Galileis Fernseh-Apparat
Seit meiner letzten Ritterburg vor fünfzig Jahren habe ich nicht mehr mit solch einer Begeisterung etwas aus Karton zusammengeklebt, wie diesen Fernseher des Herrn Galilei. Sie verstehen nicht? Fernseher, das ist auf Altgriechisch ein Teleskop. Galilei selbst nannte sein Urexemplar telescopio. Jetzt liegt eine Replik dieses ältesten Fernrohrs der Geschichte auf meinem Schreibtisch.
Alles fing damit an, dass ich das Kapitel Telekommunikation für meine Wintervorlesung vorbereitete. Wie immer war ich zu spät dran und raffte den Stoff bei „www.weißte-nicht-wo-was-und-wer“ wild zusammen: Spiegeltelegrafie im Altertum, Gauß’ und Webers elektromagnetischer Telegraf, Morses Einfinger-Ticker, Transatlantik-Telefonkabel – alles mit Ziel auf GPS, Web 2.0 und weltumspannenden Mobilfunk.
Da flatterte mir ein Online-Prospektchen des Spektrum Verlags auf den Bildschirm, das ich schon Dutzende Male zuvor gesehen und wohlgefällig übersehen hatte. Doch diesmal hielt ich inne, denn da stand in Wort und Bild:
„Das Fernrohr, mit dem die moderne Astronomie begann. Bausatz aus gestanzten Kartonbögen, 4-Farb-Druck, mit Glaslinsen und Halterung, Länge 78 cm, 12,90 €“. www.science-shop.de
Das musste ich haben. Sofort. Für rein didaktische Zwecke, versteht sich.
„Sidereus Nuncius“ – die Nachricht von Sternen, war 1610 die erste Veröffentlichung des 46-jährigen Galilei. In ihr teilte er "Seiner Durchlaucht Cosimo von Medici II" die unglaublichen Beobachtungen mit, die er mit jenem Fernrohr u. a. über die Jupitermonde gemacht hatte. Wir alle kennen das Ende der Geschichte. Das Weltbild purzelte, die Kirche strauchelte und die Neuzeit begann.
Wenn das mal nicht in meine Vorlesung "Massenkommunikation und Massenmedien", Unterkapitel "Tele", hineingehörte!
Quasi über Nacht und dank moderner Telebestellung erhielt ich die Bastelbögen, und wie vor fünfzig Jahren begann ich fieberhaft mit Messer und Schere drauflos zu basteln. Die Anleitung* ermahnte mich, exakt und vor allem Schritt für Schritt vorzugehen. Wie recht sie hatte. Denn Schritt für Schritt lernte ich, dass Galileis Original aus Messing und Leder nicht so leicht aus Leim und Pappe zu replizieren ist. Doch das Versprechen hielt: Nach sechs Stunden (!) penibler Arbeit war die Uhu-Tube leer (bitte besorgen Sie sich eine volle, bevor sie anfangen!) und die letzte Klebestelle trocken: Nun lag das Rohr in schönster Renaissance-Pracht und mit zwei Linsen bestückt in meinen Händen (siehe Abb. links).
„Und das Rohr hatte zwei Linsen?“, lässt Brecht in seinem Theaterstück „Leben des Galilei“ den Gelehrten fragen, als ihm sein reicher Schüler Ludovico von einer Erfindung aus Holland erzählte: „Man sieht alles fünfmal so groß durch das Ding. Kirchturmspitzen, Tauben; alles, was weit weg ist. Das ist Wissenschaft“. Galilei schickte alsbald nach dem Linsenschleifer und den Rest der Geschichte kennen Sie – wie gesagt: Das Welt-bild stürzte und die Kirche wankte, alles wegen zweier Linsen.
In dem 12-Euro-Bausatz sind sie enthalten. Je ein plan-konvexes und ein plan-konkaves Glasscheibchen: Cent-Beträge in heutiger Währung und verglichen mit meinen Brillengläsern eine Lowtech-Ausgabe. Und doch verspricht der Hersteller, dass der Blick durch die Pappröhre in etwa dem entspricht, was Galilei zu Gesicht bekam.
Gespannt trat ich ans Fenster und richtete mein Werk auf die St-Johannis-Kirche. Lange sah ich nichts. Das Gesichtsfeld ist winzig, vergleichbar mit dem fernen Ende eines Tunnels. Lange stocherte ich in Göttingens Altstadt-Dächergewirr umher, bis ich endlich einen der beiden St-Johannis-Türme fand. Doch dann, nach ein wenig Hin- und Hergeschiebe am Okular- wie am Objektivtubus, sah ich es klar und scharf: Das 20fach vergrößerte Bild der eisernen Wetterfahne auf der Spitze des Südturms (Abb. rechts).
„Hut ab, Herr Galilei!“, entfuhr es mir spontan. Das also war dein Instrument! Mit solch einem Röhrchen hast du die Nachricht von den Sternen empfangen. Oder mit den Worten Brechts: „Sechzehnhundertzehn, zehnter Januar: Galileo Galilei sah, dass kein Himmel war.“ Der Mond bekam Berge, der Jupiter Trabanten und die Venus ihre Phasen.
Langsam ließ ich das Teleskop in meinen Händen sinken und blickte ehrfürchtig auf den Schauplatz. Das also ist Wissen-schaft. Man erkennt alles, selbst was weit weg ist: Kirchtürme, Tauben, alles. Man muss es nur sehen, verstehen und darüber berichten. Das ist Aufklärung! Eine schöne Botschaft an die Studierenden.
Gauß und Weber kamen mir in den Sinn, plötzlich und zwingend. Hatten die beiden nicht genau über jenen Turm der Johanniskirche (Abb. links) ihren Draht gespannt? Den Draht, den sie über Göttingens Dächer von der Sternwarte über das Accouchierhaus und eben die Johanniskirche bis zum Physikalischen Kabinett gezogen hatten für die Uraufführung ihrer elektromagnetischen Telegrafie? Dieser Draht war der erste Faden des weltweiten Telekom-munikationsnetzes. Denkt daran Ihr Twitter! Und Galileis Fernseher war weitblickender als ARD, ZDF und RTL. Denkt daran Ihr Soap-Süchtigen!
* Die Beschreibung ist eine Gebrauchsanweisung nach Maß. Selten habe ich eine solch exakte und dem Bastler zugeneigte Anleitung gelesen.
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Das Teil reizt mich schon länger. Zu meiner Kinderzeit war eins Pappteleskop in der YPS. Aber das war nur 30 cm lang und die Linsen waren schlecht.
Sechs Stunden hast Du daran gebastelt. Das ist dann vielleicht etwas für die Weihnachtszeit. Schön sieht der Pappbogen jedenfalls aus.
na ja, in den sechs Stunden Bauzeit lagen zugegebenermaßen diverse Gänge zum Kühlschrank und auch die ein und andere besinnliche Minute. Wenn man stramm arbeitet und sich auf das Endprodukt ausrichtet, kann man es sicher sehr viel schneller schaffen. Ich habe halt ausgiebig den ausgeklügelten Konstruktionsplan genossen und bin müßiggehend der fehlerfreien Bauanleitung gefolgt.
Wenn, dann solltest du es noch in 2009 zusammenkleben (Galilei stellte sein erstes 1609 her), bevor in 2010 die Jubelfeiern der Astronomen (Entdeckung der Jupitermonde Januar 1610 ) und das zu erwartende Medienspektakel beginnen.
Lieber Herr Große:
Dank Ihrer schönen, ja faszinierenden Beschreibung kenne ich nun das Weihnachtsgeschenk für meinen Mann ;-)
Ein wirklicher schöner Blogbeitrag über ein besonderes Bastelerlebnis! Meine Empfehlung: Als Rezension in den Science Shop nehmen....
Lieber Herr Große:
Dank Ihrer schönen, ja faszinierenden Beschreibung kenne ich nun das Weihnachtsgeschenk für meinen Mann ;-)
Ein wirklicher schöner Blogbeitrag über ein besonderes Bastelerlebnis! Meine Empfehlung: Als Rezension in den Science Shop nehmen....
Danke für den Hinweis. Es gibt übrigens auch ein Newton-Teleskop zum Selbstbau (aus Pappe und Acrylglas) - schon für 25 EUR.
Celestron FirstScope um 59 Euro:
http://www.science-shop.de/artikel/1000339
Das ist mal was für Kinder damit diese mal wegkommen von Playstation und Co...
Werde es mal meinem Sohn vorschlagen... wenn ich nicht dabei helfe, wird aber bestimmt nicht viel passieren... aber so habe ich wennigstens was zu tun ;-)