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Führen Sie PowerPoint vor?

10. Januar 2010, 21:26

Oder führen Sie mit PowerPoint vor? Den kleinen Unterschied mag man leicht überlesen. Übersehen wird man ihn nicht!
Denn Ihr Publikum hat ein feines Gespür dafür, ob Sie etwas vorführen oder ob Sie primär das vorführen, womit man etwas vorführen kann. In deutlicheren Worten: Noch immer zeigen PowerPoint-Vorträge über weite Strecken überwiegend die Fertigkeiten des Vortragenden hinsichtlich seiner Hilfsmittel.
 
Wer PowerPoint benutzt, ist oft stolz darauf zu zeigen, welche Features er so beherrscht, welche Knöpfe der Menüs und Untermenüs er gefunden hat und zu drücken in der Lage ist. Am gleichen Strang ziehend hat Microsoft ein großes Interesse daran, dass nicht etwa ein gewisser Inhalt im Vordergrund des Vortrags steht, sondern die von Microsoft hergestellte Vorführtechnik. Deshalb bietet PowerPoint so viele äußerst bequeme Vorgaben – vom Foliendesign über das Layout bis zu dynamischen Elementen und Animationen. Tritt ein Könner dieses Dunstkreises ans Rednerpult stöhnt sehr bald das Publikum, „schon wieder PowerPoint! Muss das sein?“.

Und so entstehen die vielen Schmähschriften der Art: „Lasst die Finger von PowerPoint, ihr Gebildeten der Welt; und wenn schon nicht vermeidbar, so seid sparsam mit den Instrumenten“. Also kehren wir zurück zum Text, der Folie um Folie aufgerufen wird. Dann weiß der geneigte Zuhörer: „Aha, ein Vortragender, der uns etwas vorlesen will und der uns den Text freundlicherweise an die Wand wirft, zum Mitlesen“. Doch er fragt sich bald: „Warum bin ich überhaupt hier? Besser sollte ich das Buch lesen, mit dem der Vorleser seinen Text doch sicher auch verbreitet“.

Was tun mit diesem Dilemma in der Rolle des Referenten?

Greifen Sie mutig zu PowerPoint oder zu einem der anderen, zahlreichen Präsentationsprogramme. Zwängen Sie Ihren Text nicht in eines der angebotenen „Textlayouts“. Wählen Sie niemals vorgegebene „Diagrammtypen“. Lassen Sie die Finger vom Menu „Foliendesign“.

Aber benutzen Sie jedwedes Instrument, das Sie finden  doch führen Sie es bitte nicht vor. Das sähe das Auge des Betrachters sofort. Benutzen Sie alles, was Ihnen hilft, Ihre beabsichtigte Aussage rüberzubringen. Der Zweck heiligt das Mittel. Lassen Sie ein Objekt von mir aus wirbelnd von unten auf der Leinwand einfliegen, wobei es gerne auch noch Größe und Farbe wechseln darf – wenn es zum Verständnis dieses Objektes beiträgt! Wenn nicht, lassen Sie bitte solche Mätzchen! Wenn Sie lediglich zeigen wollen, dass Sie Objekte wirbeln, zoomen oder umfärben können, werden Sie Lehrer für PowerPoint. Ansonsten aber würden Sie Ihr Publikum langweilen.

Präsentationsprogramme haben den schlichten Zweck, visuelle oder auditive Objekte zu präsentieren, d. h. auftreten und verschwinden zu lassen. Mit PowerPoint geht das; ziemlich gut sogar. Lassen Sie sich also nicht von Kritikern irritieren. Üben Sie das Gleiten, Wirbeln, Animieren und Färben von Texten, Bildern und Filmen. Durchforsten Sie auch noch das unterste Untermenü nach weiteren Möglichkeiten. Das dauert einige Stunden, lohnt sich aber. Und dann emanzipieren Sie sich vom Zwang der Software. Fangen Sie an, Gestaltungsideen zu entwickeln. Es geht mehr, als Sie ahnen. Meine Phantasie zumindest übersteigt das Programm noch immer. 

Wenn Sie dann einen Inhalt präsentieren wollen, der mehr als eine verbale Vermittlung erfordert oder verdient, sollten Sie es sein, der bestimmt, in welcher Bildersprache, mit welchen dynamischen Effekten und mit welchen wahrnehmungspsychologischen Fertigkeiten das geschieht. Prüfen Sie jeden präsentationstechnischen Schritt. Stellen Sie sich stets die Frage, weshalb Sie ihn gewählt haben. Wenn Sie keinen guten Grund finden, löschen Sie ihn wieder. Das geht noch leichter als ihn aufzurufen. Arbeiten Sie an Ihrer Präsentation wie an einem Text, der in Leder gebunden gedruckt werden soll. Fragen Sie: „Warum erscheint hier ein Pfeil?“, fragen Sie: „Warum ist der knallrot?“, fragen Sie: „Warum ist der so groß?“, und Sie werden merken, wie schnell man lernt und den Stil verbessert.

Zugegeben, es ist anfangs ein wenig ungewohnt, eine Fläche füllen zu dürfen und nicht nur Zeilen. In den zwei Dimensionen der Leinwand kann man sich leicht verlieren. „Wo stelle ich meine Grafik hin, wo meinen Text und wo die Tabelle?“ Bitte fangen Sie nicht oben links an und enden Sie nicht unten rechts. Nimmt man den Freiheitsgrad der Dimension Zeit noch hinzu, ist die Gefahr dieser Verlorenheit noch größer. „Wie lange lasse ich ein Objekt auf der Bühne?“ oder „Wie wandle ich seinen Ort, seine Form oder seine Erscheinung, wenn ich es in einen neuen Sinnzusammenhang bringen will ohne seine Identität zu verlieren?“

Haben Sie keine Scheu, irgendwie und irgendwo anzufangen. Der Vorteil von Computern ist, dass man Dinge leicht ändern kann. Vergessen Sie das Drama des Radierens aus Ihrer Schulzeit. Platzieren Sie Ihre Tabelle zunächst mitten drauf. Aber stellen Sie sich irgendwann die Frage, warum sie dort steht. Wenn Sie keinen guten Grund finden, stellen Sie sie woanders hin. Nach fünf Durchgängen wird sie richtig stehen. (Es sei denn, Sie haben sie mit einem Default-Layout festgenagelt. Dann wird das nie gelingen.)

Sie werden lernen, sich viele solcher Fragen zu stellen. Und Sie werden dabei merken, dass Sie Ihren Stoff allmählich unter ganz neuen Aspekten sehen, ihn eventuell selbst neu verstehen, ihn manchmal überhaupt erst richtig verstehen. Dann ist der Augenblick gekommen, vor Ihr Publikum zu treten und Ihre Sache so darzubieten, dass keiner anschließend über Sinn und Zweck der von Ihnen benutzten Präsentationssoftware diskutiert. Im besten Fall hat Ihr Publikum die gar nicht bemerkt. Und dann sind diese Diskussionen so überflüssig wie ein Kropf.

 

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Was die Leute mit PowerPoint alles nicht machen ...

07. Dezember 2009, 14:13

..., ist schon sehr erstaunlich. Doch vorweg: Im Grunde geht es nicht um PowerPoint. Es geht mir um die Vermittlung von Information mit Medien, um „mediale Vermittlung“ also. Als ob diese semantische Tautologie – man „vermittelt“ etwas „mit Mitteln“ –  nicht schon an sich trivial genug wäre. Mehr noch: Die meisten Vermittler reiten diesen weißen Schimmel hoch zu Ross wie einen bockigen Esel. Ich will damit sagen, dass es inklusive technischer Tücke nicht an Versuchen fehlt, Leinwände und Lautsprecher medial mit Raffinesse zu füllen, wenn nicht gar zu überfüllen, dass aber oft auf der Strecke bleibt, um was es eigentlich gehen sollte: Der Inhalt, den es zu vermitteln gilt!

„Ich hätte mal wieder aus dem Hemd springen können“, kommentierte meine Kollegin Michaela  jüngst eine akademische Veranstaltung in einer ehrenwerten „Alten Aula“. Beamer, Spots, Mikrofon – alles sei vorhanden gewesen. Doch dann: „Den Redner traf kein Scheinwerferstrahl, dafür war die Leinwand grellweiß“.  Eine große Fläche im halbdunklen Saal vom Halogenlicht des Beamers permanent überflutet. Die PowerPoint Präsentation zeigte am oberen Rand penetrant und schattig die Silhouette des Uni-Logos als Topos der „Corporate Identity“ im verbindlichen „Corporate Design“ der PR Agentur – soviel Marketing muss sein.

Hin und wieder hob der Redner seine Worte visuell hervor, indem er per Mausklick Wörter oder ganze Sätze in Gestalt von Buchstaben dem flutenden Licht entriss und irgendwo platzierte. Die derart optisch subtrahierten, schwarzen Zeichen an der Wand ließ er dann minutenlang auf sein Publikum einwirken, auch dann noch, als er längst in seinem Redefluss bei anderen Gegenständen gelandet war. Welch trauriges Bild: Ein im Dämmerschein versackter Redner, dem der Zuhörer als Zuschauer längst verloren gegangen war.

Schwarze Zeichen an der Wand? Schon bei Belsazars biblischem Saufgelage war das Original des „Menetekels“ wohl eher umgekehrt ausgeleuchtet, also als strahlende Zeichen auf dunklem Grund: „Im gleichen Augenblick gingen hervor Finger wie von einer Menschenhand, die schrieben gegenüber dem Leuchter auf die getünchte Wand ...“ (AT, Prophet Daniel 5.5). Auch Rembrandt hat es wohl so gesehen, dass nämlich der erwähnte Leuchter (Beamer) die Buchstaben hell hinwirft und nicht das Umfeld. Gut projizierte Information zeigt im Lichte das, was gemeint ist. Eigentlich selbstverständlich. Projektoren erhellen seit dem Siècle des Lumières, seit der Aufklärung also, die Köpfe mittels lichtdurchfluteter Medien. Eine neue Kunst der transparenten Malerei entstand. Der zu vermittelnde Inhalt lag im Hellen.

 Abb.: Handgemaltes Bild für die Laterna Magica

Man schaue sich die alten Laterna-Magica-Bilder an, und es wird klar, dass hier von einer dunklen Leinwand ausgegangen wird. Erst recht, wenn das Bild zur Schrift verkümmert, wie etwa beim Zwischentitel im Stummfilm. Hier ist selten jemand der Idee verfallen, die Leinwand blendend weiß zu gestalten. Die Jünger von PowerPoint und Co. tun das aber sehr wohl. Rufen Sie Präsentationen beispielsweise der Bundesnetzagentur auf, dann sehen Sie, was ich meine. (Anm.: Hier wurde ein zweites, unzutreffendes Beispiel nachträglich vom Autor aus den Text genommen, um einen möglichen, persönlichen Affront nicht weiter aufrechtzuerhalten; siehe auch den Kommentar Lobin unten.

Solche Beispiele sind beliebig gegriffen, weil wohlfeil. Das liegt u. a. daran, dass unsere Generation der Wissensvermittler mit dem Overheadprojektor groß geworden ist. Der Irrtum, dass heutige Präsentationsprogramme sich an ihm und seiner Filzstifttechnik orientieren, scheint unausrottbar zu sein. Bereits in den 1980er Jahren verbot der Siggraph-Kongress (das State-of-the-Art-Ereignis der Computergrafik schlechthin) seinen Vortragenden den Overhead-Projektor mit dem süffisanten Hinweis: „Wenn Sie Bilder verwenden wollen und nicht wissen wie, helfen wir Ihnen technisch und gestalterisch“. Wer vom Film oder Dia her denkt, hat damit eher keine Schwierigkeit. Dass Schrift stets integrierter Teil eines Bild ist, scheint selbst die interaktive Multimedia-Gemeinde noch nicht ganz verinnerlicht zu haben.

„Was die Leute mit PowerPoint alles nicht machen“, hatte ich eingangs thematisiert. Nun erkennen wir: Das Vordergründigste, was die Leute nicht machen, ist eine überlegte Lichtgestaltung. Doch man sieht nur die im Lichte. Wenn Sie einen Gegenstand zeigen wollen, müssen Sie ihn beleuchten, das heißt aber nicht, ihn dunkel in ein helles Umfeld zu stellen. Also Licht aus, damit nicht Gemeintes im Dunkeln steht, und Spot an für den Redner, sein Gesicht, seine Hände – und seine Buchstaben und Bilder!


Das alleine rettet den Vortrag noch nicht. Denn es lauern noch zahlreiche, schwerwiegendere Gestaltungs- und Präsentationsmängel, doch davon in einem späteren Blog.

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Galileis Fernseh-Apparat

23. Oktober 2009, 20:14

Seit meiner letzten Ritterburg vor fünfzig Jahren habe ich nicht mehr mit solch einer Begeisterung etwas aus Karton zusammengeklebt, wie diesen Fernseher des Herrn Galilei. Sie verstehen nicht? Fernseher, das ist auf Altgriechisch ein Teleskop. Galilei selbst nannte sein Urexemplar telescopio. Jetzt liegt eine Replik dieses ältesten Fernrohrs der Geschichte auf meinem Schreibtisch.

Alles fing damit an, dass ich das Kapitel Telekommunikation für meine Wintervorlesung vorbereitete. Wie immer war ich zu spät dran und raffte den Stoff bei „www.weißte-nicht-wo-was-und-wer“ wild zusammen: Spiegeltelegrafie im Altertum, Gauß’ und Webers elektromagnetischer Telegraf, Morses Einfinger-Ticker, Transatlantik-Telefonkabel – alles mit Ziel auf GPS, Web 2.0 und weltumspannenden Mobilfunk. (weiter)

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Betr.: Guckst du

20. September 2009, 22:20

Mit diesem Betreff versieht unsere Kollegin Michaela solche E-Mails, bei denen wir lediglich einen Anhang oder einen Link zur Kenntnis nehmen sollen. „Schau mal drüber“, hieß das früher. In den vergangenen Wochen habe ich nicht geguckt, weder da noch sonst wo. Ich hatte –  rein physiologisch – kein Einsehen mehr oder auf Kaya-Yanar-Deutsch: Auge kaputt! Die Linse meines linken Auges war innerhalb weniger Monate trüb geworden.

In Zeiten der visuellen Kommunikation ist das eine persönliche Katastrophe. Derzeit arbeite ich an einem abschließenden Geschichtswerk über den „Wissenschaftlichen Film“. Es geht um die Firmenphilosophie meiner beruflichen Heimat, nämlich um die Frage, wie man mithilfe von Medien „Unsichtbares sichtbar“ macht. Dazu muss ich 70 Jahre Institutsver-gangenheit ausgraben und lesen, lesen, lesen. Die trübe Linse aber hat diese Tätigkeit spätestens seit Juni langsam aber sicher ausgebremst. Ich versuchte es zunehmend mit nur einem Auge, aber schließlich verebbte der Lesehunger ganz.

Für meine Augenärztin war die Operation ein Klacks. Trübe Linse raus, Plastiklinse rein – einen grauen Star erledigt man heute ambulant an einem Vormittag und vollständig schmerzfrei (diesbezüglich bin ich nun sozusagen ein Augenzeuge). Die äußeren, sprich medizinischen Umstände sind denkbar einfach. Bereits am nächsten Tag kommt der Verband runter und sofort siehst du wieder klar. Nicht, dass man schon wieder lesen kann bzw. darf. Aber der Blick in die Ferne ist scharf.

Jetzt wäre ein Kurzurlaub im Allgäu angesagt gewesen. Doch genau den hatte ich mir bereits vor der Operation gegönnt und dabei die vorhersehbare Erfahrung gemacht, dass anderthalb Augen die Tiefe der Landschaft stereotechnisch nur schlecht abbilden und dass ein Milchglas vor der Retina selbst die grünste Almwiese mausgrau erscheinen lässt. Unser Weltbild ist eben stark vom Gesichtssinn geprägt.

Louis Bunuel und Salvador Dalí eröffnen ihren Filmklassiker „Ein andalusischer Hund“ (1929) mit einem Rasiermesserschnitt quer durch ein Auge – in Großaufnahme! Die Einstellung ist kaum zu ertragen. Erst beim dritten Kinobesuch habe ich wirklich hingeschaut. In einem einzigen, buchstäblichen „Augenblick“ wird unsere reale Sichtweise zerstört, und die surreale der beiden Künstler wird offensichtlich.

Natürlich hatte ich diese Szene vor meinem geistigen Auge als ich endlich auf dem OP-Tisch lag. Für die Abblende sorgte dann freundlicherweise die Anästhesistin. Den chirurgischen Schnitt in die Augenkammer spürt und sieht man nicht. Er liegt außerhalb des Sehkanals, wird nicht genäht und braucht seine Zeit zum heilen. Deshalb hat man u. a. Leseverbot.

Bis dahin war mir nicht bewusst, wie durch und durch alphabetisiert ich bin (bzw. wir alle sind). Krankgeschrieben, doch körperlich und geistig wohlauf, hatte ich leere Tage zu gestalten. Und alles, was mir einfiel, hatte mit Lesen, Schreiben, Bildschirmgucken zu tun! Indem Sie etwa hier diesen Text lesen, flitzen Ihre Augen hin und her, scannen Ihren Bildschirm akribisch ab auf der Jagd nach Minifiguren, die Ihr Hirn bitte als Buchstaben erkennen möge. Wir tun das im Laufe unserer Bildungskarriere mit wachsender Begeisterung.

Doch nun durfte ich es für eine Weile nicht, nicht mit dem frischen Schnitt in meinem Auge: Keine E-Mails, keine SciLogs, kein „Wissenschaft-online“ mit den pfiffigen Bemerkungen von Richard Zinken. Mehr noch: Keine Zeitung, kein Buch, keine Akte. Nach wenigen Tagen hatte ich das Gefühl zu vergreisen.

Natürlich konnte ich hören, z. B. Hörbücher. Ich habe die Leichtathletik WM im Fernsehen gehört! Maybrit Illner klingt übrigens noch banaler, wenn man sie ausschließlich hört und nicht sieht. Ja, ich konnte spazieren gehen. Ich konnte schlafen. Ich konnte im Café sitzen. Alles schöne Dinge. Doch wisst Ihr eigentlich, wie blöd es ist, wenn sich das Leben auf diese Dinge reduziert?

Auch konnte ich denken. Doch wollte ich jeden dritten Gedanken aufschreiben, bei jedem zweiten nachlesen, ob er auch stimmt. Ich habe meinen PC zigmal automatisch angeworfen und erst beim Einloggen gemerkt: „Du sollst nicht lesen!“ Was dachte ich nur? Es hat Tage gedauert, bis ich Gedanken zuließ, die keinen vermeintlichen Ewigkeitswert hatten, die man nicht aufschreiben muss, Gedanken über alles Mögliche oder auch über einfach Nichts. Herrje, wie buchstabensüchtig bin ich eigentlich? Alle zwei Stunden träufelte ich meine Medizin ins quergeschnitte Auge.

Es gehe diesem Auge "offensichtlich" gut, antwortete ich beim Nachsorgetermin brav der Augenärztin und, dass ich es "hüte wie meinen eigenen Augapfel". Sie lobte mich und überhörte die Kalauer geflissentlich.
 
Inzwischen ist meine „Okulomotorik“ wieder voll im Gang und so bin ich denn zurück im Web 2.0 dank „ophthalmologischer Künste“ (ja, ja solche Wörter lernt man in der Not). Keinen Tag länger hätte ich es ausgehalten, ich, ein mit allen Sinnen ausgestatteter, des Lesens und Schreibens kundiger, durch primäre bis tertiäre Bildungswege gegangener Bewohner des elektronischen Dorfs.

Also Nachbarn, ich bin wieder da! Mit mir kann man wieder reden – äh schreiben. Denn augenscheinlich liebe ich diese ASCII-Dingerchen auf leuchtendem Untergrund über alles. Und wie ist Ihre Sicht?

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„Guter Mond, du wandelst leise ...

19. Juli 2009, 23:06

„ ... an dem blauen Himmelszelt“. Pures Lebensgefühl der Romantik um 1848, denn das Lied geht so weiter: „Zu dem schönsten Morgenrote führst du uns, o guter Mond“. Aber wohin hat uns die Raumfahrt geführt?

Jedenfalls 1969 bis zu eben jenem Mond, bemannt und mit einem „großen Sprung für die Menschheit“. Der Augenblick an jenem 21. Juli vor 40 Jahren war nicht weniger romantisch, denn die halbe Welt saß in Kleingruppen dicht gedrängt vor verrauschten TV-Geräten mit Zimmerantennen und träumte von fernen Zielen. Doch was ist aus dem großen Sprung geworden? (weiter)

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Bloggewitter: Bologna zeigt Wirkung

15. Juni 2009, 09:00

... auch die erwünschte? 2010 naht und damit das konzeptionelle Ende des Prozesses, der Europa auf ein effektiveres Bildungsniveau bringen soll. „Zum Wohle aller“, sagen die einen, „zum kulturellen Niedergang“, die anderen.

Was sagen die Betroffenen? Ich habe sie gefragt. Ich habe die 250 Studierenden angeschrieben, die ich in den vergangenen vier Semestern in einem Bachelor-Studiengang Medienwissenschaften unterrichtet habe. Ich habe sie eingeladen, meinen Platz hier in den „Allwissenden Medien“ als Gastautor zu übernehmen. Ich habe 250 ambitionierte Kandidaten für Berufe wie PR-Manager, Pressesprecher, Journalisten, Filmemacher, kurz zukünftige Meinungsbildner und Informationsvermittler gefragt. (weiter)

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Wolfram|Alpha und die Allwissenden Medien

16. Mai 2009, 23:12

Es kann sein, dass der heutige 16. Mai 2009 einst als denkwürdiger Tag in die Geistesgeschichte der Menschheit eingehen wird. Denkwürdig im wahrsten Sinne des Wortes, weil an ihm möglicherweise eine neue Ära des Denkens und des Wissens für uns alle eingeläutet wurde. Wenn dem einst so sein sollte, dann kam es so:

Erster Akt
Vor genau sieben Jahren hat Stephen Wolfram sein Buch „A New Kind of Science“, kurz NKS, veröffentlicht. Nehmen wir einmal an, dass das 1200 Seiten umfassende Werk seinem Titel gerecht wird und dass Wolfram tatsächlich eine neue Art von Wissenschaft gefunden oder gar erfunden hat. Dann wäre das von epochaler Bedeutung – wenn auch von der Öffentlichkeit bislang weitgehend unbemerkt. Wie immer bei erkenntnistheoretischen Entwürfen, die das gängige Weltbild ins Wanken bringen, braucht die wissenschaftliche Erörterung ihre Zeit und der allgemeine gesellschaftliche Diskurs noch länger. Jetzt stellt sich Wolfram der Weltöffentlichkeit durch einen Test, an dem jeder medial teilnehmen kann.


Zweiter Akt
Seit heute früh (MEZ), 16. Mai 2009, ist Wolfram|Alpha
online mit der Schlagzeile “Making the world's knowledge computable”. Wie immer man die vieldeutigen Worte world, knowledge und computable für sich übersetzt, ihre Bedeutung kann in dieser Ankündigung nicht überschätzt werden: „You enter your question or calculation, and Wolfram|Alpha uses its built-in algorithms and growing collection of data to compute the answer“. Da Wolfram die Dinge sehr klar auf den Punkt bringt, empfehle ich jedem, die Erläuterung auf der Homepage einfach einmal zu lesen. Ich wüsste es nicht klarer zu sagen. Inwieweit es sich bereits lohnt, das System extensiv auszuprobieren, weiß ich nicht. Da es sich erst noch entwickeln muss, wird die spannende Phase wohl erst in einigen Wochen und Monaten beginnen.

Dritter Akt
In Zukunft könnte Wolfram|Alpha alles in den Schatten stellen, was wir bisher an Informationsangebot und -verarbeitung gekannt haben. Das bezieht sich nicht nur auf Quantität und Geschwindigkeit, sondern auch auf Qualität und – ich zögere es zu sagen – Kreativität, Intelligenz, Urteil, Entscheidung etc.  Wolfram selbst vermeidet diese Reizwörter der anhaltenden KI-Diskussion und des laufenden Neuro-Hypes. Er hat lieber eigene Termini definiert, wie z. B. „computational irreducibility“[1]. Um die volle Tragweite seiner Web-Plattform vorauszuahnen, muss man vermutlich die Grundideen der NKS, New Kind of Science, verstanden haben. Die Lektüre des Buches zumindest in Teilen bleibt einem da nicht erspart. Oder man wartet, bis die Plattform sich tatsächlich, wie von Wolfram erhofft als die "killer application" (als der Durchbruch für die Anwendung) der NKS erwiesen hat. Dann kann man ja immer noch in deren Genuss kommen.

Worin ist nun die positive Erwartung begründet, dass Wolfram ein Geniestreich von historischer Bedeutung gelungen sein könnte? Zum einen verarbeitet er in seinem Werk gerade jene großen Gedanken, die bisher noch kaum in der alltäglichen Anwendung sind, wie z. B.:
- David Hilberts Programm (1920) mit dem Entscheidungsproblem,
- Werner Heisenbergs Unschärferelation,
- Kurt Gödels Unvollständigkeitssätze (1931),
- Alan Turings Halteproblem (1936) und Mensch-Maschine-Test (1950),
- Benoit Mandelbrots fraktale Geometrie (Anfang 1960er)
und die daraus folgende Chaostheorie.

Diesen Themen ist gemeinsam, dass unsere Welt anders ist, als wir sie uns bisher denken. Nicht, dass unser Weltbild völlig falsch wäre. Aber es erscheint geradezu engstirnig verglichen mit der Wirklichkeit. Der weitaus größte Teil des Seins ist ausgeblendet. Den möchte Wolfram helfen auszuleuchten. In unserem Wissen streben wir bislang nach Verlässlichkeit, in der Politik nach Vorhersagbarkeit, in der Technik nach Sicherheit, bei Daten nach Berechenbarkeit und bei Urteilen nach Entscheidbarkeit. Kurz gesagt: Wir mögen es genau und das sind unsere Scheuklappen.

Doch Mutter Natur, sie ist nicht so. Überall, wo Entwicklung ist oder Neuschöpfung, da fummelt sie. Da agiert sie ungenau, zufällig und ohne Plan. Es könnte einem grausen, wäre ihr Produkt nicht so wunderbar, nicht so komplex und strukturiert. Wer das verstehen will, muss die gewohnte Denke verlassen. Wolfram tut das in a New "Kind of Science".

Dort zeigt er, dass die Vielfalt der Naturerscheinungen durch einfache Algorithmen mit geradezu primitiven Elementen rechnerisch erzeugt werden kann. Das Buch ist angefüllt mit grafischen Belegen, wie sich in sogenannten "cellular automata" nahezu aus dem Nichts sehr komplexe Gebilde entwickeln können. Hinter den zellulären Automaten stecken simple Rechenprogramme, die simple Regeln und simple Entwicklungsschritte vorgeben. Es ist Wolframs feste Überzeugung, dass sich damit der große Bereich der bisher nicht erkannten Welt erfassen lässt.

Folglich nutzt er für seine Wissensmaschine nicht nur Datenbanken und Textverarbeitung, wie etwa Google, sondern er will mehr. Er möchte, dass seine Maschine neue Information erstellt, Urteile anbietet und hilft, Entscheidungen zu treffen. So fragt er denn provokant: „What if it could invent on the fly? Do science on the fly?”

Leute, ich bin gespannt wie ein Flitzebogen! Der Titel meines Blogs „Allwissende Medien“ könnte eine neue Bedeutung erhalten.


[1] „computational irreducibility“ ist vermutlich der Schlüsselbegriff in der New Kind of Science NKS, auch wenn er erst auf Seite 737 auftritt. Es handelt sich um eine Erweiterung des Begriff Unvorhersagbarkeit. Allerdings blickt Wolfram vom Ergebnis her. Ihn interessiert, wie etwas entstanden ist, das unvorhersehbar war: Er nennt eine Struktur hinsichtlich ihrer Berechenbarkeit irreduzibel, wenn man ihre Entstehungsgeschichte (informationstheoretisch) nicht abkürzen kann, wenn man also jeden einzelnen Schritt kennen muss, um das Ergebnis erklären zu können.

 

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Zum Tag der Arbeit: Wo bleibt die Wirkung?

01. Mai 2009, 23:43

Am heutigen Tag der Arbeit sind mehr Menschen auf die Straßen gegangen als in den Jahren zuvor –  eine Million alleine in Frankreich. Laut  tagesschau.de  beschworen sie eine "vorrevolutionäre Stimmung" herauf. Das zentrale Thema: Angst vor Arbeitslosigkeit und mehr noch: Wut über die politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen, die den Arbeitsmarkt offensichtlich nicht richtig lenken und organisieren können. (weiter)

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Nicht nur Leistung und Arbeit – auch Wirkung muss sich lohnen

19. April 2009, 12:32

Manager haben derzeit ja eine augenfällige Medienpräsenz: Sie erscheinen passiv in Berichterstattung und Kommentaren mit schlimmen Beigeschmack und aktiv in Talkshows mit dem Ziel der Reinwaschung. Die jeweiligen Thesen lauten Fehlleistung hier und leistungsgerechtes Einkommen dort. Wo, bitte, ist denn da die Leistung bzw. die Fehlleistung? Leistung, Ihr Leute, ist etwas anderes!
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Magie und Medien

07. März 2009, 23:16

Sie kennen meinen Kollegen Johan nicht! Johan ist ein Magier, nebenberuflich versteht sich. Er kann Gegenstände verschwinden lassen, einfach so auf dem Flur, und sie anderswo wieder hervorzaubern, etwa aus dem Ohr der Sekretärin. Neulich hat er mich als Medium benutzt für einen angeblich parapsychologischen Trick.

Bitte stellen Sie sich das vor: als Medium für einen Trick benutzt, mich, den Medien- und Naturwissenschaftler! Kein Wort habe ich ihm geglaubt. Aber durchschaut habe ich ihn leider auch nicht. Ein echter Magier eben. (weiter)

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szmtag