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Was ist eigentlich euer Problem?

von Lars Fischer, 16. Juli 2008, 13:31

"Nichts in den Geisteswissenschaften ergibt einen Sinn außer im Lichte der Biologie." hat, zugegebenermaßen schon vor einiger Zeit, der Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera aus Kassel zu Protokoll gegeben. Womit er bei Lichte besehen absolut Recht hat. Schließlich stammt all das, womit sich Geisteswissenschaftler beschäftigen, in letzter Konsequenz aus den knapp drei Pfund Wabbelkram, die wir alle unter der Schädeldecke tragen, und die sind nun mal ein Produkt der Evolution.

Aber was sagt uns das jetzt auf praktischer Ebene? Muss jetzt der Literaturwissenschaftler, Linguist, Logiker alles, was er bisher so getrieben hat, in die Tonne treten? Wohl kaum. Kutscheras Feststellung läuft darauf hinaus, dass in den Wissenschaften eben doch alles mit allem zusammenhängt, wenn man nur genau genug hinguckt. Eine Überlegenheit der Biologie lässt sich auf diese Weise nicht begründen. Ganz abgesehen davon, dass Germanistik auch im Lichte der Biologie natürlich auch weiterhin mit den Methoden der Germanistik betrieben wird, kann die biologische Perspektive, wie Michael in "Natur des Glaubens" demonstriert, den Geisteswissenschaften neue Wege öffnen.

Im Grunde kann also der Geisteswissenschaftler als solcher weitermachen wie bisher. Das hinderte allerdings den SZ-Feuilletonisten Alexander Kissler nicht daran, eine seltsame Replik zu veröffentlichen. Um Kutschera als Ideologen zu diskreditieren, bedient er sich zum Beispiel eines Zitats aus diesem Artikel, in dem ein gewisser Benno Kirsch das sattsam bekannte wir-werden-alle-verfolgt-und-diskriminiert-Gejaule der Kreationisten anstimmt. Kissler scheint selbst sehr genau zu wissen, dass mit dieser Quelle kein Staat zu machen ist, und belässt die Herkunft der Verunglimpfung bewusst im vagen ("...von einem Historiker in einer linken Berliner Wochenzeitung...").

Der unvoreingenommene Leser kratzt sich etwas ratlos am Kopf ob dieses ebenso unqualifizierten wie bei Lichte betrachtet völlig unnötigen Rundumschlages. Denn wenn Kutschera über den Geisteswissenschaftler-an-sich sagt, er beschäftige sich "bevorzugt damit, was andere über reale Sachverhalte gedacht und geschrieben haben, gegeneinander abzuwägen, neu auszulegen und zu kommentieren.", dann ist das zwar eine Vereinfachung, aber erstens im Kern zutreffend und zweitens keineswegs ehrenrührig. So etwas nennt man Reflexion, und es soll manchmal ganz hilfreich sein. Sowohl Kissler als auch Kutschera hätten vor ihren Wortmeldungen eine Dosis davon gebrauchen können.

Worum geht's hier wirklich?
Beim zweiten durchlesen des Kissler-Artikels (und ein bisschen Recherche über Kissler selbst) beschleicht einen denn auch so ein bisschen das Gefühl, dass den Autor selbst das umtreibt, was er Kutschera so vehement unterstellt: Gekränkter Stolz.

Denn im Grunde wäre es ganz einfach, ginge es Kissler tatsächlich um eine Verteidigung der Geisteswissenschaften gegen den angeblichen "Sprung" der Biologie auf den "Richterstuhl". Schließlich führt auch die naturwissenschaftlich-strenge Widerlegung einer Hypothese nur bei vergleichsweise einfachen Fragestellungen dazu, dass die Lage schnell und zweifelsfrei geklärt wird. Sobald es komplizierter wird (und das ist es meistens), müssen auch Physiker berüchtigterweise warten, bis die Gegner der falschen Theorie ausgestorben sind. Genau wie bei den Geisteswissenschaften: Nur weil dort keine strengen Beweise geführt werden können, heißt das noch lange nicht, dass jeder Unfug auf immer im Kanon verbleibt.

Die naturwissenschaftliche Methode als Richtschnur ist also, darauf könnte man hier legitimerweise hinweisen, in der Praxis nicht ganz so einfach zu handhaben wie in der Theorie, und außerdem nicht mal immer anwendbar. Oder auch: Nicht alles im Universum ist streng empirisch überprüfbar. Life’s a bitch! Sollen wir es deswegen ganz bleiben lassen?

Worum es Kissler dagegen wirklich geht, bleibt unklar. Ein Verdacht drängt sich allerdings auf, vor allem wenn man seine Bücher "Der geklonte Mensch" und "Der aufgeklärte Gott" kennt: Die Geisteswissenschaften und Kissels aufgesetzter heiliger Zorn erscheinen hier als bloßes Vehikel, um seine These - die Biowissenschaften seien "unaufgeklärt" und müssten vom rationalen Glauben an die Kandare genommen werden - zu transportieren.

Narzisstische Kränkung im Selbstversuch
Mehr scheint da nicht hinter zu stecken. Wie schwerwiegend die angebliche Kränkung der Geisteswissenschaften durch Kutscheras Bonmot wirklich ist, kann im Grunde jeder am eigenen Leibe mal ausprobieren. Schließlich ist der Spruch kaum mehr als eine Binsenweisheit und kann in ähnlicher Weise auf jedes Fachgebiet angewandt werden.

Zum Beispiel
"Nichts in der Chemie ergibt Sinn außer im Lichte der Physik."

Dem kann man nun kaum widersprechen. Schwerste narzisstische Kränkung also? Brachial und intolerant? Eher nicht. Und es bedeutet schon gar nicht, dass Physiker sich jetzt plötzlich zum Richter über die Chemie aufschwingen wollten. 

Also wozu das ganze Theater? 





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Kommentare

  1. Martin Huhn kein Betreff
    16.07.2008 | 15:41

    "Das hinderte allerdings den SZ-Feuilletonisten Alexander Kissler nicht daran, eine seltsame Replik zu veröffentlichen. Um Kutschera als Ideologen zu diskreditieren ..."

    Was soll an der Replik von Kissler seltsam sein? Man muß die Dinge doch auch mal beim Namen nennen dürfen und Kutschera ist nunmal ein Ideologe des Naturalismus. Was soll er sonst sein? Ein Kämpfer für die Wahrheit und des Lichts?

  2. kamenin Kompromiss: Nichts ergibt Sinn
    16.07.2008 | 15:50

    Schließlich ist der Spruch kaum mehr als eine Binsenweisheit und kann in ähnlicher Weise auf jedes Fachgebiet angewandt werden.

    Die Kränkung beruht wohl eher darauf, dass man das in entsprechenden Fällen nur sehr schwer umdrehen kann. Das geht einmal nicht wegen einer hübschen sprachlichen Unklarheit, in der "die Biologie" beides meinen kann, die Forschung wie deren Objekt; Geisteswissenschaft aber nicht. Und das nichts in den Geisteswissenschaften Sinn macht, außer im Licht der biologischen Forschung, wäre zumindest eine schwerer zu verteidigende These.

    Zum anderen ist die Umdrehung, nichts mache in der Naturwissenschaft Sinn, außer im Lichte des Geistes vermutlich eine Sackgasse, jedenfalls eine relativ folgenlose Behauptung beim Stand des Wissens über den Geist: man kann dann Sapir-Whorf anführen oder gleich Postmodernist werden, aber ob das trägt und da jemand wirklich so absolut dran glauben will...

    "Nichts in der Chemie ergibt Sinn außer im Lichte der Physik."

    Auch das gilt umgedreht so einfach nicht. Wohl aber: Nichts in der Physik ergibt Sinn außer im Lichte der Mathematik. Wir sitzen also doch alle im selben Boot. Bis auf die Mathematiker. Aber die wissen am besten, dass ihre Disziplin allein eigentlich gar keinen Sinn ergibt und sind deshalb auch nett zu uns.

  3. kamenin @ Martin Huhn
    16.07.2008 | 15:53

    Empfinden Sie "Ideologe" eigentlich als Herabsetzung oder würden Sie jeden als Ideologen bezeichnen, der eine Ansicht oder gar eine Philosophie vertritt -- sich selbst also inklusive?

  4. Henning kein Betreff
    16.07.2008 | 16:12
  5. Lars Fischer @ Martin
    16.07.2008 | 17:08

    Von "beim Namen nennen" kann man eher nicht reden, wenn er sich für so ein Statement hinter jemandem anders versteckt und dann nicht mal auf die Quelle verweist, weil er ganz genau weiß, dass sie nichts taugt.

    Für mehr als diese tendenziöse Zitiererei hat Kissler offenbar der Mumm gefehlt.

  6. Thilo @ Henning: Philosophie
    16.07.2008 | 17:22

    Zu dem von Dir verlinkten Komik gibt es noch eine Variante unter http://diveintomark.org/archives/2008/06/11/purity

    Ich kenne jetzt nicht den genauen Kontext von Kutschera's Zitat. Ich denke schon, daß, selbst wenn man Literatur, Musik, Theologie usw. biologisch erklären könnte, es nicht wirklich viel bringt, das auch zu tun.

    In der letzten Ausgabe von "Notices of the American Mathematical Society" erschien ein Verriß des Romans "Die Vermessung der Welt", in dem der Autor (ein holländischer Mathematiker) mehrere Seiten lang inhaltliche Fehler aufführte. Das ist sicherlich ein absurdes Beispiel für Anwendung naturwissenschaftlicher Argumente auf einem fremden Gebiet (möglicherweise ausgelöst durch die immer wieder kolportierten Behauptung, diese Studie zweier Charaktere in Romanform diene der leicht-verdaulichen Einführung in die Arbeiten von Gauß und Humboldt).

    Daß umgekehrt nichts dabei herauskommt, wenn man versucht Naturvorgänge auf der Basis literarischer Werke (z.B. der Bibel) zu erklären, braucht man auf diesem Blog wohl nicht weiter zu betonen.

    Die eigentlich spannende Frage in diesem Zusammenhang scheint mir: was sind die jeweiligen persönlichen Motive von Kreationisten, Klimaskeptikern usw. Offensichtlich liegen die Antriebe für solche "naturwissenschaftlichen" Diskussionen doch etwas tiefer. Das zu erforschen ist nun allerdings keine Aufgabe für die Biologie, sondern für die Geisteswissenschaften.

  7. Martin Huhn @kamenin
    16.07.2008 | 20:55

    Ansichten und Philosophien mag jeder vertreten, so wie Lars in seinem Beitrag oder ich in meinen Kommentaren. Wenn aber Kutschera als Professor daherkommt und die naturwissenschaftliche Methodik quasi einverleiben möchten, um seine Weltanschauung als objektive Erkenntnis zu verkaufen, dann habe ich da etwas dagegen. Zumal das nicht für alle erkennbar ist. Der kann nicht einfach die Naturwissenschaft mißbrauchen, um die Deutungshoheit zu erlangen.

    Sie können das aber ruhig toll finden. Da habe ich nichts gegen. :-)

  8. Martin Huhn @Lars
    16.07.2008 | 21:01

    "Von "beim Namen nennen" kann man eher nicht reden, wenn er sich für so ein Statement hinter jemandem anders versteckt und dann nicht mal auf die Quelle verweist, weil er ganz genau weiß, dass sie nichts taugt."

    Das mag Dein Thema bei Kissler sein. Du hast Dir da eine schwachen Punkt rausgesucht und attakierst diesen nun. Mein Thema ist es aber nicht. Mir geht es darum, wie Kissler Kutscheras Beweggründe offenlegt und das nennt er sehr wohl beim Namen. Nichts anderes steht in meinem Kommentar. Wir reden also aneinander vorbei bzw. Du an mir.

  9. JLT Kutscheras Beweggrund
    16.07.2008 | 22:55

    Fazit: Die Bemühungen mancher "Geistes"-Wissenschaftler, Erkenntnisse der Biologie aus ihrer Perspektive zu bewerten, sind lobenswert. Diese Schriften sollten allerdings auf den mühselig erarbeiteten Fakten der Life Sciences basieren, denn "Nichts in den Geisteswissenschaften ergibt einen Sinn außer im Lichte der Biologie".

    Das ist das Fazit, mit dem Kutschera seinen Artikel beendet und der meiner Meinung nach doch eindeutig zeigt, worum es Kutschera geht: Wenn Geisteswissenschaftler über Biologie/Naturwissenschaften reden und sogar bewerten wollen, dann sollen sie sich wenigstens an die Fakten halten.
    Der ganze Artikel Kutscheras ist meiner Meinung nach an die Geisteswissenschaftler (und solche, die es sein wollen) gerichtet, die beispielsweise über die Beschaffenheit des Bewusstseins oder der Intelligenz schwadronieren, ohne irgendwelche naturwissenschaftlichen Erkenntnisse auch nur im Vorbeigehen in Betracht zu ziehen. Er will nicht etwa die Naturwissenschaften oder die Biologie "über alles" stellen, er will lediglich klar machen, dass ein Nachmittag Nachdenken über ein Thema keine jahrelange Forschung ersetzt oder widerlegt.
    Die Zeiten, als man dachte, man könne die ganze Welt erklären, wenn man nur lange genug sinnierend in seinem Sessel säße, sind doch schon etwas länger vorbei. Ich stimme mit Kutschera überein, das anscheinend manche Leute daran erinnert werden müssen.

  10. Martin Huhn @ JLT
    17.07.2008 | 08:03

    "über die Beschaffenheit des Bewusstseins oder der Intelligenz schwadronieren, ohne irgendwelche naturwissenschaftlichen Erkenntnisse auch nur im Vorbeigehen in Betracht zu ziehen"

    Was sind denn die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse bezüglich Bewußtsein oder Intelligenz?

  11. Georg Litsche Was ist das Problem?
    17.07.2008 | 09:44

    Geht es um die Geisteshaltung von Autoren - oder um das Verhältnis Biologie - Geisteswissenschaften?
    Warum soll z.B. die Umkehrung von Kutscheras Satz nicht stimmen? Die ganze Debatte geht doch darum, den naturwissenschaftlichen Gehalt der diskutierten Aussage auf die geistige Haltung der Autoren zurückzuführen. Erst diese macht den biologischen Gehalt deutlich.
    Also was ist das Problem?

  12. kamenin @ Martin Huhn
    17.07.2008 | 11:01

    Mich würde ja schon interessieren, wo Kutschera den Naturalismus als objektiv erwiesen bezeichnet hat (worin wir sicher übereinstimmen, dass es ein Fehler wäre). Gleichzeitig stellt sich mir die Frage, wie ein Professor noch Naturalist sein kann, wenn er dann bei jeder Äußerung klar machen soll, dass das Ansicht, aber nicht Erwiesenes sein soll. Oder ist es jetzt schon ideologischer Naturalismus, wenn ein Evolutionsbiologe Evolution für wahr hält und sich gegen Kreationisten und ihre Tarn- und Unterwanderungstaktiken wendet? (Die aufgesetzte sprachliche Trennung zwischen "I.D.-Theoretikern" und Kreationisten gehe ich bewusst nicht mit)

    Aber ich nehme es mit Freude zur Kenntnis, dass wir nach Ihrer Definition voll übereinstimmen, dass von Theologieprofessoren in 90% der Fälle nur Ideologie verkündet wird. Müssten wir staatlich eigentlich nicht fördern, oder?

  13. Martin Huhn @ kamenin
    17.07.2008 | 11:40

    Zwischen "objektive Erkenntnis" in meinem Kommentar und "objektiv erwiesen" in Ihrem gibt es einen kleinen Unterschied, oder nicht? Ich bin aber kein Sophist und streite mich nicht um Worte. Es zeigt mir nur, daß bei Ihnen nicht ankam, was ich mit meinem Kommentar ausdrücken wollte. Nun kann ich drüber spekulieren, ob ich mich nicht richtig ausdrücken kann oder sie nur verstehen, was sie verstehen wollen oder ... Jedenfalls nehme ich nicht Stellung zu Positionen, die mir von Ihnen untergeschoben werden.

    Anderes Thema: "dass von Theologieprofessoren in 90% der Fälle nur Ideologie verkündet wird. Müssten wir staatlich eigentlich nicht fördern, oder?"

    Wie ich schon schrieb, habe ich nichts dagegen, wenn jemand seine Ideologie vertritt. Sie sollte aber als solche erkennbar sein, was es bei der Theologie ohne Zweifel ist. Wo ist also das Problem? Oder ist das Problem die staatliche Förderung? Was sollte/dürfte denn staatlich gefördert werden? Was sind die Kriterien?

  14. Michael Blume Eine schöne Ironie...
    17.07.2008 | 14:06

    ...an der ganzen Diskussion ist übrigens, dass die meisten gar nicht wissen, in welchem Kontext das berühmte Dobzhansky-Zitat ("Nichts in der Biologie macht Sinn außer im Licht der Evolution") entstanden ist.

    Darf ich dazu ausnahmsweise aus einem just 2 Wochen alten Vortrag dazu zitieren? Ganztext hier:
    http://www.blume-religionswissenschaft.de/...8.pdf

    "Auch heute sehr bekannt und gerne benutzt ist das Zitat des berühmten
    Evolutionsbiologen Theodosius Dobzhansky (1900 – 1975): „Nichts in der Biologie ergibt einen Sinn außer im Licht der Evolution.“ Viele, die es benutzen, wissen oder erwähnen nicht, dass genau dieses Zitat der Titel eines Essays war, in dem Dobzhansky seinen christlichen Glauben bekundete. Er schrieb dort: “Es ist falsch, Schöpfung und Evolution als einander ausschließende Alternativen anzunehmen. Ich bin ein Kreationist und ein Evolutionist. Evolution ist Gottes, oder der Natur, Weg der Schöpfung. Schöpfung ist kein Ereignis, das 4.004 vor Christus geschah; es ist ein Prozess, der vor 10 Milliarden Jahren begann und weiterhin verläuft.“

    Hier bekennt der große Biologe seinen Glauben und vertritt also just unter dem Titel des Zitats das komplette Gegenteil eines naturalistischen Reduktionismus!

    Mir geht es da also wie Lars: Ich verstehe weder den kreationistischen noch reduktionistischen Furor, der m.E. eher auf mangelnde Information und Reflektion auf beiden Seiten als auf echte Probleme hindeutet. Natur- und Geisteswissenschaften ergänzen einander, können sich fruchtbar herausfordern, aber eben auch befruchten. Persönlich würde ich z.B. auf empirischer Basis längst behaupten: Vieles in der Religion macht Sinn im Licht der Biologie!

    PS: Kompliment, Lars - toller Blogartikel!!!

  15. Helmut Wicht @ Lars
    17.07.2008 | 16:16

    "Was ist eigentlich euer Problem?"

    Nun, das Problem ist in der Tat das einigermassen impertinente Wort von Professor Kutschera: "Nichts in den Geisteswissenschaften ergibt einen Sinn außer im Lichte der Biologie."

    Wenn ich es als polemischen Schlachtruf des Naturalisten lese - dann mag es als eben der durchgehen. "Right or wrong - my country", da müssen gewisse (inhaltliche) Kollateralschäden akzeptiert werden.

    Wenn ich das Zitat aber Wort für Wort ernst nehme, als Aussage eiens Naturwissenschaftlers, der sich der Faktizität und der Akkuratesse verpflichtet sieht, dann stehen mir die Haare zu Berge.

    Erkenntnistheoretisch schon mal deshalb, weil die Naturwissenschaften eine Unternehmung sind, die von geistbegabten Subjekten betrieben wird, mithin hat all das, was Professor Kutschera und wir von der Welt wissen, den Geist schon mal als Voraussetzung. Das "als ob" der subjektlosen Naturbetrachtung, die Fiktionalität der Entfernung des Subjektes aus der objektiven Naturwissenschaft: das scheint gänzlich an ihm vorbeigegangen zu sein.

    Es wird also, anders als kamenin vermutet, andersherum AUCH ein Schuh draus: nichts in der Naturwissenschaft macht Sinn, ausser im Lichte des Geistes. Es gäbe sie schlicht ohne ihn nicht.

    Zwotens grausts mir angesichts der Wortwahl. Der Satz hat die Form einer negierten All-Aussage ("nichts ergibt irgendeinen..."), und All-Ausagen sind notorisch problematisch und ideologieverdächtig.

    Und er verwendet das Wort "Sinn", das bei einem anständigen Naturwissenschaftler eigentlich Brechreiz auslösen sollte, denn der "Sinn" ist ja nun gerade das, was den Naturwissenschaften abgeht: sie kennt ja gar keine Zwecke, sondern nur Ursachen und Wirkungen. Der Herr Kutschera selbst würde wohl sicher laut (und zu Recht!) aufschreien, wenn man der Evolution einen "Sinn" unterschöbe.

    Nun soll aber just dieser "Sinn" aus den Naturwissenschaften in die Geisteswissenschaften hineinleuchten. Das soll mir mal einer erklären. Von was für einem "Sinn" ist denn hier die Rede? Letztendlich wird es doch auf Plattheiten hinauslaufen wie: "Der Träger dieses Gedankens wirkt sexuell attraktiver als der Träger jenes Gedankens, weswegen dieser Gedanke als positiver Selektionsfaktor ... blatetcpp ..."). Über den Gedanken selbst ist, wie üblich, damit rein gar nichts gesagt (@ Blume: nein, das ist kein Frontalangriff gegen "EvoTheo", solnge sich jene nicht der Kritik der INHALTE der religiösen Überzeugungen zuwendet.)

    Genauer gesagt: der Fehler ist ein logischer, Searle hat ihn "genetic fallacy" genannt. Wenn ich die kausale Erklärung für das Zustandekommen eines bestimmten intentionalen Gehaltes oder einer Überzeugung geben kann, dann habe ich dadurch weder die Richtigkeit noch die Falschheit eben dieses Gehaltes bewiesen (J.R. Searle, "Geist", S. 280).

    Mithin fällt also kein Gran "Sinn", kein Funken Licht von Seiten der Naturwissenschaften auf die Inhalte dessen, was die Geisteswissenschaften bewegt.

    (Gut, das war nun ebenso polemisch..)

  16. kamenin @ Martin Huhn
    17.07.2008 | 16:27

    Vielleicht verstehen wir uns ja wirklich nicht. Eigentlich wollte ich ja nur wissen, ob es zur Bezeichnung als ideologischem Naturalisten ausreicht, wenn man als Evolutionsbiologe Evolutionstheorie vertritt, sich gegen den Kreationismus wehrt und Bücher über den methodischen Naturalismus schreibt. Wenn nicht, ab wo ist diese Grenze, hinter der man nicht nur seine Ansicht oder wissenschaftliche Anschauung vertritt, auch als Professor oder "Bürger im Laborkittel", sondern wo man dann geheimer- und täuschenderweise zum "Ideologen" geworden ist?

    Da Sie das oben ja Kutschera vorgeworfen haben, muss er diese Grenze doch an irgendeinem Punkt überschritten haben;
    und da hätte ich gerne Aufklärung.

  17. Martin Huhn @ kamenin
    17.07.2008 | 21:07

    Viel haben wir wirklich nicht gemein. Das einzige wird wohl der FC Schalke 04 sein.

    Der Evolutionsbiologe Kutschera darf gerne die Evolutionlehre vertreten. Es kommt aber drauf an, wie man das macht. Zum Beispiel verstehe ich es nicht, weshalb er nicht mit den Kollegen Scherer darüber diskutiert. Anstatt mit ihm zu reden redet er nur über ihn und er redet schlecht über ihn. Wo bleibt da die Sachlichkeit? Diese Art und Weise von Kutschera ist mir suspekt. Geht es ihm wirklich nur um die Evolutionsbiologie? Und wenn er so überzeugt ist, daß da alles so hieb und stichfest ist, dann müßte er doch viel gelassener gegenüber Kritk sein. Ist er aber nicht.

  18. kamenin @ Martin Huhn
    18.07.2008 | 08:50

    Ich kenne Scherers Schaffen nicht so genau, wohl aber das anderer Kurzeitkreationisten. Da frage ich mich schon, worüber Kutschera sich mit dem unterhalten soll. Der eine arbeitet erfolgreich mit und an der Evolution, der andere glaubt, das Universum sei ein paar tausend Jahre alt. Ich wüsste nicht mal, worüber ich micht mit dem unterhalten sollte.

    Die Argumente liegen doch auf dem Tisch, und Scherer und Kutschera kennen die auch. Man wird durch ein Gespräch keine Aufklärung oder Verständigung erreichen. Und mit Kreationisten zu debattieren, bringt herzlich wenig: man stellt ihre Position nur als glaubhafte Alternative dar, dabei ist die wissenschaftliche Evidenz klar verteilt. Und in der Debatte braucht es zehn Sekunden, eine hübsch aussehende Unwahrheit über den Beamer zu jagen, aber zehn Minuten, das wissenschatflich wieder gerade zu stellen.

    Die eigentlich Debatte würde wissenschaftlich stattfinden. Aber da kommt eben nichts, stattdessen produzieren Kreationisten Schulbücher, Zeitungsartikel und Vorträge -- und Modelle, wie man kreationistische Begriffe dem Diskurs unterschiebt, bevor jemand merkt, dass es solche sind.

    Vielleicht kann man gelassen bleiben. Aber eigentlich ist das Argument nur: "wer widerspricht, fühlt sich getroffen". Aber wenn keiner widerspricht, haben die Kreationisten freie Bahn. Also hat Kutschera meinen Segen, zu widersprechen, wo er kann und gerne auch heftiger als nötig. Für die unehrlichen Taktiken und Pseudowissenschaften aus kreationistischer Ecke fehlt mir jeder Respekt -- nicht mal als Wissenschaftler, weil so was nicht mal mehr Wissenschaft ist; aber als Teilnehmer der Gesellschaft, an den sich die Propaganda richtet.

    Oder um Kutschera selbst zu zitieren:
    »Ich diskutiere doch nicht öffentlich mit einem Kurzzeit-Kreationisten«, sagt er. »Scherer hat erst Anfang Oktober im Interview zugegeben, dass er glaubt, alle Menschen stammten von Adam ab. Man kann mit tief religiösen Menschen in der Öffentlichkeit nicht über Glaubenssätze diskutieren. Die würde man doch der Lächerlichkeit preisgeben. Auf die Frage, wie der Schöpfer die Grundtypen hervorgebracht hat, würde Scherer ›biblische Wunder‹ daherbeten.« Das sei keine Basis für einen wissenschaftlichen Dialog. Ohnehin sei er vorsichtig geworden mit öffentlichen Auftritten: »Wenn die Zeugen Jehovas in den Saal kommen, dann kann ich einpacken. Die stören und rufen rein, bis keine Diskussion mehr möglich ist. Und aus München bekomme ich Droh- und Schmähbriefe. In Wirklichkeit bin ich nämlich der neodarwinistische Oberteufel von Deutschland.«
    ZEIT 01/2006

    Ich würde stark vermuten, dass man die Sachlichkeit in Kutscheras Veröffentlichungen und in seinen Büchern findet. In Zeitungen und Interviews rein sachlich gegen Kreationismus zu argumentieren, geht meistens unter oder wird nicht mal wahrgenommen.

    Glück auf!

  19. Ingo B. @ Thilo
    19.07.2008 | 13:39

    "Ich denke schon, daß, selbst wenn man Literatur, Musik, Theologie usw. biologisch erklären könnte, es nicht wirklich viel bringt, das auch zu tun."

    Das ist eine ganz wissenschaftsferne Haltung. Was irgendwo herauskommt, weiß man immer erst, wenn man genauer hingeschaut hat. Mit "Denken" nur für sich genommen, ohne die Empirie, kommt man meist nicht weit, wußte schon Kant.

    Zur Theologie haben wir - etwa - bei Michael Blume's "Natur des Glaubens" schon viel gelernt. Die Fächer der Evolutionären Literaturwissenschaft und der Evolutionären Musikwissenschaft sind in der Blogszene, so weit ich sehe, noch nicht vertreten (zumindest der deutschsprachige). Aber die Fächer als solche gibt es längst.

    Und daß der Mensch etwa um 190.000 vor heute ein "Tänzer-Gen" in sein Genom bekommen hat, also zur gleichen Zeit, als unsere heutige Sprachfähigkeit entstand, ich denke doch, daß das auch eine Musikwissenschaft interessieren könnte und sollte.

    Und ich würde den Satz von Kutschera dahingehend verstehen wollen, daß sich Geisteswissenschaftler mal MEHR mit diesen genannten Fächern beschäftigen sollten, die zum Teil noch wie "Orchideen-Fächer" vor sich hinblühen, die aber alle ihre Wissenschaften, wie doch nur allzu deutlich absehbar ist, bedeutend beflügeln und befruchten werden.

    Die Wirtschaftswissenschaften beispielsweise merken das immer mehr (Spieltheorie etc.). Die Psychologen merken das, seit ihnen Sigmund Freud vom Denkmal gestürzt ist, ebenso.

    Aber wie gemächlich geht es noch in vielen sehr traditionellen Geisteswissenschaften zu, was den Anschluß an moderne Wissenschaftsbestrebungen betrifft.

    @ Lars

    In der Tat, Lars, ist es für den Erkenntnisfortschritt schon eine Beschleunigung, wenn man NUR noch auf den Tod der Vertreter einer bestimmten zuvor vorherrschenden Sichtweise warten muß. ;-) In der Psychologie war das bis vor etwa einem Jahrzehnt noch keineswegs so. (!)

    In den Geisteswissenschaften per se verhält es sich diesbezüglich oft noch heute sehr stark anders.

  20. Thilo @ Ingo
    20.07.2008 | 00:46

    Also ...

    Daß man aus Biologie oder Demografie etwas über Theologie lernen kann, behauptet wohl nicht einmal Dr. Blume selbst. Jedenfalls habe ich in seinem Blog keine dahingehende Aussage gefunden.

    Und die Geschichte mit den Tanzmäusen ist sicher für Genetiker interessant, aber von Anwendungen auf Musik oder Musikwissenschaft habe ich auch noch nichts gehört.

    Das Problem der von Ihnen so verteidigten "Orchideenfächer" ist offensichtlich, daß die üblichen formalen Verfahren der wissenschaftlichen Qualitätskontrolle dort noch nicht greifen. Das wäre aber eine Voraussetzung, um von anderen Fächern ernstgenommen zu werden.

    Ein Beispiel: ich habe mal im Netz zum Stichwort "Evolutionary Religious Studies" gesucht. Das einzige, was ich gefunden habe, war ein von der Templeton-Stiftung finanziertes Soziales Netzwerk ohne Links zu Veröffentlichungen oder Konferenzen.

    Nun versteht es sich natürlich von selbst, daß man das Ergebnis einer einfachen Internet-Suche nicht überbewerten sollte. Aber interessieren würde es mich schon mal: gibt es eigentlich (nicht von der Templeton-Stiftung finanzierte) *seriöse* wissenschaftliche Institute bzw. *seriöse* wisenschaftliche Zeitschriften, die sich (nicht nur am Rande) mit Evolutionärer Religionswissenschaft beschäftigen?

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