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Zählen Sie Folien oder fließt Ihr Vortrag?

von Werner Große, 24. Februar 2010, 21:33

Vielleicht leuchtet der vermeintliche Gegensatz nicht spontan ein. Doch glaube ich, dass sich an ihm die Qualität einer Präsentation entscheidet: Wer nämlich die Folien seines Vortrags erst einmal abzuzählen beginnt, gerät leicht auf jenen sprichwörtlichen Holzweg, wo es dann holpert und stolpert. Mehr noch: Wer seinen Gedanken in einzelne Folien zerlegt, riskiert, sich konzeptionell selbst ein Bein zu stellen.

Zum Beispiel bat mich neulich erneut ein Seminarteilnehmer um Rat: „Reichen 15 Folien für mein Referat?“ Mit gespielt verdutzter Miene fragte ich zurück: “Wofür?“. „Na, für meine Vortragszeit von 20 Minuten – mit wie vielen Folien rechnen Sie denn so pro Vorlesungsstunde?“ Ich musste passen, denn da „rechne“ ich nicht.

Wenn ich einen Vortrag ausarbeite, denke ich konventionell in Wörtern und unkonventionell möglichst auch in Bildern. Wenn dann – in einem bei mir unglaublich zähen Prozess – die ersten konkreten Formen entstehen, werfe ich sie als Kladde auf meinen PC-Bildschirm, wobei ich die Chronologie des Gedankenganges mit speichere. Jedes Wort- und jedes Bildobjekt bekommt nämlich von mir sofort ein dynamisches Attribut über sein erstmaliges Auftreten (wann, wo, wie) angeklebt.

Ähnlich verfahre ich, wenn einige der inzwischen auf dem Bildschirm herumliegenden Wörter oder Bilder im Laufe des Gedankens unwichtiger werden. Dann bekommen Sie das Attribut „verschwinde!“. Derart arbeite ich mich durch meinen Stoff, natürlich mit vielen Rückgriffen, Einfügungen und Neuordnungen. Aus „erscheine!“ wird vielleicht „blende ein!“ und aus „verschwinde!“ wird eventuell „roll’ raus!“.

Wichtig ist, dass mit der begrifflichen Schärfung dieser Wort- und Bildauswahl auch einhergeht eine allmähliche Schärfung des zeitlichen Ablaufs der Präsentation. Immer wieder teste ich laut, ob mein gesprochenes Wort zur Dynamik des Geschehens auf der Leinwand passen wird. Tempo und Rhythmik werden so Teil der Form, ja der zu vermittelnden Information. So entsteht ein Kommen und Gehen visueller Eindrücke synchron zu meiner Rede.

Das gesprochene Wort fließt kontinuierlich. Was gesagt ist, ist gesagt. Der Ton verhallt. Die Buchstaben-Bild-Komposition auf der Leinwand jedoch kann die Information für den Betrachter anhalten, verzögern oder vorantreiben, je nach dem. Der Duktus des Vortrags wird letztlich hierdurch bestimmt.  Und so kann der Vortragende den kognitiven Stil der Zielgruppe optimal bedienen. Für die Rezeption ist das wohl entscheidend.

Und nun zur Frage der Anzahl der Folien. Natürlich habe ich bisher in Folien gedacht, ohne sie zu erwähnen. Natürlich benutze ich für meine Vorträge eine Slideware, banalerweise PowerPoint (was für mich praktisch, aber in diesem Kontext eigentlich unwichtig ist). Auch besteht jeder meiner Vorträge logischerweise aus einer bestimmten Anzahl von Folien. Nur ist sie für meine Botschaft ohne Belang, da sie bei identischem Vortrag beliebig verändert werden kann. Und das kommt so:

Während ich also denke und entwerfe, Objekte auf die Bühne stelle und ihren Abgang plane, füllt sich mein Bildschirm mehr und mehr. Allerdings nur in der Arbeitsversion. Verstehen Sie? Objekte mit Attributen der Kategorie „verschwinde!“ sehe ich auf der Arbeitsbühne weiterhin, auch wenn sie dann in der Vorführversion wie befohlen den Abgang machen werden. Wenn also mein Bildschirm während der Ausarbeitung zu voll wird, dupliziere ich einfach die Folie per Copy-Paste und lösche aus der Kopie alle Objekte mit Verschwinde-Merkmalen. Die noch gegenwärtigen verharren unberührt, und der entsprechende Folienwechsel bleibt für das Publikum unsichtbar.

Nach dieser Tabula rasa arbeite ich befreit und wie beschrieben weiter. So entstehen sukzessiv diverse Folien, deren Trennung allein arbeitstechnische Gründe hat keine visuellen Folgen zeigt. Jetzt fließt mein Vortrag im Takt meiner Rede.

Selbstverständlich kann ich die Präsentation bei Bedarf unterbrechen, kann Akte aufführen, den Vorhang fallen lassen, das Bühnenbild wechseln – nur hat das wenig mit den derzeit üblichen Folienvorführungen zu tun. „Next slide please“ stammt aus technisch beschränkten Zeiten.

Ich werde mich hüten, meine Arbeitsweise zu empfehlen – die finde jeder für sich selbst. Aber mein Ergebnis mag ich preisen, auch aus einem tieferen Grund: 
Das digitale Zeitalter hat es mit sich gebracht, dass die „Auflösung“ zu einem zentralen Begriff der Display-Qualität geworden ist. Der Computer schlägt ja systembedingt vergröbernde Treppen in die mathematische Beschreibung jeder Information. In der grafischen Darstellung erscheinen diese Treppen dann als Pixel in der Fläche und als Stufen bei Grauwerten und Farben.

Nun haben wir uns daran gewöhnt, diese Rasterung so weit zu verfeinern, dass sie von unseren Sinnesorganen als Kontinuum, also möglichst gar nicht mehr, wahrgenommen wird. So tummeln sich auf heutigen Bildschirmen und Leinwänden zigmillionen Bildpunkte in zigmillionen Farbschattierungen. „High-Definition“ und „Colour Depth“ sind die entsprechenden Modewörter der IT-Welt. Die Hatz nach der höchsten Auflösung kennt kaum Grenzen.

Erstaunlicherweise bleibt jedoch – zumindest in vielen wissenschaftlichen Vorträgen – weitgehend außer Acht, dass sich die Frage nach der qualtitativ hohen Auflösung auch hinsichtlich der Zeit stellt. Wird ein Bewegungsvorgang digitalisiert, ist er ja nicht nur räumlich sondern auch zeitlich diskretisiert. Am Beispiel des „Films“ wird klar, dass erst ab einer gewissen zeitlichen Feinrasterung der Ablauf für unser Auge wieder fließend wird. Allerdings genügt eine hohe Vorführfrequenz alleine nicht, um eine Serie von Einzelbildern zum Laufen zu bringen. Sie müssen darüber hinaus in ihrer Gestalt Ähnlichkeiten aufweisen, die einer Bewegungsfolge entsprechen! Diese Selbstverständlichkeit wird leicht vergessen, gerät aber spätestens in den Fokus, wenn man mittels Animation einen artifiziellen Bewegungseindruck erzwingen will.

Mein Beispiel „Film“ soll nun nicht etwa vorschlagen, jeden Vortrag durchgehend mit 25 Bildern pro Sekunde zu begleiten. Aber ein Quäntchen filmisches Denken täte mancher Präsentation gut. Dazu gehörten dann neben sinnvollen Objektbewegungen auch Elemente wie Szenenwechsel, die Zusammenhänge aufzeigen, Veränderungen, die Aufmerksamkeiten erregen, oder Bildkompositionen, die Räume und Zeiten entfalten.  

Doch auf all das verzichtet, wer seinen Vortrag in 10 oder 50 isolierte, leblose Folien zerhackt und sie obendrein so gestaltet, dass sie auch wahrnehmungspsychologisch auf das Gröbste gerastert sind. Achten Sie einmal auf Folienwechsel, die derart ins Auge springen. Da hüpfen Buchstaben und Schemazeichnungen in Formen und Farben über beliebige Skalen und Stile.

„Information“ wird heute aber verstanden als die „Differenz zwischen zwei zeitlich aufeinander folgenden Zuständen“. Unsere Sinne registrieren jede Veränderung. Welche Information aber sendet ein Folienwechsel aus? Neben gewollter auch ungewollte?

Schonen Sie Ihr Publikum! Wenn Sie etwas mitzuteilen haben, führen Sie die Sinne getrost und gezielt. Erteilen Sie Informationen durch Veränderungen zur rechten Zeit und an der richtigen Stelle. Aber machen Sie keine Sprünge, nur um anschließend Redundanz zu zeigen. Das geeignete mediale Instrumentarium ist leicht zu erlernen und wohlfeil außerdem.



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Kommentare

  1. Maria Alternative zu Powerpoint
    09.03.2010 | 09:01

    Ein kleiner Hinweis auf http://prezi.com/ wär nett gewesen!

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szmtag