Führen Sie PowerPoint vor?
Oder führen Sie mit PowerPoint vor? Den kleinen Unterschied mag man leicht überlesen. Übersehen wird man ihn nicht!
Denn Ihr Publikum hat ein feines Gespür dafür, ob Sie etwas vorführen oder ob Sie primär das vorführen, womit man etwas vorführen kann. In deutlicheren Worten: Noch immer zeigen PowerPoint-Vorträge über weite Strecken überwiegend die Fertigkeiten des Vortragenden hinsichtlich seiner Hilfsmittel.
Wer PowerPoint benutzt, ist oft stolz darauf zu zeigen, welche Features er so beherrscht, welche Knöpfe der Menüs und Untermenüs er gefunden hat und zu drücken in der Lage ist. Am gleichen Strang ziehend hat Microsoft ein großes Interesse daran, dass nicht etwa ein gewisser Inhalt im Vordergrund des Vortrags steht, sondern die von Microsoft hergestellte Vorführtechnik. Deshalb bietet PowerPoint so viele äußerst bequeme Vorgaben – vom Foliendesign über das Layout bis zu dynamischen Elementen und Animationen. Tritt ein Könner dieses Dunstkreises ans Rednerpult stöhnt sehr bald das Publikum, „schon wieder PowerPoint! Muss das sein?“.
Und so entstehen die vielen Schmähschriften der Art: „Lasst die Finger von PowerPoint, ihr Gebildeten der Welt; und wenn schon nicht vermeidbar, so seid sparsam mit den Instrumenten“. Also kehren wir zurück zum Text, der Folie um Folie aufgerufen wird. Dann weiß der geneigte Zuhörer: „Aha, ein Vortragender, der uns etwas vorlesen will und der uns den Text freundlicherweise an die Wand wirft, zum Mitlesen“. Doch er fragt sich bald: „Warum bin ich überhaupt hier? Besser sollte ich das Buch lesen, mit dem der Vorleser seinen Text doch sicher auch verbreitet“.
Was tun mit diesem Dilemma in der Rolle des Referenten?
Greifen Sie mutig zu PowerPoint oder zu einem der anderen, zahlreichen Präsentationsprogramme. Zwängen Sie Ihren Text nicht in eines der angebotenen „Textlayouts“. Wählen Sie niemals vorgegebene „Diagrammtypen“. Lassen Sie die Finger vom Menu „Foliendesign“.
Aber benutzen Sie jedwedes Instrument, das Sie finden – doch führen Sie es bitte nicht vor. Das sähe das Auge des Betrachters sofort. Benutzen Sie alles, was Ihnen hilft, Ihre beabsichtigte Aussage rüberzubringen. Der Zweck heiligt das Mittel. Lassen Sie ein Objekt von mir aus wirbelnd von unten auf der Leinwand einfliegen, wobei es gerne auch noch Größe und Farbe wechseln darf – wenn es zum Verständnis dieses Objektes beiträgt! Wenn nicht, lassen Sie bitte solche Mätzchen! Wenn Sie lediglich zeigen wollen, dass Sie Objekte wirbeln, zoomen oder umfärben können, werden Sie Lehrer für PowerPoint. Ansonsten aber würden Sie Ihr Publikum langweilen.
Präsentationsprogramme haben den schlichten Zweck, visuelle oder auditive Objekte zu präsentieren, d. h. auftreten und verschwinden zu lassen. Mit PowerPoint geht das; ziemlich gut sogar. Lassen Sie sich also nicht von Kritikern irritieren. Üben Sie das Gleiten, Wirbeln, Animieren und Färben von Texten, Bildern und Filmen. Durchforsten Sie auch noch das unterste Untermenü nach weiteren Möglichkeiten. Das dauert einige Stunden, lohnt sich aber. Und dann emanzipieren Sie sich vom Zwang der Software. Fangen Sie an, Gestaltungsideen zu entwickeln. Es geht mehr, als Sie ahnen. Meine Phantasie zumindest übersteigt das Programm noch immer.
Wenn Sie dann einen Inhalt präsentieren wollen, der mehr als eine verbale Vermittlung erfordert oder verdient, sollten Sie es sein, der bestimmt, in welcher Bildersprache, mit welchen dynamischen Effekten und mit welchen wahrnehmungspsychologischen Fertigkeiten das geschieht. Prüfen Sie jeden präsentationstechnischen Schritt. Stellen Sie sich stets die Frage, weshalb Sie ihn gewählt haben. Wenn Sie keinen guten Grund finden, löschen Sie ihn wieder. Das geht noch leichter als ihn aufzurufen. Arbeiten Sie an Ihrer Präsentation wie an einem Text, der in Leder gebunden gedruckt werden soll. Fragen Sie: „Warum erscheint hier ein Pfeil?“, fragen Sie: „Warum ist der knallrot?“, fragen Sie: „Warum ist der so groß?“, und Sie werden merken, wie schnell man lernt und den Stil verbessert.
Zugegeben, es ist anfangs ein wenig ungewohnt, eine Fläche füllen zu dürfen und nicht nur Zeilen. In den zwei Dimensionen der Leinwand kann man sich leicht verlieren. „Wo stelle ich meine Grafik hin, wo meinen Text und wo die Tabelle?“ Bitte fangen Sie nicht oben links an und enden Sie nicht unten rechts. Nimmt man den Freiheitsgrad der Dimension Zeit noch hinzu, ist die Gefahr dieser Verlorenheit noch größer. „Wie lange lasse ich ein Objekt auf der Bühne?“ oder „Wie wandle ich seinen Ort, seine Form oder seine Erscheinung, wenn ich es in einen neuen Sinnzusammenhang bringen will ohne seine Identität zu verlieren?“
Haben Sie keine Scheu, irgendwie und irgendwo anzufangen. Der Vorteil von Computern ist, dass man Dinge leicht ändern kann. Vergessen Sie das Drama des Radierens aus Ihrer Schulzeit. Platzieren Sie Ihre Tabelle zunächst mitten drauf. Aber stellen Sie sich irgendwann die Frage, warum sie dort steht. Wenn Sie keinen guten Grund finden, stellen Sie sie woanders hin. Nach fünf Durchgängen wird sie richtig stehen. (Es sei denn, Sie haben sie mit einem Default-Layout festgenagelt. Dann wird das nie gelingen.)
Sie werden lernen, sich viele solcher Fragen zu stellen. Und Sie werden dabei merken, dass Sie Ihren Stoff allmählich unter ganz neuen Aspekten sehen, ihn eventuell selbst neu verstehen, ihn manchmal überhaupt erst richtig verstehen. Dann ist der Augenblick gekommen, vor Ihr Publikum zu treten und Ihre Sache so darzubieten, dass keiner anschließend über Sinn und Zweck der von Ihnen benutzten Präsentationssoftware diskutiert. Im besten Fall hat Ihr Publikum die gar nicht bemerkt. Und dann sind diese Diskussionen so überflüssig wie ein Kropf.
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Benützen Sie ab sofort nur noch Keynote von Apple!
Ach wissen Sie, solche Ratschläge machen mich traurig. Mir ist es doch egal, welches Präsentationsprogramm jemand benutzt. Die meisten bieten ein umfangreicheres Instrumentarium als für das Niveau der medialen Sprache und Gestaltung der gängigen Vorträge nötig wäre. Den Begriff PowerPoint benutze ich doch nur, weil er das Pars pro Toto in der gegenwärtigen Diskussion um Präsentationsstile ist. Bei dieser Diskussion geht es nur vordergründig um Benchmarking und Produktdesign. Dahinter steht doch der gesellschaftliche Diskurs um den Wandel der Sprache weg vom Text und hin zum Bild. Werkzeuge sind dabei zwar notwendig, ihr jeweiliges Branding aber ohne Bedeutung. Ob Günter Grass die Blechtrommel mit einem teuerem Montblanc-Füller, einer alten Adler-Schreibmaschine oder einem Notebook geschrieben hat, ist gänzlich unerheblich.
Sehr schöner Artikel! Leider werden ihn die Leute, die ihn lesen müssten, nicht lesen. Aber die Leute, die ich in PowerPoint/Präsentationstechnik schule, werden davon profitieren. Betrachten Sie den Satz "Führen Sie PowerPoint vor? Oder führen Sie mit PowerPoint vor?" als geklaut! (Natürlich mit Verweis auf diesen Blogeintrag.)
Die richtigen Leute wären ja vor allem Menschen, wie Sie, die unterrichten. Der vielbeschworene Iconic turn (Hinwendung zur Bildsprache) wird kulturell wohl erst dann fruchtbar werden, wenn die Sprachwissenschaft die Bildwissenschaft akzeptiert und möglichst integriert hat. Bis dahin sind wir auf Einzelkämpfer angewiesen.
In diesem Zusammenhang passt vielleicht die Erwähnung von "Pechakucha" - einem Trend aus japan, bei dem es darum geht, das letzte aus Powerponit herauszuholen.
Ganz schlimm sind die Leute, die mir auf Nachfrage nach Zusatzinformation ihr Bauerbeunt zusenden. Meist sind die von der Sorte, dass sie weder einen guten Vortrag ergeben, wegen überladener Seiten, noch dass man die unsortierten Satzschnipsel ohne Vortragenden verstehen kann.