wissenslogs 10 JAHRE BOLOGNA

Der Bologna-Prozess - eine Standortbestimmung

Beitrag vom 18. Juni 2009, 08:27

Margret WintermantelEin Statement von Prof. Dr. Margret Wintermantel
Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz


10 Jahre Bologna – die Gesamtbilanz fällt gut aus: Die meisten Studiengänge sind auf Bachelor/Master umgestellt und die Mehrzahl der Studierenden äußert sich zufrieden. Die Reform kommt gerade ihnen zugute: Sie können aufgrund der strukturierten Programme ihr Studium besser planen. Sie wissen, welche Kompetenzen sie erwerben. Da die Inhalte auf ihre Arbeitsmarktrelevanz geprüft werden, wird der Übergang in den Beruf erleichtert. Gerade auch für die Bachelor-Absolventen zeichnen sich inzwischen gute Perspektiven ab. Die Abbrecherquoten sind in vielen Fächern gesunken. Die Mobilität zwischen Bachelor- und Masterabschluss ist gestiegen.

In einigen Punkten gibt es allerdings noch Nachbesserungsbedarf. Verschulung und zu hoher Prüfungsdruck sind allerdings keine strukturellen Probleme, sondern Herausforderungen, die sich durch eine bessere Studienorganisation bewältigen lassen. Die Hochschulen haben das erkannt und entwickeln bereits Lösungen. Zugleich bleibt aber der Staat in der Pflicht, die Studienbedingungen durch eine bessere Finanzierung der Studienplätze zu verbessern.

Wo stehen wir mit Blick auf die wichtigsten Einzelziele des Bologna-Prozesses?

  1. Die strukturierten Studiengangsentwicklungen und transparenten Studienverläufe von Bachelor- und Masterprogrammen machen das Studium für die Studierenden leichter planbar. Zudem können Sie durch die abgebildete Workload ein besseres Zeitmanagement verfolgen. Diese klare Strukturierung zeigt sich in den Ergebnissen von Absolventenstudien, die feststellen, dass die tatsächlichen Studienzeiten bis zum Studienabschluss näher an den Regelstudienzeiten liegen als früher.
  2. In Deutschland ist die Studienreform auch mit einem Paradigmenwechsel verbunden, der die Studierenden in den Mittelpunkt des Studiums stellt. Damit ist die Lernergebnisorientierung und individuelle Kompetenzorientierung eines der zentralen Punkte des Bologna-Prozesses. Schon in den Modulbeschreibungen werden neben den Lernzielen auch die dafür notwendigen Kompetenzen und die zu erreichenden Lernergebnisse definiert. Wurde der Fokus früher lediglich auf die Wissensvermittlung gelegt, so werden heute neben den Fachinhalten auch methodische, soziale und persönliche Kompetenzen gefördert.
  3. Mit der Studienreform hat auch die Lehre an Bedeutung gewonnen. Ergebnisse der Hochschulforschung zeigen, dass über die Lehrqualität in den neuen Studiengängen ein positives Resümee gezogen werden konnte. In vielen Hochschulen hat sich gezeigt, dass die methodischen und didaktischen Konzepte der Lehrenden in den modularisierten Studiengängen von Seiten der Studierenden deutlich besser als in den traditionellen Studiengängen beurteilt werden (z.B. Universität Konstanz, RUB, FU Berlin KatHO NRW etc.).
  4. Während Prüfungen früher mehrheitlich zum Ende des Studiums durchgeführt wurden, haben wir heute den Vorteil, dass Studierende durch studienbegleitende Prüfungen schon frühzeitig ihre individuellen Stärken oder Schwächen erkennen und daran arbeiten können. In einigen Universitäten schreiben Bachelor-Studierende jedoch zu viele Prüfungen; die Studieninhalte sind dabei oft dicht gedrängt. Hierfür müssen durch aufeinander abgestimmte und innovative Lehr-, Lern- und Prüfungsformen Lösungen gefunden werden.
  5. Die Reform verfolgt außerdem das Ziel, die Studiengänge auf Beschäftigungsfähigkeit zu prüfen, da die wenigsten Absolventen als Wissenschaftler oder Forscher arbeiten werden. Durch die Integration von Schlüsselkompetenzen in die Studiengänge und den Praxisbezug im Studium wird der Übergang in den Arbeitsmarkt erleichtert. Zusätzlich werden die Studierenden durch die Career Services der Hochschulen unterstützt, die als Schnittstellen zwischen Hochschulen und Wirtschaft fungieren.
  6. Auch bei den Abbrecherquoten lassen sich Erfolge feststellen, wenn man sich die Daten der Abbrecherstudien differenziert anschaut. Laut einer Studie von HIS ist ein deutlicher Rückgang der Abbruchquote zwischen 2004 und 2006 in den Sprach- u. Kulturwissenschaften (Universitäten) (2004: 43 % / 2006: 32 %) und in den Fakultäten der Sozial-, Agrar-, Forst- und Ernährungswissenschaften (Universitäten) (2004: 27 % / 2006: 10 %) zu verzeichnen. Insbesondere in ingenieur- und wirtschaftswissenschaftlichen Bachelorstudiengängen an Fachhochschulen ist die Studienabbruchquote jedoch nach wie vor überdurchschnittlich hoch. Hier müssen die Studierenden zu Studienbeginn und während des Studiums die nötige Beratung erhalten, um sie vor einem Endlosstudium oder einem Abbruch zu bewahren.
  7. Die studienbegleitende Auslandsmobilität hat sich gegenüber den traditionellen Studiengängen in den ersten sechs Hochschulsemestern nicht wesentlich verändert. Die Mobilität findet insbesondere in den höheren Hochschulsemestern statt – hier ist sie sogar um einige Prozentpunkte gestiegen. In den Bachelorstudiengängen hingegen gibt es verschiedene Mobilitätshindernisse, auf die die Hochschulen noch besser eingehen können. Hier könnten sie zum Beispiel Mobilitätsfenster einrichten und systematische Anerkennungsverfahren entwickeln und verstärkt internationale Hochschulkooperationen aufbauen, um durch Instrumente wie Learning Agreements oder Joint Degrees die Mobilität von Studierenden zu unterstützen.

 



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Kommentare

  1. Helmut Wicht "differenzierte Betrachtung"
    18.06.2009 | 12:38

    ("differenzierte Betrachtung der Studienabbrecherquoten")

    Ach je,

    wenn man unter "Differenzierung" das Vermögen versteht, nur die Datensätze zur Kenntnis zu nehmen, die zur Hypothese passen - dann vielleicht ja.

    Hier:

    http://www.his.de/...tbericht-studienabbruch_2.pdf

    ist das Link zur Studie, aus der meines Wissens die Zahlen stammen. Ich verweise vor allem auf Seiten 37 und 38 und überlasse es dem Leser, seine Schlussfolgerungen über den (hochschulpolitischen) Umgang mit "Kennzahlen" zu ziehen.

szmtag