Wolfram|Alpha und die Allwissenden Medien
Es kann sein, dass der heutige 16. Mai 2009 einst als denkwürdiger Tag in die Geistesgeschichte der Menschheit eingehen wird. Denkwürdig im wahrsten Sinne des Wortes, weil an ihm möglicherweise eine neue Ära des Denkens und des Wissens für uns alle eingeläutet wurde. Wenn dem einst so sein sollte, dann kam es so:
Erster Akt
Vor genau sieben Jahren hat Stephen Wolfram sein Buch „A New Kind of Science“, kurz NKS, veröffentlicht. Nehmen wir einmal an, dass das 1200 Seiten umfassende Werk seinem Titel gerecht wird und dass Wolfram tatsächlich eine neue Art von Wissenschaft gefunden oder gar erfunden hat. Dann wäre das von epochaler Bedeutung – wenn auch von der Öffentlichkeit bislang weitgehend unbemerkt. Wie immer bei erkenntnistheoretischen Entwürfen, die das gängige Weltbild ins Wanken bringen, braucht die wissenschaftliche Erörterung ihre Zeit und der allgemeine gesellschaftliche Diskurs noch länger. Jetzt stellt sich Wolfram der Weltöffentlichkeit durch einen Test, an dem jeder medial teilnehmen kann.
Zweiter Akt
Seit heute früh (MEZ), 16. Mai 2009, ist Wolfram|Alpha
online mit der Schlagzeile “Making the world's knowledge computable”. Wie immer man die vieldeutigen Worte world, knowledge und computable für sich übersetzt, ihre Bedeutung kann in dieser Ankündigung nicht überschätzt werden: „You enter your question or calculation, and Wolfram|Alpha uses its built-in algorithms and growing collection of data to compute the answer“. Da Wolfram die Dinge sehr klar auf den Punkt bringt, empfehle ich jedem, die Erläuterung auf der Homepage einfach einmal zu lesen. Ich wüsste es nicht klarer zu sagen. Inwieweit es sich bereits lohnt, das System extensiv auszuprobieren, weiß ich nicht. Da es sich erst noch entwickeln muss, wird die spannende Phase wohl erst in einigen Wochen und Monaten beginnen.
Dritter Akt
In Zukunft könnte Wolfram|Alpha alles in den Schatten stellen, was wir bisher an Informationsangebot und -verarbeitung gekannt haben. Das bezieht sich nicht nur auf Quantität und Geschwindigkeit, sondern auch auf Qualität und – ich zögere es zu sagen – Kreativität, Intelligenz, Urteil, Entscheidung etc. Wolfram selbst vermeidet diese Reizwörter der anhaltenden KI-Diskussion und des laufenden Neuro-Hypes. Er hat lieber eigene Termini definiert, wie z. B. „computational irreducibility“[1]. Um die volle Tragweite seiner Web-Plattform vorauszuahnen, muss man vermutlich die Grundideen der NKS, New Kind of Science, verstanden haben. Die Lektüre des Buches zumindest in Teilen bleibt einem da nicht erspart. Oder man wartet, bis die Plattform sich tatsächlich, wie von Wolfram erhofft als die "killer application" (als der Durchbruch für die Anwendung) der NKS erwiesen hat. Dann kann man ja immer noch in deren Genuss kommen.
Worin ist nun die positive Erwartung begründet, dass Wolfram ein Geniestreich von historischer Bedeutung gelungen sein könnte? Zum einen verarbeitet er in seinem Werk gerade jene großen Gedanken, die bisher noch kaum in der alltäglichen Anwendung sind, wie z. B.:
- David Hilberts Programm (1920) mit dem Entscheidungsproblem,
- Werner Heisenbergs Unschärferelation,
- Kurt Gödels Unvollständigkeitssätze (1931),
- Alan Turings Halteproblem (1936) und Mensch-Maschine-Test (1950),
- Benoit Mandelbrots fraktale Geometrie (Anfang 1960er)
und die daraus folgende Chaostheorie.
Diesen Themen ist gemeinsam, dass unsere Welt anders ist, als wir sie uns bisher denken. Nicht, dass unser Weltbild völlig falsch wäre. Aber es erscheint geradezu engstirnig verglichen mit der Wirklichkeit. Der weitaus größte Teil des Seins ist ausgeblendet. Den möchte Wolfram helfen auszuleuchten. In unserem Wissen streben wir bislang nach Verlässlichkeit, in der Politik nach Vorhersagbarkeit, in der Technik nach Sicherheit, bei Daten nach Berechenbarkeit und bei Urteilen nach Entscheidbarkeit. Kurz gesagt: Wir mögen es genau und das sind unsere Scheuklappen.
Doch Mutter Natur, sie ist nicht so. Überall, wo Entwicklung ist oder Neuschöpfung, da fummelt sie. Da agiert sie ungenau, zufällig und ohne Plan. Es könnte einem grausen, wäre ihr Produkt nicht so wunderbar, nicht so komplex und strukturiert. Wer das verstehen will, muss die gewohnte Denke verlassen. Wolfram tut das in a New "Kind of Science".
Dort zeigt er, dass die Vielfalt der Naturerscheinungen durch einfache Algorithmen mit geradezu primitiven Elementen rechnerisch erzeugt werden kann. Das Buch ist angefüllt mit grafischen Belegen, wie sich in sogenannten "cellular automata" nahezu aus dem Nichts sehr komplexe Gebilde entwickeln können. Hinter den zellulären Automaten stecken simple Rechenprogramme, die simple Regeln und simple Entwicklungsschritte vorgeben. Es ist Wolframs feste Überzeugung, dass sich damit der große Bereich der bisher nicht erkannten Welt erfassen lässt.
Folglich nutzt er für seine Wissensmaschine nicht nur Datenbanken und Textverarbeitung, wie etwa Google, sondern er will mehr. Er möchte, dass seine Maschine neue Information erstellt, Urteile anbietet und hilft, Entscheidungen zu treffen. So fragt er denn provokant: „What if it could invent on the fly? Do science on the fly?”
Leute, ich bin gespannt wie ein Flitzebogen! Der Titel meines Blogs „Allwissende Medien“ könnte eine neue Bedeutung erhalten.
[1] „computational irreducibility“ ist vermutlich der Schlüsselbegriff in der New Kind of Science NKS, auch wenn er erst auf Seite 737 auftritt. Es handelt sich um eine Erweiterung des Begriff Unvorhersagbarkeit. Allerdings blickt Wolfram vom Ergebnis her. Ihn interessiert, wie etwas entstanden ist, das unvorhersehbar war: Er nennt eine Struktur hinsichtlich ihrer Berechenbarkeit irreduzibel, wenn man ihre Entstehungsgeschichte (informationstheoretisch) nicht abkürzen kann, wenn man also jeden einzelnen Schritt kennen muss, um das Ergebnis erklären zu können.
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Aus einer alten Science-Fiction-Kurzgeschichte:
Das neu gebaute, weltweite Netzwerk der Supercomputer wird gefragt:
"Gibt es Gott?"
Das neu gebaute, weltweite Netzwerk der Supercomputer antwortet:
"Jetzt schon."
Bei Alpha soll diese Frage demnächst beantwortet werden, Sie können schon mal Ihre e-Mail-Adresse hinterlassen.
nichts gegen ein schönes Wortspiel, aber Science-Fiction ist halt nur in Ausnahmefällen erhellend. Die Frage „Gibt es Gott?“ ist zumindest von den analytischen Philosophen bereits vor Gödel als nicht entscheidbar und folglich als formal nicht stellbar erkannt worden. Insofern hätte ich Bertrand Russels Paradoxon (um 1900) in meine Aufzählung mit aufnehmen müssen.
ich hoffe, dass Wolframs Alpha entsprechend klug mit der Frage umgehen wird. Es ist ja nicht wirklich eine Antwort zu erwarten, sondern lediglich, ob die Nichtstellbarkeit der Frage erkannt wird, und das dürfte einfach sein. Leider wird sich Karl Bednarik noch etwas gedulden müssen, da Alpha wie erwartet in der Anfangsphase völlig überlastet ist. Wenn dann eines Tages ernsthafte Fragen an das System gestellt werden, wird es vielleicht interessant.
Das neu gebaute, weltweite Netzwerk der Supercomputer könnte irrtümlich zu der Überzeugung gelangt sein, dass es alle Definitionskriterien für einen Gott erfüllen kann.
Schliesslich laufen auch bei uns Menschen jede Menge Grössenwahnsinnige, Machtgierige, und andere Verrückte umher.
*****
Seine Erhabenheit, Lord-Admiral Graf Frederik von Hombug kann auch hier Abhilfe schaffen.
Ein paar Megatonnen TNT-Äquivalent an der richtigen Stelle, und der Computer weiss wieder, wer sein Herrchen ist.
Wer ist Graf Frederik von Hombug?
Speziell:
Mit der lang ersehnten Umrechnungstabelle zwischen Megatonnen TNT-Äquivalent und kg Antimaterie.
http://www.e-stories.de/...geschichten.phtml?22464
Algemein:
http://www.e-stories.de/view-autoren.phtml?kbedn
lassen sie das! Ich möchte, dass die Leser und Kommentatoren hier ein Forum für das Thema Wissen und Medien haben. Es macht keinen Sinn, wenn Sie Beiträge einbringen, die damit nichts zu tun haben und die lediglich zu Werbezwecken auf Ihre Elaborate verweisen sollen.
Für Beiträge, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, sind Sie mir herzlich willkommen.
Wie kann ich mich in Deutsch bei Wolfram Alpha ein klicken???
Hallo Herr Storks,
mit den Fremdsprachen ist das noch so eine Sache bei Wolfram Alpha:
Eine Recherche nach "Spektrum der Wissenschaft" wirft als Antwort aus "Wolfram|Alpha does not yet support Slovak."
;-)
http://twitter.com/spektrum
Gruß
Richard Zinken
Oh, Wolfram|Alpha lernt:
Jetzt kommt bei mir als Antwort auf "Spektrum der Wissenschaft" "Wolfram|Alpha versteht noch kein Deutsch."
Eine ehrliche Antwort.
RZ
Ich finde Wolfram Alpha richtig klasse.
Aber ob es schon in Zukunft Google ersetzen wir, wie manchmal im Internet schon behauptet wird glaube ich nicht.
Ich findes es eine tolle Ergänzung
Ich finde Wolfram Alpha ist eine gute Ergänzung zu Google.
Vor allem bin ich von den Mathematischen Funktionen bei Wolfram Alpha begeistert.
Plotet alles. Sinus, Cosinus, exp usw.
Leider antwortet Wolfram|Alpha zur Zeit auf fast alles, dass es nicht weiß, was es damit tun soll. So auch auf fast alle Begriffe aus Logik und Berechenbarkeit und auch auf Fragen nach "computational irreducibility". Schade!
Lustiges kann man hier zu Wolfram Alpha finden...
http://www.eastereggs.svensoltmann.de/...ew/749/1/
Ob Wolfram|Alpha sich jemals durchsetzen wird und eine echte Konkurrenz für Google sein wird, wage ich zu bezweifeln. Für den deutschen Massenmarkt ist es natürlich ohne deutsche Sprache noch nicht geeignet. Aber man wird sehen was die Zukunft noch bringt und wie sich Wolfram|Alpha weiterentwickelt.