habe mir gerade noch einmal einige Untersuchungen angesehen. Danach gleicht die gesellschaftliche Verteilung der Kinderzahl einer U-Form. Die meisten Kinder haben die reichsten Mitglieder der Gesellschaft, dann folgen die ärmsten und am Schluss folgt die Mittelschicht.
Susan Essock-Vitale von der University of California hat beispielsweise normalsterbliche Frauen mit den Frauen verglichen, deren Männer im FORBES-Magazin stehen, also den 400 reichsten Männern. Wie sich zeigte, hatten sie signifikant mehr Kinder als ihre normalsterblichen Geschlechtsgenossinnen.
In Deutschland hat Ulrich Mueller von der ZUMA in Mannheim die gleiche Untersuchung mit dem gleichen Resultat durchgeführt. Er hat sich dabei auf den WER IST WER, die Stammbäume des deutschen Hochadels ab 1800 und die westdeutsche Machtelite zwischen 1945 - 1989 gestützt.
Die für mich vielleicht interessanteste Untersuchung stammt von Daniel Perusse aus Montreal. Angesichts der Verfügbarkeit von Schwangerschaftsabbruch und Verhütung hat er nicht die geborenen Kinder, sondern einfach die Zahl der Ehen, Verhältnisse und Seitensprünge gezählt. Dabei entdeckte er, dass je höher der soziale Status deines Mannes, desto größer die Zahl an Frauen, mit denen sie geschlafen haben.
Soweit ich sehe, ist sozialer Status daher auch weit enger an reproduktivem Erfolg gekoppelt als religiöser Glaube. Auch wenn der Vergleich nicht ganz fair sein mag: Einem George Clooney werden sich immer mehr Frauen zu Füßen werfen als irgendeinem Mann von den Amish.
"Ich denke nicht, dass Religiosität nur die Staunen-Dimension umfasst, sondern das In-Beziehung-treten mit den übernatürlichen Mächten."
Im Anfang war das Staunen. Das Staunen wirft Fragen auf: Woher kommt diese Welt? Warum gibt es so viel Leid und Elend auf dieser Erde? Und: Was passiert eigentlich nach meinem Tode? Erst die Antworten auf diese Fragen sind entweder als religiös oder philosophisch zu bezeichnen.
Auf die Gefahr, mich zu wiederholen: Ich glaube, dass die Menschen ihr Staunen ihrem hochentwickelten Gehirn verdanken. Die existenziellen Fragen, mit denen sie sich plötzlich konfrontiert sahen, waren daher ein Nebenprodukt der Evolution unseres Gehirns. Damals wie heute suchen die Menschen sich einen Reim darauf zu machen, was es mit diesem Leben eigentlich auf sich habe. Entsprechend des Wissensstands fielen die damaligen Antworten offenbar etwas naiver aus als die heutigen.
Sie hatten zu Beginn unserer Unterhaltung gesagt, dass jedes genetische Merkmal von von Beginn an adaptiv sein muss, um sich von einem simplen zu einem komplexen System entwickeln zu können.
Ein Gen für Religiosität im Sinne eines Glaubens an übernatürliche Wesenheiten, kann aber, wie erwähnt, noch nicht adaptiv sein, weil der bloße Glaube an irgendeinen Schöpfer noch keinerlei reproduktive Vorteile mit sich zu bringen vermag. Selbst wenn die Menschen in einem zweiten Schritt dazu übergehen, nicht nur an einen Schöpfer zu glauben, sondern ihn sogar zu verehren, hat dies noch keinerlei biologische Konsequenzen, da das bloße Verehren noch keine reproduktiv relevanten Verhaltensweisen mit sich bringt. Ich verehre Richard Burton und ich vergöttere geradezu Sophia Loren, doch diese Form der Anbetung hat mich noch nie etwas gekostet und mir bedauerlicherweise auch noch nie etwas eingebracht. Es ist also ein dritter Schritt erforderlich: Der Glaube an einen Schöpfer, der ein persönliches Wesen ist, der mit mir in Beziehung tritt und mich dazu auffordert, bestimmte Dinge zu tun und andere zu unterlassen. Ist dies nach Ihrem ursprünglichen Ausgangspunkt nicht aber schon ein recht komplexes Glaubenssystem? Insofern es der dritte Schritt in der Entwicklung religiöser Glaubensvorstellungen zu sein scheint, müssen Sie zeigen können, dass bereits die beiden vorangegangenen Schritte biologische Vorteile mit sich brachten.
Zum Zusammenhang Status - reproduktiver Erfolg gäbe es viel zu schreiben. Zum Beispiel stellt sich die Situation für Frauen etwas anders dar als für Männer usw.
Allerdings sehe ich nicht, wie das mit unserem Thema hier zusammenhängt. Denn wie Sie z.B. in der ALLBUS-Umfrage sehen können, besteht die höhere Reproduktivität religiöser Menschen AUCH INNERHALB der jeweiligen sozialen Schicht. Die religiöse Arbeiterfamilie hat mehr Kinder als die säkulare Arbeiterfamilie, der religiöse Millionär mehr Kinder als der säkulare. Die Frage hier ist also doch nicht, ob Geld, Schönheit, Klugheit etc. "auch" einen Einfluss auf die Kinderzahl haben, sondern ob Religiosität einen eigenständigen Einfluss hat. Und das ist, nach allen Daten, die ich kenne, weltweit so der Fall.
Sehr schön finde ich daher auch das von Ihnen gewählte Beispiel: "Soweit ich sehe, ist sozialer Status daher auch weit enger an reproduktivem Erfolg gekoppelt als religiöser Glaube. Auch wenn der Vergleich nicht ganz fair sein mag: Einem George Clooney werden sich immer mehr Frauen zu Füßen werfen als irgendeinem Mann von den Amish."
Nun hat sich George Clooney neulich in einem Interview dazu geäußert, dass er nun einmal keine Kinder wünsche. Und genau das ist der Punkt: es kommt evolutionsbiologisch eben nicht primär darauf an, wie viele Sexualpartner sich "vor die Füße werfen", sondern wie viele Kinder daraus entstehen. Und dabei hängt die durchschnittliche Amish-Familie eben die gesammelten Hollywood-Schauspieler ab.
Ein Buch, dass das Thema übrigens recht breit behandelt, ist Eckart Volands neues "Die Natur des Menschen". Er behandelt kapitelweise differentielle Reproduktionsstrategien (z.B. bis in das Schwiegerelternverhältnis hinein), erkennt aber den massiven Reproduktionsvorteil durch religiöse Vergemeinschaftung an.
Also: ja, es gibt sehr viele Einflußfaktoren auf das Geburtenverhalten wie Status, Aussehen, ökonomische Umgebung (ein sehr wichtiger Faktor!) etc. Aber nach allen verfügbaren Daten weist hohe Religiosität ihren reproduktiven Vorteil eben auch unabhängig davon auf - und darin liegt ihre Adaptivität.
Sehr geehrte Frau Bauer,
herzlichen Dank für Ihren kurzen, aber präzisen und ermutigenden Kommentar!
Wir müssen nach derzeitigem Kenntnisstand nicht davon ausgehen, dass religiöse Akteure (auch Gründer oder Oberhäupter von Religionsgemeinschaften) bewusstes "Wissen" erfolgreicher Reproduktionsstrategien umsetzten. Vielmehr beobachten wir auf dem Feld der Religionen ein ständiges Entstehen von Neugründungen, -interpretationen und Absplitterungen, von denen es nur ein Bruchteil jemals auf eine relevante Größe bringt. Und auch von dieser kleinen Zahl von Gruppen wird wiederum nur ein Bruchteil historisch wirksam. Sowohl E.O. Wilson wie F.A. Hayek haben diese "kulturelle Auslese" beschrieben.
Anders formuliert: zur Weltreligion steigen nur Gemeinschaften auf, die (auch) reproduktiv erfolgreiche Strategien entwickeln. Das geschieht häufig auch über interne Vielfalt, die sich dann im Wettbewerb misst. So waren sowohl Buddhismus wie Christentum im Anfang keinesfalls so einheitlich familienorientiert, wie es uns z.B. Eva Herman weismachen möchte. In der historischen Realität gab (und gibt) es ganz unterschiedliche Ansätze und Familienmodelle - und immer wieder setzten und setzen sich jene durch, die (auch) durch hohe Kinderzahlen ihre Position durchsetzen konnten. Derzeit haben z.B. in der Schweiz die traditionalistischen Gemeinschaften der Neuapostolischen Kirchen und Zeugen Jehovas sehr viel weniger Kinder als z.B. Frei- und Pfingstkirchen mit hohen Anteilen auch arbeitender Mütter (aber alle haben weit mehr Kinder als Konfessionslose). Und prompt überaltern NAK und Zeugen Jehovas und verlieren damit auch missionarische Ausstrahlung: die NAK musste vor wenigen Wochen zwei Berliner Kirchen an Moscheevereine kaufen usw.
Der Clou der Religiosität (wie anderer biokulturellen Fähigkeiten wie z.B. Musikalität) besteht also gerade darin, dass sich aus der Vielfalt heraus immer wieder neue, erfolgreich an die jeweilige Umwelt angepasste Produkte herausbilden können, ohne dass es eines einzelnen "Intelligent Designer" dafür bräuchte. Evolution ist eine starke Theorie, ggf. noch viel stärker, als viele Wissenschaftler sich bislang träumen lassen.
Lieber Herr Dahl,
Sie haben völlig Recht: nach Ihrer These eines uranfänglichen "Staunens" wäre die Entwicklung adaptiver Vorteile und komplexer Glaubenssystme recht schwer zu erklären. Sie entspräche auch nicht den paläoanthropologischen Befunden: denn lange vor symbolischen Zeichnungen, Himmelsobservatorien etc. haben wir Befunde zunehmend komplexer Bestattungen.
Die US-Anthropologen Craig Palmer und Lyle Steadman haben schon vor längerer Zeit den Ansatz der "descendant leaving strategy" entwickelt: tendenziell wurden und werden jene Eltern ihre Gene erfolgreicher weitergeben, die ihren Nachkommen erfolgreiche Lebens- und Reproduktionsstrategien übermitteln.
Wie Craig & ich dann feststellten (und derzeit gemeinsam publizieren), passt das wunderbar zusammen: schon die Ahnung eines "Weiterlebens" der Eltern würde sich wiederum adaptiv auswirken, indem es die Verbindlichkeit der Weisungen erhöht.
Entsprechend haben wir
1. Anzeichen von Trauer und ggf. verarbeitendem Verhalten im Todesfall naher Angehöriger schon bei höheren Säugetieren wie Elefanten und einigen Affenarten
2. Bestattungen als erste belegbare Funde, die auf religiöses Verhalten verweisen
3. Belege aus der Kognitionspsychologie (v.a. Berings), wonach schon Menschenkinder eine "intuitive Theologie" des Weiterlebens Verstorbener vertreten, die ihnen dann erst teilweise "abtrainiert" wird.
4. Sowohl komplexe Bestattungsrituale wie auch ausgereifte Mythologien über das "wichtige Wissen der Vorfahren" wie auch über Tote, die aus den Gräbern kommen, um Verfehlungen zu rächen bzw. nicht eingehaltene Gelübde zu sühnen in praktisch allen Weltkulturelen (sog. Universalie).
Die Befunde deuten also eher darauf hin, dass am Anfang der Ahnenkult stand, der sich erst dann (mit auch steigender Bevölkerungsdichte) in abstraktere Formen kleidete. Das würde i.Ü. auch dazu passen, dass Religiöse ihre Götter gerne als Familienvorfahren ansprechen ("Vater!", "Mutter!") und auch untereinander Familiennomen pflegen ("Liebe Brüder und Schwestern.").
Bevor ich mich etwas ausfürhlicher zu Worte melde, kurz eine Anmerkung zu Ihrem letzten Kommentar:
"Sie haben völlig Recht: nach Ihrer These eines uranfänglichen "Staunens" wäre die Entwicklung adaptiver Vorteile und komplexer Glaubenssystme recht schwer zu erklären."
Ich hoffe, Ihnen ist nicht entgangen, dass Sie sich hier einer groben Beweiserschleichung schuldig machen. Sie setzen kuzerhand die Adaptivität von Glaubenssystemen voraus, während es in unserer Diskussion doch gerade darum geht, sie erst einmal zu erweisen.
Mein Ansatz hat keinerlei Probleme mit der Erklärung "komplexer" Glaubenssysteme. Für mich steht, wie erwähnt, das Staunen und Wundern am Anfang. Dieses Staunen und Wundern wirft Fragen nach unserem Woher und Wohin auf. Die erste Antwort, die sich unsere Vorfahren auf diese Fragen gegeben haben mögen, bestand vermutlich in einer Art Schöpfungsmythos. Der Schöpfer, an den man glaubte, ist dann wahrscheinlich schrittweise von einem zunächst unpersönlichem Wesen zu einem persönlichen Wesen und schließlich zu jenem komplexen Wesen geworden, an das beispielsweise Christen heute glauben. Dogmen wie die Trinität oder die Transsubstantiation sind sicher Glaubensvorstellungen jüngeren Datums, die erst auf der Grundlage einer immer ausgefeilteren Theologie entstehen konnten, in der man gezwungen zwar, Konsistenz in sein Glaubenssystem zu bringen: "Ist Gott höchstpersönlich auf die Erde gekommen oder war es vielleicht sein Sohn; und wenn es sein Sohn war, wie kann Gott dann nur eine Person sein; muss er nicht vielemehr aus mehereren Personen bestehen?" etc.
Mit anderen Worten: Die wachsende Komplexität religiöser Vorstellungen lässt sich genau wie die wachsende Komplexität philosophischer oder juristischer Vorstellungen aus der zunehmenden Beschäftigung mit diesen Vorstellungen verstehen - ohne dass man auf irgendeine genetische und biologisch adaptive Grundlage zurückgreifen muss.
Der Zusammenhang zwischen sozialem Staus und reproduktivem Erfolg ist in der Tat nicht von unmittelbarer Relevanz für unser Thema. Mittelbar aber doch! Denn es geht darum, neben einer bloßen Korrelation von Religiosität und Kinderzahl eine Kausalität von Religiosität und Kinderzahl aufzuzeigen. Die Korrelation von sozialem Status und reproduktivem Erfolg hat hier sozusagen Vorbildcharakter, da wir hier auch den kausalen Mechanismus verstehen: Mehr Geld, mehr Frauen, mehr Kinder. Die Frage ist: Gibt es einen vergleichbaren kausalen Mechanismus zwischen Religiosität und Kinderzahl? Und wenn ja, wie sollte er aussehen: "Je frömmer, desto attraktiver und folglich mehr Kinder"!?
"Nun hat sich George Clooney neulich in einem Interview dazu geäußert, dass er nun einmal keine Kinder wünsche. Und genau das ist der Punkt: es kommt evolutionsbiologisch eben nicht primär darauf an, wie viele Sexualpartner sich "vor die Füße werfen", sondern wie viele Kinder daraus entstehen. Und dabei hängt die durchschnittliche Amish-Familie eben die gesammelten Hollywood-Schauspieler ab."
Dies ist, fürchte ich, ein grobes Missverständnis der Evolutionsbiologie. Die natürliche Selektion hat Männer prämiert, die ehrgeizig und erfolgreich waren, da "Erfolg sexy macht". Das genetische Programm "Versuche auf der sozialen Stufenleiter soweit als möglich nach oben zu klettern!" ist zu einer Zeit entstanden, als weder Verhütungsmittel noch Schwangerschaftsabbrüche in Sicht waren. Über Jahrmilionen hat es sich daher auch für Männer reproduktiv ausgezahlt, erfolgreich zu sein. Dass es sich im Zeitalter der Pille nicht mehr in derselben Weise auszahlt, ist kein Einwand gegen die Adaptivität eines hohen sozialen Status. Daher gefiel mir ja auch Perusses Untersuchung, in der er statt der Zahl der Kinder, die Zahl der Frauen zählte, mit denen arme und reiche Männer geschlafen hatten. Denken Sie sich für einen Moment die Pille weg und Sie werden sehen, dass erfolgreiche Männer mehr Kinder zeugen.
Zudem darf man nicht den Fehler machen, zu unterstellen, dass wir dem biogenetischen Imperativ zur Fitness-Maximierung "bewusst" folgen. Die Menschen haben nie Sex gehabt, um ihre Gene weiterzugeben, sondern schlicht und einfach, weil sie Spaß daran hatten. Dass sie Spaß daran hatten, hat dann aber automatisch dafür gesorgt, dass sie ihre Gene weitergaben. Dass sich einige Menschen, wie offenbar auch George Clooney, bewusst gegen Kinder entscheiden, ist daher kein Einwand.
Genau die von Ihnen beschriebene Entkoppelung von Sex und Geburten halte ich für hochinteressant. Und, nein, die kannte nicht erst George Clooney. Schon Wildbeutervölker haben ein differenziertes Verständnis von Sexualität und Verhütung, oft auch pflanzliches und technisches Wissen dazu, manchmal wird zusätzlich Infantizid praktiziert. Die Vorstellung, erst in den letzten paar Jahrhunderten hätten gebildete Europäer begonnen, über ihre Kinderzahl bewusst nachzudenken, halte ich für eurozentrisch.
Ein schönes Beispiel für reproduktive Vorausplanung und die von Ihnen völlig zu Recht gesehene Entkoppelung von Sex und Geburten haben wir beispielsweise in der Bibel, Genesis 38: der biblische Onan will mit Tamar gerne Beischlaf haben, aber kein Kind zeugen. Also "lässt er seinen Samen zur Erde fallen" - Coitus interruptus. Und das ist in einer sehr alten, wahrscheinlich schon auf mündliche Überlieferungen zurück gehenden Schrifttradition. (Gott ist übrigens nicht einverstanden - er besteht auf Reproduktion... Schon hier war es also reproduktiv förderlich an ihn zu glauben... (-; )
Ich wollte selbstverständlich nicht sagen, dass es in der Vergangenheit nicht auch schon eine Entkopplung von Sexualität und Reproduktion gegeben hat. Sicher, Menschen haben zu allen Zeiten unerwünschte Kinder vernachlässigt, ausgesetzt oder gar getötet. Doch auch hier waren es eher die armen Teufel, die sich keine zusätzlichen Kinder leisten konnten und zu so grausamen Mitteln greifen mussten, als die reichen.
Ich sehe mir jetzt mal das Kapitel aus Eckart Volands neuem Buch an. Bis gleich!
Ich bin ein großer Bewunderer von Eckart Voland. Dennoch finde ich sein Kapitel zur Evolution der Religion nicht sonderlich überzeugend. Natürlich hat er recht, dass Religionen - wenn sie einmal enstanden sind - Vorteile mit sich bringen: Sie stärken das Wir-Gefühl, mögen die Opferbereitschaft des Einzelnen erhöhen und so weiter. Doch das ist nicht die Frage. Die Frage ist, wie konnte sich die Religion überhaupt entwickeln? Sofern wir nicht an Gruppen-Selektion glauben, müssen wir uns auf die Suche nach den biologischen Vorteilen für das Individuum machen. Inwieweit sollten Individuen, die Träger eines Gens für Religiosität sind und an Geister, Götter und Dämonen glauben, irgendwelche Überlebens- oder Fortpflanzungsvorteile gegenüber anderen Individuen haben?
Die einzige Brücke, die mir von einer naturalistischen zu einer supernaturalistischen Weltsicht zu führen scheint, sind die von Voland angesprochenen "intuitiven Ontologien". Es könnte sein, dass religiöse Vorstellungen nicht einfach die Antwort auf die existenziellen Fragen sind, mit denen uns unser Neokortex plötzlich konfrontierte, sondern dass sie tatsächlich auf "magischen" und "animistischen Intuitionen" beruhen.
Das Beispiel das Voland benutzt, ist aber wenig überzeugend. Wenn man durch einen Wald geht, in dem Feinde oder Raubtiere lauern können, ist es adaptiv, auf der Hut zu sein und sich bei dem leisesten Rascheln der Blätter in Sicherheit zu begeben. Inwieweit sollte nun aber derjenige, der sich nicht nur vor einem möglichen Feind oder Raubtier, sondern zusätzlich noch vor einem Geist versteckt, irgendwelche Überlebensvorteile haben? Furcht vor realen Gefahren ist adaptiv genug - es bedarf keiner zusätzlichen Furcht vor imaginären Gefahren. Eine solche Furcht vor imaginären Gefahren mag sogar maladaptiv sein.
Kennen Sie "The Intuitive Magician" von Bruce Hood? Ich habe diesen Artikel letztes Jahr mal irgendwann gelesen und war recht beeindruckt. Er geht nicht soweit zu behaupten, dass wir alle "geborene Theisten" sind; doch nach ihm sind wir gewissermaßen "geborene Animisten". Ich sehe mir den Text heute oder morgen noch einmal an, um zu prüfen, inwieweit er die Adaptivität animistischen und magischen Denkens plausibel macht
Ich verhehle nicht, dass ich die These eines uranfänglichen Staunens sehr schön finde. Nur gelten in der Religionswissenschaft und insbesondere in den interdisziplinären Evolutionary Religious Studies inzwischen sehr hohe Erwartungen: eine Evolutionstheorie zur Religiosität sollte die paläoanthropologischen Befunde einbeziehen (die mit Bestattungen beginnen und kosmologisch-symbolische Artefakte erst sehr spät aufweisen) und sollte ein Set empirischer Daten und ggf. (insofern neurobiologische bzw. kognitive Hypothesen enthalten sind) experimenteller Befunde aufweisen bzw. solche zu integrieren vermögen.
Die "intuitiven Ontologien" in Volands Kapitel teile ich ausdrücklich, der Ausdruck stammt von Pascal Boyer ("Religion explained"), der damit 2002 einen sehr fruchtbaren kognitionspsychologischen Ansatz auf Basis ethnologischer Beobachtungen und auch experimenteller Fragen vorstellte. Und ich darf noch einmal darauf verweisen, dass v.a. Bering in inzwischen mehreren Experimenten mit Kindern eine solche "intuitive Ontologie" (er schreibt sogar von "intuitiver Theologie") vorweisen konnte, nach der schon kleine Kinder z.B. ganz selbstverständlich ein bestimmtes "Weiterleben" nach dem Tod annehmen.
Auf Ihre Nachfrage also gerne noch einmal: ja, ich halte religiöse Vergemeinschaftung für demografisch nachgewiesen adaptiv, indem sie v.a. den Reproduktionserfolg vorausplanender Akteure (Homo Sapiens und Homo Neanderthalensis) relativ zu säkularen Zeit- und Schichtgenossen beflügelt(e). Wie Sie gesehen haben, hat auch Voland die entsprechenden Daten nicht nur anerkannt, sondern auch in sein Buch übernommen.
Der Glauben an und die Verehrung von übernatürlichen Akteuren (beginnend mit den eigenen Vorfahren bzw. Verwandten) bewirkte und bewirkt m.E.
1. die Vermittlung von und Motivation zu erfolgreichen Lebens- und Reproduktionsstrategien (descendant leaving strategies oder symbolisches Wissen), wie auch schon die ersten Worte des biblischen Gottes an den Menschen formulieren "Seid fruchtbar und mehret euch!" (Gen 1,28) - und wie es heutige, demografische Daten reichlich belegen
2. die Absicherung von Kooperationen durch deren wahrgenommene "Überwachung" durch die übernatürlichen Akteure, am evolutiv wohl wichtigsten dabei die Ehekooperationen. Auch hier lässt der Hintergrund der Goetheschen "Gretchenfrage" (Religiosität als Indiz für Kooperationstreue und also Vorteil in der sexuellen Selektion) nicht nur in der Theorie und vergleichenden Beobachtung erschließen (Ehen sind Universalien und fast weltweit werden sie unter Anrufung der übernatürlichen Akteure eingesegnet) - sondern vor allem auch wiederum empirisch am Vergleich des Heiratsverhaltens, Scheidungsquoten etc. belegen. (Z.B. Daten Schweizer Volkszählung)
3. Damit die Glaubwürdigkeit religiöser Akteure wechselseitig bestärkt und die Kooperationsfähigkeit religiöser Gemeinschaften gesichert werden kann, enthalten religiöse Lehren regelmäßig "costly requirements" (regelmäßige Gemeinschaftsversammlungen, Initiationsriten, Opfer, Rituale, Kleidungs- und Speisegebote etc.), die nach innen als "ehrliche Signale" wirken und Trittbrettfahrer abschrecken. Auch dieser Aspekt der Theorie kann sich etwa auf empirische Arbeiten von Sosis und Bressler berufen - Religionsgemeinschaften mit mehr costly requirements haben durchschnittlich längere Lebensdauern als "liberale" Gruppen, säkulare Gemeinschaften profitieren dagegen von den costly requirements kaum.
Nein, den Text kenne ich noch nicht - aber er klingt sehr interessant! Danke für den Tip, das werde ich mir anschauen!
Für Sie auf jeden Fall interessant dürfte Pascal Boyer sein, der übrigens ebenfalls Religiosität als Epiphänomen beschreiben wollte. Wie es aussieht, werde ich nächstes Jahr die Gelegenheit zu einer Tagung mit ihm zum Thema haben, wie sich überhaupt derzeit unglaublich viel vernetzt und tut.
Und das war ja auch nur der Sinn meines Wissenslogbeitrags: aufzuzeigen, dass sich in der Kombination historischer und empirischer Befunde sowie vor allem verschiedenster Disziplinen derzeit im Bereich "Evolution religiöser Veranlagungen" sehr viel tut.
Und da möchte ich ausdrücklich zum Mitdenken und Mitmachen ermuntern! (-:
Ich kann Ihnen gern eine PDF-Datei des Textes schicken.
Alternativ findet man den Text auch unter:
http://www.dana.org/...cerebrum/detail.aspx?id=114
Haben Sie schon irgendwelche genaueren Details oder gar das Programm zu der Tagung im nächsten Jahr?
"Ich verhehle nicht, dass ich die These eines uranfänglichen Staunens sehr schön finde. Nur gelten in der Religionswissenschaft und insbesondere in den interdisziplinären Evolutionary Religious Studies inzwischen sehr hohe Erwartungen: eine Evolutionstheorie zur Religiosität sollte die paläoanthropologischen Befunde einbeziehen (die mit Bestattungen beginnen und kosmologisch-symbolische Artefakte erst sehr spät aufweisen) und sollte ein Set empirischer Daten und ggf. (insofern neurobiologische bzw. kognitive Hypothesen enthalten sind) experimenteller Befunde aufweisen bzw. solche zu integrieren vermögen."
Was wir tun, wenn wir über die Ursprünge der Religion nachdenken, ist ja letztlich reine Spekulation. Daran ist selbstverständlich nichts auszusetzen, solange wir uns dieser Tatsache nur deutlich bewusst bleiben.
So wie es sehe, setzen die paläoanthropologischen Befunde, wie etwa bestimmte Bestattungsriten, bereits eine Metaphysik voraus. Wir können also nicht mit den Bestattungsriten beginnen, sondern müssen weitergehen und das Weltbild zu rekonstruieren suchen, das diese Menschen besaßen.
Ich habe vor einiger Zeit mal gelesen, dass bereits Schimpansen religiöse Riten kennen. Wenn es regnet und einfach nicht aufhören will zu regnen, nehmen sie sich angeblich Stöcke, tanzen im Kreis und bedrohen den Himmel.
Angenommen, dies ist wahr. Müssen wir uns dann nicht drei Fragen stellen? Erstens, hat dieses Verhalten eine genetische Grundlage? Zweitens, falls es eine genetische Grundlage hat und Schimpansen tatsächlich "geborene Animisten" sein sollten, die hinter den Wolken einen Geist vermuten, den sie mit ihrem Verhalten einschüchtern oder beschwichtigen wollen, welchen biologischen Vorteil hat dieses Verhalten dann? Und drittens schließlich: Wie sind die Schimpansen zu dem Animismus gekommen, der sie den Himmel bedrohen lässt - sollten "animistische Schimpansen" tatsächlich größere Überlebens- oder Fortpflkanzungschancen haben als "naturalistische Schimpansen"?
"Was wir tun, wenn wir über die Ursprünge der Religion nachdenken, ist ja letztlich reine Spekulation."
Genau das ist es nicht mehr. Wie bei allen anderen Themen der Evolutionsforschung auch können wir das Evolutionsmerkmal Religiosität aus der Perspektive verschiedener historischer Disziplinen, der Genetik sowie mit vergleichenden Beobachtungen, Studien und Experimenten an zeitgenössischen Homo Sapiens Thesen entwerfen und überprüfen. Damit haben wir eine sehr viel breitere Datenbasis als zum Beispiel zum Brutverhalten der Dinosaurier - dennoch würden allenfalls Kreationisten sagen, wir könnten über das Leben der Saurier "nur spekulieren", weil doch die ganze Evolutionstheorie unbeweisbar und eine lückenlose Fossilkette nicht herstellbar sei...
Ich kann mich da nur wiederholen: wenn sowohl Geistes- wie Naturwissenschaftler die (religiösen oder religionskritischen) Scheuklappen weglassen und sich auf empirische Befunde verschiedenster Disziplinen einlassen, lässt sich das Verhaltensmerkmal Religion ebenso erforschen wie Musik, Sprache etc. Und die Daten deuten klar darauf hin, dass es sich ebenso über (bis heute wirksame) adaptive Vorteile entfaltet hat: Phänotypen, die Verhaltensmerkmal R ausgeprägt haben, weisen beobachtbar deutlich höhere Paarungsstabilität und Reproduktionserfolge auf - auch unter Bedingungen, die andere Erklärungsfaktoren weitgehend ausschließen (z.B. orthodoxe Juden, Amish).
Ich muss, ehrlich gesagt, schon manchmal schmunzeln, warum da plötzlich manche Naturwissenschaftler auf einem "Es kann nicht sein!" bestehen wollen, die doch den Religiösen stets empfohlen haben, sich vorurteilsfrei mit wissenschaftlichen Fakten zu befassen...
"So wie es sehe, setzen die paläoanthropologischen Befunde, wie etwa bestimmte Bestattungsriten, bereits eine Metaphysik voraus. Wir können also nicht mit den Bestattungsriten beginnen, sondern müssen weitergehen und das Weltbild zu rekonstruieren suchen, das diese Menschen besaßen."
Nein, wir brauchen kein geschlossenes Weltbild (das bieten auch heutige Religionen immer nur temporär), sondern lediglich die Fähigkeit von Menschen, "intuitive Ontologien" (Boyer, Voland) zu kreieren. Und dass Kognitionspsychologen wie Bering einen intuitiven Glauben an ein Weiterleben bei Kindern experimentell aufgezeigt haben, hatte ich bereits erwähnt.
"Ich habe vor einiger Zeit mal gelesen, dass bereits Schimpansen religiöse Riten kennen. Wenn es regnet und einfach nicht aufhören will zu regnen, nehmen sie sich angeblich Stöcke, tanzen im Kreis und bedrohen den Himmel."
Solche Beobachtungen wären, wenn sie seriös und verifizierbar sind, hoch interessant, sind aber mir und -soweit ich sehen kann- den Kollegen unbekannt. Und wir hatten z.B. auf der Evolution of Belief-Tagung in Delmenhorst einige Primatologen dabei, mit denen wir z.B. intensiv sexuelle Selektionsstrategien (auch im Hinblick auf die o.g. Gretchenfrage) diskutieren konnten. Auf erkennbar religioides Verhalten bei Schimpansen hätten sie uns, meine ich, hingewiesen, auch bei De Waal et al. habe ich bislang nichts darüber gefunden.
Ihnen noch einmal danke für die gute Diskussion (die jedoch m.E. etwas Gefahr läuft, sich im Kreis zu drehen) - und von Herzen einen guten Rutsch ins neue Jahr! Vielleicht besteht ja einmal die Chance zu einem persönlichen Kennenlernen, ich würde mich freuen! (-: