Bologna-Reformen im europäischen Vergleich
Ein Beitrag von Prof. Dr. Barbara M. Kehm
Direktorin des Internationalen Zentrums für Hochschulforschung (INCHER)
Universität Kassel
Die Umsetzung der im Rahmen des Bologna-Prozesses angestrebten Reformen verläuft in den mittlerweile 46 Bologna-Unterzeichnerstaaten sehr unterschiedlich. Insofern sind auch die Probleme, die je nach Land bei der Umsetzung sich ergeben oder gesehen werden, unterschiedlich. Ein Grund für diese Unterschiede ist die Tatsache, dass in vielen Unterzeichnerländern nationale Reformanliegen an die Bologna-Agenda angehängt wurden, um Widerstände zu verringern. Dafür einige Beispiele:
- Deutschland: Früher Start (durch Experimentierklauseln im HRG), der dann durch fehlende Vorgaben der Länder (die kamen erst 2004) und Überforderung des neu etablierten Akkreditierungssystems in seiner Dynamik gestoppt wurde. Ablehnung der Bachelor-Ausbildung durch die Technischen Universitäten; zunächst Herausnahme der staatlich regulierten Professionen (Medizin, Lehramt, Jura) aus der zweistufigen Studienstruktur; mangelndes Verständnis der Implikationen von Modularisierung; Tendenz zur stofflichen Verdichtung von Curricula in der Bachelor-Stufe.
- Großbritannien: Hoffnung, dass Europa das britische Modell adaptiert gepaart mit dem Glauben, nichts müsse verändert werden. Aber der sich entwickelnde europäische Mainstream unterscheidet sich deutlich vom britischen Bachelor-Master-Modell mit überwiegend dreijährigen Bachelor-Studiengängen und einjährigen Master-Studiengängen (das Bologna-Modell sieht fünf Jahre Studium für beide Stufen vor). Außerdem gilt die Doktorandenstufe als dritte Stufe des Studiums (mit entsprechend hohen Studiengebühren) und nicht als erste Stufe einer Forscherkarriere (mit Gehalt oder Stipendium) wie in den meisten kontinentaleuropäischen Ländern sowie in Skandinavien.
- Niederlande: Sehr schnelle Implementation, aber nur formal. Die Arbeit der Curriculumentwicklung steht noch aus.
- Spanien: Durch mangelnde Vorgaben seitens der Regierung zur Umsetzung der Bologna-Reformen extrem später Beginn. Einige wenige Studiengänge nach dem Bologna-Modell wurden im Wintersemester 2008/09 begonnen, weitere beginnen im Wintersemester 2009/10. Von einer halbwegs flächendeckenden Implementation ist Spanien weit entfernt.
- Schweden: Umsetzung des Bologna-Modells unter der Bezeichnung "Qualitätsreform" mit großer Bedeutung der Implementation umfassender Qualitätsmanagementsysteme und regelmäßiger Evaluation.
- Italien: Umsetzung der Bologna-Reformen offiziell abgeschlossen, aber immer wieder neue und andere Vorgaben seitens der Regierung. An den Hochschulen selbst zum Teil Widerstand, zum Teil immer wieder neue Anpassung der Reformen an die neuen Vorgaben oder endgültige Frustration. Tatsächliche Umsetzung uneinheitlich.
Allerdings gibt es auch Gemeinsamkeiten. In vielen Ländern wurden einzelne Fächer von der zweistufigen Struktur ausgenommen. vielfach erfolgte eine stoffliche und prüfungsbezogene Verdichtung der Bachelor-Curricula, die tendenziell zum Hindernis für vermehrte und erleichterte Mobilität wurde. Hier könne aber auch die höchste Grade an Konvergenz festgestellt werden. Darüber entsteht auf der Master-Ebene eine Vielfalt von Angeboten, die in der Tendenz eher Unterschiede deutlich werden lässt und das Ziel einer größeren Transparenz verfehlt. Dieser Trend wird zudem durch Wettbewerb, Nischenmarketing etc. verstärkt.
Insgesamt lässt sich sagen, dass auf der Makroebene gewissen Konvergenztendenzen sichtbar werden, auf der Meso- und der Mikroebene aber Diversität und Heterogenität vorherrschen. Darüber hinaus sorgen Rankings und Maßnahmen zur Identifizierung von Spitzenuniversitäten für eine weitere funktionale Differenzierung der jeweiligen nationalen Hochschullandschaften in Richtung einer stratifizierten Clusterbildung. Damit verkleinern sich die Zonen wechselseitigen Vertrauens, in deren Rahmen kooperiert wird und Studierendenmobilität stattfindet. Ob dies Kinderkrankheiten einer tief greifenden Reform sind oder die europäische Hochschullandschaft dadurch vollständig neu geordnet wird, bleibt derzeit noch abzuwarten. Ein Bologna-Ziel konnte allerdings inzwischen erreicht werden: Der europäische Hochschulraum hat an Attraktivität für außereuropäische Studierende gewonnen.
Aktuelle Forschungsprojekte von Prof. Barbara M. Kehm zum Bologna-Prozess:
- Fortschritte im Bologna-Prozess - eine Untersuchung in 46 europäischen Ländern
- Die Zukunft des europäischen Hochschulraums 2010-2020
- Internationalisierung von Hochschule und Forschung
- Der Bologna-Prozess im Fach Physik in der EU
Weitere Links:
- "Jetzt umlenken!" Kommentar von Prof. Dr. Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, in Spektrum der Wissenschaft 6/2009 (pdf)

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"Hoffnung, dass Europa das britische Modell adaptiert gepaart mit dem Glauben, nichts müsse verändert werden."
Uh, das ist ja mal ganz was neues. Sonst sind die doch immer sehr darum bemüht Europa gemeinsam noch vorne zu bringen.