Glaube und Zölibat: bio-logisch erfolgreich?
Heute überlasse ich - passend zur religiös geprägten Saison - dem Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume das Podium. Michael Blume beschäftigt sich unter anderem mit den biologischen Ursprüngen und Mechanismen der Religiosität; 2005 promovierte er in Tübingen über das Verhältnis von Neurowissenschaften und Religionswissenschaft.
An der Uni Heidelberg veranstaltet er in diesem Semester das Seminar "Religionswissenschaftliche Präsentationen zur Evolution der Religion", an dem ich auch mitwirke. Kennengelernt habe ich ihn vor einer Weile über sein Religionswissenschafts-Blog, in dem er regelmäßig über derartige Themen schreibt. Heute berichtet er hier bei Abgefischt über mögliche biologische Grundlagen des Zölibats. Viel Spaß!
---
Glaube und Zölibat: bio-logisch erfolgreich?
Edward O. Wilson, einer der bedeutendsten Biologen unserer Zeit, stellte in seinem mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Buch On human Nature von 1978 fest: "Religion stellt die größte Herausforderung für die Soziobiologie des Menschen dar und ihre aufregendste Gelegenheit, als eine wirklich originale theoretische Disziplin fort zu schreiten." (S. 178, Übers. aus dem Englischen)
Inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass Wilsons Traum in Erfüllung gehen könnte. In spezialisierten Netzwerken wie den Evolutionary Religious Studies wirken längst nicht nur Forscher verschiedenster Nationen, sondern vor allem auch unterschiedlichster Disziplinen mit. Dabei treffen Evolutionsbiologen, Anthropologen, Ethnologen, Psychologen, Neuromediziner, Soziologen, Ökonomen, Theologen, Philosophen und (vergleichende) Religionswissenschaftler nicht nur auf immer mehr Tagungen aufeinander, sondern nutzen auch das Internet, um in einer früher undenkbaren Geschwindigkeit und Tiefe empirische Daten und Thesen auszutauschen.
Dabei verdichten sich die Befunde von der Zwillingsforschung über die Neurowissenschaften bis hin zur Religionswissenschaft zu einem wachsenden Konsens, der gerade in seiner Selbstverständlichkeit verblüfft: Religiöse Veranlagungen scheinen völlig entsprechend zu etwa sprachbezogenen oder musikalischen, genetisch veranlagten Fähigkeiten mit hoher, kultureller Plastizität über Fitnessvorteile evolviert zu sein - und wohl auch weiter zu evolvieren. Eine schnell wachsende Zahl von Studien und auch psychologischen Experimenten belegt eine gesteigerte Kooperationsbereitschaft zwischen Religiösen sowie die Abwehr von Trittbrettfahrern und Assimilation durch kostspielige Verpflichtungen und Rituale.
Sogar die sprichwörtliche „Gretchenfrage“ (Gretchen an Faust: „Wie hälst Du’s mit der Religion?“) kommt inzwischen zu empirischen Ehren: Kostspielige Religiosität scheint tatsächlich als ein Indikator für Partnertreue und damit förderliches Merkmal sexueller Selektion zu wirken - und geht tatsächlich mit geringeren Raten etwa an Scheidungen und Alleinerziehenden in Religionsgemeinschaften einher. Also genau das, was Goethes Mephistopheles (in Kapitel 16) im spöttischen Kommentar zu Gretchens Frage vermutete:„Die Mädels sind doch sehr interessiert, ob einer fromm und schlicht nach altem Brauch. Sie denken: duckt er da, folgt er uns eben auch.“
Zumindest kann es nach Auswertung sowohl nationaler wie internationaler Daten und vor allem auch der Schweizer Volkszählungen 1970, 80, 90 und 2000 (die jeweils als Vollerhebungen durchgeführt wurden) praktisch keinen statistischen Zweifel mehr geben, dass religiös vergemeinschaftete Menschen weltweit durchschnittlich deutlich mehr Kinder haben als ihre konfessionslosen Zeitgenossen auch je der gleichen Einkommens- und Bildungsschicht.Ja, entgegen auch unseren frühen Erwartungen nimmt der reproduktive Abstand mit steigenden Freiheits-, Wohlstands- und Bildungsniveaus sogar zu! Denn während Menschen in klassischen Agrarwirtschaften kaum Alternativen zu einer hohen Kinderzahl als Arbeitskräfte und Altersversorgung hatten, werden Kinder in modernen Marktgesellschaften zu sehr kostenträchtigen Wertentscheidungen.
So blüht beispielsweise der Kreationismus in den USA nicht etwa, weil er haltbare, wissenschaftliche Argumente hätte - sondern weil tiefreligiöse Christen, Juden und Muslime durchschnittlich erheblich mehr Kinder bekommen und erziehen als die Befürworter des darwinistischen Naturalismus. Die Ironie in diesem Befund harrt noch der Aufarbeitung…
Sogar Zölibat…
Überraschenderweise lässt sich inzwischen sogar die religionshistorische Entstehung des Zölibats über Fitnessvorteile der Verwandtenselektion neu entschlüsseln. Diese ist an sich unumstritten: keinen Biologen wundert es, dass auch Menschen dazu tendieren, mit nahen Verwandten intensiver zu kooperieren und sich gegebenenfalls sogar für sie zu opfern, tragen sie doch eng verwandte Gensequenzen.
Aber genau das wird in klassischen Agrarwirtschaften zum Problem: weil die meisten schon aus ökonomischen Erwägungen (Arbeitskräfte, Altersversorgung, Schutz) viele Kinder anstreben, entstehen vor Ort expandierende Familienclans, in ständiger Verflechtung und Spannung auch um knappe Ressourcen (z.B. Land). Jeder lokale, religiöse Funktionär ist hier sofort dem (manchmal zutreffenden) Verdacht ausgeliefert, doch nur die eigene Familie nepotistisch zu begünstigen.
So erging es z.B. auch Jesus, der „kam in seine Vaterstadt und lehrte sie in ihrer Synagoge, so daß sie sich entsetzten und fragten: Woher hat dieser solche Weisheit und solche Taten? Ist er nicht der Sohn des Zimmermanns? Heißt nicht seine Mutter Maria, und seine Brüder Jakobus und Josef und Simon und Judas? Und seine Schwestern, sind sie nicht alle bei uns? Woher kommt ihm denn das alles? Und sie ärgerten sich an ihm. Jesus aber sprach zu ihnen: Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland und in seinem Hause. Und er tat dort nicht viele Zeichen wegen ihres Unglaubens.“ (Mt. 13,55-58)
Gibt es eine Lösung für dieses Dilemma? Ja, der Austausch von Zölibatären. Religiöse Institutionen könnten anregen, dass Clans aus ihrem jeweiligen Geburten- und Erbenüberschuss einige wenige Akteure „spenden“, die (ohne eigene Familien zu gründen) anderswo Dienst tun - und dafür umgekehrt auch selbst Zölibatäre zugeteilt bekommen. Der einzelne Zölibatäre würde damit in der Fremde sehr viel religiös glaubwürdiger Ehebünde segnen und überwachen, Familienwerte predigen, Streit schlichten, Arme und Kranke versorgen, Kinder unterweisen, antisoziales Verhalten ahnden und andere Fitness-relevante Tätigkeiten ausüben können - und dürfte Gott, Mutter Kirche oder dem Sangha vertrauend zudem davon ausgehen, dass auch die eigene Herkunftsgruppe entsprechend Fitness-fördernd betreut würde. Hier läge also eine clevere Form indirekter Verwandtenselektion vor! (Siehe Schaubild)
Und auch diese These lässt sich empirisch testen. So müssten wir einerseits davon ausgehen, dass die Inhaber zölibatärer Rollen zur Sexualität klar Stellung beziehen: Sie müssten zur Unterstreichung ihrer eigenen Glaubwürdigkeit insbesondere in klassischen Agrargesellschaften ihre eigene Abstinenz sowohl gegenüber hetero- wie homosexuellen „Versuchungen“ unterstreichen (diese also strikt verdammen) und sie müssten vor allem, im Kontrast zur eigenen Kinderlosigkeit, für eine möglichst hohe Fertilität der nichtzölibatären Laien eintreten. Dies lässt sich im Christentum, aber auch etwa in Hinduismus, Buddhismus und Jainismus sowohl historisch wie zeitgenössisch-vergleichend reichlich beobachten.
Daneben müsste die Akzeptanz des Zölibats milieuabhängig sein: in klassischen Agrargesellschaften mit Geburtenüberschüssen müsste eine sehr viel höhere Akzeptanz zölibatärer Rollen beobachtbar sein als in Marktgesellschaften mit niedrigen Geburtenraten. Dies ist nicht nur im Vergleich christlicher Länder (z.B. Afrikas und Europas) sondern ebenso in buddhistischen Gesellschaften (z.B. Birma und Japan) eindeutig der Fall. Auf die zunehmend datengestützte Präsentation dieser und unzähliger weiterer Thesen zu religiösen Phänomenen dürfen wir uns also in naher Zukunft freuen.
Noch kaum andiskutiert ist dabei die Frage, wie sich die Erkenntnis, dass Religion als ein Teil menschlicher Natur biologisch beschreibbar wird sowohl auf das religiöse Selbstverständnis wie auf die naturalistische Religionskritik auswirken wird. Und gerade die deutsche Wissenslandschaft muss sich fragen, warum in den Netzwerken interdisziplinärer und internationaler Evolutionsforschung zur Religion bisher deutschsprachige Wissenschaftler sowohl natur- wie geisteswissenschaftlicher Disziplinen nur sehr vereinzelt vertreten sind bzw. warum wir immer noch kein einziges solches Netzwerk im deutschsprachigen Raum haben.
asdf
Druckvorschau
Ähnliche Artikel:
- Was ist eigentlich euer Problem?
- Sex mit Neanderthalern - sie haben es doch getan!
- Homöopathie an der Uni Magdeburg
- Konstanz - die Stadt am... Formaldehyd!?
- Der Sonderweg der Katze




Lieber Herr Blume, stimmt, diese Diskussion kostet viel Zeit und Nerven. Eine Frage wäre ich jedoch gerne noch los geworden, und zwar die gestern aufgeworfene Frage nach den "religiösen Veranlagungen". Möglicherweise ist es nur der Umstand, dass Sie von religiösen Veranlagungen im Plural sprechen, dass ich das Gefühl gewinne, Sie glaubten an spezielle religiöse Veranlagungen - eine zum Judentum, eine zum Christentum, eine zum Islam, eine zum Hinduismus, eine zum Buddhismus usw. Ist das so?
Bading: "Ich möchte auch noch einmal betonen, daß nicht-monotheistische Religionen jahrtausende lang adaptiv WAREN - eben so lang, BIS der Monotheismus weltgeschichtlich auftrat."
Blume: "Ja, sehe ich auch so."
So wie ich Probleme mit der Vorstellung habe, dass es spezielle religiöse Veranlagungen gibt, so habe ich auch Probleme mit der Behauptung, dass Religionen als solche "adaptiv" sein können.
Religionen miteinander zu vergleichen und diejenigen, die mehr Anhänger haben, als "adaptiver" als andere zu bezeichnen, erscheint mir ähnlich abwegig, wie Ideologien miteinander zu vergleichen und denjenigen mit der größeren Anhängerzahl eine höhere "Adaptivität" zu bescheinigen.
In meinen Augen liegt hier ein Kategorienfehler vor, da sich der Begriff der Adaptivität nur auf biologische Merkmale, nicht aber auf soziale anwenden lässt.
Ich weiß nicht, wer weltweit am meisten Autos verkauft; doch ganz gleich, ob es nun VW, BMW, Mercedes, Fiat, Renault oder Toyota sein mögen, ich würde das Auto, das von den meisten Menschen gekauft wird, deshalb nicht als "adaptiver" bezeichnen.
Eine Religion als "demographisch erfolgreicher" als eine andere zu bezeichnen, erscheint mir weit angemessener, als eine Religion als "adaptiver" als eine andere zu bezeichnen.
Dennoch habe ich auch mit dem Begriff des "demographischen Erfolgs" meine Mühe. Er scheint mir eine einfache Kausalität zu suggerieren, die so nicht existiert.
Das Christentum scheint mit 2,1 Milliarden Anhängern die "adaptivste" oder "demographisch erfolgreichste" Religion der Welt zu sein, gefolgt vom Islam mit 1,3 Milliarden Anhängern, dem Hinduismus mit 850 Millionen Anhängern und dem Buddhismus mit 375 Millionen Anhängern.
Der Begriff des "demographischen Erfolgs" scheint zu unterstellen, dass sich die Anhänger des Christentums erfolgreicher fortgepflanzt haben als die Anhänger anderer Religionen. Aber dies ist schlichtweg irreführend! Dass das Christentum heute mehr Anhänger hat als vor 100 Jahren, hat eine Vielzahl von Gründen - neben reproduktiven, ökonomische, politische, geographische usw.
Bei Wikipedia gibt es unter dem Eintrag "Weltreligionen" eine "Religionskarte der Erde" aus dem Jahre 1881. Nach dieser Karte hatte das Christentum vor gut 100 Jahren nur etwa 400 Millionen Anhänger, der Islam 180 Millionen Anhänger und der Hinduismus und Buddhismus zusammengenommen 740 Millionen Anhänger. Soll das heißen, dass der Hinduismus und der Buddhismus vor 100 Jahren "adaptiver" oder "demoraphisch erfolgreicher" waren als das Christentum? Und soll das bedeuten, dass das Christentum, das die Weltreligionen jetzt anführt, in den vergangenen 100 Jahren auf irgendeine Weise "adaptiver" oder "demographisch erfolgreicher" geworden ist? Wenn ja, wodurch?
Während es schwer zu sehen ist, dass sich das Christentum in den vergangenen 100 Jahren inhaltlich gewandelt hätte, ist es leicht zu sehen, dass das Christentum in den vergangenen 100 Jahren nicht müde geworden ist, zu missionieren. Im Unterschied zum Hinduismus und zum Buddhismus, die keine Missionierung kennen, haben die Christen, Länder und Völker kolonialisiert, den Einwohnern die Kinder geraubt und sie in Sonntagsschulen gezwungen.
Die Reproduktion ist also nur einer von vielen Faktoren, der über die "Adaptivität" oder den "demographischen Erfolg" einer Religion entscheidet. Die Politik und die Ökonomie der Länder, in denen eine Religion zu Hause ist, sind mindestens genauso wichtig , wenn nicht gar weit wichtiger.
@ Michael: Auf die Frage, wie christlich die Anthroposophen eigentlich sind, bin ich inzwischen auch schon gestoßen. Dabei fiel mir auf, daß ich scheinbar die Anthroposophen viel zu wenig kenne, als daß ich ursprünglich überhaupt auf eine solche FRAGE gekommen wäre.
Denn daß die Anthroposophen und Waldorf-Schüler, die ich persönlicher kennengelernt habe, in irgendeiner Weise "christlich" wären als bspw. ich selbst, wäre mir nicht im Traum eingefallen.
Ich vermute doch sehr stark, daß das anthroposophische Engagement, sozusagen ihre Ethik, ihr "Lebensstil" vornehmlich NICHT-monotheistischem Hintergrund geschuldet ist. Also: "Öko", "Öko", "Öko", "spirituell", "spirituell", "spirituell" - so habe ich das jedenfalls bislang persönlich erlebt.
Gerne nehme ich Deine Eindrücke zu meiner Beurteilung hinzu.
Soweit ich sehe und im Netz gefunden habe, bewerten Anthroposophen jedoch weitgehend alle überkommenen religiösen Anschauungen/Kirchen gleichwertig und als überwunden DURCH die Anthroposophie. Deshalb lehnt, wie ich dem Netz entnahm, die offizielle evangelische Kirche in Deutschland auch eine Doppelmitgliedschaft bei der "Christengemeinschaft" ab.
Aber erst mal würden mich klare statistische Fakten interessieren: Wie hoch sind Bethäufigkeit, Kirchgang-Häufigkeit bei Anthroposophen im Vergleich zu anders charakterisierten Gruppierungen etc.? Wie hoch die Rate der aus den großen Kirchen Ausgetretenen bei ihnen im Vergleich zu anders charakterisierten Gruppierungen?
Allzu einfach wird man ihre leicht überdurchschnittliche Geburtenrate einer besonderen "christlichen" Verbundenheit nach meinem bisherigen Eindruck jedenfalls nicht zuschreiben können.
Herr Dahl: Ganz brisante Erkenntnis der letzten zehn Jahre Humangenom-Forschung: Innerhalb von tausend Jahren können auch in Millionen-Völkern gänzlich neue Verhaltens- und Intelligenz-Gene vorherrschend werden, die vorher NICHT vorherrschend waren. Und zwar entsprechend der vorherrschenden selektiven, d.h. kulturellen Regime. Das heißt: Das heutige aschkenasische Judentum, das sowieso erst etwa 1200 Jahre alt ist, ist auch genetisch etwas EINZIGARTIGES. (Was man auch an diversen Erbkrankheiten erkennen kann, wenn man die hohe Rate der Nobelpreisträger nicht zur Beurteilung hinzuziehen will, da man Intelligenz nicht als vererbt ansehen will.)
Ich würde nicht sagen, daß es eine genetische Anlage für Monotheismus gibt. Aber monotheistische Religionen üben ANDEREN Selektionsdruck auf Gesellschaften aus als andere Religonen. Auch Klima, Ernährung, Lebensweise, vorherrschende Krankheiten - alle können innerhalb weniger Jahrhunderte den Genpool einer Gesellschaft beeinflussen.
Die Art der Religiosität wird von vielen Verhaltensgenen mitbestimmt, z.B. von der Häufigkeit von ADHS-Gen-Trägern in einer Gesellschaft. Eine konfuzianische ("konformistische") Gesellschaft wird man mit ihnen höchstwahrscheinlich nicht so leicht aufbauen können, weshalb es diese auch in China scheinbar nicht gibt. Umgekehrt werden manche ADHS-ler unter besonders fanatischen "Glaubenskämpfern" und "Welteroberern" gewesen sein.
Also: Nein, ein spezielles "Gen für" Religiosität, noch dazu für monotheistische Religiosität etc. wird es nicht geben. Aber jeweils individuelle angeborene Verhaltensneigungen, die mit dem gesellschaftlichen Vorherrschen einer Religiosität/Ideologie besser zurecht kommen als andere individuelle Verhaltensneigungen und deren Träger darum eher kinderreiche Familien gründen als die Träger anderer angeborener Verhaltensneigungen.
(böser, böser Spamfilter!)
Herr Dahl, auch demographischer Erfolg beliebiger Religionsgemeinschaften bedeutet (für mich) nicht, daß "Religiosität" an sich etwas Naturgegebenes wäre oder bedeutet für mich nicht so etwas wie einen "Gottesbeweis".
Millionen von Tierarten haben Millionen von Jahren überlebt OHNE Religiosität.
Und so auch der Mensch.
Wir können nur sagen, daß der Mensch seit hunderttausenden von Jahren über das nachdenkt, was mit ihm und um ihn herum geschieht - wahrscheinlich mehr als alle anderen Tierarten. Und dieses Nachdenken führt zu ethischen Normen, es führt zu "making things special", führt also zu Kunst (in vorläufiger und weitverbreiteter soziobiologischer Annäherung).
Und sicherlich ist alles, was mit Religiosität zu tun hat, eine Sonderform dieses "making things special". WARUM der Mensch das Bestreben hat, bestimmte Dinge, Gedanken etc. als "spezieller", als "besonders" hervorzuheben gegenüber anderen? Woher soll man das wissen?
Jedenfalls scheint es mir so zu sein, daß NACHDEM der Mensch sich über Jahrhunderte lange Selektionsprozesse an bestimmte gesellschaftliche Umstände ("speziell, besonders gemachte Dinge") verhaltensgenetisch angepaßt hat, es ihm - ganz offenbar - schwer fällt, auch in anderen, noch nicht evolutionär bewährten selektiven, kulturellen Regimen mit anderen, neuen "speziellen Dingen" nachhaltigere demographische Erfolge aufzuweisen.
Das scheint nach der heutigen demographischen Lage Fakt zu sein. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.
Lieber Herr Dahl,
Sie lassen mich einfach noch nicht ziehen! Wobei mich die Diskussion nicht nervlich anstrengt, nur mein Zeitbudget gerade etwas sprengt. Aber das bisherige Investment hat sich gelohnt! (-:
Schnell zu religiöse Veranlagungen: selbstverständlich gehe ich nicht von einer Fixierung bestimmter religiöser oder gar konfessioneller Inhalte aus, sondern nur von genetisch veranlagten und dann in der Neurobiologie ausgebildeten Strukturen, die uns bestimmte Konstruktionen erst ermöglichen bzw. für diese prädestinieren. Auch hier gilt wieder die Analogie zur Musik: Wir haben keine Jazz-Gene, wohl aber neurobiologische Veranlagungen, die uns bestimmte Rhythmen als harmonischer, anregender etc. erfahren lassen als andere.
Zu Studien zur intutiven Religiosität bei Kindern darf ich einfach noch einmal auf Bering verweisen.
Zu Ihrer Frage Religion - adaptiv. Nun, das sehe ich auch wieder ganz unaufgeregt analog zu anderen kulturellen Produkten. Die Fähigkeiten zur Werkzeugherstellung werden erst ab dem Moment "adaptiv", wo sie in Produkte umgesetzt werden - z.B. in Faustkeile. Ohne Produkt ist das genotypisch veranlagte, aber nicht phänotypisch ausgeprägte Merkmal nicht wirksam.
In der heutigen Gesellschaft hat aber z.B. der Faustkeil seine Adaptivität wohl weitgehend verloren, andere Werkzeuge dürften wichtiger geworden sein. Ebenso können verschiedene, religiöse Überzeugungen (z.B. Polytheismen - Monotheismen) in unterschiedlichen Situationen unterschiedlich nutzbringend sein. Und der Darwinsche Fitnessindikator schlechthin bleibt natürlich v.a. der Reproduktionserfolg (Überleben ohne Nachkommen ist eine zeitlich befristete Sackgasse.)
In Kurzform: mir erscheint die Kultur nicht als Widerpart, sondern schlicht als Erweiterung unserer Biologie.
So, und zum Abschluss habe ich noch einen recht spannenden Text zur Dawkinschen Virenmetapher gefunden und hier verlinkt:
http://religionswissenschaft.twoday.net/...656608/
Sie sehen also, dass Ihre Einwände durchaus auch weitere Recherchen und Überlegungen angeregt haben! (-:
Nun bitte ich aber um Entpflichtung bis zum nächsten Mal! (-;
Ihnen alles Gute
Michael Blume
Der Spamfilter ist gut. Bisher ist noch kein Spam online gegangen, sondern schön ausgeschlossen worden. Falls mal ein Beitrag im Spamfilter hängenbleibt einfach etwas warten. Ich kümmer mich darum.
Sollte keine grundlegende Kritik sein, sondern nur darauf verweisen, daß - vorläufig - "Textbausteine" fehlen könnten. Danke für die zügige Freischaltung (wie auch beim letzten mal).
(Alle Achtung, der ist tatsächlich schwer auszutricksen, der Filter!) ;-)
...seit kurzem ist nun auch ein eigener Wissenslog zur Evolutionsbiologie der Religon geschaltet - Natur des Glaubens.
http://www.wissenslogs.de/...og/natur-des-glaubens
Was sind das für Hypothesen, die von beobachtbaren Gegebenheiten ausgehen um diese dann zur Basis einer Untersuchung zu machen, die zu keinem anderen Schluss kommen kann, als die Hypothesen zu bestätigen, die man gemacht hat?
Der Zölibat ist ganauso lebensfeindlich wie die Abtreibung.
Man muß wohl etwas schizophren sein, um das eine gut, das andere schlecht zu finden.
Ich habe Vieles aber nicht Alles von dieser Diskussion gelesen und ein paar Anmerkungen.
Unzweifelhaft - so wurde mehrfach bestätigt - ist Religiosität (oder ähnliche Überzeugungen) weitgehend ein soziales Phänomen oder eine Gruppeneigenschaft. Da nicht eine Gruppe, sondern nur ein Individuum oder zwei Individuen Erbinformationen weitergeben können, die ausleserelevant sein könnten, gehören die hier diskutierten Themen (genauso, wie die Fähigkeit zum Sprechen, das Jagen im Verbund und viele andere) zu den Dingen, auf die Darwins Theorie nicht anwendbar ist. Das schließt natürlich nicht aus, daß über statistische Untersuchungen Korrelationen gefunden werden, die Bezüge zwischen Kinderhäufigkeit und Gruppenüberzeugungen (oder sogar Gruppeneigenschaften) belegen. Nur, solche Zusammenhänge mit darwinistisch motivierten Eklärungsmustern zu betrachten ist höchst spekulativ. Es fehlt schon an der notwendigen Grundlage einer Selektion, es fehlen Beobachtung über die Zeiträume vieler Generationen, und von einer biologischen Vererbung kann nicht die Rede sein, nach allem, was wir wissen. Selbst wenn ein Überlebensvorteil für "religiöse" Menschen bewiesen wäre, was fraglos nicht der Fall ist, kann man lange noch nicht rückschließen, daß dann wohl eine biologische Übertragung der scheinbaren Eigenschaft "religiös" in Betracht kommen könnte, und Darwins Ideen anwendbar wären. Im Gegenteil belegt das Beispiel Nachkriegsvergleich DDR-BRD wie angeführt, daß Vererbung (sozial oder biologisch) allenfalls marginal wirksam sein kann.
Auch die Methode der Datenerhebung scheint fragwürdig. Wie zu lesen war, basieren die betrachteten Zahlen wenigstens zum Teil auf Selbsteinschätzungen befragter Individuen, die sich selber für religiös, weniger religiös oder atheistisch halten. Das ist natürlich nahzu keine objektive Aussage. Ein objektiver Begriff der Religiosität war für mich nicht erkennbar. Eine Selbsteinschätzung, insbeondere über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg, erschafft den auch nicht. Ersatzweise kann man sich auf den operativen Begriff "nennt sich selber religös in irgendeiner beliebigen sprachlichen oder kulturellen Ausprägung" einigen, nur, wie will man motivieren, eine derart schwammige und heterogene "Begrifflichkeit" als Grundlage für irgendetwas verwenden?
Daß Umfragen im Allgemeinen keine verwertbaren und schon gar keiner zutreffenden Ergebnisse liefern, ist ja bekannt. Die große Mehrheit der deutschen Männer halten sich für demokratisch und sie wissen auch zu sagen, wie sich das äußert. Daß sie bei einer der Aktionen beobachtet werden, die sie als Äußerungen oder Manifestationen ihres demokratisch-Seins nennen, kommt praktisch nicht vor. In einer Umfrage sprachen sich 92% der Bürger der Niederlande dafür aus, daß die Dialekte erhalten werden müssen und darum gepflegt und gesprochen werden müssen. Genau derselbe Prozentsatz spricht niemals Dialekt. Ebenfalls aus der Sprachforschung wissen wir, daß Gewährspersonen Mitteleuropas in einer großen Zahl von Fällen auf Nachfragen den Sprachstand ihrer Schulzeit oder ihrer Eltern wiedergeben und einen eigenen der Jetztzeit nicht bewußt zu kennen scheinen, wiewohl sie ihn sprechen, wenn sie sich für unbeobachtet halten.
Allein wegen der winzigen Beobachtungszeit, die allenthalben zu erkennen war, kann eine Aussage über mögliche Korrelationen von was auch immer real erhoben worden sein mag, miteinander nicht wirklich belegt werden. Die Wahrscheinlichkeit eines zufälligen Zusammentreffens ist etwa ebensogroß wie die des gegenteiligen Zusammentreffens irgendwann in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Letzteres weren wir glücklichwerweise in einigen Dutzend Generationen wohl wissen.
Gedanken über "fitness" auf derart ungesicherten Grundlagen sind ohne Aussagewert, weshalb ich dazu weiter nicht Stellung beziehen mag.
Ich finde das schon interessant.
Angesichts der Zahlen aus den USA frage ich mich jedoch, woher Herr Blume diese "Überlegenheit der Religiösen-Ehe" liest?
Meines Wissens nach ist die Scheidungsrate im "Bible Belt" genauso hoch und teilweise höher als in den eher "sekulären" Küstenregionen.
Also eine "Boobquake"-Theorie.