wissenslogs Fischblog scilogspreis

Sex mit Neanderthalern - sie haben es doch getan!

07. Mai 2010, 09:47

Es ist endlich so weit: Nach mehreren Jahren Arbeit haben Svante Pääbo und Kollegen die lang erwartete erste Draft-Version des Neanderthaler-Genoms präsentiert. Gut, im Jahr 2006 hat er noch gesagt, der erste Entwurf sei binnen zwei Jahren zu erwarten, aber wir wollen angesichts dieser bemerkenswerten Leistung nicht kleinlich sein. ResearchBlogging.orgSchon dass es dieses Genom überhaupt gibt ist eine Sensation – und es geht gleich weiter: Durch Erbgutvergleiche kommen die Autoren der Publikation zu dem Schluss, dass Neanderthaler-Gene im modernen Menschen bis heute überlebt haben. Weil sich nämlich unsere Vorfahren mit der ausgestorbenen Menschenart gepaart haben.

Das allerdings ist nur ein Aspekt der jetzt vorliegenden Erbgutsequenz, mit der Pääbo sich wahrscheinlich endgültig in die Liste der Nobelpreiskandidaten einreiht. Weltweit stehen Forscher jetzt in den Startlöchern, um dem Genom seine Geheimnisse zu entreißen – was den Neanderthaler zu dem machte, was er war, warum er ausstarb und natürlich auch, was es mit seinen nächsten Verwanden auf sich hat, mit uns.

 (weiter)

Geschrieben in Biologie . Kommentare: (10). Trackbacks: (0). Permalink


Kleines Ölpest-Update zum Wochenende - wieviel ist da unten insgesamt?

30. April 2010, 19:13

Seit meinem ersten Beitrag zum Thema ist die Schätzung des täglich ausströmenden Öls signifikant nach oben korrigiert worden, von 160.000 Liter auf etwa 800.000 Liter. Außerdem haben die ersten Ausläufer des Ölteppichs am Mississippi-Delta die Küste erreicht und die ersten Seevögel eingeölt.

Auf der Basis von Daten der National Atmospheric and Oceanic Administration (NOAA) hat die Zeitung Times-Picayune Karten von den voraussichtlichen Ausmaßen des Ölteppichs heute und morgen erstellt.

 (weiter)

Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (5). Trackbacks: (0). Permalink


Sechs mal Exxon Valdez? Wieviel Öl in den Golf von Mexiko fließt

28. April 2010, 23:41

Wie viel Öl muss bisher aus der zerstörten Quelle ins Meer gelangt sein, um den vorhandenen Ölteppich zu erklären? Welche Ölmenge wird insgesamt frei werden, bis der Ausbruch gestoppt ist? Eine einfache Rechnung zeigt, dass die offizielle Zahl von 160.000 Litern pro Tag unrealistisch niedrig ist.

Nachdem die Förderplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko explodierte und sank, tritt aus dem Bohrloch an der Unglücksstelle kontinuierlich Öl aus und bildet einen Teppich, der inzwischen fast 6000 Quadratkilometer groß ist. Dabei wird es allerdings nicht bleiben, denn momentan ist überhaupt nicht abzusehen, wann die anderthalb Kilometer unter der Wasseroberfläche gelegene Quelle versiegen wird. Versuche, das Ventil am Meeresgrund zu schließen, sind jedenfalls gescheitert.

Jetzt haben die Ölbekämpfer erst einmal den Ölteppich angezündet, um zumindest einen Teil des Öls loszuwerden. Trotzdem muss die Quelle verstopft werden, und dazu gibt es zwei Ansätze: Zum einen basteln Ingenieure gerade an einer Art Fangglocke, die über die Quelle gestülpt werden soll. Das wird mindestens vier Wochen dauern, und da die Maßnahme in so tiefem Wasser noch nicht erprobt wurde... Sagen wir’s mal so: Ich wünsche ihnen viel Glück.

Variante zwei funktioniert mit ziemlicher Sicherheit: Ein zweites Loch bohren und den Druck von der Quelle nehmen. Eine Bohrplattform ist auch schon vor Ort, das würde allerdings ganze drei Monate dauern. Die Preisfrage ist: Wie viel Öl wird noch in den Golf von Mexiko fließen?  (weiter)

Geschrieben in Klima und Umwelt . Kommentare: (24). Trackbacks: (3). Permalink


Ist Religion Schuld an Erdbeben?

26. April 2010, 09:14

Es kommt ja nicht mehr allzu häufig vor, dass Priester sich trauen, eindeutig falsifizierbare Thesen in die Welt zu setzen[1]. Deswegen freuen sich Wissenschaftler allerorten über Einlassungen wie die des iranischen Predigers Kasem Sedighi, der die Geowissenschaften um eine sagenwirmal neuartige Theorie zur Entstehung von Erdbeben bereicherte.[2] Die geht so:

Viele Frauen, die sich nicht angemessen kleiden, verführen junge Männer zur Unkeuschheit und verbreiten Unzucht in der Gesellschaft, was letztendlich zu Erdbeben führt

Damit hat Gottesmann Sedighi eine eindeutige Ursache-Wirkungs-Beziehung postuliert, die sich prinzipiell sehr einfach überprüfen lässt. Jen von Blag Hag hat den Gedanken dann konsequent weiter gedacht, die Idee vom Boobquake hat sich verbreitet und deswegen werden heute sehr viele internetaffine Jungwissenschaftlerinnen in tief ausgeschnittenen Klamotten zur Arbeit erscheinen und gucken, ob sich der eine oder andere Tremor blicken lässt.  (weiter)

Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (18). Trackbacks: (2). Permalink


Modelle gegen Geodaten - wie stabil ist das Eis der Ostantarktis?

24. April 2010, 11:14

Nach den derzeitigen Klimamodellen brauchen wir uns um den ostantarktischen Eisschild – die bei weitem größte zusammenhängende Eismasse des Planeten – auch langfristig keine Sorgen zu machen. Natürlich nicht, sollte man meinen, denn selbst bei einer deutlichen Erwärmung lägen die Temperaturen auf der kilometerdicken Eiskappe noch weit unter dem Gefrierpunkt. Allerdings ist andererseits so eine Eiskappe nicht mit einem Eiswürfel vergleichbar, vielmehr ist sie auf geologischen Zeitskalen ausgesprochen dynamisch, und über diese Dynamik wissen wir nach wie vor nicht allzu viel.

Genauer gesagt gibt es sogar ein Problem: Das was wir zu wissen glauben, stimmt nicht mit den Daten aus den Bohrkernen überein, die Forscher aus der Antarktis mit zurück gebracht haben. Nach den derzeit aktuellen Klimasimulationen sollte das Inlandeis die gegenwärtige Erwärmung gut verkraften – im Modell muss die Kohlendioxidkonzentration auf das Achtfache des vorindustriellen Wertes steigen, bevor das Eis schmilzt. Vor etwa 15,5 Millionen Jahren war ähnlich viel Kohlendioxid in der Luft wie heute und das Klima nur geringfügig wärmer – trotzdem ist laut Bohrkerndaten der ostantarktische Eisschild zu jener Zeit drastisch geschrumpft.  (weiter)

Geschrieben in Klima und Umwelt . Kommentare: (0). Trackbacks: (0). Permalink


Geoengineering - haben wir überhaupt noch eine Wahl?

15. April 2010, 21:59

Soll der Mensch versuchen, das Klima aktiv in seinem Sinne zu beeinflussen? Die unabsehbaren Folgen solcher Versuche lassen viele davor zurückschrecken. Doch tatsächlich betreibt der Mensch schon lange Geoengineering - unbeabsichtigt. Können wir es uns vor diesem Hintergrund überhaupt erlauben, derartige Möglichkeiten zu ignorieren?

Während sich die Politik noch Gedanken macht, wie es nach dem Kopenhagen-Desaster mit der Reduktion der Treibhausgas-Emissionen weiter geht, denken viele Wissenschaftler inzwischen über wesentlich drastischere Maßnahmen nach: Aerosolwolken oder Weltraumspiegel sollen die Sonneneinstrahlung verringern und gedüngte Meeresregionen gigantische Kohlendioxid-Mengen aus der Atmosphäre absorbieren. Solche Geoengineering-Maßnahmen sollen globale Klimaparameter und geochemische Kreisläufe aktiv beeinflussen, um trotz der bekannten menschengemachten Einflüsse das Weltklima stabil zu halten.

Das klingt, vorsichtig ausgedrückt, ziemlich ambitioniert, und viele Wissenschaftler warnen zu Recht vor den unabsehbaren Konsequenzen solcher Experimente. Die Systeme, in die man eingreifen würde, sind so komplex, dass man gar nicht sicher sein kann, dass man das eigentliche Problem schon erkannt hat – man denke an das Treibhausgas Kohlendioxid, das nicht nur die Atmosphäre erwärmt, sondern auch den pH-Wert der Ozeane beeinflusst, was langfristig der wesentlich schmerzhaftere Effekt sein könnte.

Und natürlich können die eingeleiteten Maßnahmen selbst wiederum globale Konsequenzen haben, die im Extremfall nicht wieder rückgängig zu machen wären. Deswegen existiert momentan eine Art Konsens, dass derartige Ideen nur für den absoluten Notfall reserviert sind. Ich persönlich glaube aber inzwischen, dass das der falsche Weg ist. Die Menschheit betreibt nämlich längst Geoengineering im großen Stil, allerdings im völligen Blindflug.  (weiter)

Geschrieben in Klima und Umwelt . Kommentare: (13). Trackbacks: (0). Permalink


Der Sonderweg der Katze

12. April 2010, 17:14

Mehrere Seiten Katzencontent enthält die aktuelle Ausgabe von Spektrum der Wissenschaft - Forscher haben die Abstammung aller modernen Hauskatzen auf eine einzige Population im Nahen Osten zurückgeführt. Doch über das Verhältnis von Mensch und Katze werfen die Ergebnisse mehr Fragen auf als sie beantworten - wie kam der Maunzterrorist zum Menschen?

Eine Tierart, die zum Haustier des Menschen wird, ist meistens domestiziert – durch menschlichen Einfluss verändert, quasi nach seinem Bildnis und seinen Bedürfnissen geformt. Doch es ist fraglich, ob das für die Katze auch gilt. Nicht wenige Katzenbesitzer vermuten vielmehr insgeheim, dass es sich genau umgekehrt verhält und der Mensch in der Beziehung die domestizierte Art sei. Katzen, heißt es, haben keine Besitzer, sondern Personal. Aber auch abseits der hochgradig pathologischen modernen Mensch-Tier-Beziehung gibt es wesentliche Unterschiede zwischen Katzen und anderen Haustierrassen. Das Verhältnis von Katze und Mensch ist nach wie vor rätselhaft. (weiter)

Geschrieben in Verhaltensforschung . Kommentare: (91). Trackbacks: (0). Permalink


Interview: Die wundersame Auferstehung von Cryosat

09. April 2010, 10:12


Eigentlich war die Cryosat-Mission der ESA schon gescheitert - beim Start im Jahr 2005 fiel der Erdbeobachtungssatellit ins Meer. Doch anders als bei den meisten Missionen, die derart unrühmlich endeten, gab es für Cryosat eine zweite Chance. Binnen viereinhalb Jahren baute die ESA den Satellit nach den vorhandenen Plänen neu. Gestern startete Cryosat-2 von Baikonur aus in den Erdorbit.

Mein Interviewpartner Alexander Soucek ist seit sechs jahren im Cryosat-Team und Koordiniert die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern und Technikern.

 

 (weiter)

Geschrieben in Technik . Kommentare: (1). Trackbacks: (0). Permalink


Kröten für die Erdbebenvorhersage: Gute Story, schlechte Wissenschaft

01. April 2010, 09:59

Die Erdbeben erahnenden Kröten aus Italien hat in den letzten Tagen schon das eine oder andere Medium aufgegriffen. Bei uns auf spektrumdirekt taucht diese Meldung allerdings mit einiger Verspätung erst am heutigen bedeutungsvollen Datum auf, was hinreichend darüber Aufschluss geben dürfte, was wir von der Geschichte halten.

Die Pressemitteilung zum Paper jedenfalls ist nicht dazu angetan, die Meldung seriös erscheinen zu lassen: Gravitationswellen, heißt es da, sollen vor Erdbeben angeblich die Ionosphäre stören – das wären gute Nachrichten für die Astrophysiker, die gerade versuchen, Gravitationswellen-bedingte Längenänderungen von wenigen Bruchteilen eines Atomkern-Durchmessers zuverlässig zu messen. Aber auch nachdem ich mich vergewissert habe, dass es sich wohl nicht um einen Aprilscherz handelt[1], bin ich von dieser Arbeit absolut nicht überzeugt, und da bin ich nicht der einzige.  (weiter)

Geschrieben in Biologie , Verhaltensforschung . Kommentare: (6). Trackbacks: (0). Permalink


Pandemien und Evolution beim Norovirus

30. März 2010, 19:42

Warum breiten sich manche Viren wie Flächenbrände über ganze Kontinente aus, während andere nur kleine, begrenzte Ausbrüche auslösen? Bei den Noroviren bestimmen Fehler bei der Reproduktion des Erbgutes die biologische Fitness des Erregers und entscheiden darüber, ob eine Pandemie droht.

ResearchBlogging.orgAnders als bei Menschen und anderen Vielzellern sind Viren nicht darauf angewiesen, ihr Erbgut mit großer Genauigkeit zu kopieren. Im Gegenteil, je mehr Fehler beim Kopieren des Erbguts passieren, desto diverser ist die Population und, sollte man zumindest meinen, die evolutionäre Fitness. In einer aktuellen Studie an Noroviren haben Forscher ein bemerkenswertes Beispiel für diesen Zusammenhang gefunden.

Der höchst unerfreuliche, aber selten tödlichen Durchfallerreger ist den weitaus gefährlicheren Influenzaviren in einigen Punkten sehr ähnlich, zum Beispiel darin, dass beide weltweite Pandemien auslösen können. Seit 1995 gab es insgesamt fünf große Norovirus-Pandemien (1995/1996, 2002, 2004, 2006 und 2007). Sowohl bei Noro als auch bei Influenza unterteilt sich die Virenpopulation in eine sehr variable Ansammlung von Stämmen und Linien, die schnell evolvieren. Einen entscheidenden Unterschied gibt es allerdings: Während bei der Influenza eine ganze Reihe Subtypen Pandemiepotential haben, gingen die Norovirus-Wellen des letzten Jahrzehnts von einer einzigen Unterlinie namens GII.4 aus. Und das scheint vor allem an der geringeren Stabilität des Erbguts zu liegen.  (weiter)

Geschrieben in Biologie , Biochemie und Molekularbiologie . Kommentare: (4). Trackbacks: (0). Permalink


szmtag