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Perspektiven einer zukünftigen Medizin und eines sich wandelnden Arztbildes

Beitrag vom 01. Juli 2009, 14:49

Hans-Gerhard HusungEin Beitrag von Dr. Hans-Gerhard Husung
Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung, Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung, Berlin

Die medizinische Ausbildung bereitet auf einen "regulierten" Beruf vor. Das hat besondere rechtliche, aber auch mentale Konsequenzen: Es gibt gefühlte Selbstwahrnehmungen von Abständen zu anderen regulierten Berufen, die nicht ausschließlich sachlich begründet sind. Sie definieren sich über den Status der Ausbildungsinstitution, die Länge der Ausbildung und das zugeschriebene Ansehen des verliehenen akademischen Grades.

Diesen rechtlichen Rahmen immer wieder so weiterzuentwickeln und inhaltlich auszugestalten, dass dabei die Voraussetzungen für die Ausbildung eines modernen Arztes geschaffen werden, ist viel zu wichtig, als dass man es der Profession mit ihren zunehmend wiederstreitenden internen Interessen allein überlassen könnte.

Allerdings sind auch keine wesentlichen Differenzen z.B. zwischen der Genfer Deklaration des Weltärztebundes und den Erwartungen der potentiellen Patienten festzustellen, wenn man die aktuellen Umfragen betrachtet: Für 84% der Befragten soll ein Arzt Berater, für 60% Therapeut und für 36% Seelsorger sein. Den Heiler sehen in ihm nur 46%. Die Angelsachsen bringen das mit "consultant" als Bezeichnung für den fachärztlichen Berater zum Ausdruck. Hier klingt eine große Herausforderung an: Seelsorger und Berater kann am besten eine wertorientierte Persönlichkeit sein, deren Entwicklung man bei der Anlage des Medizinstudiums berücksichtigen sollte.

Die Individualisierung der Medizin steht erst am Anfang und wird neue Herausforderungen für den ärztlichen Alltag mit sich bringen. Werden neue Spezialisierungen entstehen oder gar neue patientenbezogene Berufe, die ein medizinisches Grundstudium mit neuartigen Verbindungen zu anderen wissenschaftsgetriebenen Fächern fordern?

Die Aufgaben des Arztes und die Anforderungen an sein ärztliches Handeln werden sich weiter durch die Verschiebung der Altersstruktur der Bevölkerung, die Veränderung des Krankheitsspektrums sowie durch die Zunahme von Umweltbelastungen und die Veränderung von Lebensstilen mit zum Teil gesundheitsschädigendem Verhalten verändern. Der Individualisierung der Medizin kommt wachsende Bedeutung für die Ausbildung ihrer fachlichen Schwerpunkte zu.

Seit die traditionelle auf Fachdisziplinen beruhende Medizinerausbildung aufgegeben wurde, geht es bei der Curriculumsentwicklung um die möglichst konstruktive Verbindung von Grundlagenwissenschaften, klinischem Anwendungsbezug der Wissensbasis und klinischer Praxis am Patienten. Dass bei dieser Gestaltungsaufgabe angelsächsische Erfahrungen und Konzepte helfen können, wird immer wieder erwähnt, doch bei der Forschung scheinen wir insgesamt aufgeschlossener zu sein als bei der Lehre.

Angesichts der hohen Kosten für eine Medizinerausbildung müssen wir uns fragen, wo wir Menschen im langen Ausbildungs- und Berufsfindungsprozess verlieren. Das Monitoring der Bundesärztekammer beklagt das seit den 80er Jahren sinkende Erfolgsniveau, das inzwischen nur noch bei etwas über 80% liege, also zunehmender Studienabbruch. Darüber hinaus kalkuliert dieselbe Quelle einen weiteren Schwund bis zur ärztlichen Prüfung von 15-20%. Das sind Größenordnungen, die Beachtung verdienen, bei aller Differenz zu den Daten von HIS und Wissenschaftsrat.

Zugleich wissen wir, dass Absolventen eines Medizinstudiums in anderen Berufsfeldern gefragt sind und dort in wachsender Zahl beruflich tätig werden. Listen alternativer Berufsfelder werden den Schulabgängern bereits bei der Information zur Studienwahl angeboten.

Der besondere Bedarf an Medizinern für die Forschung muss nicht betont werden. Gerade für neue Anforderungen aus der Forschung wie beispielsweise den Neurowissenschaften stellt sich die berechtigte Frage, ob ein grundständiges Studienangebot der richtige Weg in diesen innovativen Forschungsbereich ist - die Wissenschaft hat sich begründet anders entschieden. Ist die Alternative tatsächlich nur der lange Weg über eine Medizinerausbildung in ein entsprechendes Masterangebot und eine anschließende Promotion im Bereich der Neurowissenschaften? Wäre nicht ein focussierterer und kürzerer Weg in die Forschung sinnvoller und denkbar, ohne dabei im Studium den Menschen aus dem Blick zu verlieren? Viele Studierende bringen den Grundlagenwissenschaften und den klassischen vorklinischen Fächern ein großes Interesse entgegen und sehen darin ihre berufliche Zukunft. Für diese Studierenden sollte ein Weg im Rahmen eines gestuften Medizinstudiums gefunden werden, frühzeitiger eine Ausrichtung auf die grundlagenorientierten Fächer zu erzielen.

Als die Chemie vor dem Hintergrund neuer Anforderungen der Forschung und der beruflichen Praxis vor einem vergleichbaren Problem stand, hat sie 1996 in ihrer Würzburger Denkschrift zur Neuordnung des Chemiestudiums einen großen Anpassungsschritt vorgenommen. Bezogen auf das damalige Diplomstudium sollte nach einem sechssemestrigen Basisstudium eine Verzweigung in den anschließenden vier Semestern in ein forschungsorientiertes, ein anwendungsorientiertes Chemiestudium oder eine Verbindung mit einem nichtchemischen Zusatzstudium z.B. zum Diplomwirtschafts-chemiker erfolgen. Inzwischen haben sich die Akteure der Chemie erfolgreich auf den Weg nach Bologna mit BA- und MA-Abschlüssen gemacht. Die analoge Frage an das Medizinstudium wäre: Lassen sich Ausbildungsanteile sinnvoll zusammenzufassen, die für einen polyvalenten ersten berufsqualifizierenden Abschluss sinnvoll wären? Wohlgemerkt geht es dabei nicht um Berufsfertigkeit und erst recht nicht darum, das Medizinstudium auf sechs Semester zu verkürzen. Hingegen sollen durch einen schonenden Umgang mit den knappen Ressourcen Lebenszeit und Geld nachfrageorientiert berufliche Alternativen zur ärztlichen Ausbildung eröffnet werden!

Für die Frage nach dem Staatsexamen bietet die gestufte Lehrerausbildung Wege an, die im Masterstudium die entscheidende Professionalisierung vorsieht. Aber die Lehrerbildung ist noch unter einem weiteren Aspekt in diesem Zusammenhang von Interesse: 16 Länder bilden ihre Lehrer nach eigenen Regeln aus. Wie bei der vergleichbaren Messung der Schülerleistungen hat sich die Kultusministerkonferenz auf einen kompetenzorientierten Ansatz verständigt, auf dessen Basis Mobilität möglich ist und die gegenseitige Anerkennung unterschiedlicher Studiendauern und Abschlüsse gewährleistet wird. Die Debatte zur Medizinerausbildung auf europäischer Ebene geht in diese Richtung. Mit dem Tuning Projekt ist diese Aufgabe einer kompetenzbasierten Rahmen-gestaltung im Jahre 2000 in Angriff genommen. Dieser Ansatz findet auch Niederschlag in der entsprechenden Europäischen Richtlinie aus dem Jahre 2005, mit der die Anerkennung der Berufsqualifikation in den Mitgliedstaaten der Europäischen Union gewährleistet werden soll. Die Vorstellung eines einheitlichen und gleichen Curriculums in Deutschland oder gar in Europa kann keine Lösung der Mobilitätsfrage sein.



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Kommentare

  1. Thomas Grüter Ärzteausbildung und Wahlkampf
    02.07.2009 | 15:01

    Sehr geehrter Herr Staatssekretär,

    wenn Sie mir die Bemerkung gestatten, würde ich ihren Betrag gerne als Lehrstück für die Politikersprache in Wahlkampfzeiten empfehlen. Er ist glatt, schmückt sich mit vielen Passivkonstruktionen, Abschweifungen und Beziehungsfehlern und versteckt seine Aussage zwischen vielen nichtssagenden Phrasen. Aber sachlich ist er nicht immer richtig.

    Nehmen wir beispielsweise den Satz:

    Diesen rechtlichen Rahmen [der medizinischen Ausbildung] immer wieder so weiterzuentwickeln und inhaltlich auszugestalten, dass dabei die Voraussetzungen für die Ausbildung eines modernen Arztes geschaffen werden, ist viel zu wichtig, als dass man es der Profession mit ihren zunehmend widerstreitenden internen Interessen allein überlassen könnte.

    In einfachen Worten bedeutet das:

    Die Ärzteverbände sind zu zerstritten, als dass man (wer ist 'man'?) ihnen die Verantwortung für die rechtliche Ausgestaltung der ärztliche Ausbildung überlassen könnte. Sie würden nicht die Voraussetzung für eine Ausbildung schaffen, die den heutigen Anforderungen entspricht.

    Gestatten Sie mir, Sie darauf hinzuweisen, dass das Bundesgesundheitsministerium die ärztliche Ausbildung per Verordnung regelt. Die Ärzteverbände haben allenfalls die Möglichkeit, eine Stellungnahme abzugeben. Ihr Vorstoß trifft also die Falschen.

    Sie schreiben, dass 60% der Patienten im Arzt den Therapeuten und 46% den Heiler sehen. Würden Sie mir bitte den Unterschied zwischen Therapeut und Heiler erläutern? Ich wäre Ihnen auch dankbar, wenn Sie die Quelle ihrer Information nennen können, denn der nebelhafte Bezug auf „aktuelle Umfragen“ erlaubt keine Überprüfung.

    Sie schreiben:
    Seelsorger und Berater kann am besten eine wertorientierte Persönlichkeit sein, deren Entwicklung man bei der Anlage des Medizinstudiums berücksichtigen sollte.

    Am besten setzen Sie sich mit dem Bundesgesundheitsministerium in Verbindung und schlagen vor, es möchte in die nächste Fassung der Approbationsordnung einen Kurs „wertorientieren Persönlichkeitentwicklung“ aufnehmen, einschließlich einer Werteprüfung natürlich.

    Die Abbruchquote im Medizinstudium ist keineswegs besonders hoch, sondern eher niedrig.
    Sie plädieren dafür, wegen der hohen Kosten des Studiums ein verkürztes Studium für solche Medizinstudenten anzubieten, die später in die Wissenschaft gehen wollen. Sie sollen dann an das Grundstudium eine Spezialausbildung anschließen, ohne „den Menschen aus dem Blick zu verlieren“. Nun bekommen die Studenten den Menschen aber eigentlich erst im klinischen Teil des Studiums in den Blick und müssen ihr gazes Berufsleben lang daran arbeiten, diesen Blick zu schärfen.

    Die medizinische Forschung soll den Menschen dienen, ihre Lebensqualität verbessern, Leiden auf bessere Weise heilen oder wenigstens lindern. Die Abwägung zwischen dem Möglichen, dem Sinnvollen und dem Vertretbaren setzt eine sehr gründliche Ausbildung voraus. Wollen Sie also wirklich dafür plädieren, den künftigen Forschern einen Nebenweg zu bieten, der die klinischen Teil des Studiums umgeht und ihn durch die freundliche Mahnung ersetzt, den Menschen nicht aus dem Blick zu verlieren?

    Sie werden sicherlich gehört haben, dass sich das medizinische Wissen in den letzten Jahrzehnten vervielfacht hat. Warum sollte man also Studium verkürzen verkürzen und schon frühzeitig eine Spezialisierung anstreben? Müsste man nicht im Gegenteil versuchen, allen ein gewisses Grundwissen beizubringen? Sehen Sie nicht die Gefahr, dass sonst einer des anderen Sprache nicht mehr versteht?

    Schließlich habe ich noch eine Frage: Wenn es nach drei Jahren Studium einen ersten berufsqualifizierenden Abschluss geben soll, welcher Beruf ist das? Ich habe das auch nach mehrfachem Durchlesen ihres Beitrags nicht herausbringen können.

    Deshalb habe ich den Verdacht, dass dieser Beruf extra geschaffen werden müsste. Meine Meinung dazu können Sie im Lexikon unter Schildbürgerstreich nachsehen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Thomas Grüter

  2. 23.11.2009 | 10:52

    Hochinteressanter Artikel! Aus dieser Perspektive hab ich bis jetzt gar nicht betrachtet! Vielen Dank!

szmtag