Betr.: Guckst du
Mit diesem Betreff versieht unsere Kollegin Michaela solche E-Mails, bei denen wir lediglich einen Anhang oder einen Link zur Kenntnis nehmen sollen. „Schau mal drüber“, hieß das früher. In den vergangenen Wochen habe ich nicht geguckt, weder da noch sonst wo. Ich hatte – rein physiologisch – kein Einsehen mehr oder auf Kaya-Yanar-Deutsch: Auge kaputt! Die Linse meines linken Auges war innerhalb weniger Monate trüb geworden.
In Zeiten der visuellen Kommunikation ist das eine persönliche Katastrophe. Derzeit arbeite ich an einem abschließenden Geschichtswerk über den „Wissenschaftlichen Film“. Es geht um die Firmenphilosophie meiner beruflichen Heimat, nämlich um die Frage, wie man mithilfe von Medien „Unsichtbares sichtbar“ macht. Dazu muss ich 70 Jahre Institutsver-gangenheit ausgraben und lesen, lesen, lesen. Die trübe Linse aber hat diese Tätigkeit spätestens seit Juni langsam aber sicher ausgebremst. Ich versuchte es zunehmend mit nur einem Auge, aber schließlich verebbte der Lesehunger ganz.
Für meine Augenärztin war die Operation ein Klacks. Trübe Linse raus, Plastiklinse rein – einen grauen Star erledigt man heute ambulant an einem Vormittag und vollständig schmerzfrei (diesbezüglich bin ich nun sozusagen ein Augenzeuge). Die äußeren, sprich medizinischen Umstände sind denkbar einfach. Bereits am nächsten Tag kommt der Verband runter und sofort siehst du wieder klar. Nicht, dass man schon wieder lesen kann bzw. darf. Aber der Blick in die Ferne ist scharf.
Jetzt wäre ein Kurzurlaub im Allgäu angesagt gewesen. Doch genau den hatte ich mir bereits vor der Operation gegönnt und dabei die vorhersehbare Erfahrung gemacht, dass anderthalb Augen die Tiefe der Landschaft stereotechnisch nur schlecht abbilden und dass ein Milchglas vor der Retina selbst die grünste Almwiese mausgrau erscheinen lässt. Unser Weltbild ist eben stark vom Gesichtssinn geprägt.
Louis Bunuel und Salvador Dalí eröffnen ihren Filmklassiker „Ein andalusischer Hund“ (1929) mit einem Rasiermesserschnitt quer durch ein Auge – in Großaufnahme! Die Einstellung ist kaum zu ertragen. Erst beim dritten Kinobesuch habe ich wirklich hingeschaut. In einem einzigen, buchstäblichen „Augenblick“ wird unsere reale Sichtweise zerstört, und die surreale der beiden Künstler wird offensichtlich.
Natürlich hatte ich diese Szene vor meinem geistigen Auge als ich endlich auf dem OP-Tisch lag. Für die Abblende sorgte dann freundlicherweise die Anästhesistin. Den chirurgischen Schnitt in die Augenkammer spürt und sieht man nicht. Er liegt außerhalb des Sehkanals, wird nicht genäht und braucht seine Zeit zum heilen. Deshalb hat man u. a. Leseverbot.
Bis dahin war mir nicht bewusst, wie durch und durch alphabetisiert ich bin (bzw. wir alle sind). Krankgeschrieben, doch körperlich und geistig wohlauf, hatte ich leere Tage zu gestalten. Und alles, was mir einfiel, hatte mit Lesen, Schreiben, Bildschirmgucken zu tun! Indem Sie etwa hier diesen Text lesen, flitzen Ihre Augen hin und her, scannen Ihren Bildschirm akribisch ab auf der Jagd nach Minifiguren, die Ihr Hirn bitte als Buchstaben erkennen möge. Wir tun das im Laufe unserer Bildungskarriere mit wachsender Begeisterung.
Doch nun durfte ich es für eine Weile nicht, nicht mit dem frischen Schnitt in meinem Auge: Keine E-Mails, keine SciLogs, kein „Wissenschaft-online“ mit den pfiffigen Bemerkungen von Richard Zinken. Mehr noch: Keine Zeitung, kein Buch, keine Akte. Nach wenigen Tagen hatte ich das Gefühl zu vergreisen.
Natürlich konnte ich hören, z. B. Hörbücher. Ich habe die Leichtathletik WM im Fernsehen gehört! Maybrit Illner klingt übrigens noch banaler, wenn man sie ausschließlich hört und nicht sieht. Ja, ich konnte spazieren gehen. Ich konnte schlafen. Ich konnte im Café sitzen. Alles schöne Dinge. Doch wisst Ihr eigentlich, wie blöd es ist, wenn sich das Leben auf diese Dinge reduziert?
Auch konnte ich denken. Doch wollte ich jeden dritten Gedanken aufschreiben, bei jedem zweiten nachlesen, ob er auch stimmt. Ich habe meinen PC zigmal automatisch angeworfen und erst beim Einloggen gemerkt: „Du sollst nicht lesen!“ Was dachte ich nur? Es hat Tage gedauert, bis ich Gedanken zuließ, die keinen vermeintlichen Ewigkeitswert hatten, die man nicht aufschreiben muss, Gedanken über alles Mögliche oder auch über einfach Nichts. Herrje, wie buchstabensüchtig bin ich eigentlich? Alle zwei Stunden träufelte ich meine Medizin ins quergeschnitte Auge.
Es gehe diesem Auge "offensichtlich" gut, antwortete ich beim Nachsorgetermin brav der Augenärztin und, dass ich es "hüte wie meinen eigenen Augapfel". Sie lobte mich und überhörte die Kalauer geflissentlich.
Inzwischen ist meine „Okulomotorik“ wieder voll im Gang und so bin ich denn zurück im Web 2.0 dank „ophthalmologischer Künste“ (ja, ja solche Wörter lernt man in der Not). Keinen Tag länger hätte ich es ausgehalten, ich, ein mit allen Sinnen ausgestatteter, des Lesens und Schreibens kundiger, durch primäre bis tertiäre Bildungswege gegangener Bewohner des elektronischen Dorfs.
Also Nachbarn, ich bin wieder da! Mit mir kann man wieder reden – äh schreiben. Denn augenscheinlich liebe ich diese ASCII-Dingerchen auf leuchtendem Untergrund über alles. Und wie ist Ihre Sicht?
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Wirklich sehr schön geschrieben! Allein ihre Reflektion einer Teilsichtbehinderung rief mir wieder vor mein geistiges Auge wie sehr "Augentier" der Mensch doch ist. Sehr schön auch der Hinweis, dass der Mensch im Multimediazeitalter noch wesentlich mehr als vielleicht früher auf seine Augen angewiesen ist. Eine kleine Ergänzung meinerseits: glücklicherweise hat "unsere" Zeit aber auch den Vorteil des Existierens moderner Heilmethoden früher unheilbarer Augenkrankheiten, so dass man auch wieder glasklar bloggen kann.
Ich versuche aus solchen Geschichten immer etwas zu lernen. Vielleicht, dass man ab und an Gedanken, die man nicht aufschreiben muss genießen sollte und sehbehinderten Menschen im Alltag freundlich und zuvorkommend unter die Arme zu greifen.
das war es in etwa, was ich ausdrücken wollte. Danke für die Antwort.
Mal etwas zum Kalauer von einem echten Calauer. Vielleicht hat die Ärztin die lustige Bemerkung gar nicht überhört, sondern zum zigsten Male gehört?
Wirst Du nun regelmäßgier Spender bei der CBM?
Lieber Herr Große, konnte mich in Gedanken voll mit Ihren Emotionen und Nöten identifizieren.....und ja, die Vorstellung, dass es einem selbst so ergehen kann ist äußerst schmerzhaft.
Ihr FAZIT ist bedenkenswert: wir sind echt "süchtig" und ich stehe ehrlich dazu: auch mein "Futter" ist die Wissenschaft. Ich will gedanklich vollbeschäftigt sein, will Fragen stellen, hinter die Dinge blicken, Neues erfahren und es lässt einen nicht mehr los, sprich der Suchtfaktor beherrscht uns....
Vermutlich hätte sich ein Fließbandarbeiter an Ihrer Stelle riesig gefreut, hätte seine Freunde am Stammtisch getroffen und Feste gefeiert. Er hätte sich wohl gefühlt, einmal richtig "faul" herumzuhängen.....und wir Dösbattel trauern darum, dass wir unsere geballten Neuronenverbände nicht ausreichend strapazieren können ;-)
Ist das unser Daseinszweck oder gar Sinn unseres Lebens....heimgesucht von der Wissenschaft?
Nicht immer ist die Auseinandersetzung mit Wissenschaft produktiv, wer weiß, vielleicht richtet sie mehr Schaden als Nutzen an? ....zumindest, wenn man manche Entwicklungen ansieht, welche als Ergebnisse wissenschaftlicher Erkenntnis gefeiert werden.....
Weiterhin gute Besserung und gute Sicht...für beide Augen ;-)
Hallo Werner,
es freut mich natürlich gar nicht, dass Du auf so vieles verzichten musstest. Es freut mich aber, dass Du die scilogs und unseren Newsletter http://www.wissenschaft-online.de/...l_archiv.html so nett und explizit erwähnst!
Alles Gute, lieber Gruß
Richard
Bzgl. Ihres kommentars: "Vermutlich hätte sich ein Fließbandarbeiter an Ihrer Stelle riesig gefreut, hätte seine Freunde am Stammtisch getroffen und Feste gefeiert. Er hätte sich wohl gefühlt, einmal richtig "faul" herumzuhängen..."
Meinen Sie nicht, dass Sie mit Ihrer Ansicht eines Klischees dieser "Personengruppe" ganz schön respektlos gegenüber sind?
Zudem sind auch diese Personen in dem gleichen "Netzwerk/System" der Informationsgewinnung (jeder in seiner Lieblingsbranche - welche auch immer dies sein mag) und somit hätte er wahrscheinlich mit den gleichen Alltagsproblemen wie Herr Große gekämpft.
@ Herr Große und @ Dominic
ich teile Ihre Meinung und versuche auch mal wieder die Gedanken zu genießen bzw. im Alltag mal wieder hilfsbereiter zu sein (was man ja leider immer wieder mal vergisst, wenn man keine Einschränkungen hat.)
Mit freundlichen Güßen
Udo B.
Bzgl. Ihres kommentars: "Vermutlich hätte sich ein Fließbandarbeiter an Ihrer Stelle riesig gefreut, hätte seine Freunde am Stammtisch getroffen und Feste gefeiert. Er hätte sich wohl gefühlt, einmal richtig "faul" herumzuhängen..."
Meinen Sie nicht, dass Sie mit Ihrer Ansicht eines Klischees dieser "Personengruppe" ganz schön respektlos gegenüber sind?
Zudem sind auch diese Personen in dem gleichen "Netzwerk/System" der Informationsgewinnung (jeder in seiner Lieblingsbranche - welche auch immer dies sein mag) und somit hätte er wahrscheinlich mit den gleichen Alltagsproblemen wie Herr Große gekämpft.
@ Herr Große und @ Dominic
ich teile Ihre Meinung und versuche auch mal wieder die Gedanken zu genießen bzw. im Alltag mal wieder hilfsbereiter zu sein (was man ja leider immer wieder mal vergisst, wenn man keine Einschränkungen hat.)
Mit freundlichen Güßen
Udo B.
Bzgl. Ihres kommentars: "Vermutlich hätte sich ein Fließbandarbeiter an Ihrer Stelle riesig gefreut, hätte seine Freunde am Stammtisch getroffen und Feste gefeiert. Er hätte sich wohl gefühlt, einmal richtig "faul" herumzuhängen..."
Ich bin sehr erstaunt, was alles in eine solche Aussage hineininterpretiert wird. Dabei ging es mir nicht um ein Klischee, sondern um den Gedanken dahinter, dass Personen, welche körperlich arbeiten eine ganz andere Freude daran haben, wenn sie ihrem Körper einmal Ruhe gönnen dürfen. Ich kenne das sehr gut von unserem Sohn...
Ein "Kopfarbeiter" der hängt mit seinem Körper im Gegensatz im Dauerzustand quasi "faul herum" und wenn er dann noch dazu - ohne jegliche Aufgaben erfüllen zu können - dazu verdonnert wird auf seine Kopfarbeit zu verzichten,so habe ich angenommen, dass ihn dies dann härter treffen würde...
Das hat mit einer Wert- oder gar Unwertschätzung der einen oder anderen Tätigkeit überhaupt nichts zu tun. Im Gegenteil: unsere Gesellschaft würde ohne körperlich arbeitende Menschen zusammenbrechen. "Kopfarbeiter" sind zwar hochangesehen aber in anderer Hinsicht vielfach abkömmlich ;-)
Lieber Werner (ich hoffe, ich darf dich auch hier duzen),
Da ich die gleiche Prozedur vor 2 Jahren hinter mich gebracht habe, teile ich auch die Erfahrung des Nicht-lesen-sollens. Wegen einer Komplikation an der Hornhaut kam dazu auch noch Nicht-lesen-wollen. So habe ich bei eisigem Novemberwetter und Schneeregen Wanderungen entlang der römischen Eifelwasserleitung schätzen gelernt. Ich habe mir die geographische Dimension diese Bodendenkmals erlaufen (erfahren wäre nicht gegangen). Als ich dann anschliessend darüber lesen konnte, war es natürlich um so schöner, "wieder da" und gleichzeitig "da gewesen" zu sein.
Fazit: Ich habe der erzwungenen Buchstabenabstinenz trotz körperlicher Schmerzen etwas gewinnbringendes abringen können.
Ich habe vor drei Jahren angefangen koreanisch zu lernen. Meine Lehrerin brachte mir aus Korea Bücher mit, unter anderem ein Wörterbuch. Bis dahin hatte ich noch keine Lesebrille, doch es fiel mir immer schwerer, die kleinen Schriftzeichen auseinander zu halten, auch wenn es nur sehr wenige sind, im Vergleich zum Chinesischen. Es machte mich ganz unglücklich, dass ich die Zeichen und später auch die Buchstaben in Büchern nicht mehr richtig erkennen konnte. Der Augenarzt riet mir dann zu einer Lesebrille. Seitdem, bin ich beim Lesen auf die Sehhilfe angewiesen. Gott sei Dank, dass wir nicht mehr Lesesteine aus Beryll verwenden müssen.