Zum Tag der Arbeit: Wo bleibt die Wirkung?
von Werner Große, 01. Mai 2009, 23:43
Am heutigen Tag der Arbeit sind mehr Menschen auf die Straßen gegangen als in den Jahren zuvor – eine Million alleine in Frankreich. Laut tagesschau.de beschworen sie eine "vorrevolutionäre Stimmung" herauf. Das zentrale Thema: Angst vor Arbeitslosigkeit und mehr noch: Wut über die politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen, die den Arbeitsmarkt offensichtlich nicht richtig lenken und organisieren können.
In meinem letzten Beitrag schrieb ich: „Da nun seit Erfindung des Rades all unsere Ingenieurskunst darauf zielt, menschliche Arbeit durch leistungsfähigere Maschinen zu ersetzen, sollten wir den verlorenen Arbeitsplätzen nicht länger nachtrauern.“
Ein kolossaler Widerspruch? Das Ziel sollte nicht Arbeit sein, sondern Lohn. Lohn wofür? Fürs Faullenzen, auf Kosten der hart Arbeitenden? Meine Antwort war: Der Begriff Arbeit greift nicht mehr. Müsste ich meine tägliche Arbeit mit der eines Stahlkochers vor 150 Jahren vergleichen, müsste ich Geld zurückgeben. Erst wenn ich mir die Wirkung meiner Tätigkeit vor Augen halte, beruhigt sich mein Gewissen.
Gestern habe ich einen Brief geschrieben und an ca. 100 Adressen verschickt. Noch vor dreißig Jahren hätte das viel Arbeit gemacht. Damals gab es bei uns eine Sekretärin, die für die Herstellung von 100 Briefkopien, 100 Adressaufklebern und 100 Frankierungen wohl mehrere Stunden gebraucht hat. Heute ist sie arbeitslos, weil ich diese „Arbeit“ nebenbei mit einem Knopfdruck erledige. Dank meines Computers ist mein Aufwand kaum der Rede wert und doch erziele ich eine ziemlich große Wirkung. Wie groß, erfährt man, wenn man einen Fehler macht, z. B. das Adressenverzeichnis in der Datenbank verwechselt. Bekomme ich für das richtige Knopfdrücken gerechten Lohn? Wie misst man Wirkung?
Der Begriff Wirkung hat im 20. Jahrhundert eine dramatische Bedeutung erhalten, nachdem Max Planck eine Naturkonstante gefunden hatte, die er Wirkungsquantum nannte und mit dem Buchstaben h bezeichnete. Sie ist die fundamentale Größe der Quantenphysik und vom Zahlenwert her ziemlich klein (im Bereich von 10 hoch -34). Doch langsam wird klar, dass diese winzige Größe für die Gestaltung unserer gesamten Welt verantwortlich ist. Seit dem Urknall formt sich das Universum, weil es diese Konstante gibt. Das ist eine imposante Aussage, deren Reichweite noch unbegreiflich scheint.
Zunächst müssen wir dazu zurück in den Mikrokosmos blicken. Bereits dort entscheidet h, was wir über diese Welt wissen können und was nicht. Es taucht nämlich als die bestimmende Konstante auch in der von Heisenberg gefundenen Unschärferelation auf. Die aber besagt, dass es generell für Genauigkeit, sprich für Information, eine untere Grenze gibt. Selbst unter idealisierten Messbedingungen kann man niemals ein absolut genaues Ergebnis erzielen. In jedem Fall macht man einen Messfehler, der größer ist als h, eben jenes Wirkungsquantum. Dabei entzieht sich die Natur nicht etwa unserer objektiven Erkenntnis, die Natur selbst ist und bleibt unbestimmt. Ungeheuerlich!
Damit ist zum einen erkenntnistheoretisch der Determinismus erledigt, d. h. die Möglichkeit zur sicheren Voraussage ist prinzipiell versperrt. Zum anderen öffnen sich ungeahnte Gestaltungsmöglichkeiten, zumal unter geeigneten Bedingungnen mit sehr kleinem (Energie-)Aufwand sich sehr große Wirkungen erzielen lassen. Beide Aspekte – so scheint es – sind kulturell noch nicht hinreichend akzeptiert, weder von den Religionen noch von der profanen Arbeitswelt.
Zu dem Schlüsselbegriff „Wirkung“ gesellt sich nun also ein weiterer hinzu, nämlich „Information“. Die beiden haben offensichtlich etwas miteinander zu tun, vielleicht sind sie sogar bedeutungsgleich. Nicht im Sinne von Bits und Bytes. Dieser technische Informationsbegriff enthält noch nicht den Aspekt der Wirkung. Aber die Information, die etwas „in Form“ bringt, die Gestalt und Struktur bedeutet, die Zusammenhang herstellt und Sinn ergibt – diese Information könnte nahe der Wirkung liegen. Ich wünschte mir, dass Denker aus Informatik, Physik, Philosophie und all den anderen Disziplinen über ihre Fakultäten hinweg sich dieses Themas verstärkt annehmen würden. Das Ergebnis könnte uns helfen, besser zu verstehen und vor allem besser zu kommunizieren.
Doch was hätte das mit unserer täglichen Arbeit und dem 1. Mai zu tun? Nun, wir tun immer noch so, als hätten wir permanent zu wenig und zugleich zu viel menschliche Arbeit, als hätten wir zu viel und zugleich zu wenig Energie auf Erden. Wir stürzen uns von einer Katastrophe am Arbeitsmarkt in die nächste Energiekrise. Wir verlängern die Lebensarbeitszeit und schicken 55-Jährige zum Nichtstun nach Hause als seien sie Nichtsnutze. Wir fürchten eine globale Erwärmung, aber auch das Ende der Energieversorgung. Irgendetwas stimmt mit uns nicht! Oder reden wir nur verkehrt?
Ich glaube letzteres. Ich denke, wir sollten unser Vokabular aufräumen, klare Gedanken fassen und die Sache neu besprechen. Ich kann natürlich den umfassenden Diskurs, der zu führen wäre, nicht vorwegnehmen, aber andeuten. Zur Arbeit: Der Mensch als Arbeitstier ist reichlich impotent im Vergleich zu Maschinen – doch die muss er erst einmal gestalten und dann steuern. Zur Energie: Es gibt genug davon, das Weltall besteht aus Energie – aber leider liegt sie in der falschen Form vor und muss menschengerecht gewandelt werden. Zur Leistung: Sie ist eine Frage der Zeit und muss deshalb organisiert werden.
Wozu man den Menschen braucht? Als Versteher der kosmischen Gesetze, als Katalysator der Naturkräfte, als Konstrukteur und Schöpfer der materiellen wie der geistigen Kultur, als Gestalter und Betreuer des Sozialsystems, als Lenker von Mensch und Maschine, als Organisator von Gesellschaft und Wirtschaft.
Die Frage ist, ob es für das Spektrum dieser Tätigkeiten einen übergeordneten Begriff gibt? Er müsste auf jeden Fall die "Information" enthalten, da "Wissen" (Know-how) die erste Voraussetzung für all diese Tätigkeiten ist. Er müsste auch die Zielorientiertheit und die Sinnhaftigkeit menschlichen Handelns ausdrücken und gleichzeitig die Grenzen unserer Gestaltungsmöglichkeit aufzeigen können. Und schließlich muss er ein Wertesystem ermöglichen, wonach man den Erfolg des Einzelnen bemessen kann.
Wirkung wäre ein Kandidat für diesen Begriff. Oder haben Sie einen besseren?
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Lieber Werner, dem Aufräumen des Vokabular stimme ich zu. Du schreibst aber auch "Und schließlich muss er ein Wertesystem ermöglichen, wonach man den Erfolg des Einzelnen bemessen kann." Wenn ich das richtig verstehe und mal etwas überspitzt darstelle, möchtest du also jedem Einzelnen eine Zahl zuordnen, so dass man eine Art Rangliste erhält, anhand deren man dann sehen kann, wie "wirkungsvoll" oder effizient jemand ist. Diese Idee gefällt mir nicht besonders, da es bei ein solches Bewertungssystem immer einige benachteiligen wird. Aber vielleicht habe ich es ja auch nur falsch verstanden :)
Den Begriff der "Wirkung" finde ich nicht sehr glücklich, da beispielsweise Grundlagenforschung selten eine direkte Wirkung erzielt. Die Wirkung ist dann eher der Informationsgewinn. Und genau das hast du ja auch angesprochen, dass der Begriff der Information sehr wichtig ist.
Einen anderen Kandidaten habe ich allerdings nicht zu bieten. Was ich aber auch nicht möchte, wenn er dazu dienen soll, die angesprochene Rangliste zu erstellen ;)
Lieber Alf,
Nicht im Widerspruch, sondern als Ergänzung zu deinen Gedanken:
Jede Gesellschaft hat ein Wertesystem. In einer pluralistischen Gesellschaft ist es entsprechend ausdifferenziert. Zu einer Rangliste in deiner zugespitzten Form kommt es da für gewöhnlich nicht, aber sehr wohl zu Strukturen, die das Leben des Einzelnen elementar bestimmen und seine Zuordnungen zu Klassen, Schichten, Milieus etc. ermöglichen. Unser derzeitiges Gesellschaftsmodell ist ja stark an ökonomischen Werten orientiert wobei die Begriffswelt Arbeit/Leistung die Bildung dieser Strukturen dominiert.
Ich will lediglich darauf aufmerksam machen, dass ein Paradigmenwechsel hin zu einer anderen Begrifflichkeit eine gesellschaftliche Entwicklung fördern könnte, die "stimmiger" ist. Stimmiger in dem Sinn, dass sie die großen kulturellen Anstrengungen in Übereinstimmung mit den grundsätzlichen Erkenntnissen stellt und nicht in deren Widerspruch.
Die von dir befürchteten Ranglisten wird es zumindest als Elemente gesellschaftlicher Strukturen immer geben. Die Frage ist, nach welchen Werten solche Ranglisten aufgestellt werden und wie verzeigt bzw. durchlässig sie sind. Vor allem aber sollten sie gerecht sein – und das beginnt damit, dass sie dem (epistemischen und empirischen) Erkenntnisstand der Menschheit gerecht werden.