Melamin in chinesischen Milchprodukten, eine kurze Erinnerung
In den letzten Jahren haben mit Industriechemikalien versetzte Milchprodukte aus China gleich mehrere Lebensmittelskandale ausgelöst. Aktuelle Meldungen zeigen: Das Problem ist noch lange nicht aus der Welt
Ziemlich genau ein Jahr nachdem in China fast 300.000 Kleinkinder durch kontaminierte Milchprodukte erkrankten, ist das Thema Melamin wieder da. Das Zeug tauchte in Milchpulver und Süßwaren dreier verschiedener Unternehmen auf, wie die chinesischen Behörden am 31. Dezember 2009 meldeten. Allerdings laut Wall Street Journal möglicherweise mit achtmonatiger Verzögerung. Das lässt nichts Gutes ahnen.

Tatsächlich ist der ökonomische Anreiz sogar noch größer, denn es ist keineswegs die Chemikalie Melamin, die hier verwendet wird. Schließlich ist Melamin selbst nicht giftig. Ich zitiere mich mal selbst:
Ein bei näherer Betrachtung etwas kurioser Aspekt der bisherigen "Melamin-Skandale" ist zum Beispiel der Umstand, dass Melamin ein ziemlich harmloser Stoff ist. Er ist ungefähr so giftig wie Kochsalz […] Ich habe unter anderem mit dem Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit telefoniert (die Lebensmittel aus dem gesamten norddeutschen Raum auf Melamin testen), und die Chemiker dort waren ebenfalls der Ansicht, dass kaum Melamin alleine für die chinesischen Fälle verantwortlich sein kann.
Für die „Veredelung“ der Milch braucht man ja auch eigentlich nicht das Melamin selbst, sondern einfach einen möglichst billigen Stoff mit hohem Stickstoffgehalt. Einen Hinweis auf den Ursprung lieferten die Krankheitssymptome:
Die wahrscheinliche Erklärung für dieses Paradox fanden Forscher schon nach dem letzten Skandal, als Melamin im Tierfutter reihenweise Nierenversagen bei Haustieren auslöste. Schuld daran war wahrscheinlich Cyanursäure, ein Zersetzungsprodukt des Melamins. Zusammen mit Melamin bildet Cyanursäure, genau wie andere organische Säuren, ein schwerlösliches Salz, das in den feinen Kanälen der Niere ausfällt und so das Organ zerstört.
Cyanursäure ist nun zufällig ein Nebenprodukt der Melamin-Herstellung und findet sich zusammen mit Melamin und einigen anderen stickstoffhaltigen Verbindungen in den Produktionsabfällen wieder, von denen es bei insgesamt einer Million Tonnen Melamin, die jährlich weltweit produziert werden, reichlich geben dürfte.
Die chinesischen Behörden haben zwar als Reaktion auf den Skandal vor einem Jahr eilfertig ein paar Schuldige hingerichtet und Besserung versprochen, aber mir ist nicht klar, wie sie das machen wollen. Es wird nicht reichen, mehr Stichproben von Lebensmitteln zu nehmen oder so. Wer Industrieabfälle in Lebensmittel schüttet, der wird auch Mittel und Wege haben, die Kontrollen ins Leere laufen zu lassen. Melamin in chinesischen Milchprodukten wird auch in Zukunft ein Problem sein.
Das ganze zeugt auch – ohne jetzt chinesische Produkte unter Generalverdacht stellen zu wollen – von einem grundsätzlichen Problem. China ist die Werkbank der Welt – aber was auf dieser Werkbank passiert, liegt allzu oft im Dunkeln. Eine Industrie ohne strikte externe Kontrolle der Anlagen und Verfahren ist vor allem eins: Eine Gefahr für den Verbraucher. Das ist etwas, was wir im Zeitalter der freiwilligen Selbstverpflichtungen auch hierzulande im Blick behalten sollten.
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Das habe ich nicht ganz verstanden: War/ist das zugesetzte Melamin mit Cyanursäure verunreinigt, oder wird oral zugeführtes Melamin unter anderem zu Cyanursäure verstoffwechselt?
Sie schreiben: "Zusammen mit Melamin bildet Cyanursäure, genau wie andere organische Säuren, ein schwerlösliches Salz,...". Heißt das, dass die beiden Substanzen miteinander reagieren (und dann ein Salz bilden), oder bilden beide, also jede für sich, schwerlösliche Salze?
Cyanursäure ist ein Nebenprodukt der Melaminsynthese und wohl ebenfalls in den kontaminierten Lebensmitteln enthalten.
Melamin und Cyanursäure bilden zusammen ein Salz, siehe auch diese Abbildung.