Der sprachliche Reichtum der Mathematik
... doch der zweite folgt sogleich. Nach der sprachlichen Gleichheit, hier nun die Fortsetzung:
„Alles ist Zahl“, sagte Aristoteles. Und Galilei, der ansonsten Aristoteles’ Weltbild weitgehend stürzte, schlug in dieselbe Kerbe: „Die Philosophie steht in diesem großen Buch geschrieben, dem Universum, das unserem Blick ständig offen liegt. Aber das Buch ist nicht zu verstehen, wenn man nicht zuvor die Sprache erlernt und sich mit den Buchstaben vertraut gemacht hat, in denen es geschrieben ist. Es ist in der Sprache der Mathematik geschrieben, und deren Buchstaben sind Kreise, Dreiecke und andere geometrische Figuren, ohne die es dem Menschen unmöglich ist, ein einziges Wort davon zu verstehen; ohne diese irrt man in einem dunklen Labyrinth herum.“ [1], [2]
Das nährt den Verdacht, dass schon vor uns große Geister auf den Gedanken gekommen sind, dass die Sprache der Mathematik hinreichen könnte zur Beschreibung der Welt, zumindest der natürlichen, worin auch immer die nicht-natürliche bestehen mag.
1988 hatte ich die Gelegenheit, den Mathematiker Benoit Mandelbrot in einem Filmdokument zu portraitieren (Interviewpartner H.-O. Peitgen). Darin führt er den oben zitierten Satz von Galilei gedanklich fort: „Es ist erstaunlich, wie weit die Wissenschaft mit dieser kleinen Sprache gekommen ist, lediglich bestehend aus Dreiecken, Kreisen und ähnlichen Figuren. Die fraktale Geometrie hat diesen einfachen Figuren viele weitere einfache Figuren hinzugefügt, die die Eigenschaft der Selbstähnlichkeit aufweisen, und so hat sich diese Geometrie heute zu einer sehr reichen Sprache entwickelt.“
Benoit Mandelbrot 1988 in dem Filmportrait
Das Zitat stammt aus der 31. Minute des Films
Foto: (c) Werner Große
Seither sehe ich die Welt neu. Blätter und Bäume beschreibe ich nicht mehr in der deskriptiven Sprache der biologischen Bestimmungsbücher, sondern in der Sprache Mandelbrots. Sie ist einfacher, genauer und obendrein schöner – wenn ich mir diese Bemerkung geschmacklichst erlauben darf.
Die Formen von Wolken, Gebirgen und Schneeflocken verstehe ich nun nicht mehr
als 1-, 2-, oder 3-dimensional,
also nicht mehr als ganzzahlig-dimensional,
sondern als gebrochen-dimensional.
Eine z. B. 1,2618-dimensionale Form sieht natürlicher aus als ein Kreis oder ein Rechteck [3]. Diese fraktale Beschreibungsweise ist unendlich vielfältiger und detaillierter (das „unendlich“ dürfen Sie wörtlich nehmen). In ihr lassen sich sogar Formen kreieren, die Mutter Natur bislang nicht erfunden hat, aber ohne weiteres hätte erfinden können.
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Diesen fraktalen Farn hat mir vor 20 Jahren
mein Neffe zum Geburtstag gerechnet und geplottet.
Aber davon gibt es inzwischen viele
Ein Modehaus wird schlauerweise seine Frühjahrsfarben als Mint, Rosé oder Malve bezeichnen. Hinsichtlich des Stoff-Färbens oder des Katalog-Drucks werden sich die Fachleute aber Bezeichnungen bedienen, die den Ort einer Farbe im Farbraum präzise und damit reproduzierbar bestimmen. Geht es um die bunte Welt, sind Umgangssprachen gewiss mächtig (was ist eigentlich Pink?). Aber selbst eine Million Vokabeln würden nicht hinreichen, um alle vom Auge unterschiedenen Farben zu benennen. In der Sprache der Mathematik geht das. Auch mit jenen Farben, die das physiologische Auge nicht sieht, und selbst mit solchen, die die Instrumente der Physiker nicht erfassen: Ich rede von denkbaren Farben jenseits der naturwissenschaftlichen Wirklichkeit. Was würde wohl Goethe dazu sagen?
Das Beispiel soll zeigen, dass wirklich nichts dagegen spricht, Galileis oder Goethes und insbesondere Lagerfelds Universum in blumige oder schillernde Worte zu hüllen, solange sie hinreichen. Manchmal ist es jedoch sinnvoll, sich reicheren Sprachen zu bedienen als den natürlichen. Dass das notwendigerweise mit einem Verlust an Sinn einhergeht, scheint ein unausrottbares Vorurteil zu sein. Menschen, die nicht verfolgt haben, wie weit die mathematischen Ausdrucksmöglichkeiten seit Galileis Zeiten gediehen sind, sollten vorsichtig sein mit Aussagen über deren Weitreichigkeit.
Meine gewollt ambige Schlagzeile „Über die sprachliche Gleichheit“ habe ich eingangs auf das mathematische Gleichheitszeichen reduziert. Für die bisherige Diskussion war das nützlich. Nun möchte ich den Begriff wieder aufweiten.
Es könnte ja der Verdacht nahe liegen, dass die ach so exakte Mathematik zwar gut mit Identitäten umgehen kann, Zwischentöne, Stimmungen oder Metaphern aber nur schlecht erfasst. „Gleichheit“ hat aber auch Facetten wie Ähnlichkeit, Kongruenz, Entsprechung, Analogie etc., aber gerade diese Begriffe findet man in allen Ecken der Mathematik. Man bedenke, dass der Gegenstand von Geometrie, Algebra, Topologie, Arithmetik und allen anderen Teilgebieten vor allem Strukturen sind, und zwar Strukturen als solche, also die strukturellen Eigenschaften an sich. Man könnte die Mathematik geradezu als die Wissenschaft von den Strukturen bezeichnen bzw. als die Wissenschaft von den Abbildungen zwischen den Strukturen. Wer hier gedanklich eintaucht, mag schneller als andere sehen, wie potent gerade die Mathematik ist, Nuancen auszudrücken, mit denen sich natürliche Sprachen u. U. sehr schwertun.
Die Mathematik versucht also nicht, Wissen in den Naturwissenschaften zu generieren. Wohl aber im Bereich des wissenschaftlichen Formulierens. Mag sein, dass die Verwandtschaft von „Formulieren“ und „Formeln finden“ derzeit leicht übersehen wird. Für die Wissenschaftskommunikation der Zukunft ist sie aber von entscheidender Bedeutung. Zu Zeiten der textbasierten Medien (Buch, Zeitschrift) war der Unterschied zwischen Fließtext und Formelsprache bereits typografisch auf den ersten Blick auszumachen. Mit der Entwicklung der Bildmedien lösen sich diese Grenzen allmählich auf. Ob ein mathematischer Algorithmus, eine Realaufnahme oder eine künstlerische Gestaltung das Leinwandgeschehen bestimmt, ist mitunter nicht mehr zu sehen.
Ich bin weit davon entfernt, die Mathematik als die universelle Sprache preisen zu wollen. Auch will ich nicht die Diskussion in die Metamathematik treiben [siehe Anmerkung]. Hier geht es um Banaleres: In den verschiedenen Wissensgebieten wird – ich drücke das im obigen Sinn einmal sprachlich aus – sehr unterschiedlich gut „mathematisch“ gesprochen.
Das liegt selbstredend am jeweiligen Gegenstand, nach dem sich das Maß einer sinnvollen Abstraktion und Formalisierung zu richten hat. Allerdings haben die Fachgebiete dadurch tradierte Abstände zur Mathematik bezogen. Die Physik liegt ihr nah, die Kunst fern. Leider scheint dieser Zustand kulturell zementiert [4]. Schade, dass meine Kunstlehrerin nicht wenigstens etwas „mathematisch“ gesprochen hat, von meiner Deutschlehrerin ganz zu schweigen. Ich selbst habe als Lehrer 1972 in einem (Mädchen-)Gymnasium die Mathematik in solche Fächer zu tragen gewagt: Es geht!
Bleibt zu hoffen, dass der alte Graben zwischen den Geistes- und Kulturwissenschaften einerseits und den Natur- und Ingenieurwissenschaften andererseits langsam überwunden wird. Die Mathematik könnte dabei moderieren.
Anmerkung
Einen schnellen Überblick über die Verankerung der Mathematik in Philosophie und formaler Logik erhält man auf der Internetseite der Deutschen Mathematiker-Vereinigung
[1] Galilei, Galileo: Il Saggiatore,1623
[2] Spektrum der Wissenschaft Spezial 2/2008: Ist Mathematik die Sprache der Natur?
[3] Mandelbrot, Benoit: Die fraktale Geometrie der Natur, Birkäuser, 1987
[4] Enzensberger, Hans Magnus: Zugbrücke außer Betrieb oder die Mathematik im Jenseits der Kultur, u. a. in „Die Elixiere der Wissenschaft“, Suhrkamp 2002
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