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Glaube und Zölibat: bio-logisch erfolgreich?

von Lars Fischer, 23. Dezember 2007, 13:01

Heute überlasse ich - passend zur religiös geprägten Saison - dem Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume das Podium. Michael Blume beschäftigt sich unter anderem mit den biologischen Ursprüngen und Mechanismen der Religiosität; 2005 promovierte er in Tübingen über das Verhältnis von Neurowissenschaften und Religionswissenschaft

An der Uni Heidelberg veranstaltet er in diesem Semester das Seminar "Religionswissenschaftliche Präsentationen zur Evolution der Religion", an dem ich auch mitwirke. Kennengelernt habe ich ihn vor einer Weile über sein Religionswissenschafts-Blog, in dem er regelmäßig über derartige Themen schreibt. Heute berichtet er hier bei Abgefischt über mögliche biologische Grundlagen des Zölibats. Viel Spaß!

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Glaube und Zölibat: bio-logisch erfolgreich?

Edward O. Wilson, einer der bedeutendsten Biologen unserer Zeit, stellte in seinem mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Buch On human Nature von 1978 fest: "Religion stellt die größte Herausforderung für die Soziobiologie des Menschen dar und ihre aufregendste Gelegenheit, als eine wirklich originale theoretische Disziplin fort zu schreiten." (S. 178, Übers. aus dem Englischen)

Inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass Wilsons Traum in Erfüllung gehen könnte. In spezialisierten Netzwerken wie den Evolutionary Religious Studies wirken längst nicht nur Forscher verschiedenster Nationen, sondern vor allem auch unterschiedlichster Disziplinen mit. Dabei treffen Evolutionsbiologen, Anthropologen, Ethnologen, Psychologen, Neuromediziner, Soziologen, Ökonomen, Theologen, Philosophen und (vergleichende) Religionswissenschaftler nicht nur auf immer mehr Tagungen aufeinander, sondern nutzen auch das Internet, um in einer früher undenkbaren Geschwindigkeit und Tiefe empirische Daten und Thesen auszutauschen.

Dabei verdichten sich die Befunde von der Zwillingsforschung über die Neurowissenschaften bis hin zur Religionswissenschaft zu einem wachsenden Konsens, der gerade in seiner Selbstverständlichkeit verblüfft: Religiöse Veranlagungen scheinen völlig entsprechend zu etwa sprachbezogenen oder musikalischen, genetisch veranlagten Fähigkeiten mit hoher, kultureller Plastizität über Fitnessvorteile evolviert zu sein - und wohl auch weiter zu evolvieren. Eine schnell wachsende Zahl von Studien und auch psychologischen Experimenten belegt eine gesteigerte Kooperationsbereitschaft zwischen Religiösen sowie die Abwehr von Trittbrettfahrern und Assimilation durch kostspielige Verpflichtungen und Rituale.

Sogar die sprichwörtliche „Gretchenfrage“ (Gretchen an Faust: „Wie hälst Du’s mit der Religion?“) kommt inzwischen zu empirischen Ehren: Kostspielige Religiosität scheint tatsächlich als ein Indikator für Partnertreue und damit förderliches Merkmal sexueller Selektion zu wirken - und geht tatsächlich mit geringeren Raten etwa an Scheidungen und Alleinerziehenden in Religionsgemeinschaften einher. Also genau das, was Goethes Mephistopheles (in Kapitel 16) im spöttischen Kommentar zu Gretchens Frage vermutete:„Die Mädels sind doch sehr interessiert, ob einer fromm und schlicht nach altem Brauch. Sie denken: duckt er da, folgt er uns eben auch.“

Zumindest kann es nach Auswertung sowohl nationaler wie internationaler Daten und vor allem auch der Schweizer Volkszählungen 1970, 80, 90 und 2000 (die jeweils als Vollerhebungen durchgeführt wurden) praktisch keinen statistischen Zweifel mehr geben, dass religiös vergemeinschaftete Menschen weltweit durchschnittlich deutlich mehr Kinder haben als ihre konfessionslosen Zeitgenossen auch je der gleichen Einkommens- und Bildungsschicht.Ja, entgegen auch unseren frühen Erwartungen nimmt der reproduktive Abstand mit steigenden Freiheits-, Wohlstands- und Bildungsniveaus sogar zu! Denn während Menschen in klassischen Agrarwirtschaften kaum Alternativen zu einer hohen Kinderzahl als Arbeitskräfte und Altersversorgung hatten, werden Kinder in modernen Marktgesellschaften zu sehr kostenträchtigen Wertentscheidungen.

So blüht beispielsweise der Kreationismus in den USA nicht etwa, weil er haltbare, wissenschaftliche Argumente hätte - sondern weil tiefreligiöse Christen, Juden und Muslime durchschnittlich erheblich mehr Kinder bekommen und erziehen als die Befürworter des darwinistischen Naturalismus. Die Ironie in diesem Befund harrt noch der Aufarbeitung…

Sogar Zölibat…
Überraschenderweise lässt sich inzwischen sogar die religionshistorische Entstehung des Zölibats über Fitnessvorteile der Verwandtenselektion neu entschlüsseln. Diese ist an sich unumstritten: keinen Biologen wundert es, dass auch Menschen dazu tendieren, mit nahen Verwandten intensiver zu kooperieren und sich gegebenenfalls sogar für sie zu opfern, tragen sie doch eng verwandte Gensequenzen.

Aber genau das wird in klassischen Agrarwirtschaften zum Problem: weil die meisten schon aus ökonomischen Erwägungen (Arbeitskräfte, Altersversorgung, Schutz) viele Kinder anstreben, entstehen vor Ort expandierende Familienclans, in ständiger Verflechtung und Spannung auch um knappe Ressourcen (z.B. Land). Jeder lokale, religiöse Funktionär ist hier sofort dem (manchmal zutreffenden) Verdacht ausgeliefert, doch nur die eigene Familie nepotistisch zu begünstigen.

So erging es z.B. auch Jesus, der „kam in seine Vaterstadt und lehrte sie in ihrer Synagoge, so daß sie sich entsetzten und fragten: Woher hat dieser solche Weisheit und solche Taten? Ist er nicht der Sohn des Zimmermanns? Heißt nicht seine Mutter Maria, und seine Brüder Jakobus und Josef und Simon und Judas? Und seine Schwestern, sind sie nicht alle bei uns? Woher kommt ihm denn das alles? Und sie ärgerten sich an ihm. Jesus aber sprach zu ihnen: Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland und in seinem Hause. Und er tat dort nicht viele Zeichen wegen ihres Unglaubens.“ (Mt. 13,55-58)

Gibt es eine Lösung für dieses Dilemma? Ja, der Austausch von Zölibatären. Religiöse Institutionen könnten anregen, dass Clans aus ihrem jeweiligen Geburten- und Erbenüberschuss einige wenige Akteure „spenden“, die (ohne eigene Familien zu gründen) anderswo Dienst tun - und dafür umgekehrt auch selbst Zölibatäre zugeteilt bekommen. Der einzelne Zölibatäre würde damit in der Fremde sehr viel religiös glaubwürdiger Ehebünde segnen und überwachen, Familienwerte predigen, Streit schlichten, Arme und Kranke versorgen, Kinder unterweisen, antisoziales Verhalten ahnden und andere Fitness-relevante Tätigkeiten ausüben können - und dürfte Gott, Mutter Kirche oder dem Sangha vertrauend zudem davon ausgehen, dass auch die eigene Herkunftsgruppe entsprechend Fitness-fördernd betreut würde. Hier läge also eine clevere Form indirekter Verwandtenselektion vor! (Siehe Schaubild)

Und auch diese These lässt sich empirisch testen. So müssten wir einerseits davon ausgehen, dass die Inhaber zölibatärer Rollen zur Sexualität klar Stellung beziehen: Sie müssten zur Unterstreichung ihrer eigenen Glaubwürdigkeit insbesondere in klassischen Agrargesellschaften ihre eigene Abstinenz sowohl gegenüber hetero- wie homosexuellen „Versuchungen“ unterstreichen (diese also strikt verdammen) und sie müssten vor allem, im Kontrast zur eigenen Kinderlosigkeit, für eine möglichst hohe Fertilität der nichtzölibatären Laien eintreten. Dies lässt sich im Christentum, aber auch etwa in Hinduismus, Buddhismus und Jainismus sowohl historisch wie zeitgenössisch-vergleichend reichlich beobachten.

Daneben müsste die Akzeptanz des Zölibats milieuabhängig sein: in klassischen Agrargesellschaften mit Geburtenüberschüssen müsste eine sehr viel höhere Akzeptanz zölibatärer Rollen beobachtbar sein als in Marktgesellschaften mit niedrigen Geburtenraten. Dies ist nicht nur im Vergleich christlicher Länder (z.B. Afrikas und Europas) sondern ebenso in buddhistischen Gesellschaften (z.B. Birma und Japan) eindeutig der Fall. Auf die zunehmend datengestützte Präsentation dieser und unzähliger weiterer Thesen zu religiösen Phänomenen dürfen wir uns also in naher Zukunft freuen.

Noch kaum andiskutiert ist dabei die Frage, wie sich die Erkenntnis, dass Religion als ein Teil menschlicher Natur biologisch beschreibbar wird sowohl auf das religiöse Selbstverständnis wie auf die naturalistische Religionskritik auswirken wird. Und gerade die deutsche Wissenslandschaft muss sich fragen, warum in den Netzwerken interdisziplinärer und internationaler Evolutionsforschung zur Religion bisher deutschsprachige Wissenschaftler sowohl natur- wie geisteswissenschaftlicher Disziplinen nur sehr vereinzelt vertreten sind bzw. warum wir immer noch kein einziges solches Netzwerk im deutschsprachigen Raum haben.

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Kommentare

  1. Jochen Bedersdorfer Keine Religion
    23.12.2007 | 21:42

    Die untersuchten sozialen Verhaltensweisen haben nichts wirklich religiöses an sich. Sie gelten für alle durch Rituale gekennzeichneten Gemeinschaften.
    Für Religion - die Verbreitung höchst unwahrscheinlicher Thesen ohne jegliche Beweise - spricht keine der gemachten Beobachtungen.

    Es wird Zeit endlich diese altertümlichen Weltansichten durch modernere zu ersetzen, um die ganzen negativen Effekte von Religionen loszuwerden.
    Ich denke, dass das allgemein ein evolutionärer Vorteil wäre, nicht nur für solche like-minded Gruppierungen.

    Wer weiss welche guten Gene uns religiös motivierte Konflikte bereits gekostet haben! Wieviel weit fortgeschrittener wäre unsere Wissenschaft, wenn Religionen sie nicht systematisch unterdrückt hätten?

    Ich kann gut verstehen, dass deutsche Wissenschaftler kaum Lust haben für die Rechtfertigung von Religion als ein Teil menschlicher Natur (wofür es wenig Anhaltspunkte gibt) Forschungsgelder zu verschwenden.

  2. Michael Blume Empirie
    23.12.2007 | 23:13

    Sehr geehrter Herr Bedersdorfer,

    danke für Ihren Beitrag, der in mehrfacher Hinsicht sehr interessant ist.

    Zunächst zu Ihrer Auffassung, dass es bei der Erforschung der Evolution von Religion um eine "Rechtfertigung von Religion" gehe. Interessanterweise erleben dass nicht wenige Religiöse anders, auch unter Theologen gibt es z.B. sehr kritische Stimmen, die im Erkenntnisfortschritt eine "biologische Funktionalisierung" befürchten. Eine einheitliche Agenda gibt es hier schlicht nicht - sondern empirische Forschung.

    Und die zeigt eben sehr eindeutig auf, dass säkulare Organisationen nur einen kleinen Teil der beobachtbaren Effekte dauerhaft zu erreichen vermögen. Einen großen Einfluss hatte z.B. die vergleichende Studie der Anthropologen Sosis und Bressler, die die Langlebigkeit säkularer und religiöser Gemeinschaften auch im Zusammenhang mit "costly requirements" verglichen. Abrufbar hier:
    http://www.anth.uconn.edu/...ndBresslerCCR2003.pdf

    Auch in meinem Forschungsschwerpunkt, dem Zusammenhang von Religion und Demografie, sind die empirischen Ergebnisse außerordentlich eindeutig: Religiöse haben deutlich mehr Kinder als Konfessionslose und wir haben bisher keine säkulare Gemeinschaft gefunden, die auch nur eine Generation hindurch ähnliche, reproduktive Erfolge wie z.B. orthodoxe Juden, Amish oder weitere Religionsgemeinschaften erzielt hätten. Auf Basis steigender Bildung und Einkommens nehmen die Unterschiede sogar zu. Eine kleine Zusammenstellung religionsdemografischer Daten gerne hier: http://religionswissenschaft.twoday.net/...047705/

    Nach bisherigem Erkenntnisstand zeichnet sich ab, dass gerade in der Annahme übernatürlicher Akteure wie Ahnen oder Götter (die im Dies- und/oder Jenseits belohnen und strafen können) der Clou liegt: wer wirklich annimmt, dass Kooperationen (einschließlich Ehen) von ggf. strafenden, allwissenden Akteuren überwacht werden, wird zu häufiger kontraktloyalem Verhalten tendieren. Damit wird die (erst durch kostspielige Signale glaubwürdige) Religiosität zu einem Indikator, der Kooperationsdilemmas auflöst und damit mehr ökonomische, politische oder eben (und biologisch m.E. am entscheidensten) reproduktive Kooperationen ermöglicht.

    Noch einmal: damit ist weder irgendeine religiöse Wahrheit bewiesen noch widerlegt und auch kein Werturteil abgegeben. Es handelt sich hier um eine von harten Daten inzwischen unterschiedlichster Disziplinen gestützte, empirische (und also ggf. falsifizierbare) Beobachtung, an der atheistische, agnostische und (wenige) glaubende Wissenschaftler gleichermaßen interdisziplinär arbeiten.

    Mit den besten Wünschen für schöne Feiertage!

    Michael Blume

  3. Edgar Dahl Die Biologie der Religion
    24.12.2007 | 02:09

    Schöner Text! Aufregendes Thema! Falls es je ein deutsches Netzwerk zur Verhaltensökologie der Religion geben sollte, bin ich gern dabei.

    Dabei geht es selbstverständlich nicht um eine "Rechtfertigung", sondern einzig und allein um eine ERKLÄRUNG der Religion.

    Dass eine so verstandene Verhaltensökologie irgendwelche Implikationen für das religiöse Selbstverständnis oder die naturalistische Religionskritik haben wird, wage ich jedoch zu bezweifeln.

    Dass der Zölibat adaptiv sein kann, leuchtet mir ein. Dennoch bin ich hinsichtlich eines echten Selektionsvorteils der Religion skeptisch. Wie Dawkins betrachte ich die Religion eher als ein Epiphänomen.

    Ihre Überlegungen zur Korrelation von Religion und Treue legen eine Erklärung durch die sexuelle Selektion nahe. Dass Frauen religiöse Männer bevorzugt haben mögen, ist zumindest ein reizvoller Gedanke.

    Insofern man davon ausgehen muss, dass die natürliche Selektion ein opportunistisches Sexualverhalten der Männer prämiert hat, kann man auch überlegen, ob eine Interpretation im Sinne des Handicap-Prinzips möglich ist. Doch wenn ich mich recht entsinne, ist dieser Gedanke bereits von Dawkins aufgegriffen und letztlich verworfen worden.

    Was mir an Dawkins' eigenem Ansatz missfällt, ist, dass die kindliche Leichtgläubigkeit ("Glaube allem, was Deine Eltern Dir sagen!") lediglich die WEITERGABE, aber nicht die ENTSTEHUNG der Religion erklärt.

  4. Michael Blume Epiphänomen
    24.12.2007 | 20:45

    Sehr geehrter Herr Dahl,

    danke für Ihre freundliche Rückmeldung!

    Religion als Epiphänomen zu betrachten war (vor allem nach Boyer) lange Zeit Mehrheitsmeinung, ist inzwischen aber sehr geschwächt. Lassen Sie mich nur drei Punkte kurz anreißen, die dagegen sprechen:

    1. Die Befunde belegen einen einfachen Beginn (schlichte Bestattungen) und von dort aus eine dynamische Zunahme an Aufwand un Komplexität (Sekundärbestattungen, Opfergaben, später Kultobjekte und -stätten etc.). Ein Epiphänomen, das aber immer "teurer" geworden wäre, ohne Nutzen zu erbringen, hätte aber eher ausselektiert werden müssen, kaum aber dynamisch zunehmen können.

    2. Interessanterweise haben wir Belege für religiöses Verhalten nicht nur bei Homo Sapiens, sondern auch bei Homo Neandertalensis - und auch dort mit zunehmender Tendenz. Auch dies spricht gegen ein quasi zufälliges Rauschen und deutet auf ein adaptiv zu lösendes Problem bzw. Potential hin - wie etwa die reproduktive Vorausplanung.

    3. Die rezenten Daten weisen sehr starke, kooperative und messbar reproduktive Vorteile durch religiöse Vergemeinschaftung auf. Wenn wir von einem reinen Epiphänomen ausgingen, müssten wir diese erst einmal wegerklären.

    Zur Dawkins-Prägethese sind besonders die Experimente des Kognitionspsychologen Jesse Bering (Belfast) mit Kindern sehr interessant. Diese deuten darauf hin, dass Kinder bereits eine intuitive Ontologie mit sich bringen, die beispielsweise von der Weiterexistenz Toter ausgeht - und die im Laufe des Aufwachsens tendenziell erst "verlernt" wird. Auch dies scheint mit adaptiven Vorteilen leichter zu erklären als über epiphänomenologische Thesen.

    Und Einflüsse religiösen Primings bei Erwachsenen konnte der Evolutionspsychologe Ara Norenzayan (Vancouver) ebenfalls nachweisen. Wurden Probanden vor Diktatorspielen unewusst religiös geprimet (religiöse Schlüsselwörter in Worträtseln), so verhielten sich die Probanden in den Diktatorspielen generöser.

    Also, noch einmal herzlichen Dank für Ihr ermutigendes Feedback - ich gehe auch davon aus, dass hier in nächster Zeit noch vieles zu entdecken und vor allem auch zu integrieren ist.

    Mit herzlichen Grüßen!

    Michael Blume

  5. Edgar Dahl Religion als Epiphänomen
    26.12.2007 | 00:48

    Lieber Herr Blume, dies verspricht eine lange und interessante Diskussion zu werden. Um keines der von Ihnen genannten Argumente zu übergehen, schlage ich vor, sie der Reihe nach zu behandeln. Ihr erster Einwand, dass eine zunehmend komplexer werdende Eigenschaft darauf schließen lässt, dass sie bereits von Anfang an adaptiv gewesen sein muss, leuchtet ein, wenn wir von anatomischen Merkmalen wie einem Auge oder einem Gehirn sprechen. Was mir vorschwebt, wenn ich von der Religion als einem bloßen Epiphänomen oder Nebenprodukt der Evolution spreche, geht aber in eine andere Richtung.

    Die einfachste Erklärung scheint mir folgende zu sein. Über Jahrmillionen bestand insbesondere bei sozial lebenden Tieren ein Selektionsdruck auf mentale Fähigkeiten. Ein Zuwachs an sozialer Intelligenz, die es dem einzelnen Tier erlaubte, in der Hierarchie seiner Gruppe aufzusteigen, war adaptiv, da ein höherer sozialer Status mit einem höheren Fortpflanzungserfolg verbunden war. Die geistigen Fähigkeiten, die sich auf diese Weise herausgebildet haben, befähigten uns aber nicht nur dazu, soziale Probleme, wie zum Beispiel Interessenkonflikte, besser zu lösen, sondern sie befähigten uns irgendwann auch dazu, Fragen zu stellen: Warum gibt es überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? Was hat es mit diesem Leben eigentlich auf sich? Und: Warum gibt es so viel Leid und Elend in dieser Welt?

    Der Verstand, der sich unter dem Druck größerer sozialer Intelligenz herausgebildet ha

  6. Edgar Dahl Die Wurzeln der Religion
    26.12.2007 | 01:11

    Für mich sind die Religionen mit ihren Schöpfungsmythen sozusagen prähistorische Kosmologien - Versuche, die Frage nach der Herkunft der Welt zu beantworten. Die Antworten spiegeln dabei den jeweiligen Erkenntsnisstand unserer Vorfahren wider. Wie im Totemismus betrachteten sie sich beispielsweise als direkte Nachfahren eines Tieres - eines Löwen, eines Krokodils oder eines Känguruhs - das man fortan für heilig und unantastbar erklärte.

    Wenn man Religionen als archaische Kosmologien betrachtet, ist es auch nicht verwunderlich, dass es zahllose religiöse Vorstellungen gibt. Schließlich sind der Phantasie, wie diese Welt wohl entstanden sein mag, keinerlei Grenzen gesetzt. Wenn es Beschränkungen gibt, dann wahrscheinlich vor allem geographischer Art, insofern die Gottheiten, die man für die Schöpfung dieser Welt verantwortlich machte, jeweils der ökologischen Nische entnommen scheinen, in der die Menschen gerade lebten.

  7. Edgar Dahl Religionen als Antwort auf das Leiden
    26.12.2007 | 01:39

    Religionen scheinen mir aber nicht nur eine Antwort auf die Herkunft der Welt, sondern auch eine Antwort auf die Herkunft des Leidens zu sein. Zumindest alle großen Religionen - ob Judentum, Christentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus oder Jainismus - sind "Erlösungsreligionen". Sie erklären uns mit Hilfe verschiedener Mythen, wie dem "Sündenfall", der "Erbsünde", dem "Karma" und der "Reinkarnation", warum wir leiden und es beispielsweise Alter, Krankheit und Tod gibt, doch sie lehren uns auch, wie man dem Leiden entfliehen und erlöst werden kann.

    Ich glaube wirklich, dass nicht nur die Herkunft der Welt, sondern vor allem die Herkunft des Leids und Elends in dieser Welt den Auslöser für religiöse Spekulationen gegeben haben. Warum werden wir alt, krank und schwach, warum gibt es Erdbeben, Vulkanausbrüche und Wirbelstürme, warum gibt es Dürrezeiten, Hunger und Durst, und warum um alles in der Welt müssen die Menschen, die wir lieben, sterben? Konnte es in der Frühzeit der Menschen irgendeine andere Antwort darauf geben als: Wir werden für ein Verbrechen bestraft, dass wir, unsere Väter oder unsere Vorväter begangen haben?

  8. Edgar Dahl Noch einmal: Religion als Nebenprodukt
    26.12.2007 | 02:14

    In meinen Augen sind Religionen also nicht entstanden, weil sie adaptiv sind und unseren Fortpflanzungerfolg erhöht hätten. Sie sind entstanden, weil uns unser immer größer und komplexer werdendes Gehirn (auf das tatsächlich eine reproduktive Prämie bestand!), plötzlich existenzielle Fragen vorlegte, auf die unsere Vorfahren eine Antwort finden mussten.

    Ich denke, dies ist eine recht simple Antwort. Doch zumindest momentan sehe ich keinen Grund, nach einer tiefer liegenden Ursache zu suchen.

  9. Michael Blume Danke!
    26.12.2007 | 12:54

    Lieber Herr Dahl,

    danke für die munteren Beiträge - ja, das ist eine sehr niveauvolle Diskussion! Und lustigerweise vertrete ich da eine beinhartere Biologie als Sie: natürlich behandeln Religionen auch kosmologische und existenzielle Fragen. Würde sich der Aufwand nicht nur an Denken und Zeit, sondern auch an oft kostspieligen Ritualen, Opfern usw. nicht auch wiederum auszahlen, hätte dieses kosmologische bzw. existentielle Grübeln ausdünnen müssen. Dann hätten jene Menschen (die es ja auch heute gibt), die sich um Kosmologien oder Existenzfragen nicht scheren, den gesparten Aufwand in mehr Nachkommen investieren und die unproduktiven Grübler ablösen müssen.

    Das Gegenteil war und ist aber der Fall. Dass religiöse Vergemeinschaftung mit enormen Reproduktionsvorteilen einhergeht, vermute oder behaupte ich ja nicht nur - sondern überprüfe es mit einer wachsenden Zahl von Mitforschern seit mehreren Jahren. Sowohl weltweit (Word Value Survey), wie auch in Deutschland (Birg, ALLBUS) und besonders umfassend in der Schweiz (Volkszählungen 1970 bis 2000) haben wir inzwischen empirische Daten, die klar aufzeigen: umso religiös aktiver die Betreffenden, umso erfolgreicher werden (durchschnittlich) die Gene weitergegeben. (Eine kleine Datenübersicht, wie gesagt, hier: http://religionswissenschaft.twoday.net/...047705/ )

    Die Kosmologien etwa der Amish oder orthodoxen Juden haben aus naturwissenschaftlicher Perspektive recht wenig Erklärungskraft und ihre religiösen Vorschriften sind außerordentlich umfassend und kostspielig - aber reproduktiv sind diese Gemeinschaften seit Generationen um ein Vielfaches erfolgreicher als z.B. säkulare Wissenschaftler mit State-of-the-Art Kosmologien und Seminaren in zeitgenössischer Metaphysik. Die demografischen Daten sind da einfach eindeutig - und ich beobachte derzeit gespannt, ob und wo naturalistische Wissenschaftler harte, empirische Daten ignorieren, nur weil sie nicht in die jeweilige Weltanschauung passen... (-;

    Freue mich sehr auf weitere Diskussionen! Ihnen alles Gute!

    Michael Blume

  10. Michael Blume Urban-Beitrag
    26.12.2007 | 13:12

    Konkret frage ich mich z.B., wie ich vor diesem Hintergrund etwa der Spektrum-Essay von Martin Urban (in Spektrum der Wissenschaft 01/08, S. 92f.) zu bewerten ist. Inhaltlich kann ich seinem Plädoyer für rationalen Zweifel und gegen (wörtlich) "die Bibel im Biologieunterricht" durchaus nachvollziehen.

    Nur ist es schon eine Ironie, dass Bibelglaubende "aus biologischer Sicht" etwas aufgeben würden, würden sie sich - wie gefordert - in den säkularen Mainstream einordnen. Denn der implodiert gerade nicht nur in Mitteleuropa mangels Kindern...

    Dass (wie Urban zu Recht bemerkt) der Anteil auch kreationistischer Positionen bis tief in die großen Kirchen hinein wieder wächst, hat ja die gleiche Ursache: auch die freundlich-liberalen Christen haben und erziehen zwar mehr Kinder als die Konfessionslosen, aber weit weniger als z.B. die Evangelikalen. Das kann man schlecht finden - aber haben uns nicht gerade die Naturwissenschaftler immer empfohlen, die Welt erst einmal zu verstehen, bevor wir sie bewerten?

    Naja, ich fürchte, sowohl die meisten naturalistischen Religionskritiker wie auch die meisten Religiösen werden sich wohl kaum aus ihren Schützengräben begeben - immerhin stabilisiert es ja die je eigene Identität, Feindbilder zu haben. Umso mehr genieße ich das Klima in den bisher seltenen Diskussionen, die darüber hinaus reichen.

  11. Edgar Dahl Korrelation beweist keine Kausalität
    27.12.2007 | 13:09

    Ich bezweifle nicht im geringsten, dass es eine Korrelation von Religiosität und Kindersegen geben mag. Doch selbst wenn sie existieren sollte, ist sie erst einmal eben nur das - eine Korrelation. Die Frage ist, ob nicht nur ein statistischer, sondern auch ein kausaler Zusammenhang zwischen beiden besteht.

    Darüber hinaus scheint mir die Korrelation noch kein Indiz für eine genetische Grundlage der Religiosität zu bieten. Die höhere Kinderzahl religiöser Menschen mag schlicht auf moralische Normen zurückgehen, die beispielsweise eine Empfängnisverhütung und einen Schwangerschaftsabbruch verbieten.

  12. Edgar Dahl Reproduktiver Erfolg und sozialer Status
    27.12.2007 | 13:26

    Es ist schon Jahre her, dass ich mich intensiver damit beschäftigt habe, doch nach allem, was ich weiß, ist der reproduktive Erfolg in erster Linie an den sozialen Status gekoppelt. Als man die Kinderzahl der Menschen aus dem Who's Who mit der Normalbevölkerung verglich, zeigte sich, dass die Oberen Zehntausend nicht nur das meiste Geld, sondern auch die meisten Kinder haben.

    Der Zusammenhang von sozialem Status und reproduktivem Erfolg ist biologisch leicht zu verstehen. Eine genetisch determinierte Eigenschaft wie der Ehrgeiz treibt die Männer dazu, auf der sozialen Stufenleiter nach oben zu klettern. Da diejenigen, die es schaffen, von den Frauen sexuell bevorzugt werden, hinterlassen sie nachweislich mehr Kinder.

    In meinen Augen müsste man jetzt einen ähnlichen Zusammenhang zwischen einer genetisch determinierten Eigenschaft religiöser Menschen und ihrem erhöhten Fortpflanzungserfolg finden.

  13. Edgar Dahl Ist Religion so paradox wie Altruismus?
    27.12.2007 | 14:01

    "Lustigerweise vertrete ich da eine beinhartere Biologie als Sie: natürlich behandeln Religionen auch kosmologische und existenzielle Fragen. Würde sich der Aufwand nicht nur an Denken und Zeit, sondern auch an oft kostspieligen Ritualen, Opfern usw. nicht auch wiederum auszahlen, hätte dieses kosmologische bzw. existentielle Grübeln ausdünnen müssen."

    Ich sehe das nicht. Einem Schöpfungsmythos zu glauben, kostet nichts. Religionen werden erst dann teuer, wenn sie ihre Anhänger dazu bewegen, kostbare Zeit auf rituelle statt auf ökonomische oder sexuelle Zwecke zu verwenden. Abgesehen von Pfarrern (die immerhin ihren Lebensunterhalt damit verdienen), gilt dies aber nicht für die religiösen Menschen der Gegenwart und gewiss noch viel weniger für die Menschen der Vergangenheit.

  14. Edgar Dahl Einmal anders gefragt
    27.12.2007 | 14:10

    Oder anders gefragt: Was KOSTETE es mich und was würde es mir EINBRINGEN, wenn ich vor dem Schlafengehen zwei Minuten betete und am Sonntag in die Kirche ginge, um an einer Kommunion teilzunehmen?

  15. Michael Blume Einwände
    27.12.2007 | 15:14

    Lieber Herr Dahl,

    herzlichen Dank für die Einwände.

    1. Kausalität - Korrelation. Selbstverständlich "beweist" eine Korrelation alleine nichts, legt aber schon eine Vermutung nahe. Und die Vererbbarkeit religiöser Veranlagung wurde z.B. in Zwillingsstudien (Koenig, Bouchard et al.) inzwischen gut belegt. Auch passt der Befund hervorragend zu den paläoanthropologischen Befunden, die das Auftreten des Verhaltensmerkmals erst in der mittleren Altsteinzeit und eine dynamische Zunahme von dort nahelegen - und natürlich zu neurowissenschaftlichen Befunden, die Gehirnstrukturen mit religiösem Verhalten und religiöser Erfahrung korrelieren. Bei so klarer Korrelation würden wir bei jedem tierischen Merkmal selbstverständlich erst einmal von einer Adaption ausgehen - nur Religion darf wohl nicht adaptiv sein? (-;

    1a. Welche Mechanismen?
    Sie schrieben: "Die höhere Kinderzahl religiöser Menschen mag schlicht auf moralische Normen zurückgehen, die beispielsweise eine Empfängnisverhütung und einen Schwangerschaftsabbruch verbieten."
    Selbstverständlich, völlige Zustimmung! Weitere, pronatal wirksame Gebote wären z.B. die Beschränkung von Geschlechtsverkehr auf das Eheleben - ein schöner Anreiz zum früheren Heiraten. Oder die Überzeugung, dass Kinder "Geschenke Gottes" sind usw. Wussten Sie, dass es in der jüdischen Orthodoxie inzwischen üblich geworden ist, vor der Eheschließung einen Gentest zur Vermeidung von Tay-Sachs und anderen Gendeffekten zu machen? Religionen können außerordentlich vielfältig in der Entwicklung reproduktiv erfolgreicher Strategien sein.

    2. Sozialer Status - Reproduktionserfolg. Gerade dieser Zusammenhang besteht beim Menschen so pauschal nicht. Reiche, gebildete und mächtige Menschen bekommen weltweit durchschnittlich weniger Kinder als arme, weniger gebildete und diskriminierte. So haben z.B. Afrikaner derzeit weit mehr Kinder als Europäer und in Europa haben Zuwanderer und Arbeiter weit mehr Kinder als Akademiker usw. Aber ganz davon abgesehen: wir haben ja als erstes den Reproduktionserfolg innerhalb von Bildungs- und Einkommensklassen verglichen, mit sogar zunehmendem Ergebnis. Will heißen: bei reichen und gebildeten Menschen macht die religiöse Vergemeinschaftung einen größeren Unterschied als bei ärmeren, wenig gebildeteren. Religiosität hat hier ganz klar die Funktion einer unabhängigen Variable.

    3. Sie schrieben: "Einem Schöpfungsmythos zu glauben, kostet nichts. Religionen werden erst dann teuer, wenn sie ihre Anhänger dazu bewegen, kostbare Zeit auf rituelle statt auf ökonomische oder sexuelle Zwecke zu verwenden."
    Wie geschrieben: die Kosmologie und religiöse Lebensführung eines orthodoxen Juden oder Amish (auch der Laien) ist "sehr" teuer - und reproduktiv außerordentlich erfolgreich. Dabei ist es interessant, wie reproduktiv erfolgreich sich orthodox-jüdische Gemeinden an Großstädte angepasst haben (z.B. New York, Zürich, Tel Aviv etc.), während die Amish im agrarischen Umfeld reüssieren.

    4. Sie schrieben: "Was KOSTETE es mich und was würde es mir EINBRINGEN, wenn ich vor dem Schlafengehen zwei Minuten betete und am Sonntag in die Kirche ginge, um an einer Kommunion teilzunehmen?" Genug, um beispielsweise potentiellen Partnerinnen zu signalisieren: ich bin ein gläubiger Mensch, erfahre mich durch Gott gesehen, geborgen, aber auch verpflichtet und werde also das Ehegelöbnis auch vor Gott ernst nehmen, ggf. Scheidungen ablehnen und wahrscheinlich Fruchtbarkeit als einen Bestandteil des Ehelebens betrachten.

    Diesen Signalen entspricht (empirisch!): dass katholische Christen eher und stabiler heiraten, mehr Kinder haben und ihre Kinder wiederum religiös erziehen als die Konfessionslosen... (-;

    Herzliche Grüße

    Michael Blume

  16. Edgar Dahl Religiosität
    27.12.2007 | 19:43

    Zunächst einmal: Ich habe nichts dagegen, dass Religiosität adaptiv sein mag. Ihre mögliche Adaptivität sagt ja nichts darüber aus, ob sie wahr oder falsch ist.

    Optimistisch zu denken, ist angeblich auch adaptiv, dennoch bleibe ich gern pessimistisch. In meinen Augen hat Schopenhauer nicht unrecht, als er schrieb, dass der Optimismus angesichts all des Leids und Elends in dieser Welt "eine wahrhaft ruchlose Denkungsart" sei.

    Bevor wir weiter diskutieren können, muss ich zunächst einmal eine Frage stellen: Was genau wird eigentlich gemessen, wenn man die Erblichkeit der "Religiosität" misst? Ist das Pathos, Phantasie, Demut, Dankbarkeit, Leichtgläubigkeit oder was?

    Ich denke, wenn wir die Antwort darauf haben, lässt sich besser darüber diskutieren, ob die Eigenschaft, die für "Religiosität" steht, wirklich fitnessmaximierend sein kann.

  17. Edgar Dahl Noch einmal: "Religiosität"
    27.12.2007 | 20:22

    Ich glaube wirklich, dass es wichtig ist, festzulegen, was wir unter "Religiosität" verstehen wollen. Wenn wir nämlich Eigenschaften wie Neugierde, Begeisterungsfähigkeit und Leidenschaft herausgreifen, sprechen wir von Eigenschaften, die sich, grob gesagt, Kosmologen und Theologen durchaus miteinander teilen. Albert Einstein hat sich ja nicht ganz ohne Grund einer mitunter religiösen Sprache bedient.

    So wie ich es sehe, brauchen wir also eine Eigenschaft, die gläubige Menschen von ungläubigen trennt.

    Da ich bezweifle, dass die Religion adaptiv ist, bin ich skeptisch, dass wir eine solche Eigenschaft finden werden.

    Was unterscheidet Ossis von Wessis genetisch? Höchstwahrscheinlich nichts! Dennoch sind im Osten rund 75 Prozent ungläubig, im Westen dagegen rund 75 Prozent gläubig. Der einzige Unterschied, der zwischen ihnen besteht, ist die Erziehung, die sie genossen haben. Anders als den westdeutschen Kindern, sind den ostdeutschen Kindern keine Märchen vom guten Jesus erzählt worden, wie er übers Meer spazierte und Tote auferweckte.

    Wenn man sich die USA näher ansieht, scheint es eher die Intelligenz zu sein, die gläubige Menschen von ungläubigen unterscheidet. Während etwa 92 Prozent der Bevölkerung Theisten sind, sind 92 Prozent der Mitglieder der Amerikanischen Akademie der Wissenschaften Atheisten.

    Ich bin gespannt, welche Eigenschaft Sie vor Augen haben, wenn sie meinen, dass gläubige Menschen gegenüber ungläubigen Menschen Fitnessvorteile haben.

  18. Michael Blume Beschreibung Religiosität (nach Darwin)
    27.12.2007 | 22:06

    Lieber Herr Dahl,

    noch einmal danke für die gute Diskussion und die präzisen Fragen!

    Also: für Religiosität kann es nach derzeitigem Kenntnisstand der Religionswissenschaft ebensowenig eine abschließende, allgemeingültige Definition geben wie für andere Produkte des menschlichen Gehirns wie z.B. Musik, Politik oder Mathematik. Möglich sind (in allen Fällen) aber annähernde Beschreibungen, die sich interessanterweise wieder dem Sprachgebrauch annähern, den auch bereits Charles Darwin verwendete.

    Dieser definierte "Religion als den Glauben an unsichtbare oder geistige Kräfte" und ging (darin womöglich weitblickender als vieler seiner "Schüler", z.B. Dawkins) ganz selbstverständlich davon aus, dass sich auch diese Fähigkeit des Menschen über biologische Evolutionsvorteile entwickelt hat. (Abstammung des Menschen, Kap. 3, Abschnitt Gottesglaube, Religion)

    Heute würde man die Glaubens- durch die Verhaltenskomponente erweitern und ggf. statt der transzendenten Kräfte stärker auf die Personalität der übernatürlichen Akteure abstellen. Religiosität wäre demnach zu beschreiben als "Glauben an und entsprechendes Verehren von übernatürlichen Akteuren" (wie Ahnen, Göttern, Gott).

    Sowohl in den Zwillingsstudien wie auch in unseren religionsdemografischen Arbeiten wurden je beide Parameter erfasst, z.B. der Glauben über die religiöse Selbsteinschätzung (z.B. ALLBUS "Wie religiös schätzen Sie sich ein?", von 1 bis 10), das Verhalten über die Frequenz von Gebeten und Gottesdienstbesuchen. Beide erweisen sich als sehr eng miteinander korreliert, die religiöse Praxis ist jedoch ein stärkerer Indikator mindestens für den reproduktiven Erfolg.

    Mir ist auch immer noch nicht klar, wie irgendeine menschliche Fähigkeit außerhalb unseres Gehirns und also unserer genetischen Veranlagung manifestiert werden könnte. Und völlig analog zu anderen biokulturellen Fähigkeiten wie Musikalität oder Sprachfähigkeit muss sich die Veranlagung dann natürlich auch im soziokulturellen Umfeld entfalten. Ihrem Vergleich der Ost- und Westdeutschen stimme ich daher ausdrücklich zu: für die unterschiedlichen Levels an Religiosität sind natürlich keine genetischen Unterschiede verantwortlich, sondern der Umstand, dass in Ostdeutschland die Entfaltung und Tradierung von Religiosität nicht nur nicht gefördert, sondern sogar unterdrückt wurde. (Meine Familie entstammt übrigens den neuen Bundesländern.) Hier gilt also ebenfalls völlig analog zur Musik: Wer nie in die Praxis eingeführt wurde, wird nur selten zum Virtuosen werden.

    In Summa möchte ich Ihnen also versichern, dass sich Religiosität nicht in andere menschliche (bzw. auch tierische) Veranlagungen wie Neugier, Todesfurcht o.ä. auflösen lässt. Als paläoanthropologischer Startpunkt gilt ja die Bestattung sowohl unter Homo Sapiens wie Homo Neanderthalensis - in der damit erstmals ein Glauben an ein "Weiterwirken" der Toten und ein entsprechendes Verhalten ihnen gegenüber sichtbar wird.

    Dass Erfolg kein Wahrheitskriterium ist, sehe ich (wie eingangs geschrieben) ganz genauso (Optimismus - Pessimismus ist wirklich ein gutes Beispiel! (-; ). Für den einen mag Gott der zentrale Bezugspunkt menschlichen Lebenssinns sein, für den anderen eine Mitgliedschaft in der Amerikanischen Akademie der Wissenschaften. Und ich möchte noch einmal betonen, dass die Mehrheit der Mitforscher in den Evolutionary Religious Studies Agnostiker oder gar Atheisten sind, aber eben naturwissenschaftliche Erkenntnisse als solche respektieren und suchen.

    Meine einzige Bitte ist und bleibt also die: dass gerade beinharte Naturalisten nicht plötzlich beginnen, empirischen Fakten auszuweichen, weil sie ihnen nicht ins weltanschauliche Konzept passen. Das erlebe ich leider immer wieder, auch im leider manchmal unnötig religionsfeindlichen Tenor in Spektrum der Wissenschaft.

    Religion erweist sich aber nun einmal als ein Teil der menschlichen Natur, ebenso evolviert wie Musikalität, Sprachfähigkeit und andere Vernlagungen unseres Gehirns, und ebenso naturwissenschaftlicher Beschreibung zugänglich. Und ich hoffe, dass sowohl religiöse wie atheistische Fundamentalisten endlich von ihren Bäumen herunter kommen und beginnen, auf der Basis harter, empirischer Fakten gemeinsam zu diskutieren, zu forschen und zu entdecken.

    Die gute Diskussionen mit Ihnen, Herr Dahl, hat mir ausdrücklich Mut gemacht, dass es in diese empirische Richtung laufen könnte. Danke dafür!

    Michael Blume

  19. Edgar Dahl Religion als Schicksal!?
    27.12.2007 | 22:48

    Dass die Religion ein Teil der menschlichen Natur ist, kann man, denke ich, von beiden Perspektiven aus behaupten - sowohl von Ihrer wie von meiner.

    In Ihrer Perspektive gehört die Religion zur menschlichen Natur, weil die Religiosität in unserer DNA kodiert ist und aufgrund ihres fitness-maximierenden Effekts von Generation zu Generation weitervererbt wird.

    In meiner Perspektive gehört die Religion zur menschlichen Natur, weil sie ein Produkt unseres Gehirns ist, das uns angesichts der Schönheit der Natur und der Endlichkeit unseres Lebens fragen und staunen lässt. Sobald wir uns einmal unserer Fressfeinde erwehrt hatten und etwas Muße besaßen, konnten wir nicht anders, als eine "Weltanschaung" zu entwickeln, die die Fragen nach unserem woher und wohin beantwortet.

    Diejenigen Weltanschauungen, die sich übernatürlicher - oder etwas vornehmer: sakraler - Erklärungen bedienen, nennen wir Religion. Diejenigen Weltanschauungen, die sich lediglich natürlicher - oder von mir aus auch: profaner - Erklärungen bedienen, nennen wir Philosophie.

    In meinen Augen sind also sowohl die Religion als auch die Philosophie bloße Weltanschauungen. Sowenig uns bestimmte Philosophien angeboren sind, sowenig sind uns bestimmte Religionen angeboren. Angeboren ist uns, wenn überhaupt, nur das Staunen, das die Griechen nicht zu unrecht als die "Mutter der Philosophie" betrachteten.

  20. Edgar Dahl Definition der Religion
    27.12.2007 | 23:27

    Ich hätte Religion ähnlich wie Darwin definiert, nämlich als den Glauben an übernatürliche Wesenheiten. Doch ich fürchte, diese Definition wird nicht genügen - jedenfalls nicht für Ihre Zwecke. Der bloße Glaube hat schließlich noch keinerlei Implikationen für unser Verhalten. Wenn ich glaube, dass eine Spinne diese Welt aus sich herausgesponnen hat, entstehen mir weder irgendwelche Vorteile noch irgendwelche Nachteile (es sei denn, irgendwelche Frauen würden sich ob meines absonderlichen Glaubens magisch zu mir hingezogen fühlen, was man mit guten Gründen bezweifeln darf).

    Auch Ihre eigene Definition, die neben dem Glauben auch die Verehrung einschließt, scheint mir nicht zu genügen. Selbst wenn ich der besagten Spinne jeden Tag eine Fliege "opferte", würden mir daraus weder Vor- noch Nachteile entstehen.

    Es kann also nicht der Glaube an irgendwelche beliebigen übernatürlichen Wesenheiten sein, der adaptiv ist, sondern nur der Glaube an Wesenheiten, die mit mir in Verbindung treten und mir ein bestimmtes Handeln auferlegen. Dieses Handeln kann mir dann zu meinem Vorteil oder zu meinem Nachteil gereichen. Wenn mir dieses Wesen sagt: "Alles ist eitel", mag ich mich (und meine Gene) in die nächste Schlucht stürzen; sagt es mir dagegen: "Sei fruchtbar und mehre dich", mag ich mich auf Brautschau begeben und mich (und meine Gene) fortpflanzen.

    Wenn es aber letztlich die Befolgung von bestimmten Handlungsanweisungen ist, die mir biologische Vor- oder Nachteile verschafft, dann scheint es mehr die Ethik als die Religion zu sein, die adaptiv oder maladaptiv ist.

szmtag