wissenslogs 10 JAHRE BOLOGNA

Den Bologna-Prozess in der praktischen Umsetzung verbessern

Beitrag vom 18. Juni 2009, 15:59

Ernst Dieter RossmannEine Stellungnahme von Dr. Ernst Dieter Rossmann, MdB. Er ist seit 2009 Sprecher der Arbeitsgruppe Bildung und Forschung der SPD-Bundestagsfraktion.

Fast zehn Jahre nach dem Beginn des sogenannten Bologna-Prozesses hat die Konferenz von Leuven gezeigt, wie weit diese Initiative zu einem gemeinsamen europäischen Hochschulraum mittlerweile ausgreift. Nicht nur, dass aus den ersten 27 Staaten, die seinerzeit beim Beginn des Bologna-Prozesses dabei waren, mittlerweile 46 geworden sind. Nein, auch zahlreiche Drittstaaten bis hin zu Australien haben in einem assoziierten Bologna-Forum in Leuven Interesse an den Zielen wie dem System dieser tiefgreifenden Hochschulreform in Europa gezeigt. Ohne dass hier gleich eine "Bologna-UNO" am Horizont erscheint, ist dennoch zu konstatieren, dass Europa mit dem Bologna-Prozess offensichtlich ein interessantes Modell entwickelt hat, und es in der weiteren Folge sehr wohl dahin kommen könnte, dass dieses Modell zum Benchmark in der globalen Hochschulwelt werden könnte. Umso wichtiger ist es, dass einerseits alles getan wird, um die Transparenz dieses Prozesses und die Ergebnisse noch weiter zu erhöhen. Wir begrüßen daher, dass in Leuven auch Verabredungen zu einer Verbesserung des europäischen Hochschulstatistikwesens getroffen worden sind. Natürlich wird es entscheidend darauf ankommen, welche Qualität dieses Statistik- und Berichtwesen erreicht. Die SPD-Bildungs- und Forschungspolitiker stehen einem von der OECD ins Gespräch gebrachten "Hochschul-PISA" nach wie vor sehr aufgeschlossen gegenüber. Ein qualitatives Hochschul-PISA, selbst wenn die Bedingungen für ein Schul- und ein Hochschul-PISA natürlich ganz andere sind, ist für uns jedenfalls die bessere Alternative zu einem simplen Hochschulranking, wie es bis dato ins Gespräch gebracht und glücklicherweise aber noch nicht beschlossen worden ist.

Mehr Qualität im Studienaufbau und in der Studiendurchführung

Am Anfang des Bologna-Prozesses stand nicht zuletzt die Erwartung, mit einer dualen Struktur von Bachelor und Master den Ausbau des Studiums im Sinne einer Berufsorientierung, einer Wissenschaftsorientierung und einer Strukturierung des Studiums im Sinne von Verkürzung und Stufenbildung zu erreichen. Diese Debatte ist in den bisherigen Bologna-Folgekonferenzen vor allem unter der Maßgabe geführt worden, welche Qualitäten man in der Umstellung der Studiengänge im Sinne dieser Bologna-Struktur erreicht hat. Ich begrüße es, dass zunehmend auch die Qualität in der Strukturdiskussion mehr Platz gewinnt. Tatsächlich müssen wir uns Fragen, ob die besondere Rigidität, mit der in Deutschland die 3+1-Struktur durchgesetzt worden ist, sich wirklich als vorteilhaft erweist. Wir begrüßen als SPD, wenn es hier zu einer Öffnung kommt, die wieder längere, differenziertere Studienzeiten zulässt, um im Studium mehr Tiefe und Breite zu gewinnen. Außerdem halten wir es für sinnvoll, noch einmal sehr intensiv darüber nachzudenken, in welcher Weise die Durchlässigkeit vom Bachelor- zum Master-Studium erhöht werden kann. Dies ist dann nicht nur eine Frage der Kapazitäten, die hierfür vorgehalten werden, sondern auch der Systematik, zum Beispiel in den Förderwerken bis hin zum BAföG. Wir sprechen uns als SPD dafür aus, die Altersgrenzen beim BAföG entsprechend anzuheben und damit das möglich zu machen, was man quasi als ein "Master-BAföG" bezeichnen könnte. Wenn es zu dieser Verbesserung in Breite und Tiefe des Curriculums kommt, um den Kultursminister Olbertz, der Deutschland für die Länder bei der Konferenz in Leuven vertreten hat, zu zitieren, dann erfordert dies auch zusätzliche Ressourcen, sowohl in räumlicher und materieller wie personeller Hinsicht. Als SPD sind wir nach wie vor sehr stolz darauf, im Konjunkturprogramm II hier nicht zuletzt auf unsere Initiative hin auch durchgesetzt zu haben, dass an den über 12 Milliarden, die für den Bildungsbereich reserviert sind, die Hochschulen massiv beteiligt werden. Außerdem begrüßen wir sehr, dass nach dem Hochschulpakt I jetzt auch ein Hochschulpakt II kommen wird, denn 275.000 zusätzliche Studienanfänger, die wir zum Glück bis 2015 erwarten dürfen, brauchen auch entsprechende Voraussetzungen, um in einer modernisierten Studienstruktur nach dem Bachelor-Master-System gut studieren zu können. Ich sage hier auch noch einmal ausdrücklich, dass die beschlossene Anhebung der durchschnittlichen Fördersätze pro Studienplatz von 22.000 auf 26.000 Euro für uns ein notwendiger und unverzichtbarer Beitrag Richtung Qualität in der Lehre ist. Beides, die bessere materielle Ausstattung der Hochschulen wie die Stärkung der Personalmittel in der Perspektive des Hochschulprogramms II, müssen auch den Raum schaffen, innerhalb der Struktur von Bachelor und Master wieder ausreichend Platz für den kulturellen Rahmen von Studium zu gewinnen. Denn natürlich ist ein Studium mehr als eine klassische Ausbildung und sind individuelle Freiheiten und Interessen genauso dabei zu berücksichtigen wie die Vermittlung eines über das Fach hinausreichenden Kontextes und allgemeinwissenschaftlichen Verständnisses. Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat hierzu den Satz geprägt: "Bildung ist auf Emanzipation angelegt. Sie erweitert die Freiheit des Einzelnen unmittelbar." Dies muss auch für die Hochschulen der Zukunft gelten können.

Mehr Mobilität braucht bessere Transparenz und Anerkennung von Studienleistungen

Ein Diskussionsthema in Leuven war, wie das Ziel der Mobilität zwischen verschiedenen Standorten bis hin zu Studienzeiten im Ausland weiter optimiert werden könnte. Die Schwächen, die es aktuell noch bei der Anrechnung nach dem ECTS-System gibt, sind offensichtlich nach wie vor noch sehr groß, auch in Deutschland. Ohne ein wirklich funktionierendes ECTS-Anrechnungssystem würde das Bemühen um mehr Breite und Tiefe der Curricula einerseits und der Verstärkung von Individualisierung von Studiengestaltungen andererseits sehr schnell an Substanz verlieren. Tatsächlich möchten wir von der SPD die Frage aufwerfen, ob die überwältigende Zahl an Studiengängen, die wir in Deutschland reklamieren, immer nur Grund zur Freude sein muss. Wenn mittlerweile 9.510 Bachelor- und Masterstudiengänge umgestellt sind und 2.303 noch der Umstellung harren, wie es aus den jüngsten Sachstandsprozessen zum Bologna-Prozess ja ablesbar ist, wirft das natürlich gleichzeitig die Frage auf, ob es tatsächlich so viele eigene Studiengänge sein müssen oder ob es nicht genauso ein Anliegen des Bologna-Prozesses sein müsste, die Zahl der Studiengänge zumindest soweit zu reduzieren, dass es dort noch eine Transparenz, eine Überschaubarkeit und eine Vergleichbarkeit zwischen den Studiengängen gibt, an denen sich Breite und Tiefe der Curricula orientieren können, um hier noch einmal Herrn Olbertz zu zitieren.

Das entscheidende Ziel: Gute Lehre für alle

Die Absicht des Bologna-Prozesses war auch, über eine Strukturierung des Studiums dazu beizutragen, dass sich die Bedeutung, die Qualität und auch letztlich die Effizienz von Lehre im Sinne eines guten Studiums für alle entwickeln kann. Wir halten es für erfreulich, dass das Anliegen der "Guten Lehre für alle" ein sozialdemokratisches Kernthema, auch in Leuven als ein Schwerpunkt der Beratungen behandelt worden ist. Die Reduktion der Studienabbrüche, die leider immer noch bei 25% liegen, muss ein vorrangiges Ziel sein. Wir stellen mit Befriedigung fest, dass sich nicht zuletzt der Wissenschaftsrat, aber auch die Hochschulrektorenkonferenz und letztlich auch die politischen Kräfte wieder mehr darauf konzentrieren, die Gute Lehre an den Hochschulen für alle zu entwickeln. Einschlägige Konzepte hierzu liegen vor. Von der SPD-Seite ist bekannt, dass wir gerade in der Unterfütterung des Bologna-Prozesses wünschen, dass auch der Wissenschaftsrat mit der Einrichtung von didaktischen Zentren und anderem noch ehrgeiziger in seinen Zielvorstellungen wird. Auf der anderen Seite beobachten wir hier auch sehr viel positive Eigeninitiative an einzelnen Hochschulen und von engagierten Hochschullehrerinnen und -lehrern. Das Merkmal guter und erfolgreicher Lehre muss ein mindestens gleichberechtigtes Markenzeichen der Hochschulen der Zukunft werden. Den Vorschlag des Ausbaus der Personalkapazitäten und ihrer Differenzierung sowie des internationalen Austausches von Hochschullehrern wollen wir gerne unterstützen. Mit Comenius, Leonardo da Vinci, Erasmus und Grundtvig hat die EU vier herausragende europäische Gelehrte zu Leitfiguren ihrer Bildungsprogramme gemacht. Im Rahmen des ERAS-MUS-Programms zum Austausch der Studierenden ein entsprechendes Programm zum Austausch von Lehrenden zu entwickeln, würden wir von der SPD aus nachdrücklich unterstützen. Ein solches Programm, ich möchte es EINSTEIN-Programm nennen, wäre ein wichtiges Zeichen dafür, dass auch die EU den Bologna-Prozess anerkennt und aufnimmt sowie gleichzeitig die Priorität "Gute Lehre" durch den Austausch guter Hochschullehrer anerkennt und materiell unterstützt.

Das Erasmus-Programm zügig verbessern

Der Bologna Prozess sollte, wenn man sich an die ersten Erklärungen erinnert, vor allem auch der europäischen Mobilität und letztlich der Hochschulmobilität in einem globalen Wissens- und Forschungsraum dienen. Für diese Mobilität ist die Strukturierung des Studiums bis hin dass es ein funktionierendes ECTS-System gibt, unmittelbare Voraussetzung. Nur müssen wir feststellen, dass gerade im Jubiläumsjahr vom Studentenaustauschprogramm ERASMUS erstmals seit längerem die Teilnehmerzahlen nachhaltig zurückgehen. Die Ursachen dürfen auch in Bezug auf die bisherige Umsetzung der Bachelor-Master-Struktur nicht ignoriert werden. Sie liegen sicherlich auch in einer zu starken Verdichtung des Studiums und Überbeanspruchung der Studierenden, die eben einfach kein Mobilitätsfenster in ihren Studienprogrammen vorfinden. Auf diese negative Wirklichkeit hin hat nun die Konferenz von Leuven mit besonders ehrgeizigen Zielen reagiert. 20% aller Studierenden sollen danach Auslandserfahrung sammeln. So weit so gut. Doch kommt es auch hier auf die Qualität der Auslandserfahrung mit an. Die Idee des Bolognaprozesses ist gewesen, das Studium im Ausland für noch mehr Studenten erfahrbar und gestaltbar zu machen. Billigvarianten dieses internationalen Studiums, wie z.B. die Reduzierung des Auslandsaufenthaltes auf Praktika, würden dem Geist von Bologna hingegen nicht mehr entsprechen. Die Gefahr hierfür ist allerdings groß, denn nicht zuletzt durch das Zusatzprogramm ERASMUS-Praktikum, bei dem immerhin bis zu 400 Euro für berufliche und Praktikumstätigkeiten im Ausland gezahlt werden, hat zwar eine große Attraktivität, wie man an den wachsenden Teilnehmerzahlen ersehen kann, aber es hat natürlich keinen Bezug mehr zu einem entsprechenden qualitativ hochwertigen Studium. Als SPD möchten wir deshalb nachdrücklich darauf bestehen, an dieser Stelle vor allem auch dafür zu sorgen, dass das klassische ERASMUS-Programm für die Studierenden wieder stärker nutzbar wird. Dazu muss gehören, dass die ERASMUS-Fördersätze erhöht werden und dass es eben auch von der Struktur und dem Zeitraster des Studiums her möglich wird, tatsächlich ein Semester oder auch weitere Semester im Ausland ohne systematische Zeitverluste bis hin zum Studienabschluss studieren zu können.

Die soziale Dimension ernst nehmen - BAföG ausbauen

Tatsächlich zeigt sich an den Schwierigkeiten mit der Mobilität, dass die soziale Dimension im Bologna-Prozess noch viel stärker mit berücksichtigt werden muss. Denn auch bei der Mobilität ist feststellbar, dass Studierende mit einem ausreichend starken materiellen Hintergrund ganz andere Möglichkeiten haben, als es bei der Masse der Studierenden der Fall ist. Deshalb ist es ein großer Verdienst nicht nur seitens des Deutschen Studentenwerkes, sondern auch der Studentenverbände, immer wieder einzufordern, dass zu einem guten Studium für alle eine Gebührenfreiheit des Studiums gehört, eine ausreichende materielle Förderung über gesetzliche Stipendiensysteme wie das BAföG, ein ausreichendes Wohnangebot, ausreichende Beratung und auch Kinderbetreuung. Die SPD kann, was Studiengebühren angeht, nur noch einmal nachdrücklich an alle Bundesländer appellieren, dem hessischen Beispiel zu folgen und durch Schaden zur Einsicht zu kommen. Die Studiengebühren waren dort eingeführt worden und sind zum Glück wieder abgeschafft. Wir wünschen uns dieses auch für andere Bundesländer. Wir werben jetzt schon dafür, den ausreichenden studentischen Wohnraum parallel zum Hochschulpakt II auf die Tagesordnung von Bund, Ländern und Kommunen zu setzen. Dass es uns gelungen ist, den studentischen Wohnheimbau auch in das Konjunkturprogramm II hineinzubekommen, ist für uns nach wie vor ein Erfolg. Gute Beispiele aus einzelnen Bundesländern, wo dieses dankbar zur Verstärkung der sozialen Dimension aufgegriffen wurde, bestärken uns hierin. Dass Familienfreundlichkeit an Hochschulen immer wichtiger wird, ergibt sich nicht zuletzt aus der Bachelor-Master-Struktur, die ja auch einen längeren Studienprozess in der Verknüpfung von Studium und beruflicher Tätigkeit wie ein Teilzeitstudium ausdrücklich mit unterstützen will. Beides erfordert dann aber auch eine entsprechende familien- und kinderfreundliche Hochschule. Schließlich bleibt der eine Zusammenhang signifikant: Wenn im Bologna-Prozess intensiver als früher studiert wird und die Studienzeit durch das Studium intensiver ausgefüllt wird, gehen die Möglichkeiten für eine studienbegleitende Erwerbstätigkeit zurück. Umso wichtiger ist es gerade für die Studierenden aus materiell nicht so gut gestellten Familien, dass sie ein ausreichendes BAföG bekommen. Um es knapp zu sagen: Wer Bologna ernst nimmt, muss für das BAföG immer wieder neu kämpfen.

Wenn wir all die oben genannten Punkte konstruktiv angehen, bleibt im Jahr 10 des Bologna-Prozesses die Hoffnung und Verpflichtung für die Zukunft, die Hochschulen in der Praxis nicht nur internationaler, sondern auch besser zu gestalten.



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