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Nicht nur Leistung und Arbeit – auch Wirkung muss sich lohnen

von Werner Große, 19. April 2009, 12:32

Manager haben derzeit ja eine augenfällige Medienpräsenz: Sie erscheinen passiv in Berichterstattung und Kommentaren mit schlimmen Beigeschmack und aktiv in Talkshows mit dem Ziel der Reinwaschung. Die jeweiligen Thesen lauten Fehlleistung hier und leistungsgerechtes Einkommen dort. Wo, bitte, ist denn da die Leistung bzw. die Fehlleistung? Leistung, Ihr Leute, ist etwas anderes!

Leistung ist Arbeit pro Zeit, so zunächst die Definition der klassischen Physik. Aber auch der Akkordarbeiter weiß, was Leistung ist. Denn Newtons Grundbegriffe Kraft, Arbeit (= Kraft mal Weg) und Leistung (= Arbeit pro Zeit) wurden einhergehend mit der Industrialisierung nicht nur für Maschinen, sondern auch für menschliche Tätigkeiten in unsere Alltagssprache übernommen. Die Arbeiterklasse hat sich nach Zögern zu diesem Sprachgebrauch selbstbewusst bekannt, wie auch die Leistungsgesellschaft insgesamt. Mit dem Slogan "Zeit ist Geld" war dann im 20. Jahrhundert die bezahlte Leistung gemeint. Der folgte einerseits die Managerkrankheit, die andererseits zum stolzen Aushängeschild dieser nicht sehr frommen Denkungsart wurde, bis heute.

Heute wird kaum noch ein Konzernchef wirklich managerkrank, zumindest nicht durch Arbeit, eher trifft es den Leistungsträger eine Etage tiefer. Und doch: Den Spitzenmanagern geht es nicht gut. Irgendetwas stimmt nicht mit ihnen. Anne Will, Sandra Maischberger und neuerdings auch Frank Plasberg sind darüber sehr besorgt und fragen hin und her und hart und manchmal auch fair.

Sind denn Millionenbezüge gerecht?

„Nöööö“, ruft Otto Normalverdiener aus seinem Fernsehsessel, „niemals! Niemals arbeitet so einer das Zigfache von mir und leisten tut er schon gar nix – wie denn? Der soll mal zu uns auf den Bau kommen!“ Prompt erwidert der Besserverdienende im TV-Studio: „Mein Arbeitstag hat schließlich 16 Stunden“, und unser Zuschauer jault auf: „Dann von mir aus das Doppelte, aber nicht das 20-Fache ihr Blutsauger!“, spricht’s und geht sich ein Bier holen.

Bei seiner Rückkehr muss er dann mit ansehen, wie Frau Maischberger mit verständnisvollen Dackelaugen dem Wirtschaftsboss die Milliardensummen von den Lippen abliest, die der angeblich ganz alleine im vergangenen Jahr als Bilanzüberschuss erwirtschaftet habe: Für diese Leistung seien die paar Millionen Gehalt und Bonuszahlungen ja wohl gerechtfertigt. „Ihr spinnt doch alle, der alleine erwirtschaftet Milliarden? - Dass ich nicht lache, auf unserem Rücken macht der das“, denkt’s und zappt sich in eine andere Welt.

Warum, so frage ich mich, schaffen es die Moderatoren (= Vermittler) nicht, dieses Missverständnis aufzulösen. Offensichtlich hält der Leistungsbegriff hier nicht mehr stand. Offensichtlich ist es gar keine Leistung, was die einen als unabdingbar für eine funktionierende Wirtschaft und die anderen für das Symptom einer ungerechten Gesellschaft halten, nämlich die Tätigkeit von Topmanagern. Aber was ist das Maß für diese Art Tätigkeit dann, wenn nicht Leistung?

Begreifen wir es nicht?

Wir wissen, dass die Menschheit manchmal bereits dadurch einen entscheidenden Schritt vorangekommen ist, dass sie endlich den richtigen Begriff für einen Sachverhalt gefunden hat. Die Klarstellung des Begriffs Beschleunigung im Unterschied zur bloßen Geschwindigkeit war solch eine Sternstunde, die die Welt buchstäblich dynamisierte, da er den Zusammenhang zwischen Kraft und Masse herstellt. Ein noch größerer Schritt war dann die Definition der Energie, deren begrifflicher Urknall bis heute nachhallt.

Erst als klar war, dass man Arbeit, Wärme, Wucht, Spannung und vieles mehr in dem Begriff Energie vereinen kann und dass dann ein Erhaltungssatz gilt, mit dem man Energieformen ineinander wandeln und finanziell bilanzieren kann, begann das Zeitalter der Industrie. Wer bislang körperliche Arbeit verrichtete, musste lernen, dass ihm Dampfmaschinen überlegen sind. Wer andererseits verstand, dass Kohle in Strom und Erdöl in Mobilität gewandelt werden können, konnte reich werden. Ein zunächst physikalischer Fachausdruck nahm seinen Weg in die Gesellschaft.

 

Die Gleichung stimmt nicht

Heute, so scheint es, ist er pervertiert und mit ihm ein ganzes begriffliches Umfeld. Wer großen Erfolg hat oder viel Geld verdient, begründet das gerne mit seinem immensen Arbeitsaufwand, sprich mit der hineingesteckten Energie. Und wer schnell Erfolg hat oder schnell Geld verdient, zieht folgerichtig den Leistungsbegriff heran, also Arbeit pro Zeit, im hochschulischen Neudeutsch auch Workload genannt. Aber die Gleichung stimmt nicht. Leistung lohnt sich eben nicht, wenigstens nicht im Sinne einer gerechten Gesellschaft. Weder kann der, der viel leistet, mit hohem Lohn rechnen noch dürfte, wer Dividenden und Boni sackweise einheimst, im Umkehrschluss für sich reklamieren, zuvor entsprechend viel geleistet zu haben.

Doch genau das wird täglich proklamiert und meist unwidersprochen kommuniziert. Dabei wissen wir: Ein Chefarzt leistet nicht wirklich das Vielfache einer Krankenschwester, ein Hedgefond-Händler arbeitet nicht wirklich mehr als mein Gemüsehändler, der morgens um fünf Uhr zum Großmarkt fährt und erst abends um neun seine Ladentür abschließt. Hieße Leistung wirklich Lohn, wäre unser Lohngefüge ein anderes.

Aber warum ist es so, wie es ist. Warum verdient der eine sich dusselig, während der andere schuftend darbt. „Neid“ rufen die einen, „Ungerechtigkeit“ die anderen. Doch beide Worte greifen nicht. Und so prallen sie unverstanden aufeinander, weil die Parole „Leistung gleich gerechter Lohn“ eben nicht funktioniert, nicht funktionieren kann. Sonst hätten die Neidischen die Ungerechten längst aufgehängt.

Wir lieben die da oben

Ganz im Gegenteil lieben die da unten, die im Schatten, häufig jene anderen geradezu abgöttisch, die im Lichte stehen. Zum Beispiel, wenn jemand ins Rampenlicht tritt, ein Liedchen trällert, zum Superstar wird, Millionen verdient und das mit „Ich habe auch hart dafür gearbeitet“ begründet, dann klatschen wir. Warum lassen wir das durchgehen und das Gehalt des Superbosses nicht? Weil die da oben nicht nach ihrer Leistung, sondern nach ihrer Wirkung bezahlt werden! Gefällt uns die Wirkung, sind wir begeistert und kein bisschen neidisch, ganz gleich, ob die Wirkung erarbeitet wurde oder nicht.

Eine Wirkung ganz ohne Arbeit? Wie soll das gehen? Unser kausales Denken konstatiert üblicherweise: „große Ursache, große Wirkung“ und „kleine Ursache, kleine Wirkung“. Wer etwas bewirken will, muss schon kräftig in die Räder greifen, glaubt man. Aber das stimmt nicht. Der passende Schlüsselbegriff heißt Katalysator und stammt aus der Chemie.

Was ist ein Katalysator?

"Ein Katalysator ist ein Stoff oder Körper, der scheinbar durch bloße Gegenwart eine chemische Reaktion oder Reaktionsfolge nach Richtung und Geschwindigkeit bestimmt." Die Definition stammt von Alwin Mittasch [1] aus 1941. Wohlgemerkt, die bei der Reaktion benötigte Energie stammt nicht vom Katalysator, er selbst verrichtet keine Arbeit, erzielt aber eine Wirkung.

Mittasch war u. a. Vizedirektor der BASF und gilt noch heute weltweit als der Katalyse-Experte. Zu Recht werden seine, auch philosophischen, Gedanken derzeit wieder aufgegriffen, so 2008 von Benjamin Steininger [2] oder jüngst von der FAZ [3]. Seiner Definition setzte Mittasch hinzu: „Ja, es erscheint die Wirksamkeit des Katalysators geradezu als Modell für sämtliche diaphysischen Kräfte – vor allem für die Willenskraft“[4] .

Es ist sehr verlockend, die Denkfigur Katalysator ihrem chemischen Ursprung noch weiter zu entlehnen und noch mehr als bisher auf den Alltag auszudehnen: als den lediglich befehlsgebenden, steuernden Faktor vieler Prozesse, auch  sozialer, wirtschaftlicher und kultureller. Haben wir mit dem Katalysator und der von ihm ausgelösten Wirkung einen Begriffsapparat, mit dem sich die entscheidenden Fragen unserer Zeit besser verhandeln ließen als mit Arbeit und Leistung? Wenn ja, wäre es eine vornehme Aufgabe der Medien, dieses Thema breit anzusetzen.

Ich selbst habe mir angewöhnt, Sachverhalte in diesem Sinn neu zu betrachten, und ich komme häufig zu anderen Bewertungen als bisher. Nach allgemeiner Lesart wurde Gallien von Julius Caesar erobert. Aha! Und was haben die römischen Soldaten derweil gemacht? Däumchen gedreht? Verstehen Sie, was ich meine? Von der Redensart „Dann errichtete der Pharao eine Pyramide“ bis zu „Mein Vater hat die Firma aufgebaut“ ist unser Sprachgebrauch reichlich bestückt mit Beispielen, wie die Arbeit von vielen Menschen immer wieder auf das Konto jener Einzelnen geschrieben wird, deren Rolle in dem Geschehen nicht die des Arbeiters, sondern eher die eines Katalysators war.

Damit entwerte ich diese Rolle keineswegs. Ganz im Gegenteil. Wer Prozesse lenkt und regelt, wird wohl immer wichtiger werden. Wenn ein Firmen-Sanierer das Arbeitspotential eines Konzerns derart steuert, dass die Fließbänder wieder laufen und die Menschen wieder arbeiten, ist das hoch zu bewerten. Wenn er für die durch ihn erzielte Wirkung entlohnt werden möchte, ist das einzusehen.

Wenn aber eine Erzieherin bewirkt, dass sich hunderte von Kindern zu brauchbaren Menschen entwickeln und so später nicht der sozialen Fürsorge anheimfallen, dann soll mir niemand mit einem jämmerlichen Stundenlohn für geleistete Arbeit kommen, sondern auch hier die Wirkung bewerten. Beginnt man erst einmal darüber nachzudenken, dass Topmanager eigentlich für ihre Katalysetätigkeit bezahlt werden, fallen einem noch ganz andere Berufsgruppen ein, die ähnliches verdienten.

Arbeitslos oder wirkungslos?

Da nun seit Erfindung des Rades all unsere Ingenieurskunst darauf zielt, menschliche Arbeit durch leistungsfähigere Maschinen zu ersetzen, sollten wir den verlorenen Arbeitsplätzen nicht länger nachtrauern. Arbeitslosigkeit erhielte so eine positive Wendung. Vielleicht sollten wir einmal eine Statistik über die verdeckte Wirkungslosigkeit erstellen und uns fragen, wer in der Gesellschaft wirklich etwas bewirkt und ob das immer nur die Kraftstrotzenden sind – die Lohnstruktur müsste neu bedacht werden. Ich denke, dass das einen enormen Einfluss auf unsere ökonomische, soziale wie kulturelle Entwicklung hätte.

Die Frage, ob der Gedanke über die durch Katalyse erzielte Wirkung tatsächlich in der vorgeschlagenen Breite trägt, möchte ich in einem nachfolgenden Beitrag diskutieren. Insbesondere möchte ich dann begründen, dass die naturwissenschaftliche Bedeutung dieser Schlüsselbegriffe unseren Alltag bereits weitgehender bestimmt, als uns bewusst ist. Insofern ist die Frage zuvorderst eine Frage der Kommunikation zwischen allen gesellschaftlichen Akteuren. 



 [1] Mittasch, Alwin: Über Begriff und Wesen der Katalyse, In: Schwab, G.-M, Handbuch der Katalyse, Erster Band: Allgemeines und Gaskatalyse, Wien 1941, S.14.
 [2] in „Begriffsgeschichte der Naturwissenschaften“, Verlag Walter de Gruyter, Berlin 2008
 [3] siehe den Beitrag "Kostenloser Fortschritt" vom 15.04.08 S. N3
 [4] Mittasch, Alwin: ebd. S.30.

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Kommentare

  1. Christian Tack Ein schöner Gedankengang
    23.04.2009 | 16:52

    und einen wunderschönen guten Tag.

    Sehr erhellend. Das im öffentlichen Gespräch was mit dem Leistungsbegriff nicht stimmen mag, beschlich mich als ungutes Gefühl. Auf den Kniff, das ganze im Licht der Wirkung zu betrachten, bin ich allerdings nicht gekommen. Klingt einleuchtend.

    Spannend finde ich die Vorstellung von einer "Wirkungslosenstatistik". Ich könnte mir vorstellen, dass die unsere momentanen Verhältnisse besser wiederspiegelt. Da würde dann nämlich auch der Typ mit dem dicken Auto drunter fallen, der damit immer um den Block fährt. Oder die Dame, die ihrem Pudel die neueste 'haute couture' besorgt.

    In diesem Sinne: weiterdenken. Ich bin gespannt auf die Fortsetzung

    Grüße
    Christian Tack

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