Glaube und Zölibat: bio-logisch erfolgreich?
Heute überlasse ich - passend zur religiös geprägten Saison - dem Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume das Podium. Michael Blume beschäftigt sich unter anderem mit den biologischen Ursprüngen und Mechanismen der Religiosität; 2005 promovierte er in Tübingen über das Verhältnis von Neurowissenschaften und Religionswissenschaft.
An der Uni Heidelberg veranstaltet er in diesem Semester das Seminar "Religionswissenschaftliche Präsentationen zur Evolution der Religion", an dem ich auch mitwirke. Kennengelernt habe ich ihn vor einer Weile über sein Religionswissenschafts-Blog, in dem er regelmäßig über derartige Themen schreibt. Heute berichtet er hier bei Abgefischt über mögliche biologische Grundlagen des Zölibats. Viel Spaß!
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Glaube und Zölibat: bio-logisch erfolgreich?
Edward O. Wilson, einer der bedeutendsten Biologen unserer Zeit, stellte in seinem mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Buch On human Nature von 1978 fest: "Religion stellt die größte Herausforderung für die Soziobiologie des Menschen dar und ihre aufregendste Gelegenheit, als eine wirklich originale theoretische Disziplin fort zu schreiten." (S. 178, Übers. aus dem Englischen)
Inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass Wilsons Traum in Erfüllung gehen könnte. In spezialisierten Netzwerken wie den Evolutionary Religious Studies wirken längst nicht nur Forscher verschiedenster Nationen, sondern vor allem auch unterschiedlichster Disziplinen mit. Dabei treffen Evolutionsbiologen, Anthropologen, Ethnologen, Psychologen, Neuromediziner, Soziologen, Ökonomen, Theologen, Philosophen und (vergleichende) Religionswissenschaftler nicht nur auf immer mehr Tagungen aufeinander, sondern nutzen auch das Internet, um in einer früher undenkbaren Geschwindigkeit und Tiefe empirische Daten und Thesen auszutauschen.
Dabei verdichten sich die Befunde von der Zwillingsforschung über die Neurowissenschaften bis hin zur Religionswissenschaft zu einem wachsenden Konsens, der gerade in seiner Selbstverständlichkeit verblüfft: Religiöse Veranlagungen scheinen völlig entsprechend zu etwa sprachbezogenen oder musikalischen, genetisch veranlagten Fähigkeiten mit hoher, kultureller Plastizität über Fitnessvorteile evolviert zu sein - und wohl auch weiter zu evolvieren. Eine schnell wachsende Zahl von Studien und auch psychologischen Experimenten belegt eine gesteigerte Kooperationsbereitschaft zwischen Religiösen sowie die Abwehr von Trittbrettfahrern und Assimilation durch kostspielige Verpflichtungen und Rituale.
Sogar die sprichwörtliche „Gretchenfrage“ (Gretchen an Faust: „Wie hälst Du’s mit der Religion?“) kommt inzwischen zu empirischen Ehren: Kostspielige Religiosität scheint tatsächlich als ein Indikator für Partnertreue und damit förderliches Merkmal sexueller Selektion zu wirken - und geht tatsächlich mit geringeren Raten etwa an Scheidungen und Alleinerziehenden in Religionsgemeinschaften einher. Also genau das, was Goethes Mephistopheles (in Kapitel 16) im spöttischen Kommentar zu Gretchens Frage vermutete:„Die Mädels sind doch sehr interessiert, ob einer fromm und schlicht nach altem Brauch. Sie denken: duckt er da, folgt er uns eben auch.“
Zumindest kann es nach Auswertung sowohl nationaler wie internationaler Daten und vor allem auch der Schweizer Volkszählungen 1970, 80, 90 und 2000 (die jeweils als Vollerhebungen durchgeführt wurden) praktisch keinen statistischen Zweifel mehr geben, dass religiös vergemeinschaftete Menschen weltweit durchschnittlich deutlich mehr Kinder haben als ihre konfessionslosen Zeitgenossen auch je der gleichen Einkommens- und Bildungsschicht.Ja, entgegen auch unseren frühen Erwartungen nimmt der reproduktive Abstand mit steigenden Freiheits-, Wohlstands- und Bildungsniveaus sogar zu! Denn während Menschen in klassischen Agrarwirtschaften kaum Alternativen zu einer hohen Kinderzahl als Arbeitskräfte und Altersversorgung hatten, werden Kinder in modernen Marktgesellschaften zu sehr kostenträchtigen Wertentscheidungen.
So blüht beispielsweise der Kreationismus in den USA nicht etwa, weil er haltbare, wissenschaftliche Argumente hätte - sondern weil tiefreligiöse Christen, Juden und Muslime durchschnittlich erheblich mehr Kinder bekommen und erziehen als die Befürworter des darwinistischen Naturalismus. Die Ironie in diesem Befund harrt noch der Aufarbeitung…
Sogar Zölibat…
Überraschenderweise lässt sich inzwischen sogar die religionshistorische Entstehung des Zölibats über Fitnessvorteile der Verwandtenselektion neu entschlüsseln. Diese ist an sich unumstritten: keinen Biologen wundert es, dass auch Menschen dazu tendieren, mit nahen Verwandten intensiver zu kooperieren und sich gegebenenfalls sogar für sie zu opfern, tragen sie doch eng verwandte Gensequenzen.
Aber genau das wird in klassischen Agrarwirtschaften zum Problem: weil die meisten schon aus ökonomischen Erwägungen (Arbeitskräfte, Altersversorgung, Schutz) viele Kinder anstreben, entstehen vor Ort expandierende Familienclans, in ständiger Verflechtung und Spannung auch um knappe Ressourcen (z.B. Land). Jeder lokale, religiöse Funktionär ist hier sofort dem (manchmal zutreffenden) Verdacht ausgeliefert, doch nur die eigene Familie nepotistisch zu begünstigen.
So erging es z.B. auch Jesus, der „kam in seine Vaterstadt und lehrte sie in ihrer Synagoge, so daß sie sich entsetzten und fragten: Woher hat dieser solche Weisheit und solche Taten? Ist er nicht der Sohn des Zimmermanns? Heißt nicht seine Mutter Maria, und seine Brüder Jakobus und Josef und Simon und Judas? Und seine Schwestern, sind sie nicht alle bei uns? Woher kommt ihm denn das alles? Und sie ärgerten sich an ihm. Jesus aber sprach zu ihnen: Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland und in seinem Hause. Und er tat dort nicht viele Zeichen wegen ihres Unglaubens.“ (Mt. 13,55-58)
Gibt es eine Lösung für dieses Dilemma? Ja, der Austausch von Zölibatären. Religiöse Institutionen könnten anregen, dass Clans aus ihrem jeweiligen Geburten- und Erbenüberschuss einige wenige Akteure „spenden“, die (ohne eigene Familien zu gründen) anderswo Dienst tun - und dafür umgekehrt auch selbst Zölibatäre zugeteilt bekommen. Der einzelne Zölibatäre würde damit in der Fremde sehr viel religiös glaubwürdiger Ehebünde segnen und überwachen, Familienwerte predigen, Streit schlichten, Arme und Kranke versorgen, Kinder unterweisen, antisoziales Verhalten ahnden und andere Fitness-relevante Tätigkeiten ausüben können - und dürfte Gott, Mutter Kirche oder dem Sangha vertrauend zudem davon ausgehen, dass auch die eigene Herkunftsgruppe entsprechend Fitness-fördernd betreut würde. Hier läge also eine clevere Form indirekter Verwandtenselektion vor! (Siehe Schaubild)
Und auch diese These lässt sich empirisch testen. So müssten wir einerseits davon ausgehen, dass die Inhaber zölibatärer Rollen zur Sexualität klar Stellung beziehen: Sie müssten zur Unterstreichung ihrer eigenen Glaubwürdigkeit insbesondere in klassischen Agrargesellschaften ihre eigene Abstinenz sowohl gegenüber hetero- wie homosexuellen „Versuchungen“ unterstreichen (diese also strikt verdammen) und sie müssten vor allem, im Kontrast zur eigenen Kinderlosigkeit, für eine möglichst hohe Fertilität der nichtzölibatären Laien eintreten. Dies lässt sich im Christentum, aber auch etwa in Hinduismus, Buddhismus und Jainismus sowohl historisch wie zeitgenössisch-vergleichend reichlich beobachten.
Daneben müsste die Akzeptanz des Zölibats milieuabhängig sein: in klassischen Agrargesellschaften mit Geburtenüberschüssen müsste eine sehr viel höhere Akzeptanz zölibatärer Rollen beobachtbar sein als in Marktgesellschaften mit niedrigen Geburtenraten. Dies ist nicht nur im Vergleich christlicher Länder (z.B. Afrikas und Europas) sondern ebenso in buddhistischen Gesellschaften (z.B. Birma und Japan) eindeutig der Fall. Auf die zunehmend datengestützte Präsentation dieser und unzähliger weiterer Thesen zu religiösen Phänomenen dürfen wir uns also in naher Zukunft freuen.
Noch kaum andiskutiert ist dabei die Frage, wie sich die Erkenntnis, dass Religion als ein Teil menschlicher Natur biologisch beschreibbar wird sowohl auf das religiöse Selbstverständnis wie auf die naturalistische Religionskritik auswirken wird. Und gerade die deutsche Wissenslandschaft muss sich fragen, warum in den Netzwerken interdisziplinärer und internationaler Evolutionsforschung zur Religion bisher deutschsprachige Wissenschaftler sowohl natur- wie geisteswissenschaftlicher Disziplinen nur sehr vereinzelt vertreten sind bzw. warum wir immer noch kein einziges solches Netzwerk im deutschsprachigen Raum haben.
asdf
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Sie schrieben:
"Allerdings kann man eine evolutiv insgesamt erfolgreiche Veranlagung (wie die Religiosität) wohl kaum generell als "Geisteskrankheit" abwerten. Genau das aber tut Dawkins und erweckt damit mindestens den Anschein der Maladaptivität."
Die Religion als eine "Geisteskrankheit" zu bezeichen, mag polemisch erscheinen, da sie die Gefühle vieler Menschen verletzt. Dennoch ist es nicht ungerechtfertigt, den Glauben an nicht-existente Wesen wie Geister, Hexen oder Zauberer auf diese Weise zu definieren. Selbst religiöse Menschen betrachten ja die Mitglieder anderer Religionen als "delusional", wie Pascal Boyer in seinem Beispiel von den Fang sehr schön illustriert hat: Ein britischer Geistlicher, dem er von der Religion der Fang berichtete, betrachtete sie buchstäblich als "Blödsinn".
Das ist ein guter Punkt, den du da aufbringst. Wir haben ja im Seminar gesehen (im Indianer-Vortrag), dass Religion und Gesellschaftsform oft sehr stark verflochten sind, was ja durchaus dem biologischen "Sinn" (flapsig gesprochen) von Religion entspricht.
Du hattest aber ausgeführt, dass du von der Idee der Gruppenselektion im Religionskontext nicht viel hältst.
Um jetzt einfach mal ein sehr simples Erklärungsmodell in den Ring zu werfen: Kann das nicht einfach eine Frage der Bevölkerungsdichte sein?
Das würde bedeuten, dass die Funktion (bzw. Wirkung) von Religion heutzutage eine andere ist als die, weswegen sie ursprünglich entstanden ist.
Das würde zum Beispiel auch ein paar Probleme und Widersprüche bei der Sache mit der Gretchenfrage auflösen. Ich hab mir darüber nochmal ein paar Gedanken gemacht, das ist alles nicht ganz so einfach wie ich zuerst vermutet hatte.
Sie schrieben: "Die Hypothese eines 'maladaptiven' Epiphänomens ist evolutionsbiologisch unplausibel und inkonsistent. Und die Behauptung von Maladaptivität wird durch Begriffe wie 'Geisteskrankheit' klar nahegelegt."
Dawkins hält die Religion nicht für ein "maladaptives Epiphänomen". Auch wenn er religiöse Vorstellungen als einen "Wahn" (delusion) bezeichnet, will er damit keineswegs nahelegen, dass Religionen "krankhaft" seien, in irgendeiner Weise "krank machen", geschweige denn, Menschen daran hindern, sich erfolgreich fortzupflanzen.
Wie er bereits im Vorwort seines Buches sagt, meint er mit einem "Wahn" lediglich einen "falschen Glauben" oder eine "Vorstellung, die trotz starker entgegengesetzter Belege aufrechterhalten wird" (S. 17f).
So verstanden, werden selbst Sie sagen müssen, dass die meisten Religionen auf einem "Wahn" beruhen, denn als Christ gehen Sie impizit davon aus, dass alle Religionen, die dem Christentum widersprechen, auf "falschen Vorstellungen" beruhen.
Sie schrieben: "Und zur Liebe: Wir haben weder über Beweisbarkeit noch über Theologie gesprochen, sondern über biologischen Erfolg."
Nun, die Wahrheit ist, dass Sie die Liebe in die Diskussion brachten, als Sie fragten: "Ist z.B. Liebe 'vernünftig'?", womit Sie offenbar zum Ausdruck bringen wollten, dass wir keineswegs immer nur "vernünftig" handeln.
Wenn wir von "Vernunft" sprechen, müssen wir zwischen "theoretischer Vernunft" und "praktischer Vernunft" unterscheiden. Die Frage, ob es vernünftig oder unvernünftig ist, jemanden zu lieben, ist eine Frage der praktischen Vernunft. Die Frage, ob es vernünftig oder unvernünftig ist, anzunehmen, dass man von jemandem geliebt wird, ist dagegen eine Frage der theoretischen Vernunft.
Praktische Vernunft wird gewöhnlich instrumentell verstanden. Wer x will, sollte vernünftigerweise y tun: "Wenn Du Dir wünschst, auch weiterhin gesunde Zähne zu haben, solltest Du regelmäßig zur zahnärztlichen Kontrolle gehen."
Wenn sich Theologen des besagten Taschenspielertricks mit der Liebe bedienen, beziehen sie sich auf die theoretische Vernunft. So erklärte Bischof Huber unlängst etwa Dawkins, dass es neben Fragen des Wissens auch Fragen des Glaubens gebe. Da er nicht beweisen könne, dass seine Frau ihn wirklich liebe, habe er keine andere Wahl, als zu "glauben". Aber dies ist natürlich unsinnig, schließlich gründet sich seine Überzeugung, von seiner Frau geliebt zu werden, auf Indizien, die es durchaus plausibel erscheinen lassen, dass sie ihn liebt.
"Ein britischer Geistlicher, dem er von der Religion der Fang berichtete, betrachtete sie buchstäblich als "Blödsinn"."
Ich hoffe, Sie verlangen jetzt nicht von mir, das Niveau dieses Geistlichen gut zu heißen - selbst wenn sich Dawkins letztlich auf die gleiche Stufe wie dieser Theologe begeben hat. (-;
Polemik mag eine Stilfrage sein. Aber die Begriffe "Krankheit" oder "Wahn" implizieren eine Maladaptivität (oder sehe ich das falsch, @Herr Kittel?) - und genau die ist eben falsifiziert.
Einigungsvorschlag: Lassen wir britische Geistliche und Zoologen über je andere oder alle Glaubensweisen polemisieren - wir brauchen das ja nicht nachzumachen, oder!?
"Um jetzt einfach mal ein sehr simples Erklärungsmodell in den Ring zu werfen: Kann das nicht einfach eine Frage der Bevölkerungsdichte sein?"
Ja, dahin deuten die Daten! So kommen Hochgottvorstellungen in dichten Populationen häufiger auf und gewinnen an Verbindlichkeit.
Für Kleingruppen mag der Bezug auf gemeinsame Ahnen ausreichen, mit zunehmender Verflechtung scheinen die übernatürlichen Akteure abstrakter zu werden (auch in den Indianermythen erkennbar - erinnere Dich an die beiden männlichen Urahnen, die von der noch mysteriöseren "Schlangenfrau" gelehrt (bzw. in einem Fall bestraft) wurden!).
Zur Gretchenfrage ein Angebot: sobald das Buch abgegeben ist, machen wir dazu einfach einen eigenen Abgefischt-Blogbeitrag und diskutieren das Thema in die Tiefe! Denn "einfach" ist es natürlich, da gebe ich Dir Recht, nicht - aber das macht uns doch keine Angst, oder!? (-;
Herzliche Grüße!
Michael
Mit Dawkins Bezeichnung "Delusion" habe ich gar nicht das Problem. "Mind diseases" und "Virus of Faith", wie er Religion(en) z.B. im "Selfish Gene" und in "Viruses of the Mind" bezeichnet sind das terminologische Problem.
Interessant (und wir haben ja einen Psychologen in unserer Runde, der dazu ggf. etwas sagen kann) finde ich aber auch folgenden Satz:
To describe religions as mind viruses is sometimes interpreted as contemptuous or even hostile. It is both. I am often asked why I am so hostile to organized religion.
-- Richard Dawkins, The Devil's Chaplain (2004)
Wie war das doch gleich - mit rein rationaler Wissenschaft? (-;
Lieber Herr Dahl,
danke für Ihre Umschreibung praktischer Vernunft.
"Praktische Vernunft wird gewöhnlich instrumentell verstanden. Wer x will, sollte vernünftigerweise y tun: "Wenn Du Dir wünschst, auch weiterhin gesunde Zähne zu haben, solltest Du regelmäßig zur zahnärztlichen Kontrolle gehen.""
Nun bin ich aber ein wenig erschrocken. Nachdem wir uns ja über den empirisch nachweisbaren, reproduktiven Erfolg religiöser Vergemeinschaftung einig sind, müßte eine Folge der praktischen Vernunft also lauten:
"Wenn Du Dir wünscht, Deine darwinsche Fitness zu maximieren bzw. eine stabile Familie und viele Kinder und Enkel zu haben, solltest Du Dich einer bewährten Religionsgemeinschaft anschließen."
Weia...
zu Michael und Lars:
Gute Gedanken! Das Mißtrauen ist in großen Gesellschaften viel größer, weshalb "Third-party-punishment" in ihnen viel stärker ausgeprägt ist (siehe "More ‘altruistic’ punishment in larger societies" von Frank W. Marlowe und J. Colette Berbesque in "Proc. R. Soc. B.", diesen Monat)
Ist es nicht sehr einfach, das mit einem belohnenden und strafenden Gott in Zusammenhang zu bringen? Stellt er nicht auch eine "Third-party-punishment"-Instanz dar???
Insofern wäre eine persönliche, sehr rationale Vorstellung eines Gottes, der belohnen oder bestrafen kann, entstanden, weil sich die Menschen ohne ihn nicht so gut gegenseitig kontrollieren können.
Überhaupt ist ja das Mißtrauen in Third-party-punishment-Zusammenhängen ein hochgradig rationales, während man Vertrauen, "lockerere" Großzügigkeit eher mit weniger Rationalität in Zusammenhang bringt.
Was aber jetzt, wenn viele Menschen nicht mehr an einen "dritten Bestrafer" oben im Himmel glauben und sich die Egoismen deshalb in modernen Gesellschaften ausdehnen?
Wie werden dann neues Vertrauen und höhere Altruismus-Raten sichergestellt in familiären und überfamiliären Zusammenhängen? Vielleicht dadurch, daß allgemein anerkannt wird - und zwar im GEGENSATZ zu Materialismus und Atheismus - daß philosophisch anerkannt wird, daß die Ratio nur einen sehr engen Bereich verwaltet.
Ratio, übrigens, Michael, "Vernunft" würde ich schlicht alles das nennen, was auf naturwissenschaftlichem Gebiet "beweisbar" ist, also alles was meßbar ist, in Raum und Zeit eingeordnet ist, und wozu ich prinzipiell exakt abgegrenzte Kausalitäten nennen kann. Die Mathematik selbst kann da oft noch weiter rational vorgehen, OHNE daß ich mir davon dann noch eine Anschauung (im Sinne Kants) machen kann. Echte Erkenntnis ist aber nach Kant Übereinstimmung von Vorstellung (Begriff) + Anschauung. „Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind,“ sagt Kant.
Siehe hier:
http://de.wikipedia.org/...tik_der_reinen_Vernunft
oder hier:
http://www.textlog.de/31941.html
Wir wissen aus der modernen Physik, daß allein schon das naturwissenschaftlich Erforschbare Phänomene kennt, die von dieser naturwissenschaftlichen Vernunft nicht vollständig erfaßbar sind (wir können uns davon keine Anschauung bilden, obwohl wir Begriffe, mathematische Gleichungen davon haben).
Und darin, glaube ich, könnte die Stärke für eine künftige gesellschaftliche Übereinkunft hinsichtlich von Religiosität liegen.
Ein Blitz erscheint uns heute nicht mehr "irrational". Ein großer Teil des Aberglaubens der früheren Religionen kann klar unterschieden werden von Bereichen, die DENNOCH auch mit naturwissenschaftlicher Vernunft nicht vollständig rational durchdringbar bleiben.
Sie schrieben: "Ich hoffe, Sie verlangen jetzt nicht von mir, das Niveau dieses Geistlichen gut zu heißen?"
Nein, ich verlange nicht von Ihnen, alle anderen Religionen als "Blödsinn" zu bezeichnen. Aber ich erwarte von Ihnen, ehrlich genug zu sein, um zuzugeben, dass Sie alle Religionen, die Ihrer eigenen widersprechen, als auf "falschen Vorstellungen" gegründet betrachten!
Sie schrieben: "Begriffe wie 'Wahn' implizieren eine Maladaptivität."
Tut mir leid, aber ich kann nicht mehr tun, als Ihnen die Definition von "Wahn" geben, die Dawkins seinem Buch zugrundelegt; und die besagt, wie erwähnt, dass ein Wahn in "falschen Vorstellungen" besteht.
Sie müssen den Sprachgebrauch nicht teilen, aber Sie müssen zugeben, dass auch Ihrer Ansicht nach nahezu alle Religionen auf "falschen Vorstellungen" beruhen.
Dass irgendeine Religion - und sei sie noch so abstrus - "maladaptiv" sei, behauptet Dawkins mit keiner Silbe.
Dawkins macht sicher keinen Hehl daraus, dass er vor Religionen keinen Respekt hat. Aber warum sollte er auch?
In meinen Augen verwechseln viele Menschen zwei Dinge: Daraus, dass wir das Recht auf Religionsfreiheit respektieren müssen, leiten sie ab, dass wir auch die Glaubensinhalte der Religionen respektieren müssen. Doch dies ist falsch!
Jeder Mensch hat das Recht, seine eigene Religion zu wählen und darf weder vom Staat noch von der Kirche daran gehindert werden.
Dieses Recht auf Religionsfreiheit hat jedoch enge Grenzen. Wenn die Ausübung einer Religion die Rechte anderer verletzt oder gegen die Verfassung verstößt, darf sie mit staatlicher Gewalt beschnitten werden.
Das Recht auf Religionsfreiheit verbietet Dritten, einen Menschen an der Ausübung seiner Religion zu hindern; es gebietet ihnen aber nicht, auch die Inhalte seiner Religion zu respektieren. Jedem Menschen steht es frei, die Religionen anderer zu kritisieren, ja sogar zu verachten und sich über sie lustig zu machen. Niemand kann Sie beispielsweise daran hindern, die Verunglimpfung Homosexueller durch evangelikale Fundamentalisten oder die Behandlung der Witwen durch konservative Hindus zu kritisieren.
Der Respekt, der Religionen von manchen Menschen entgegengebracht und mitunter sogar von ihnen eingefordert wird, ist vollkommen deplaziert. Nur weil die Menschenopfer der Azteken oder der Pawnee Teil ihrer Religion waren, müssen wir sie nicht respektieren.
Sie schrieben: "Mit Dawkins Bezeichnung 'Delusion' habe ich gar nicht das Problem. 'Mind diseases' und 'Virus of Faith', wie er Religion(en) z.B. im 'Selfish Gene' und in 'Viruses of the Mind' bezeichnet sind das terminologische Problem."
Ich denke, wir sollten uns nicht dümmer anstellen, als wir wirklich sind. Wenn Dawkins davon spricht, dass Religionen wie Viren seien, die sich des menschlichen Geistes bemächtigen, meint er nicht, dass sie Krankheiten sind, die unsere Überlebensfähigkeit oder unsere Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen. Sind wir uns darin einig?
Wenn Dawkins sich der Metapher der Viren bedient und damit unverhohlen seine Verachtung gegenüber den Religionen zum Ausdruck bringt, hat das - und das wissen Sie genauso gut wie ich - zwei ganz klare Gründe. In Dawkins Augen sind die Glaubensinhalte der Religionen falsch und haben viel Unheil über die Menschheit gebracht.
Sie schrieben:
"Nun bin ich aber ein wenig erschrocken. Nachdem wir uns ja über den empirisch nachweisbaren, reproduktiven Erfolg religiöser Vergemeinschaftung einig sind, müßte eine Folge der praktischen Vernunft also lauten:
'Wenn Du Dir wünscht, Deine darwinsche Fitness zu maximieren bzw. eine stabile Familie und viele Kinder und Enkel zu haben, solltest Du Dich einer bewährten Religionsgemeinschaft anschließen.'
Weia..."
Ich fürchte, hier sind Sie ein wenig voreilig! Als ich schrieb, dass Religionen mit einem größeren Fortpflanzungserfolg einhergehen, habe ich lediglich zugestanden, dass es eine nachweisbare Korrelation von Religion und Kinderreichtum gibt. Dass es auch eine kausale Verbindung gibt, bezweifele ich nach wie vor. Es ist nicht der Glaube an Gott, die Dreieinigkeit oder die Auferstehung Jesu, die Christen zu mehr Kindern verhilft, sondern die Befolgung von pronatalistischen Geboten. Pronatalistische Gebote sind jedoch nichts spezifisch Religiöses. Hitlers Familienpolitik war bekanntlich pronatalistisch, doch das macht sie weder "religiös", geschweige denn "adaptiv".
Ich gehe auf diesen Punkt später noch einmal näher ein, wenn ich auf Ihre "Sechs Säulen" zu sprechen komme.
Die "sechs Säulen" sind in der Tat sechs Indizien , doch sie sind keineswegs tragfähig genug, um die Hypothese von der Adaptivität der Religiosität zu tragen.
Lassen Sie mich auf jede Säule einzeln eingehen (so dass ich nicht allzuviel vom alles entscheidenden Handballspiel zwischen Deutschland und Schweden verpasse).
Was die erste Säule anbelangt, hatten wir bereits festgestellt, dass die bloße Heredität eines Merkmals nicht seine Adaptivität beweist (siehe Neurotizität, Depressivität oder Suizidalität).
...ohne dass es irgendwann zu Hitlervergleichen kommt...
Sie schrieben:
"Hitlers Familienpolitik war bekanntlich pronatalistisch, doch das macht sie weder "religiös", geschweige denn "adaptiv"."
Und sie war vor allem auch nicht dauerhaft reproduktiv erfolgreich. Am Schluss hatten z.B. sogar die SS-Kader durchschnittlich nur noch 1,4 Kinder. Deswegen auch Himmlers Lebensborn-Projekte. Also, auch hier keine demografische Konkurrenz zu den gewachsenen Weltreligionen. Was sollte also dieses "Argument"?
Lieber Herr Dahl, keine einzige säkulare Gemeinschaft hat auch nur drei Generationen lang auch nur annähernd soviel Reproduktionserfolg wie z.B. Amish oder orthodoxe Juden seit Jahrhunderten. Auch weltweit haben wir bislang keine einzige gefunden, keine. Denn, siehe auch Ingo Bading, nur religiöse Gemeinschaften können pronatale Gebote übernatürlich begründen und mit Lohn- und Strafandrohungen durch allwissende Akteure versehen.
Der Zusammenhang ist damit sehr viel stärker als der von Ihnen angeführte Zahngesundheit-Zahnarztbesuch, der als Ihr Paradebeispiel für praktische Vernunft galt.
Interessant, dass nun aber auch Sie einen empirisch eindeutigen Zusammenhang abzuwehren versuchen, weil er Ihrer Weltanschauung widerspricht - ganz genau so, wie sich eben auch viele Religiöse immer wieder gegen naturwissenschaftliche Erkenntnisse sperr(t)en.
Und insofern dies Handlungsanweisungen beträge, gäbe ich Ihnen sogar Recht: Verabsolutierte Rationalität wird zum Stahlgehäuse, aus dem dann Zwänge abgeleitet werden. Und ich würde es beispielsweise strikt ablehnen, aus dem Religion-Reproduktion-Zusammenhang ein "Gebot" der "Praktischen Vernunft" abzuleiten, weil dies ein Verstoß gegen Freiheitsrechte darstellte.
Lieber Herr Dahl,
langsam wundere ich mich schon ein wenig.
Sie schreiben:
"Wenn Dawkins davon spricht, dass Religionen wie Viren seien, die sich des menschlichen Geistes bemächtigen, meint er nicht, dass sie Krankheiten sind, die unsere Überlebensfähigkeit oder unsere Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen. Sind wir uns darin einig?"
Er vergleicht Religionen nicht nur mit Viren, sondern nennt sie ausdrücklich "mind diseases" - Geisteskrankheiten! Und natürlich beeinträchtigen Krankheiten sowohl nach alltäglichem wie wissenschaftlichem Sprachgebrauch Überleben und Fortpflanzungserfolg... Was gibt es denn daran noch ernsthaft zu deuteln???
Lieber Herr Dahl, wollen wir die Diskussion hier vielleicht fürs Erste einfach in Freundschaft beenden? Es waren ja tolle Strecken, aber nun sehe ich wirklich nicht, dass das in diesem Rahmen noch sehr ergiebig bleibt...
"Kein deutsches Forum...ohne dass es irgendwann zu Hitlervergleichen kommt..."
Lieber Herr Blume, ich hoffe, dies war nur ein schlechter Scherz!
Sie haben meinen Punkt sehr wohl verstanden. Religionen kommen und gehen. Diejenigen, die sich halten, überleben nicht wegen ihrer Glaubensvorstellungen - also nicht weil sie an die Trinität, das Nirvana, das Tao oder was auch immer glauben -, sondern wegen ihrer pronatalistischen Politik. Dieser Pronatalismus ist jedoch nichts spezifisch Religiöses. Daher kann man ihn auch nicht der Religiosität zuschreiben, um ihre Adaptivität zu erweisen. Religiöse Vorstellungen als solche sind jedenfalls nicht adaptiv!
Sie schrieben:
"Interessant, dass nun aber auch Sie einen empirisch eindeutigen Zusammenhang abzuwehren versuchen, weil er Ihrer Weltanschauung widerspricht - ganz genau so, wie sich eben auch viele Religiöse immer wieder gegen naturwissenschaftliche Erkenntnisse sperr(t)en."
Ich weiß wirklich nicht, wovon Sie sprechen! Ich habe doch gerade eben noch einmal ausdrücklich den Zusammenhang von Religion und Kinderreichtum zugestanden. Ich bezweifele nicht die Korrelation von Religiosität und Parität, sondern einzig und allein die Kausalität. Es ist weder der Heilige Geist, der die Frauen schwängert, noch der Glaube an den Heiligen Geist, der sie schwanger werden lässt.
"Dieser Pronatalismus ist jedoch nichts spezifisch Religiöses."
Doch - denn keine nichtreligiöse Vergemeinschaftung hat diese pronatalistische Orientierung jemals dauerhaft durchgehalten. Auch der zitierte Hitler und seine NS-Schergen nicht, deren Geburtenraten brachen schon lange vor Kriegsende ein. Ebenso übrigens wie die der kommunistischen Staaten, trotz massiver, pronatalistischer Zwangsmaßnahmen z.B. im sozialistischen Rumänien (u.a. Verbot von Verhütungsmitteln, Abtreibungen etc.). Wenn die Menschen nicht an die pronatalistischen Gebote glauben, widersetzen sie sich ihnen.
"Daher kann man ihn auch nicht der Religiosität zuschreiben, um ihre Adaptivität zu erweisen."
Mit dem Merkmal Musikalität gäbe es dieses Problem nicht - obwohl die Daten nicht halb so stark sind...
Weltweit geht religiöse Vergemeinschaftung von Menschen mit eindeutig höherem Reproduktionserfolg und damit gesteigerter, darwinscher Fitness einher. Die Vererbbarkeit ist ebenso nachgewiesen wie die Emergenz in der Evolutionsgeschichte des Menschen.
"Religiöse Vorstellungen als solche sind jedenfalls nicht adaptiv!"
Doch, z.B. die Vorstellung eines allwissenden, übernatürlichen Akteurs, der uns "Seid fruchtbar und mehret euch!" (Genesis 1,28) gebietet und jeden Aspekt unseres Handelns und Denkens kennt und beurteilt IST adaptiv. Denn Glaubende entscheiden sich prompt häufiger für Kinder als Nichtglaubende unter sonst gleichen Bedingungen.
Zudem werden religiöse Vergemeinschaftungen maßgeblich durch gemeinsame mythologische Vorstellungen, dann auch Rituale, außergewöhnliche Erfahrungen etc. begünstigt. Säkulare Surrogate haben dies bisher nicht einmal in einem Einzelfall auch nur drei Generationen lang ersetzen können...