wissenslogs 10 JAHRE BOLOGNA

Bachelor- und Masterstudium an der Medizinischen Fakultät der Universität Basel: Ein Praxisbeispiel

Beitrag vom 19. Juni 2009, 16:40

Hedwig J. KaiserEin Beitrag von Prof. Dr. Hedwig J. Kaiser
Studiendekanin der Medizinischen Fakultät sowie Vizerektorin für Lehre an der Universität Basel

Periode "vor Bologna"

Das Medizinstudium in der Schweiz ist seit Mitte der 90er Jahre in einem ständigen Reformprozess. Der erste Reformprozess wurde ausgelöst durch ein verstärktes Problembewusstsein, dass Änderungen in den Anforderungen an den Arztberuf auch eine Anpassung des Studiums erfordern. Auch auf dem Hintergrund der WHO-Definition von Gesundheit (volles physisches, geistiges, psychisches und soziales Wohlbefinden und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Behinderung) und der Neudefinition des Arztbildes (WHO 5* doctor: care provider, decision maker, communicator, community leader and manager) wurde das Curriculum umgestaltet mit dem Ziel folgende Punkte zu fördern: 1. Unabhängiges, effizientes und lebenslanges Lernen, 2. Kritisches Urteilsvermögen, 3. Die Anwendung wissenschaftlicher Methoden, 4. Die Entwicklung sozialer, ethischen, kommunikativer und wirtschaftlicher Fähigkeiten. Im Rahmen dieser Reform hat die Schweizerische Medizinische Interfakultätskommission (SMIFK) in Zusammenarbeit mit den 5 Medizinischen Fakultäten, und der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH) 2003/04 den Swiss Catalogue of Learning Objectives for Undergraduate Medical Training entwickelt. Dieser Lernzielkatalog ist zwischenzeitlich auf die Anforderungen des Bolognaprozesses und das 2007 in Kraft getretene Medizinalberufegesetz angepasst worden (www.smifk.ch). Dieser Lernzielkatalog ist für alle Medizinischen Fakultäten bindend und inhaltliche Grundlage für die Eidgenössische Prüfung. Im Rahmen dieser ersten Reform erfolgte bereites eine horizontale und vertikale Vernetzung der Lehrinhalte. Dies wurde erreicht durch organspezifische Themenblöcke und Integration von klinischen Inhalten ab dem 1. Studienjahr. Das 6-jährige Studium war in einer dreimal zwei Struktur aufgebaut mit folgenden Schwerpunkten: 1. und 2. Studienjahr: Der gesunde Körper, 3. und 4. Studienjahr: Der kranke Körper, 5. und 6. Studienjahr: Praktische Erfahrung, Differentialdiagnose und Synthese.

Einführung von Bologna

Die Schweizer Universitätskonferenz (SUK) hat in den Bologna-Richtlinen 2003 die Medizin nicht ausgenommen und diese sollte ebenfalls nach diesen Vorgaben umgestalten werden. Es gab auch auf politischer Ebene Diskussionen über die Zukunft der universitären Medizinerausbildung und die Schweizer Hochschulrektorenkonferenz (CRUS) hat 2004 ein Konzeptpapier Hochschulmedizin 2008 publiziert indem unter anderem die Einführung der gestuften Studienstruktur nach Bologna festgehalten wurde. Die SMIFK hat den Ball aufgenommen und von der SMIFK Arbeitsgruppe Bologna wurde ein Modell zur Umsetzung der Bachelor- Master- Struktur in der Medizin ausgearbeitet, dem die CRUS im April 2005 einstimmig zustimmte. In diesem Modell ist die Medizinische Ausbildung als integrativer Studiengang konzipiert. Dem 3-jährigen Bachelor (180 ECTS) Medizin oder Zahnmedizin folgt ein konsekutiver 3-jähriger Master für die Medizin (inklusive Wahlstudienjahr) oder ein 2-jähriges Masterstudium in Zahnmedizin. So kommen die Bologna-Richtlinien der Schweizerischen Universitätskonferenz zur Anwendung; gleichzeitig sind die Modelle mit den europäischen Anforderungen an die Ausübung des Arztberufes kompatibel.
Mit dem abgeschlossenen Masterstudium kann man zur Eidgenössischen Prüfung zugelassen werden, welche die Voraussetzung für den Eintritt in die Weiterbildung als Assistenzärztin, Assistenzarzt ist. Der Titel Dr. med kann erworben werden durch eine Dissertationsarbeit mit wissenschaftlicher Tätigkeit im Umfang eines Jahres. Die Doktorarbeit kann auf der Masterarbeit aufbauen. Dieser Titel entspricht nicht einem PhD Abschluss.  Die Eckwerte für die 3. Stufe von Bologna, dem Doktoratsstudium zur Erlangung eines PhD werden derzeit von der Konferenz für Hochschulmedizin ausgearbeitet.

Bologna Model Medicine „Physician Track“

Bologna Model Dental Medicine

Bologna Umsetzung Modell "Physician Track" in Basel

In Basel begannen die ersten Studierenden ihr Bachelor Studium im Wintersemester 2006/2007. Hinter den Kulissen ging diesem Termin ein organisatorischer Marathonlauf voraus. Innerhalb kürzester Zeit musste das Curriculum vom früheren Studienplan auf die neue, zweimal dreijährige Struktur umgestellt werden. Als Grundlage dafür wurde folgende Outcome Definition des Bachelors von der Fakultät verabschiedet. "Das Bachelorstudium ist ein integraler Bestandteil des Masterstudiums. Die Absolventinnen und Absolventen haben Grundkenntnisse vom gesunden und kranken Menschen erworben  in fächerübergreifenden Themenblöcken die nach Organsystemen strukturiert sind. Sie beherrschen relevante naturwissenschaftliche und sozialwissenschaftliche Grundlagen für eine klinisch orientierte Zuordnung von Symptomen und Krankheitsbildern. Sie verfügen über die Grundkompetenzen in den praktischen Fertigkeiten und des wissenschaftlichen Arbeitens und sie demonstrieren professionelles Verhalten im beruflichen Umfeld. Mit dem Bachelorabschluss ist es nicht möglich ärztlich tätig zu sein". Die outcome Definition des Masterstudiums ist im Medizinalberufegesetz festgehalten und im Swiss Catalogue of Learning Objectives for Undergraduate Medical Training operationalisiert.

Der Aufbau der Bachelorstufe besteht aus einem Kern (Obligations) - und Mantelstudium (Vertiefungsrichtung oder Major). Das Kernstudium gliedert sich in Themenblöcke und Basiskompetenzen. Als Vertiefungsrichtung kann in Basel Clinical Medicine (klassische Humanmedizin) und Dental Medicine (Zahnmedizin) gewählt werden. Die Vernetzung mit dem Masterstudium wird durch folgende Strukturkonzepte gewährleistet. Im Rahmen einer doppelten Lehr- Lernspirale werden im Bachelor die Themenblöcke mit besonderem Augenmerk auf Anatomie, Physiologie, Pathologie und Pathophysiologie anhand von klinischen Beispielen gelehrt. In der zweiten Schlaufe der Spirale durchlaufen die Studierenden im Master die gleichen organbezogenen Themenblöcke unter besonderer Berücksichtigung von Klinik, Diagnostik, Therapie und Differentialdiagnose. Themenblöcke (TB) die ein Organsystem betreffend bilden administrativ eine Einheit in Bachelor und Master. TB-Leiter im Bachelor ist ein Grundlagen- wissenschaftler, der korrespondierende Kliniker ist als Co-TB-Leiter verantwortlich für die Integration der klinischen Inhalte. Im Master ist der Lead beim Kliniker und der Grundlagenwissenschaftler repräsentiert als Co-TB-Leiter die Grundlagen, dies erleichtert den Transfer von klinischen Inhalten in den Bachelor ebenso wie eine Vertiefung der Grundlagen im Master. Die Basiskompetenzen im Bachelor und Erweiterte Kompetenzen im Master bilden für alle den roten Faden durch die fünf Studienjahre. Sie gliedern sich in folgende Teilbereiche: Soziale und kommunikative Kompetenz, manuelle Fertigkeiten, wissenschaftliches Arbeiten sowie Humanities und Ethik. In der Vertiefungsrichtung werden in überwiegend Module für Kleingruppen angeboten wie das Lernen am Projekt, Vertiefungsmodule, oder Wahlmodule Die Vertiefungsmodule dienen der individuellen Schwerpunktsetzung der Studierenden. Sie können klinisch orientierte Module (u.a. Notfall-Nachtdienst) und/oder wissenschafltich orientierte Modulen besuchen. Eine Besonderheit in Basel ist seit der ersten Studienreform das Einzeltutoriat in einer Hausarztpraxis. Hier erfolgt an 24 Nachmittagen ein 1:1 Teaching.

Im Sommer 2009 werden die ersten Bachelorabschlüsse in Basel vergeben. Nach bisherigen Informationen werden die überwiegende Anzahl der Studierenden mit dem Masterstudium beginnen. Die Zukunft wird zeigen welche Berufsfelder sich für Bachelorabgänger eröffnen oder welche Anschluss-Studienmöglichkeiten sich anbieten. Derzeit ist es der Master in Medizininformatik, Master of biomedical engeneering und spezialisierte Masterprogramme. Der Bachelor in Medizin beinhaltet einen kompletten Überblick des Aufbaus und der Funktion des menschlichen Körpers. Dies ist ein Profil, das Bereiche interessieren könnte, in denen keine komplett ausgebildeten Mediziner benötigt werden, aber Personen mit einem guten Verständnis des menschlichen Körpers und einem Basiswissen in Medizin (pharmazeutische Industrie, Versicherungen, etc.)

Fazit

Insgesamt ist die  Umstellung gut geglückt. Was die Schwierigkeiten betrifft, so sind es dieselben, wie bei jeder Veränderung. Das trifft auf die Studierenden wie Dozierenden gleichermassen zu. Den Studierenden kommt eine neue - aktivere -Rolle im Lernprozess zu und Vorerfahrungen höherer Jahrgänge im "alten System" sind nicht mehr zutreffend. Der Umgang damit fällt einigen Studierenden schwer. Man muss den Lehrkörper überzeugen und motivieren, immer und immer wieder Anstrengungen in der Lehre zu unternehmen. Das ist nicht immer einfach, da die Universitäten mehr und mehr in der Forschung (Publikationen, Drittmittel) und in der Dienstleistung (Spitzenmedizin!) wettbewerbsfähig sein müssen. Trotzdem ist das Engagement in der Lehre und im Reformprozess in Basel bemerkenswert.



Weiterführende Links: 

  • "Jetzt umlenken!" Kommentar von Prof. Dr. Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbandes,  in Spektrum der Wissenschaft 6/2009 (pdf)
  • 10 Jahre Bologna - Die Zukunft unserer HochschulenBloggewitter "10 Jahre Bologna - Die Zukunft unserer Hochschulen: Bologna-Übersichtsseite

 

 

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