wissenslogs BioLogenplatz

Wer traut denn schon der Wissenschaft?

von Petra Zugschwerdt, 11. Mai 2009, 13:07

Es wird wohl immer die Gegnerschaft geben. Menschen, die sich nicht von wissenschaftlichen Argumenten oder historischen Aufzeichnungen beeindrucken lassen, sondern diese in Frage stellen, solange diese ihrem persönlichen Glauben und Erfahrungen widersprechen. „Was ich nicht kenne, das gibt es nicht!“ oder „Mein Nachbar hat gesagt, daß …“ sind häufig die Grundsätze, die hinter groß ausschweifenden Sätzen verborgen sind.

Wer traut denn schon der Wissenschaft? „Das sind doch diese Akademiker, die mit hochtrabenden Fremdworten um sich werfen, um ihre intellektuelle Überlegenheit zu beweisen und dabei zu dumm sind, sich die Schuhe zu binden.“  Das ist tatsächlich ein häufiger Satz unter Nichtstudierten und wenn man nicht gerade aus einer Akademikerfamilie in einem Akademikerviertel mit Akademikerfreunden stammt, bekommt man so etwas mit und wundert sich über dieses Vorurteil. "Was soll denn ein Unibesuch an der Alltagstauglichkeit verändern?" Wenn ein Mensch die Fähigkeit zur Selbstkritik nicht verloren hat, fällt ihm auf, daß sie recht haben – zwar nicht immer, aber oft genug. 

Es fällt uns Wissenschaftlern leicht, von Nichtstudierten zu fordern, daß sie auf wissenschaftliche Argumente hören sollen, die in jahrelanger Kleinstarbeit zusammengetragen wurden. Aber es ist manchmal notwendiger, erstmal zu hinterfragen, warum sie nicht auf den Wissenschaftler hören wollen. Das liegt vielleicht daran, daß manche Wissenschaftler nicht immer den fairen Dialog suchen, sondern die Menschen manchmal mit komplizierten Worten belehren, sich umdrehen und dann über die offenen Schnürsenkel stolpern (bildlich gesprochen).

Also sind die Wissenschaftler jetzt gefordert! Es gilt, den Gebrauch von Fremdwörtern einzudämmen und das Schuhbinden zu lernen, damit wir denselben Anspruch auf Seriosität wie der Nachbar bekommen, der zwar nicht mit Worten wie „Hybris“ oder „crowdsourcing“ um sich wirft, aber dafür einem den Rasenmäher leiht, einen zum Grillen einlädt und klare Ansagen macht, die jedermann verstehen kann.

How to Tie Your Shoes

(cc-Bild via flickr.com, orginal hochgeladen von greggoconnell)



Ähnliche Artikel:

antworten

Artikel kommentieren
 authimage

Kommentare

  1. adenosine kein Betreff
    11.05.2009 | 15:01

    Das ist schon eine Gratwanderung. Grundsätzlich ist die Einstellung nur das zu glauben, was man sehen, fühlen, anfassen oder nachvollziehen kann, doch nicht verwerflich. Da das begrenzt ist, bleibt einem dann doch manchmal nichts anderes übrig, als den Aussagen von Autoritäten zu vertrauen, mit dem Hintergrundwissen, dass auch die Autoritäten eigene Interessen verfolgen und solches Vertrauen in der Vergangenheit missbraucht haben. Wie ist aus Sicht eines Laien der Unterschied zwischen der Autorität eines studierten Wissenschaftlers, Politikers, Theologen, Arztes,Anlageberaters oder Autoverkäufers zu bewerten? Glauben muss er ihnen in jedem Fall?

  2. Michael Blume @ Petra: Ja!
    11.05.2009 | 16:37

    Liebe Petra,

    danke für den originellen Beitrag, dem ich nur zustimmen kann. Wobei ich den Appell um Selbstkritik erweitern würde. Was bedeutet es z.B. für das Vertrauen der Öffentlichkeit und der Politik in Wissenschaftler und Expertenrunden der Ökonomie, die nichts haben kommen sehen und dann einfach verstummen, wenn die Krise da ist? Wann endlich wird dort das (gerade aus evolutionsbiologischer Sicht doch völlig abwegige) Menschenbild des rational kalkulierenden Homo oeconomicus entsorgt, das völlig an der Lebensrealität sowohl der Armen wie Reichen vorbei geht? Und wann endlich achten mehr Wissenschaftler sowohl Wissenschaftsjournalisten wie Wissenschaftsblogger, die dafür sorgen, das Wissen aus den Elfenbeintürmen vermittelt und diskutiert werden kann?

    Meines Erachtens gibt es eine Menge großartiger Wissenschaftler, die diese Tugenden schon praktizieren - aber in der Zunft wird das noch kaum honoriert. Die Folge ist in Öffentlichkeit, Politik und Medien ein amüsiert-distanziertes "Vertrauen" in die Wissenschaftler, denen nachgesagt wird, hin und wieder Interessantes zu entdecken, aber vom echten Leben wenig Ahnung zu haben. M.E. kein Zustand, mit dem man zufrieden sein könnte.

  3. rotfell kein Betreff
    11.05.2009 | 17:43

    @adenosine: Immer blind alles glauben, ist niemals ein guter Rat. Jedoch ist ein guter Rat, die Argumente für Pro und Contra gründlich zu prüfen und sich der Gewichtigkeit der verschiedenen Argumente und der aus den verschiedenen Positionen entstehenden Konsequenzen und Risiken für sich und seine Umwelt bewußt zu sein.

    Es geht meist eher um die Präsentation der Aussagen als um die Aussagen selbst, finde ich. Und Wissenschaftler schaffen es oftmals nicht, ihre Präsentation "zielgruppenorientiert" zu vermitteln, weswegen eher klar formulierte Halbwahrheiten oder falsche Fakten aus anderen Quellen geglaubt wird, weil diese einfach verständlicher sind. Deswegen finde ich es wichtig, daß Wissenschaftler sich dessen bewußt werden, daß es nicht einfach die Situation "Die wollen einfach nicht auf uns hören!", sondern eine "Die können uns teilweise nicht verstehen, was daran liegt, wie wir uns und unsere Resultate präsentieren." ist. Und diesen Umstand könnte man eigentlich leicht ändern ... hoffe ich doch! Es geht darum, nicht die Fehler bei den anderen, sondern bei sich selbst zu finden.

    @michael blume: "Die Folge ist in Öffentlichkeit, Politik und Medien ein amüsiert-distanziertes "Vertrauen" in die Wissenschaftler, denen nachgesagt wird, hin und wieder Interessantes zu entdecken, aber vom echten Leben wenig Ahnung zu haben." Und deswegen sollten nicht etwa Wissenschaftsblogger oder - Journalisten, sondern die Wissenschaftler selbst in die Pflicht genommen werden, sich "zielgruppengerecht" zu präsentieren und aus dem Elfenbeintürmern herunterzukommen oder die Türen weit zu öffnen und aktiv etwas an der unbefriedigenden Situation zu ändern.

    Übrigens wäre für dich vielleicht das Feld des behavioural finance interessant, wenn du mit dem Homo oeconomicus als Lehre nix anfangen kannst. ;-) Das ist mittlerweile auch Gegenstand des BWL-Studiums.

  4. Martin Huhn Glaubwürdigkeit
    12.05.2009 | 08:35

    Neben die von Petra genannten Gründe gibt es meines Erachtens auch noch andere, die der Wissenschaft schwer zu schaffen machen. Bei gewissen Themen gibt es von verschiedenen Wissenschaftlern verschiedene Studien, die zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Das hängt auch ein bißchen damit zusammen aus welchem Geldtopf die Studien gespeist werden. Darüber haben einige Politiker schon geklagt. Sie können sich nicht entscheiden, weil es eine Meinungsvielfalt gibt.

    Ein anderer Punkt ist die Fortentwicklung der wissenschaftlichen Erkenntnis. Bei der Sportwissenschaft wurde beispielsweise mal heraus gefunden, daß "zerren" beim Dehnen schädlich ist und den Muskel verletzt. Ein paar Jahre später kamen neue Ergebnisse. Wer sich richtig warm gemacht hat, kann auch mit "zerren" seine Beweglichkeit verbessern. Einmal so, einmal so, das kommt auf Dauer nicht so gut.

  5. Joachim Ja, aber wie?
    12.05.2009 | 08:53

    Es ist natürlich immer eine Gratwanderung wissenschaftlich und zugleich verständlich zu argumentieren. Leicht eingängig sind klare Ansagen: "X ist richtig", "Y ist falsch", "die Kriese kann überwunden werden, wenn man Z macht".

    Wissenschaftlich sind solche Aussagen fast nie. Dort muss man Argumente darstellen und bewerten und kommt bestenfalls auf ein Sowohl-als-auch oder, schlimmer noch, auf ein weder-noch. Und dann?

    Der Nachbar hat den Vorteil, seine Meinung zu sagen. Das können wir Wissenschaftler natürlich auch. Aber sollte die Vermittlung von Wissenschaft nicht darüber hinaus auch die Argumente bewerten, die der eigenen Meinung entgegen stehen? Spätestens dann wird es oft unverständlich.

  6. Karl Bednarik Was man sehen kann
    12.05.2009 | 10:42

    Man braucht nur das zu glauben, was man sehen kann.

    Die Messgeräte sind genau dazu da, um sichtbar zu machen, was man mit den Augen alleine nicht sehen kann.

  7. rotfell kein Betreff
    12.05.2009 | 11:42

    @martin huhn: Das mit den Widersprüchen verschiedener Studien ist durchaus auch ein Problem, allerdings auch oftmals unvermeidlich durch neuere, feinere Methoden, was aber nicht gleichermaßen im allgemeinen Bewußtsein wie der Widerspruch an sich ist. Du hast recht, daß es nach außen wie "Mal hüh, mal hott" wirkt.

    @joachim: wir haben dieselben Möglichkeiten wie der Nachbar, der seine Meinung zwar nicht auf wissenschaftliche Ergebnisse begründet, dafür aber klar macht, wo er steht. "Aber sollte die Vermittlung von Wissenschaft nicht darüber hinaus auch die Argumente bewerten, die der eigenen Meinung entgegen stehen?" Und wer sagt uns, daß die Leute in dem Vorgang der Meinungsbildung überhaupt Wissenschaft vermittelt bekommen wollen? Vielleicht wollen sie einfach nur die Meinung von jemanden hören, den sie für kompetent halten ohne daß dieser sich in einer widersprüchlichen Abhandlung von wissenschaftlichen Ergebnissen verstrickt und alle Klischees über den "zerstreuten, nicht alltagstauglichen Wissenschaftler, der mit Fremdwörtern um sich wirft" erfüllt. Vielleicht wollen die Leute einfach klare Ansagen, die sie problemlos in eigenen Diskussionen widergeben können, weil derjenige, der die Ansage gemacht hat, diese einfach formuliert und dabei so sicher und überzeugt gewirkt hat, daß es genauso gut in der Bibel als Gebot stehen könnte. "Du sollst nicht rauchen, weil du davon Lungenkrebs bekommen kannst!" Oftmals heißt es in Gesprächen "Der Dr. ... hat irgendetwas darüber gesagt, daß ... Aber ich kann mich nicht genau erinnern. Es war irgendetwas mit einer Kinase. " So kann die Wissenschaft nichts zur Meinungsbildung beitragen, sondern isoliert sich nur weiter von der Öffentlichkeit, die stattdessen auf den Nachbarn und seine Statements hört.

    @Karl Bednarik: Ja, aber die wenigsten Menschen haben z.B. ein Fluoreszenzmikroskop daheim rumstehen, mit dem sie selbst die Experimente nachmachen können.

    Es gibt hier ein Sprichwort (ich weiß nicht, wie lokal eingegrenzt das ist): "Was der Bauer nicht kennt, ißt er nicht!" Trifft auf mich mit Rosenkohl zu. Jeder kann mir erzählen, daß Rosenkohl gut schmeckt. Ich werde es trotzdem nie probieren, weil ich es nicht glaube, obwohl andere es behaupten und meines Wissens auch noch niemand nach dem Genuß von Rosenkohl tot umgefallen ist. Und genauso sehen es manche Leute mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. "Warum die eigene bequeme Denkart verlassen und auf wissenschaftliche Ergebnisse hören, wenn es einem ohne diese Erkenntnis auch gut geht?" Daß diese Denkart sich nicht der Langfristigkeit mancher Dinge bewußt ist, dringt leider nicht durch.

  8. Michael Blume Glück gehabt :-)
    12.05.2009 | 15:08

    Übrigens wäre für dich vielleicht das Feld des behavioural finance interessant, wenn du mit dem Homo oeconomicus als Lehre nix anfangen kannst. ;-) Das ist mittlerweile auch Gegenstand des BWL-Studiums.

    Wenn es das damals schon gegeben hätte, wäre ich vielleicht in der Bank geblieben. Aber ich hatte nach der Ausbildung im Studium massive Probleme mit dem m.E. katastrophal unrealistischen Menschenbild und habe das Studienfach noch gewechselt. Damals hieß es noch, wie könne man eine so sichere Arbeit in der Bank gegen ein so unsicheres Studium eintauschen... ;-)

    Ernsthaft: Es würde mich riesig freuen, wenn die Ökonomie der Zukunft aus den Fehlern der Vergangenheit mehr und schneller lernen würde. Gerade auch im Dialog mit Biologie, Psychologie und Soziologie.

  9. rotfell kein Betreff
    12.05.2009 | 16:32

    @michael blume: Ah, noch ein ehemaliger Banker - so wie ich? "Es würde mich riesig freuen, wenn die Ökonomie der Zukunft aus den Fehlern der Vergangenheit mehr und schneller lernen würde." Das klingt recht salbungsvoll. ;-) Welche Gruppe ist mit dem Begriff "Ökonomie" gemeint? Schließlich sind wir alle Bestandteil der Ökonomie.

    Es ist meines Erachtens schwierig, irgendjemanden den schwarzen Peter alleine zuzuschieben, da die jetzige Situation eine Verkettung von unfaßbar vielen Entscheidungen war, die auf verschiedenen Ebenen der Ökonomie getroffen wurde und nicht nur in der Chefetage irgendeines Dax-Unternehmens oder von irgendwelchen Brokern.

    Unter anderem spielte beispielweise die harmlose Entscheidung eines Ehepaares in den USA, sich ein Häusle, zwei Autos und den Urlaub auf Pump zu kaufen, mit in das hinein, wo wir heute stehen. Klingt übertrieben, ist aber so.

  10. Joachim Die Meinung wie der Nachbar
    12.05.2009 | 19:20

    Hi Petra,
    Du hast natürlich recht. Wie der Nachbar kann man's machen. Und ich gehe tatsächlich in privaten Diskussionen auch mehr und mehr dazu über klare Ansagen zu machen, wenn es um praktische Fragen geht.

    Aber wie sieht es hier in unseren Blogs oder nebenan in meinem Forum aus? Meinst du nicht, dass die an Wissenschaft interessierten Laien hier und dort keine Ansagen sondern das Für-und-Wider der wissenschaftlichen Betrachung hören möchten?

  11. rotfell kein Betreff
    13.05.2009 | 00:53

    @joachim: "Meinst du nicht, dass die an Wissenschaft interessierten Laien hier und dort keine Ansagen sondern das Für-und-Wider der wissenschaftlichen Betrachung hören möchten?" Um Blogs und Foren ging es mir eigentlich nicht, aber: Doch, natürlich! Oder vielleicht noch besser beides abwechselnd: klare Ansagen und Für-und-Wider? Blogs bzw. Foren sind eine tolle Möglichkeit, die Wissenschaft und all ihre Unarten ^^ den interessierten Laien näher zu bringen.

    Jedoch muß dafür ein Grundinteresse an der Wissenschaft gegeben sein, welches nicht unbedingt bei allen Menschen vorhanden ist. Und diese nicht an Wissenschaft interessierte oder vielleicht sogar Wissenschaft generell verachtende (solche Menschen gibt es auch!) Zielgruppe erreicht man vielleicht eher durch klare Ansagen denn durch komplizierte Argumentationen, wie du es im Privaten selbst gemerkt zu haben scheinst.

  12. Peter Heller Zu kurz gesprungen
    14.05.2009 | 21:37

    Ich denke, Frau Zugschwerdt, daß Sie mit diesem Text deutlich zu kurz gespungen sind.

    Wenn Menschen der Wissenschaft nicht trauen, dann ganz sicher nicht deswegen, weil Wissenschaftler gelegentlich ein ungewöhnliches Vokabular nutzen.

    Es liegt wohl eher daran, daß die Wissenschaft schlicht keine vernünftige Antworten auf die in komplexen, dynamischen Systemen auftretenden Probleme formulieren kann.

    Denn Wissenschaft hat im Gegensatz zu dem, was viele gemeinhin denken, weniger etwas mit Wissen, sondern eher etwas mit Unwissen zu tun. Der Fortschritt in der Wissenschaft besteht nicht darin, Wissen zu vermehren, sondern vielmehr darin, das Unwissen immer besser charakterisieren zu können.

    Die "einfachen" Leute wissen das genau, manchmal besser, als die Wissenschaftler selbst. Von daher handeln sie sehr klug, wenn sie einem Wissenschaftler nicht trauen, das muß ich als Wissenschaftler leider einräumen.

    Man kann den Spieß nämlich auch einfach mal umdrehen: Gibt es denn einen Zusammenhang, irgendeinen, in dem es erforderlich wäre, der Wissenschaft "zu trauen"?

    Warum also sollte die Wissenschaft überhaupt Wert darauf legen, daß ihr getraut wird?

  13. rotfell kein Betreff
    15.05.2009 | 11:03

    @Peter Heller: "Ich denke, Frau Zugschwerdt, daß Sie mit diesem Text deutlich zu kurz gespungen sind."Nun, ich wollte nur einen bestimmten Aspekt ansprechen, der mir mehrmals aufgefallen ist. Martin Huhn hat in seinem Kommentar auch bereits einige weitere gefunden.

    "Wenn Menschen der Wissenschaft nicht trauen, dann ganz sicher nicht deswegen, weil Wissenschaftler gelegentlich ein ungewöhnliches Vokabular nutzen." Nach meinen Erfahrungen ist dies durchaus ein Argument unter Nichtstudierten.

    "Es liegt wohl eher daran, daß die Wissenschaft schlicht keine vernünftige Antworten auf die in komplexen, dynamischen Systemen auftretenden Probleme formulieren kann." Ja, noch nicht vollständig, aber wir nähern uns langsam. Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut. :-)

    "Gibt es denn einen Zusammenhang, irgendeinen, in dem es erforderlich wäre, der Wissenschaft "zu trauen"?" Den, daß wissenschaftliche Argumente in vielen Punkten auf Beweisen und nicht auf spekulativen Glauben beruhen? Es gibt einige Fälle, die mir einfallen, in denen die Wissenschaft vermehrt dafür sorgen sollte, daß ihrem Urteil getraut wird und sie zur Meinungsbildung beiträgt: Es gibt Menschen, die trotz historischer Aufzeichnungen verneinen, daß es einen Holocaust im zweiten Weltkrieg gab. Es gibt Menschen, die trotz wissenschaftlicher Studien den Klimawandel leugnen. Es gibt Menschen, die trotz wissenschaftlicher Forschung den Zusammenhang zwischen HIV und Aids leugnen. Und es gibt Menschen, die trotz wissenschaftlicher Studien ihre Kinder nicht impfen lassen (und so den Herdeneffekt nutzen). Das sind klassische Beispiele der Gegnerschaft.

    "Warum also sollte die Wissenschaft überhaupt Wert darauf legen, daß ihr getraut wird?" Weil sie sonst nicht für die Menschen, sondern bloß eine Beschäftigungstherapie für Studierte wäre?

  14. Peter Heller ...und wieder zu kurz gedacht
    15.05.2009 | 22:54

    Ein Ingenieur läuft ja auch nicht durch die Gegend und versucht verzweifelt, allen Leuten zu erklären, wie genau ein von ihm erdachtes technisches Artefakt funktioniert.

    Warum also sollte dies der Wissenschaftler tun?

    Nun, nur deswegen, weil es ihm nicht um Wissenschaft, um Erkenntniszuwachs, geht, sondern vielmehr weil er den Leuten Verhaltensvorschriften machen zu müssen glaubt. Weil er die Wissenschaft mißbraucht, um irgendeinen moralisch/ethischen Kodex zu begründen. Weil er die Wissenschaft als Begründung für eine politische Ideologie heranzieht.

    Das wissen die Nichtwissenschaftler sehr genau. Nicht unbedingt immer bewußt, aber die breite Öffentlichkeit hat ein sehr feines, instinktives Gespür für diese Bestrebungen. Klugerweise. Denn immer wenn Wissenschaft einen moralischen Imperativ setzen will, geht's leider daneben.

    In der Klimadebatte ist dies evident. Die Gesellschaft begreift in ihrer übergroßen Mehrheit sehr wohl, daß hier der gegenwärtige Stand wissenschaftlicher Unkenntnis als Instrument zur Einschränkung des Wohlstandes wie auch der Freiheit benutzt werden soll. Zumindest von einer bestimmten Klientel. Und deswegen vertraut man den Wissenschaftlern nicht. Zurecht.

    Impfen dagegen wird als Technologie angesehen, und nicht als Wissenschaft. Und deswegen ist die Impfmüdigkeit genau unter den gebildeten, wissenschaftsgläubigen Kreisen (junge Akademikerfamilien) am weitesten verbreitet. Denn wer wissenschaftsgläubig ist, ist technologieskeptisch, und umgekehrt.

    Man könnte auch sagen, der Ingenieur bietet eine konkrete, individuelle Problemlösung an, deren Tauglichkeit unmittelbar überprüfbar ist.

    Der Wissenschaftler hingegen sucht und findet Probleme, die nur auf einer abstrakten Metaebene von Interesse sind und das Individuum nicht betreffen.

    Deswegen ist jedwede Debatte über die Umsetzung wissenschaftlicher Annahmen in praktisches Handeln immer eine Debatte über Statistiken. Vom Klima, über die Ernährung, bis hin zu Genußmitteln wie Tabak oder Alkohol.

    Und man kann eine Statistik auch in einfacher Sprache noch so oft erläutern, die Erfahrungswelt der Menschen ist konkret und besteht nicht aus Mittelwerten und Wahrscheinlichkeiten.

    Wissenschaft ist eben nicht "für den Menschen" da, sondern, und das sage ich als Wissenschaftler tatsächlich so betont, nur für sich selbst. Technik dagegen ist für den Menschen gemacht - und Wissenschaft macht immer dann Fortschritte, wenn Ingenieure (durch Ausprobieren) etwas neues konstruieren, das Forscher anschließend in vorhandene Theoriegebäude integrieren, um es rückwirkend auch durch ein mathematisches Modellgebäude erklären zu können.

    Ich habe auch mal an "die Wissenschaftler" und "ihr Waldsterben" geglaubt. Ein solcher Fehler wird mir nicht wieder unterlaufen.

  15. rotfell kein Betreff
    18.05.2009 | 03:04

    @Peter Heller: Ich weiß ehrlich gesagt nicht so recht, was ich Ihnen antworten soll, da ich Ihre Grundannahme "Wissenschaft ist nur für sich selbst da" absolut ablehne.

    Sie schreiben:"Nun, nur deswegen, weil es ihm nicht um Wissenschaft, um Erkenntniszuwachs, geht, sondern vielmehr weil er den Leuten Verhaltensvorschriften machen zu müssen glaubt." Die wissenschaftlich gewonnenen Erkenntnisse dienen den Menschen zur Verbesserung ihres Lebens und des Lebens künftiger Generationen.

    Natürlich kann man manche Verbesserung als Einschränkung der Bequemlichkeit verstehen, was aber unter anderem auch daran liegt, daß die Entwicklung neuer Technologien in einigen Sparten nicht schnell genug voran kommt. :-) Sie wissen, daß das von Ihnen gepriesene Ingenieurswesen zur Bildung neuer Technologien ebenfalls die Grundlagen benötigt, welche die Wissenschaft bietet?

    "Der Wissenschaftler hingegen sucht und findet Probleme, die nur auf einer abstrakten Metaebene von Interesse sind und das Individuum nicht betreffen." Das möchte ich allein schon am Beispiel Aids widerlegen, welches sehr wohl das Individuum betrifft und Gegenstand massiver wissenschaftlicher Forschung ist. Ohne Wissenschaft wüßten wir gar nicht, daß es HI-Viren gibt. Und solche Beispiele gibt es in den Naturwissenschaften in Massen.

  16. Jürgen Bolt @rotfell
    18.05.2009 | 10:11

    Sehr einverstanden. Und eine Ergänzung: Wissenschaft ist nicht nur wertvoll, wenn sie zu technischen Fortschritten führt, sondern sie ist auch als reine Erkenntnis genauso spiriuell befriedigend wie eine Beethoven-Symphonie oder die komplexen Aromen eines Cabernet Franc. Kants Beschluß der Kritik der praktischen Vernunft beschreibt das für Newtons Mechanik: die Ehrfurcht und Bewunderung, die vom Verständnis des "bestirnten Himmels über mir" hervorgebracht wird.

    Und aktuell spricht Obama es in seiner Rede vor der NAS vom 27.4.09 aus:

    http://edg1.vcall.com/video/nas/launch.asp

  17. Peter Heller Widerspruch?
    18.05.2009 | 12:10

    Nun, es geht doch um die Frage, warum ein Wissenschaftler denn so viel Wert darauf legen sollte, daß ihm "getraut" wird (von der breiten Öffentlichkeit).

    Wenn ich sage, daß Wissenschaft "nur für sich selbst da ist", so meine ich genau das, was Jürgen Bolt ausgeführt hat.

    (Insoweit, Herr Bolt, stimmen Sie Frau Zugschwerdt genau gerade nicht zu.)

    Wissenschaft sollte, so zumindest meine Auffassung als Wissenschaftler, ausschließlich dem Erkenntnisgewinn dienen. Dem Erkenntnisgewinn darüber, wie etwas in der Natur funktioniert. Nur durch diesen Ansatz kann Wissenschaft unabhängig betrieben werden, unabhängig von politischen Strömungen und von ökonomischen Einschränkungen. Und nur auf diese Weise ist sichergestellt, daß jedwede wissenschaftliche Arbeit wertvoll ist, ob es um Stringtheorie, Genetik oder Festkörperphysik geht.

    Nach meiner Auffassung ist Wissenschaftlern, die ein anderes Motiv als den Erkenntnisgewinn ihrer Arbeit zugrundelegen, grundsätzlich zu mißtrauen. Weil diese nicht mehr der Wahrheit, sondern einer ihren Motiven entsprechenden "Interpretation der Wahrheit" verpflichtet sind.

    Und es sind genau die Wissenschaftler, die eine bestimmte Interpretation der Wahrheit durchsetzen wollen, die sich so intensiv um einen Kontakt zur Öffentlichkeit bemühen.

    Richtig ist allerdings, daß viele Wissenschaftler auch einen Rechtfertigungszwang in Bezug auf die Unterstützung durch öffentliche Gelder empfinden (sich dabei aber sehr irren, wie ich denke). Und daß es einige gibt, denen es tatsächlich Spaß zu machen scheint, ihre Arbeit einem breiten Publikum zugänglich zu machen (was ich nicht nachvollziehen kann).

    In ihrer übergroßen Mehrheit allerdings wollen die in der Publikumsdebatte aktiven Wissenschaftler nicht ihre Erkenntnisse über die Natur verdeutlichen, sondern ihre politische Einstellung durchsetzen. Und wenn diese Leute gleichzeitig auch noch denken, sie müßten die Welt verbessern, dann ist allerdings die höchste Alarmstufe angesagt.

    Wissenschaft ist nicht nur nur für sich selbst da, sie darf auch nicht für irgendetwas anderes als für ihr eigenes Vorankommen verwendet werden. Sonst geht's daneben, manchmal sogar ganz schlimm.

    Das Verhältnis zwischen Technik und Wissenschaft ist genau andersherum, Frau Zugschwerdt, wie von Ihnen beschrieben. Die Idee, daß zunächst die wissenschaftliche Erkenntnis und dann erst die technische Umsetzung folgt, ist ein Mythos.

    In Wirklichkeit entwickelt der Ingenieur eine technische Lösung und nutzt dabei Phänomene der belebten und unbelebten Natur, ohne diese zu verstehen oder (wissenschaftlich) beschreiben zu können. Technische Lösungen zeichnen sich dadurch aus, daß sie diese Phänomene (Effekte) vergrößern, verstärken und zielgerichtet nutzen. Den Ingenieur interessiert dabei nur die Existenz des Phänomens, nicht aber seine Einbettung in eine mathematische, konsistente und umfassendere Naturbeschreibung.

    Erst war die Dampfmaschine, voll funktionsfähig, und dann kam die Thermodynamik. Und so ist es seitdem (also seit es organisierte Wissenschaft und organisierte Ingenieurtätigkeit nach heutigem Muster gibt) immer. Es gilt für die Elektrotechnik (die schon (Siemens, Faraday u.v.a.) sehr weit fortgeschritten war, bevor Maxwell seine theoretische Beschreibung erarbeitete), für die Kunststoffchemie (erst waren die Kunststoffe da, dann die Atomphysik), für die Computertechnik, für bildgebende Technologien, für eben eigentlich alles.

    Ihnen als Biologin sollte doch bewußt sein, daß der Mensch 10.000 Jahre und länger Gen- und Biotechnologie in vielerlei
    Hinsicht betrieben hat, bevor ein Modell der DNA und der zugehörigen Prozesse entwickelt wurde...

  18. rotfell kein Betreff
    18.05.2009 | 13:56

    @Peter Heller: Kompliment, Sie haben wirklich gute Argumente. Und einige werden mich sicher noch einige Zeit in meinen Gedanken verfolgen. Der Punkt mit dem Ingenieur und dem Wissenschaftler ist nach näherer Erläuterung wirklich gut! Scheinbar ist für das Verhältnis Wissenschaftler- "Ingenieur" nur die moderne Medizin als Gegenbeispiel geeignet. Aber hah, es IST immerhin ein Gegenbeispiel! :-) Obwohl Ihr Punkt mit dem Ingenieur und dem Wissenschaftler gut ist, stimme ich Ihnen nicht bei allem zu und mein Enthusiasmus für die Wissenschaft wird sich auch nicht ändern.

    "Wissenschaft sollte, so zumindest meine Auffassung als Wissenschaftler, ausschließlich dem Erkenntnisgewinn dienen." Was spricht dagegen, die Öffentlichkeit diese objektiv gewonnenen Erkenntnisse mitzuteilen und dadurch zur Meinungsbildung beizutragen?

    "In ihrer übergroßen Mehrheit allerdings wollen die in der Publikumsdebatte aktiven Wissenschaftler nicht ihre Erkenntnisse über die Natur verdeutlichen, sondern ihre politische Einstellung durchsetzen." Was war zuerst da? Das Huhn oder das Ei? Wurde zuerst die wissenschaftliche Forschung (so wie Sie es gutheißen) zum reinen Erkenntnisgewinn betrieben und danach versucht, diese Erkenntnisse zur Meinungsbildung unter die Bevölkerung zu bringen?

    Oder war zuerst der Wille da, die Forschung in eine bestimmte Richtung zu treiben und danach die Forschung ausgerichtet? Ich glaube so wie Sie, daß es unter Wissenschaftlern auch die zweite Gruppe gibt, welche es für erstere Gruppe ebenfalls schwierig macht, ernstgenommen zu werden. Aber es gibt auch erstere Gruppe. Soll die sich dem pauschalen Denken des Lobby-Wissenschaftlers beugen?

    Das ist tatsächlich ein realistischer Grund dafür, warum der Wissenschaft von der Öffentlichkeit im Moment nicht getraut wird. Aber das ist für mich kein Argument, warum man nicht etwas dagegen tun sollte, indem man selbst etwas am Bild der Wissenschaft in der Öffentlichkeit ändert.

  19. Eike Scholz kein Betreff
    18.05.2009 | 14:13

    @Peter Heller

    Sorry, aber ich halte ihre Position für ein wenig naiv. Wir können uns als Wissenschaftler kaum leisten alles unser Handeln nur aus der Motivation des Sterbens nach Wahrheit abzuleiten. Das führt Zwangsläufig zu amoralischem Verhalten. Wissenschaftler sind nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Bürger, Eltern, Freunde usw.

    Weiter würde ich sie bitten mal ihre kruden wissenschaftshistorischen Thesen zu belegen.
    Mir scheint schon der Ansatz praktische von theoretischer Wissenschaft zu trennen völlig willkürlich, insbesondere zu Zeiten der Dampfmaschine.

  20. rotfell kein Betreff
    18.05.2009 | 14:23

    @eike scholz: "Mir scheint schon der Ansatz praktische von theoretischer Wissenschaft zu trennen völlig willkürlich, insbesondere zu Zeiten der Dampfmaschine." Daß das Ingenieurstum nichts anderes als praktische Wissenschaft ist, ist natürlich auch ein gutes Argument, auf das ich selbst erstmal gar nicht gekommen bin. Danke schön!

Artikel kommentieren
szmtag