wissenslogs Fischblog

Wie die EU zum bloßen Erfüllungsgehilfen der Wirtschaft wurde

28. Februar 2010, 10:57

Mit Hilfe Interner Dokumente der Tabakindustrie zeigt eine britische Studie, wie Industrielobbyisten dafür gesorgt haben, dass bei jedem EU-Vorhaben die Interessen der betroffenen Unternehmen in den Vordergrund gerückt werden – per Gesetz

ResearchBlogging.orgDie Europäische Kommission ist verpflichtet, vor jeder Gesetzesinitiative die wahrscheinlichen Auswirkungen der Regelung in einem festgelegten Vorgehen zu untersuchen. Dieses Procedere nennt sich Impact Assessment (IA) und wurde 1997 im Rahmen des EU-Vertrages von Amsterdam eingeführt, um die ökonomischen, sozialen und ökologischen Folgen von Gesetzen rational und transparent zu erfassen.

In einer gerade in PLoS Medicine erschienene Studie allerdings demonstrieren Katherine Smith und Kollegen anhand offengelegter interner Dokumente des Tabakherstellers British American Tobacco (BAT), wie verwundbar die EU gegenüber Industrielobbyismus ist. Demnach sind die Impact Assessments nicht nur grundsätzlich industriefreundlich ausgelegt, sondern wurden sogar von BAT an die EU herangetragen, um auf diese Weise Einfluss auf die sich schon damals ankündigende Anti-Rauch-Gesetzgebung zu nehmen. (weiter)

Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (2). Trackbacks: (0). Permalink


Zur weltpolitischen Bedeutung von Neglected Tropical Diseases

18. Januar 2010, 10:42

In meinem letzten Beitrag ging es darum, dass Schlangenbisse neuerdings zu den Neglected Tropical Diseases (NTD) gezählt werden, die überproportional häufig die ärmsten Länder und Bevölkerungsgruppen betreffen. Der dort vorgestellte Zusammenhang zwischen Armut und Krankheit ist jedoch nur die eine Hälfte der Geschichte. Tatsächlich handelt es sich bei den vernachlässigten Tropenkrankheiten um das neben dem Klimawandel drängendste weltweite Problem, denn sie sind ebenso sehr Ursache wie Folge von Armut.

Mehr noch, sie halten gerade ländliche Regionen der Entwicklungsländer in einem Kreislauf der Armut gefangen, und darin liegt ihre große Bedeutung für die Zukunft der Menschheit. Wer Armut weltweit effektiv bekämpfen will, muss zuerst einmal Bilharziose, Dengue-Fieber, Schlafkrankheit oder Flussblindheit besiegen – eine Erkenntnis, die sich inzwischen langsam durchsetzt.
 (weiter)

Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (2). Trackbacks: (0). Permalink


Petitions-Update: 10 000 Unterzeichner

16. November 2009, 19:38

In der letzten Woche ist meine ePetition zu Open Access bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen auf überwältigende Resonanz gestoßen. Mehr als 10 000 Unterstützer haben das Volksbegehren inzwischen unterzeichnet und es werden immer mehr. Unter anderem das Aktionsbündnis „Urheberrecht für Forschung und Bildung“, die Piratenpartei und mehrere Bibliotheken rufen dazu auf, die Petition zu unterstützen. Auf jeden Fall herzlichen Dank an alle Unterzeichner und natürlich ganz besonders die engagierten Unterstützer.

PetitionInzwischen haben wir zusätzlich die Möglichkeit, auch offline für die Petition zu werben: Diese Unterschriftenliste (pdf) könnt ihr Ausdrucken und Familie und Freunde unterschreiben lassen – die ausgefüllte Liste geht dann per Fax oder Brief zurück an den Petitionsausschuss. Jede Stimme zählt.

Ich habe letzte Woche zwei Interviews über die Petition gegeben. Das erste ist unter dem Titel „German petition takes Open Access movement by surprise“ im Blog „Open and Shut?“ des britischen Journalisten Richard Poynder, das zweite mit Meike Laaff ist heute morgen bei den Blogpiloten online gegangen. Außerdem können meine Leser im Raum Halle mich morgen früh um kurz nach acht bei Radio Corax hören. Falls euch das immer noch nicht reicht, habe ich eine Facebook-Seite für die Petition ins Leben gerufen. Dort findet ihr neben allen Neuigkeiten zur Petition in Zukunft auch weiterführendes Informationsmaterial zum Thema Open Access insgesamt.

Eigentlich wollte ich hier eine Liste aller unterstützenden Blogbeiträge zusammenstellen, aber ich habe den Überblick verloren. Ihr könnt in euren Blogs aber auch Stimmen werben, ohne extra etwas schreiben zu müssen. Markus Trapp von Text&Blog hat ein Banner in verschiedenen Größen gebastelt, das ihr auf euren Webseiten einbinden könnt.

Soweit die kurze Zusammenfassung von mir. Wenn ihr Links zu unterstützenden Seiten oder  Berichten über die Petition habt oder einfach nur eure Meinung sagen wollt, immer her damit! immer her damit!

Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (8). Trackbacks: (1). Permalink


Kurz zu meiner ePetition „Kostenloser Erwerb wissenschaftlicher Publikationen“

11. November 2009, 16:08

Wegen des großen und überraschenden Erfolgs hier ein paar Worte zu Sinn und Entstehungsgeschichte meiner Open-Access-Petition.

Zuerst einmal bezieht sich die Petition ausschließlich auf wissenschaftliche Veröffentlichungen, die nach einem Peer Review in den einschlägigen Fachzeitschriften publiziert werden. Nicht gemeint sind populärwissenschaftliche Publikationen, Bücher, Berichte aus Tageszeitungen und andere Texte, die Verlage von Autoren einkaufen. Außerdem gibt es zwei sehr unterschiedliche Modelle des Open Access. "Goldener" Open Access bedeutet, dass die Fachzeitschrift selbst kostenlos zugänglich ist. Das ist nicht Thema der Petition. Die Petition bezieht sich ausschließlich auf "grünen" Open Access, bei dem die Autoren ganz normal in Fachzeitschriften publizieren, aber das recht behalten, ihre Arbeit anderweitig verfügbar zu machen, zum Beispiel in einem zentralen Online-Archiv. Derartige Vereinbarungen gibt es bereits, allerdings nicht flächendeckend.

Die Idee hinter der Petition ist weder neu noch meine eigene. Derartige Modelle sind seit Jahren im Gespräch und werden sich nach Meinung vieler Experten langfristig durchsetzen, unter anderem aus ökonomischen Gründen. Einen Überblick über die wichtigsten Argumente gibt dieses Interview mit Bora Zivkovic von PLoS one.

Die Petition selbst entspricht weitgehend dem ersten Entwurf, den ich vor einer Weile in meinem alten Blog zur Diskussion gestellt habe. Der Titel ist aber nicht von mir, sondern von Bundestag.de ausgewählt. Man kann im Rahmen einer online-Petition das für und wider von Open Access nicht erschöpfend diskutieren. Ihr könnt also davon ausgehen, dass ich eure privaten Lieblingsargumente dafür oder dagegen schon mal gehört habe, auch wenn sie grad mal nicht drinstehen. Ihr seid natürlich trotzdem herzlich eingeladen, sie in die Kommentare reinzuschreiben.

Ich bedanke mich schon mal bei allen Unterzeichnern und Unterstützern, insbesondere bei Klaus Graf sowie Bastian Greshake von den Piraten, und hoffe natürlich auf weiterhin reges Interesse.

Kritik aus berufenem Munde (bzw. berufener Feder) gibt es im Blog von Carsten Könneker.

Update:

Das Aktionsbündnis „Urheberrecht für Bildung und Wissenschaft", das auch die Göttinger Erklärung (pdf) veröffentlicht hat, unterstützt die Petition ebenfalls.



Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (21). Trackbacks: (2). Permalink


Auslese 2009: Diesmal mit Preisausschreiben

04. November 2009, 14:50

Wie versprochen gibt es jetzt alle weiteren Einzelheiten zu unserer Wahl der besten Wissenschaftsblog-Beiträge 2009. Anders als letztes Jahr gibt es diesmal sogar etwas zu gewinnen, es lohnt sich also, noch mal durch die Wissenschaftsblogosphäre zu surfen (eine einigermaßen vollständige Übersicht findet ihr im Wissenschafts-Café) und die besten Stücke rauszusuchen.

Der nominierte Text muss im Jahr 2009 in einem Blog publiziert worden sein und sich mit einem wissenschaftlichen Thema befassen. Jeder darf beliebig viele Beiträge nominieren, natürlich auch seine eigenen. Je nachdem, wie viele Nominierungen es gibt, werden Marc und ich eventuell eine Vorauswahl treffen (müssen), um die Juroren zu schonen, insofern ist es sinnvoller, wenige, aber gute Texte einzureichen.

Wer in dieses Jahr der Jury sitzt und was es zu gewinnen gibt, erfahrt ihr in der offiziellen Ankündigung im Wissenschafts-Café.



Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (0). Trackbacks: (0). Permalink


Macht die reguläre Grippeimpfung Pandemien gefährlicher?

30. Oktober 2009, 13:57

Während alle Welt über die Schweinegrippe redet, steht wie jedes Jahr auch die Impfung gegen die saisonale Grippe an. Diese regelmäßige Grippewelle, Verursacher ist diesmal der Subtyp H3N2, fordert jährlich mehrere tausend Todesopfer. Ärzte und Gesundheitsbehörden empfehlen diese Impfung routinemäßig, unter anderem für Kinder unter fünf Jahren, die zu den Risikogruppen gehören.

Obwohl die Impfung erprobt und sicher ist und ihr Nutzen seit Jahren feststeht, empfehlen drei Mediziner aus Holland in einem Lancet-Artikel, die Impfempfehlung zu überdenken. Ihnen geht es dabei  nicht um irgendwelche schädlichen Nebenwirkungen, sondern um den Schutz vor potentiellen Pandemieerregern.  Die Ärzte beziehen sich auf einen bislang rein hypothetischen Effekt, der ihrer Meinung nach die Auswirkung einer eventuellen Grippepandemie in dieser Altersgruppe noch verschlimmern könnte – möglicherweise.  (weiter)

Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (3). Trackbacks: (1). Permalink


Regividerm und die Verschwörungen der Pharmaindustrie

24. Oktober 2009, 14:00

Zu den Studien, mit denen die angebliche Wirkung der Psoriasis-Salbe Regividerm belegt worden sein soll, ist anderswo schon genug gesagt worden. Der zweite Claim der erfolgreichen Marketingkampagne dagegen ist ein bisschen unter den Tisch gefallen: Die angebliche Verschwörung der Pharmaindustrie. Die soll sich nämlich erfolgreich dagegen gewehrt haben, dass die Salbe in Deutschland auf den Markt kommt.

Was von dieser Theorie zu halten ist wird spätestens dann klar, wenn man sich anguckt was das eigentlich ist, „die Pharmaindustrie“. Die meisten Leute werden dabei Giganten wie Merck oder BASF vor Augen haben, aber das Bild trügt. Zahlenmäßig dominierend sind kleine und mittelständische Firmen. Knapp über tausend Pharmaunternehmen gibt es laut statistischem Bundesamt allein in Deutschland, und von denen haben etwa 70 Prozent weniger als 20 Mitarbeiter. Die und ihre über 100.000 Beschäftigten, glaubten z.B. Süddeutsche, Spiegel Online, Fefe und so ziemlich der Rest der Welt (Stationäre Aufnahme hat das Elend dokumentiert) unbesehen, stecken alle unter einer Decke. Verschwörung! (weiter)

Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (17). Trackbacks: (0). Permalink


Homöopathie an der Uni Magdeburg

19. Oktober 2009, 19:03

Eine Universität ist nicht nur ein Ort der Forschung, sondern auch der Lehre. Hier lernt der Forschernachwuchs – neben Frusttoleranz – die Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens. Zum Beispiel erfährt man relativ früh in der Ausbildung, dass manchmal seltsame Dinge passieren, die für sich allein genommen keine Schlussfolgerungen erlauben. Anekdoten sind keine Daten.

Deswegen muss man wissenschaftliche Hypothesen unter sorgfältig kontrollierbaren Bedingungen überprüfen, und zwar möglichst oft. Erst wenn so ein Versuch ein paar mal – reproduzierbar – funktioniert hat, darf man Schlüsse daraus ziehen. Und wenn solche Studien in Dutzenden Versuchen zuverlässig negativ ausgehen, dann muss man leider die zugrunde liegende Hypothese verwerfen und etwas anderes probieren. So läuft das in der Wissenschaft. Aber nicht an der Uni Magdeburg. (weiter)

Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (42). Trackbacks: (0). Permalink


Neuro-Enhancement: Einen angemessenen Rahmen abstecken

08. Oktober 2009, 23:20

Eigentlich ist dem Experten-Memorandum ja nichts mehr hinzuzufügen, was die ethischen Implikationen von Neuro-Enhancement mit Psychopharmaka angeht. Die eigene geistige Leistungsfähigkeit mit Medikamenten zu erhöhen birgt Chancen und Risiken. Die Chancen gilt es zu nutzen, die Risiken zu minimieren.

Die medizinischen Risiken von Psychopharmaka, zum Beispiel negative Langzeitfolgen, Überdosierungen und ähnliches, sind dabei vor allem ein technisches Problem, das sich durch klassische Studien beherrschen lässt. Vorausgesetzt man guckt den Herstellern bei der Sicherheitsprüfung auf die Finger. Die kurzfristigen Effekte jedenfalls sind verlockend.  (weiter)

Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (10). Trackbacks: (0). Permalink


Chemie-Nobelpreis 2009 für Katalyse?

30. September 2009, 20:22

Update: Der Nobelpreis geht zu gleichen Teilen an Ada Yonath (siehe letzten Absatz), Venkatraman Ramakrishnan und Thomas Steitz für die Aufklärung von Struktur und Funktionsweise des Ribosoms. Damit gehen zwei von drei Nobelpreisen dieses Jahr an Themen aus dem Umfeld des zentralen Dogmas der Molekularbiologie. In der Sache ist das uneingeschränkt Nobel-würdig, so richtig glücklich bin ich mit dieser Häufung aber nicht. Mehr Informationen zu den Arbeiten der Preisträger gibt's in einem eigenen Eintrag..

-

Nobelpreis-Saison: Jedes Jahr Anfang Oktober wartet die Welt gespannt auf Nachricht aus Stockholm. Für Wissenschaftsblogger ist der eigentliche Pflichttermin allerdings ein paar Tage vorher, wenn es gilt, die diesjährigen Preisträger vorherzusagen. Ganz besonders schwierig ist die Prognose in der Chemie. Nicht nur wegen der Vielfalt der Teilgebiete, von Analytik bis Makromolekularer Chemie ist alles schon mal dran gewesen, sondern auch, weil die Skandinavier ganz gerne mal ihre Kandidaten für den nichtexistenten Biologie-Nobelpreis bei uns abladen. Und so gibt es in der Chemie traditionell einen enormen Rückstau würdiger Kandidaten. (weiter)

Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (5). Trackbacks: (3). Permalink


szmtag