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Pro und Kontra Bachelor-Master

Beitrag vom 16. Juni 2009, 10:23

Michael WinkEin Kommentar Michael Wink
Direktor des Instituts für Pharmazie und Molekulare Biotechnologie der Universität Heidelberg


Meine Einschätzung der Bachelor/Master-Studiengänge ist im Wesentlichen durch langjährige eigene Erfahrungen geprägt: Bereits 2001 konnte ich als Gründungsdekan den BSc/MSc Molekulare Biotechnologie an der Universität Heidelberg als einen der ersten Bachelor-Studiengänge etablieren. Wir nehmen jeweils 45 Studienanfänger im Jahr auf; d.h. meine Aussage beruht auf der Erfahrung mit fast 500 Studierenden aus 8 Jahrgängen Bachelor und 5 Jahrgängen Master.

Bachelor
Der BSc Molekulare Biotechnologie erfreut sich großer Beliebtheit: Jedes Jahr steigt die Be-werberzahl. Von Anfänglich 500 Bewerbern liegen wir inzwischen bei über 1500 Bewerbern auf 45 Studienplätze. Ab Wintersemester 2009 werden wir die Zahl der Studienanfänger um 30 erhöhen (im Rahmen des 2012-Programms). Wir haben ein aufwendiges Auswahlverfahren etabliert, in das nicht nur die Abiturnoten, sondern weitere Qualifikationsmerkmale eingehen. Über 130 Bewerber wurden zu einen Vorstellungsgespräch nach Heidelberg eingeladen; jeweils 2 Hochschullehrer führen mit jedem Kandidaten ein jeweils 15-Minuten-Interview. Aufgrund der Bewerberlage und des Auswahlverfahrens haben wir in der Regel exzellente Studierende mit einem ausgezeichneten Leistungsprofil. Zwischen 10 und 20% eines jeden Jahrgangs erhalten leistungsbezogene Stipendien (wie Studienstiftung des deutschen Volkes und vergleichbare Institutionen).

Wie in anderen Bachelorstudiengängen in den Naturwissenschaften ist der Studienverlauf in unserem BSc straff organisiert: Im ersten und zweiten Studienjahr stehen die Grundlagen in den Fächern Chemie, Physik, Mathematik und Biologie im Vordergrund, während im dritten Studienjahr eine Vertiefung auf die Schwerpunkte Wirkstoffforschung, Biophysikalische Chemie und Bioinformatik erfolgt. Mit einer Bachelorarbeit wird das 6. Semester beendet. Im Unterschied zu den früheren Diplomstudiengängen werden alle Lehrveranstaltungen mit benoteten Prüfungen abgeschlossen. Diese Intensivierung hat positive, aber auch negative Auswirkungen: Die kontinuierlichen Prüfungen erfordern eine Teilnahme und aktive Mitarbeit an allen Lehrveranstaltungen. Leistungsschwächere Studierende oder Studierende, die das falsche Fach gewählt haben, bemerken ihr Problem innerhalb des ersten Jahres, so dass sie ihre Entscheidung frühzeitig überdenken können. Unsere Erfahrung zeigt, dass alle Studierende, die nicht vorzeitig aufgeben, das Bachelorstudium in der Regelzeit von 6 Semestern absolvieren. Der Nachteil des straffen Semesterplans liegt sicher darin, dass kaum Zeit für zusätzliche freiwillige Lehrveranstaltungen, längere Auslandsaufenthalte oder einen Nebenjob bleibt.

Master

Mobilität und Wahlmöglichkeiten werden dagegen in unserem Masterprogramm geboten, das dem persönlichen Leistungs- und Interessenprofil unserer Studierenden angepasst werden kann. Das Kernelement sind 6 Forschunspraktika von mindestens 6 Wochen Dauer, die in Heidelberg, aber auch an ausländischen Universitäten absolviert werden können. Jeder Studierende kann über die Wahl der Forschungspraktika sein eigenes Profil aufbauen. Unsere Studierende nutzen dieses Angebot intensiv und die meisten Absolventen haben Forschungspraktika von 1 oder 2 Semester Dauer an einer ausländischen Hochschule (darunter London, Oxford, Cambridge, ETH Zürich, Harvard, Stanford etc.) durchgeführt. Das 2-jährige Master-Studium schließt mit einer 6-monatigen experimentellen Masterarbeit ab. Fast allen Absolventen gelingt es, in 5 Jahren ihren Bachelor/Masterabschluss zu erreichen. Dies ist deutlich schneller als früher in den Diplomstudiengängen, deren Regelzeit zwar auch bei 9 Semestern lag, die aber in der Praxis meist 12 bis 14 Semester dauerten.

Fazit
In den naturwissenschaftlichen Fächern hat der 5-jährige BSc/MSc inhaltlich kaum Unterschiede zum herkömmlichen 9-semestrigen Diplom. BSc/MSc-Studiengänge sind jedoch straffer organisiert und erbringen einen schnelleren Studienabschluss. Der Bachelor alleine wird nur in Ausnahmefällen zu einem Berufseinstieg reichen. Daher streben auch fast alle Bachelor-Absolventen einen Master-Abschluss an. Der BSc/MSc führt im Vergleich zum alten Diplom daher zu keinem Leistungsverlust.

Die „genormten“ Abschlüsse haben den klaren Vorteil, dass sie international verstanden und anerkannt werden. Wir haben etliche Kandidaten, die mit ihrem BSc an renommierten ausländischen Hochschulen einen Master oder direkt einen Promotionsplatz erhalten haben. Die Einführung des BSc/MSc Systems kann man mit der Einführung des Euro vergleichen. Die D-Mark war eine hervorragende Währung; der Euro ist ebensogut, führt aber zu vielen Verbesserungen und Vereinfachungen im internationalen Handel und auf Reisen.

Bei der Einführung der 3-jährigen Bachelor und 2-jährigen Master in Deutschland wurde jedoch übersehen, dass die angelsächsichen Universitäten eine größere Flexibilität in ihrem Studiensystem haben: Bei Studierenden, die einen PhD anstreben, wird häufig auf einen Master komplett verzichtet. Dafür gibt es einen „Bachelor-Honours“, der 4 Studienjahre dauert. Das anschließende PhD-Studium ist dann so organisiert, dass im ersten Jahr vermehrt Kurse und Praktika zu absolvieren sind, die dann danach für die Promotion genutzt werden können. Die Master-Studiengänge dauern in den angelsächsischen Universitäten, je nach Fach, zwischen 1 und 2 Studienjahren. Es wäre wünschenswert, wenn auch in Deutschland das rigide 3+2-System aufgelockert und an die jeweiligen Fachanforderungen angepaßt werden dürfte.

Die BSc/MSc-Studiengänge erfordern einen wesentlichen höheren Betreuungs- und Prüfungsaufwand. Leider haben nur wenige Universitäten die Lehr- und Verwaltungskapazitäten erhöht, so daß die Lehrüberlast an fast allen Universitäten signifikant gestiegen ist. Dieser Mangelzustand erfordert eine dringende Abhilfe durch verbesserte finanzielle Unterstützung der Universitäten durch Land und Bund.  
 



Weiterführende Links:

  • "Jetzt umlenken!" Kommentar von Prof. Dr. Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbandes,  in Spektrum der Wissenschaft 6/2009 (pdf)
  • 10 Jahre Bologna - Die Zukunft unserer Hochschulen
    Bloggewitter "10 Jahre Bologna - Die Zukunft unserer Hochschulen: Bologna-Übersichtsseite

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Abgefischt: Bloggewitter: Mit der Gesamtsituation unzufrieden
[juergen-luebeck.de]: Der Muff unter den Talaren kommt wieder hervor

Kommentare

  1. Helmut Wicht Bachelor Molekulare Biotechnologie
    16.06.2009 | 10:48

    "Unsere Erfahrung zeigt, dass alle Studierende, die nicht vorzeitig aufgeben, das Bachelorstudium in der Regelzeit von 6 Semestern absolvieren."

    Wie hoch ist die Abbrecher-Quote?

  2. M.Wink kommentare
    16.06.2009 | 14:06

    Blog 1-Jürgen-Lübeck: Danke für das Lob, aber einen Taler trage ich nicht;

    Blog 2-H. Wicht: etwa 20-30% Studienabbrecher haben wir z.Z.; das entspricht auch der Abbrecherquote in den Diplomstudiengängen

  3. Helmut Wicht @ Wink
    16.06.2009 | 15:15

    Herr Professor Wink,

    danke für die Replik. Also hat sich an der Zahl der Studienabbrecher im Vergleich zu den alten Studiengängen ja nicht viel geändert. Und dass die Berufsbefähigung des "Bachelor" zumindest fragwürdig ist, darin scheinen wir uns einig zu sein.

    Pro Bologna hätten wir dann also noch die Beschleunigung des Studiums und - zumindest wohl in Ihrem Fach - den Bachelor als "Scharnier" der Mobilität und der Vergleichbarkeit der Abschlüsse.

    Ich frag' mich halt, ob die Beschleunigung (und die Verschulung, mit der sie erkauft wird) wirklich wünschenswert sind. Ist nicht das "Schneller! Mehr!" ein Prinzip, dessen Scheitern wir andernorts, in der Finanzwelt und im Energie- und Umweltsektor, gerade beklagen? Rennen wir nicht überhastet in die falsche Richtung?

    So gesehen habe ich auch mit dem "Talarenmuff", der - so sicher wie das Amen in der Kirche - in einem der Trackbacks zu Ihrem (sehr informativen, danke!) Originalbeitrag auftauchte, kein Problem. Muffen tut's mittlerweile anderswo, in Vorstandsetagen und Kabinetten. Und wer den "Talarenmuff", von dem der (geniale!) Spruch ja sagt, dass er ein "tausendjähriger", mithin faschistischer sei, verwenden will, um die Gegner der ökonomischen Gleichschaltung zu diskreditieren, der beweist vor allem eines: seine eigene Gleichschaltung mit der Ökonomie.

    Das aber nur als Kommentar zum Trackback. Hätte ich einen Talar: ich trüge ihn mit Wonne.

  4. JLuebeck M.Wink
    16.06.2009 | 15:17

    Ich bin sogar sehr sicher, dass Sie keinen Talar tragen, Herr Wink! ;)
    Das scheint, symbolisch, eher in anderen Fakultäten noch üblich zu sein.

    Hier in Darmstadt, an der FH, haben wir das rigide 6+4-Schema einfach aufgebrochen; Optotechnik und Bildverarbeitung gibt es als akkreditierte 7+3-Packung.

szmtag