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Blogvisite 2009 - Häppchen

von Sandra Thal, 18. April 2009, 14:43

[Eine Blogvisite verfasst von Mathias Wölfelschneider – psyconstruction]

Liebe geht bekanntlich durch den Magen. Wenn man die Anatomie des Gastrointestinaltraktes etwas genauer kennt, mag die Metapher nur noch sehr bedingt romantisch erscheinen.

Natürlich ist die körperliche bzw. physiologische Dimension der Affektivität als Teil impliziter emotionaler Prozesse ganz wesentlich. Noch wesentlicher ist die kognitive Fähigkeit, eigene implizite emotionale Reaktionen wahrzunehmen und sie "bewußt", benenn- und kommunizierbar, letztlich also explizit zu machen [1]. Aber wie ist das mit der Liebe zur Wissenschaft? Geht die auch durch den Magen? Ich kann ziemlich sicher sagen, dass sie mir ab und an Bauchschmerzen bereitet und dass die zugehörigen (meist sehr expliziten) Emotionen zumindest ambivalent sind. Eines ist mir dabei klar geworden: Häufig schlägt mir Wissenschaft dann auf den Magen, wenn ich nicht genügend Abstand zu meinem Forschungsgegenstand habe. Dann, wenn ich mich dazu verleiten lasse, die Konstrukte, mit denen ich arbeite für "Wahrheiten" zu halten, mich selbst zu ernst nehme und mich nicht mehr ausreichend selbst ermahne, dass ich nicht sehe, was ich nicht sehe.
 
Systemtheoretisch gesehen besteht das Konstruieren von Wirklichkeiten aus drei Schritten: Beschreiben, Erklären und Bewerten [2]. Beschreibungen charakterisieren Wahrnehmungen von Phänomenen. Erklärungen sind Zuschreibungen, z.B. Theorien über Funktionsweisen, Ätiologien oder Zusammenhänge solcher Phänomene. Wissenschaft, die unserer westlichen Tradition bzw. dem gegenwärtigen Mainstream folgt, begibt sich nicht in eine Beobachterposition 2. Ordnung. Wissenschaftler beobachten (d.h. sie unterschieden und bezeichnen) aus der 1. Ordnung, weil sie dem Ideal vermeintlicher Objektivität folgen und ganz in cartesianischer Tradition davon ausgehen, dass die beobachteten Phänomene von ihnen unabhängig existieren und zu beurteilen sind, sie als Beobachter also keinen Einfluss auf den beobachteten Gegenstand haben. Ausserdem hat Wissenschaft eine Tendenz, die drei Schritte (beschreiben, erklären, bewerten) zu vermischen oder zumindest eng miteinander zu koppeln.

Wissenschaftsjournalismus und Wissenschaftsblogs sind m.E. nicht nur geeignet, Ergebnisse aktueller Forschung einem größeren Publikum nahe zu bringen, sie also "populär aufzubereiten". Sie haben zumindest partiell die Möglichkeit einer Beobachtung 2. Ordnung. Sie können Wissenschaftler (und wissenschaftliche Blogger) beim Beobachten beobachten. Beobachtungen 2. Ordnung sind selbstverständlich kein Stück "objektiver". Ganz im Gegenteil: Erst durch sie wird deutlich, dass es keine objektive, beobachterunabhängige Welt gibt.

Sandra Thal stellt uns ihre Beobachtungen zu Themen der Wissenschaft und zu Forschungsergebnissen zur Verfügung. Sie beobachtet sehr genau und fundiert, bietet uns schließlich kritische bzw. skeptische Erklärungen und Bewertungen an. Ihren Wirklichkeitskonstruktionen ist dabei eines gemeinsam: sie nutzen eines der mächtigsten Instrumente zur (auch: emotionalen) Distanzierung: ironischen Humor. Durch eine Distanz, die vom Forscher an vorderster Front vermutlich nicht erwartet werden kann, sind Sandras Häppchen in der Tat bekömmlich. Das sollte aber keineswegs mit "wenig nachhaltig" verwechselt werden. Delikate Speisen bleiben aufgrund des Eindrucks am Gaumen in Erinnerung, nicht durch Bauchgrummeln und Völlegefühl! Irgendwie kann es kein Zufall sein, dass Sandra und ich uns beim Deidesheimer Bloggertreffen zuerst in unmittelbarer Nachbarschaft zum Buffet mit den leckeren Häppchen kennen gelernt haben.
 
 
 
1. Lane, R.D. (2008). Neural substrates of implicit and explicit emotional processes: a unifying framework for psychosomatic medicine. Psychosom Med 70(2):214-31.

2. Simon, F.B. (2000). Psychopathologische Konstruktionen. In: Rusch, G. / S.J. Schmidt (Hrsg): Konstruktivismus in Psychiatrie und Psychologie. Delfin 1998/99, Suhrkamp, stw 1503, Frankfurt 2000

 


 


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